Lukas Wandke: Das Öffentliche des Privaten

 Zielsetzung: Ziel war es durch den veränderten Medienkonsum aufgrund des sozialen Netzwerkes Facebook, die ursprüngliche Theatertheorie des Soziologen Erving Goffman zu untersuchen und auf das aktuelle Zeitgeschehen anzupassen.

Theorie: Die Haupttheorie für diese Arbeit bietet der Soziologe Erving Goffman. Ebenfalls wichtige Bestandteile bilden die Arbeiten von George Herbert Mead und Pierre Bourdieu.

Forschungsfrage: Bilden Personen des öffentlichen Lebens auf dem sozialen Netzwerk Facebook eine „dritte“ Bühne und welche Form des Selbst würde dort inszeniert?

Methodik: Für diese Arbeit wurde die qualitative Forschungsmethodik angewendet. Das Sampling unterteile sich in zwei Gruppen – fünf Personen des öffentlichen Lebens und fünf Rezipienten. Die Leitfaden-Interviews wurden anonym durchgeführt.

Fazit: Sowohl Personen des öffentlichen Lebens, als auch die Rezipienten passen sich dem Wandel der Medien an. Facebook wird im Jahr 2015 als eigenes, festes Medium verstanden, welches nach den darin enthaltenen Regeln, sowie Erwartungen bespielt wird. Die These einer dritten Bühne ist nicht eindeutig zu bestätigen, vielmehr verschmelzen Privatheit und Öffentlichkeit miteinander. Die Grenze dieser Bereiche kann jede Person des öffentlichen Lebens individuell setzen.

„Wir alle spielen Theater.“

In diesem gleichnamigen Werk erörtert der Soziologe Erving Goffman die Selbstdarstellung im Alltag. Seiner Meinung nach spielen alle Menschen in Interaktionen eine Form von Theater. Goffman unterscheidet dieses in zwei verschiedene Bühnenbereiche. Die Vorderbühne ist Ort des offiziellen, für alle sichtbaren Geschehens, die Hinterbühne dagegen nur besonderen Personen sichtbar. Demnach trennt der Soziologe die Bühne in die Bereiche der Privatheit und Öffentlichkeit auf. Im Zeitalter des Internets hat sich das Verständnis dieser beiden Begriffe jedoch stark verändert. Die Vorstellung der Menschen, was privat und was öffentlich ist, hat sich geändert. Die Grenzen dieser beiden Begriffe scheinen im Jahr 2015 nicht mehr eindeutig definiert zu sein. Vor allem auf sozialen Netzwerken wie Facebook neigen immer mehr Nutzer dazu, ihre privaten Bilder und Meinungen öffentlich zu teilen. Ein Grund dafür ist die Darstellung des Selbst. Hierbei scheint es weniger um die tatsächliche Echtheit, sondern vielmehr um das echt wirkende Spiel mit einer Rolle und einer Art Illusion von Authentizität zu gehen (Burkart 2009, p. 27). Alles was die Nutzer auf Facebook tun, folgt dem Ziel bezahlt zu werden mit der härtesten Währung im Jahr 2015 – der Aufmerksamkeit. Um diese Währung zu sichern, präsentiert sich der Facebook-User nur von seiner schönsten Seite. Der Schein der Natürlichkeit und das fehlerfreie Inszenieren seiner Rolle auf Facebook bietet hierfür die Grundlage. Neben Unternehmen und Marken nutzen diesen Trend vor allem Personen des öffentlichen Lebens zum Zwecke des Selbstmarketings. Ihr Ziel ist es, durch einen authentischen und sympathischen Facebook-Auftritt ihre Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit zu steigern. Diese Personengruppe benutzt Facebook demnach als eine Art modernes Theater, was zeigt, dass Goffmans Theatermodell ist aktueller denn je ist. Viele prominente Personen publizieren auf dem sozialen Netzwerk Urlaubsbilder, Familienportraits oder persönliche Meinungen und bieten damit ihren Fans einen Einblick in ihre Privatsphäre oder in Goffmans Worten „hinter die Kulisse“. Aber ist das wirklich so oder suggerieren die Personen des öffentlichen Lebens nur, als seien es private Schnappschüsse? Unter Berücksichtigung der eben aufgeführten Entwicklungen muss die Einteilung der beiden Bühnenbereich nach Goffman hinterfragt werden. Welche Bühne bespielen die Personen des öffentlichen Lebens auf Facebook? Die private Hinterbühne oder die öffentliche Vorderbühne? Diese offenen Fragen führen den Leser zu dem Thema des vorliegenden Fachartikels: Bilden Personen des öffentlichen Lebens auf dem sozialen Netzwerk Facebook eine „dritte“ Bühne und welche Form des Selbst würde dort inszeniert? Diese Frage lässt sich ohne das nötige theoretische Basiswissen jedoch nicht beantworten. Aus diesem Grunde werden dem Leser die dazugehörigen, relevanten soziologischen Ansätze kurz zusammengefasst. Zu Beginn muss erst geklärt werden, wer Wir sind, welche nach Goffman Theater spielen. Wird die Frage nach dem Wir gestellt, bleibt nicht aus, dass ein Ich zwangsläufig beteiligt sein muss. Die Entwicklung der Identität von Individuen ist demzufolge der erste Schritt, welcher dem Leser vorgestellt wird.

Die Entwicklung des Ichs

George Herbert Mead (1863-1931) war ein US-amerikanischer Philosoph und Sozialpsychologe (Mead 1973, p. 9). Durch sein Werk Geist, Identität und Gesellschaft eröffnete er der Soziologie einen neuen theoretischen Rahmen. Noch heute bildet seine Identitätstheorie für viele Soziologen und/oder Kommunikationswissenschaftler die Grundlage ihrer jeweiligen Werke. Mead setzte den Prozess der Selbsterkenntnis, die Abgrenzung der eigenen Persönlichkeit von anderen Menschen und ihre Vergesellschaftung durch Kommunikation in einen konditionalen Zusammenhang (Schützeichel 2004, p. 91). Der entscheidende Punkt des Denkansatzes von George H. Mead besteht darin, dass er seine Analyse nicht auf die Situation des Handelnden gegenüber der Umwelt konzentriert, sondern auf das interpersonale Handeln, das heißt, auf die Situationen, in denen die Handlung beim Gegenüber einen Reiz auslöst (Joas 2004, p. 189). Der Prozess der Selbsterkennung entsteht größtenteils durch Fremdbestimmung. Menschen werden als Individuen geboren und erfahren erst durch ihre Sozialisation ein Selbst- sowie Fremdbild (Mead 1973, p. 177). Sie beginnen erst dann die Welt zu erfassen, wenn sie diese durch die Augen anderer Personen sehen und ihr eigenes Handeln reflektieren können. Dadurch begreifen sie, dass andere Menschen intentionale Akteure (Tomasello 2002, p. 234) sind, die ebenso Wünsche, Absichten und Überzeugungen besitzen. Diese Erkenntnis dient der Basis jeder sozialen Interaktion, des Lernens und Denkens (Rommerskirchen 2011, p. 115).  Mithilfe der signifikanten Anderen lernt ein Kind, sich aus Perspektive anderer zu sehen und entwickelt dadurch eine soziale Struktur mit verschiedenen Rollen und Institutionen. Die generalisierten Anderen tragen zur Identifizierung von normativen Erwartungen bei, fördern das Denken im Kollektiv, sowie das Koordinieren der eigenen Handlung unter Berücksichtigung eines gemeinsamen Ziels. Die Endstufe ist dann erreicht, wenn ein Individuum die Maxime einer vorgegebenen Institution wie der des Staats oder des Gesetzes erfolgreich einhalten kann. Das Zusammenspiel von play und game stellen einen wesentlichen Anteil zur Erlangung der Identität oder des Selbstbewusstsein dar. Mead unterteilt jedoch das Selbst(-bewusstsein) in zwei verschiedene Komponenten, dem I und dem ME. Die Ansicht von Außenstehenden, mit dem Fremdbild vergleichbar, bildet das ME. Im Gegensatz dazu bildet das I die Reaktion auf sich selbst (Selbstbild). Das Zusammenwirken dieser beiden eben erörterten Größen der Identitätsbildung bildet das Self (oder Selbstbewusstsein). Der Begriff Selbst aus der Forschungsfrage wurde mithilfe der Theorie von Mead entschlüsselt. Gemessen an den Ansprüchen der soziologischen Handlungstheorien ist die Begrifflichkeit des Rollenkonzepts nach Mead jedoch zweifacher Hinsicht eingeschränkt. Erstens berücksichtigt es nur Gesichtspunkte der Gleichförmigkeit der Handlungen unterschiedlicher Individuen und nicht die jeweiligen Variationen zwischen den Personen. Zweitens bezieht sich der Rollenbegriff auf einen normenregulierten Handlungsraum mit darin festgelegten Normen und Pflichten, welche durch eventuelle Sanktionen bei Missbrauch für jede Person Verbindlichkeit erlangt (Miebach 2010, p. 101). Der handlungstheoretische Ansatz von Erving Goffman überwindet diese Einschränkungen und soll im folgenden dargestellt werden.

Wir alle spielen Theater

Der amerikanische Soziologe Erving Goffman (1922-1982) analysiert in seinem Werk Wir alle spielen nur Theater – Die Selbstdarstellung im Alltag die Struktur der zwischenmenschlichen Interaktion. Er untersucht die vielfältigen Ausdrucksformen von verschiedenen Menschen in sozialen Interaktionen sowie die Regeln und Normen, auf die Individuen zurückgreifen, wenn sie ihre Identität gegenüber den vorgebebenen Rollen abgrenzen. Darüber hinaus begrenzt sich Goffman nicht auf das Verhalten in festen Institutionen und/oder Systemen, sondern berücksichtigt vor allem das Alltagshandeln in gesellschaftlichen Einrichtungen wie zum Beispiel einem Restaurant. „Die soziale Welt ist eine Bühne, eine komplizierte Bühne sogar, mit Publikum, Darstellern und Außenseitern, mit Zuschauerraum und Kulissen (…).“ (Goffman 2013, p. 7). Dieses Zitat macht deutlich, dass Goffman die soziale Welt mit einem Theaterstück vergleicht. Zu diesem Bühnenmodell gehört immer ein festes Ensemble, welches aus einem gemeinsamen Raum, mindestens einem Darsteller sowie dem Publikum definiert wird. Für ihn ist jeder beliebige Raum, an dem eine bestimmte Art von Tätigkeit kontinuierlich ausgeführt wird, eine gesellschaftliche Einrichtung (Goffman 2013, p. 217). „Jede gesellschaftliche Einrichtung kann unter dem Aspekt der Eindrucksmanipulation untersucht werden.“(Goffman 2013, p. 217)., beschreibt der Soziologe. Jener Grundsatz ist charakteristisch für soziale Interaktion, in welcher jeder Mensch eine Rolle spielt. Diese Rolle wird von allen Personen auf der Hinterbühne, ein Ort, der den anderen Kommunikationsteilnehmern (Publikum) nicht zugänglich ist, gefestigt. Offenkundig dargelegt wird das „Schauspiel“ dann auf der Vorderbühne, wiederum ein Platz, der für alle sichtbar ist (Goffman 2013, p. 217). Die Person (Darsteller) ist sich dessen bewusst, dass sie auf diesem Bereich der Bühne beobachtet wird. Dies hat zur Folge, dass der Darsteller eine Rolle spielt bzw. etwas inszeniert. Währenddessen gleicht die Hinterbühne einem Ort des inoffiziellen Geschehens. Dort fällt die Person aus der Inszenierung heraus und beendet das Rollenspiel der Vorderbühne. Der Zugang dieser beiden unterschiedlichen Bühnenregionen wird dem Zuschauer stets verborgen gehalten. Um die Verschleierung zwischen Hinter– und Vorderbühne zu wahren, gehört zu jeder Rolle eine Maske oder in Goffmans Worten – die Fassade. „Unter Fassade verstehe ich (…) das standardisierte Ausdrucksrepertoire, das der Einzelne im Verlauf seiner Vorstellung bewusst oder unbewusst anwendet“ (Goffman 2013, p. 23). Die Glaubwürdigkeit der Fassade, dementsprechend der Erfolg der Rolle hängen davon ab, ob die Erwartungen des Publikums erfüllt werden. In der Regel wird die Rolle mit den Normen der Gesellschaft verglichen und dementsprechend eine gewisse Grundhaltung im Publikum eingenommen. Nach dem Schauspiel kann der Darsteller die Maske und mit einhergehend die gespielte Rolle auf der Hinterbühne fallen lassen (Goffman 2013, p. 23). Diese Theorie zeigt augenscheinlich die Grundlage der Forschungsfrage. Trennt Goffman das Theater in Hinter- und Vorderbühne, so kann dies durch die technische Entwicklung und der Einführung sozialer Medien in ihrer Aktualität kritisch hinterfragt werden. Welche Bühne bedient 2015 ein Darsteller (hier: Person des öffentlichen Lebens) auf Facebook?

Das Ich in der Gesellschaft

Wurde Eingangs durch Meads Identitätstheorie die Entwicklung des Ichs bzw. eines Selbstbildes erörtert, muss dies nun jedoch angepasst werden. Die Form des Selbst darf in Hinblick auf die Forschungsfrage nicht willkürlich sein, sondern braucht ein festes Verhaltensmuster. Diesen bedeutenden Tatsachenbestand nimmt der Soziologe Pierre Bourdieu auf. Nach Bourdieus Verständnis ist der Mensch kein freies Subjekt, sondern ein von der Gesellschaft geprägter Akteur, der in einem definierten sozialen Raum lebt und damit ein festes Verhaltensmuster zeigt (Bourdieu 1976, p. 165). Der Habitus-Begriff bildet die Basis von Bourdieus Sozialtheorie. Der Kern des Habitus ist die Grundhaltung einer Person zu der Welt und sich selbst. Der Soziologe versteht darunter die soziale Natur der Akteure, die sich den Normen und Regeln ihres sozialen Raums angleichen, um darin ein Forstbestehen zu gewährleisten (Bourdieu 1976, p. 165). Demnach unterteilt Pierre Bourdieu die Gesellschaft in verschiedene Klassen. Diese differenzieren sich nicht nur durch verschiedenartige Handlungsmuster, sondern ebenso durch unterschiedliche Kapitalsorten, dem sozialen, ökonomischen und kulturellen Kapital. Den Begriff des symbolischen Kapitals verwendet Bourdieu im Hinblick auf die soziale Funktion der eben vorgestellten Kapitalsorten und versteht diesen als Überbegriff. Diese Kapitalsorte lässt sich mit dem Begriff Prestige vergleichen, was vor allem im Zeitalter des Internets und dem Kampf um Aufmerksamkeit von Hoher Bedeutung für die offene Forschungsfrage, Bilden Personen des öffentlichen Lebens auf dem sozialen Netzwerk Facebook eine „dritte“ Bühne und welche Form des Selbst würde dort inszeniert? ist. Auf diese Frage projiziert bedeuten diese neu gesammelten Erkenntnisse der Soziologen Mead, Goffman und Bourdieu folgendes:

Das Selbst wird nun als feste, personenbezogene Form der Identität verstanden, welche sich im Laufe der Sozialisation aus mehreren „Teilidentitäten“ ergibt.

Der Begriff der Bühne gilt in etwas abgeänderter Form auch für das Internet. Infolgedessen muss die Einteilung in Vorder- und Hinterbühne kritisch hinterfragt werden, da sich die Frage gestellt werden muss, auf welchem Teil der Bühne die soziale Plattform Facebook dargestellt wird.

Das Inszenieren oder eine Form der Selbstdarstellung hat sich vom Theater in sämtliche Interaktionen verlagert. Durch die sozialen Medien wird dies im Jahr 2015 begünstigt.

Der Habitus einer jeden Person ist Merkmal der sozialen Lage. Durch diese Anerkennung der Welt nach ihrer klaren Ordnung entsteht automatisch ein Machtgefälle

Vom Theater ins Internet

Um die vorgestellten Theorien mit dem aktuellen Status quo und der Zeit des Internets mit den sozialen Netzwerken zu führen, muss die Entwicklung der Mediengeschichte vorgestellt werden. Diese werden durch vier Hauptphasen gekennzeichnet. 1. den Primärmedien, 2. den Sekundärmedien, 3.den Tertiärmedien, und 4. den Quartätmedien. Charakteristikum ist die temporale Verkürzung der Gesamtentwicklung von damals bis heute. Die Phase der Primärmedien dauerte circa 30.000 bis 40.000 Jahre, die zweite Phase der Sekundärmedien circa 400 Jahre, Phase drei der Tertiärmedien nur noch 100 Jahre und die momentan laufende vierte Phase der Quartärmedien wird mutmaßlich noch kürzer verlaufen (Faulstich 2004, p. 23). Festzuhalten ist, dass im Verlauf der jeweiligen Entwicklungsphasen viele Einzelmedien entstanden sind, einige verloren gingen, andere wiederum einen Funktionswandel erlebten. Die Zusammenstellung der Einzelmedien im gesamten Mediensystem änderte sich stets. Der Medienevolution passen sich verschiedene Einzelmedien an, so wurde die Höhlenmalerei letztlich zu einem Brief, der Brief zu einem öffentlichen Kommentar einer Zeitung und der Kommentar zu einem heutigen Blog. Und doch gibt es diese aufgelisteten „alten“ Einzelmedien noch immer in ihrer ursprünglichen Form. Auffallend ist, dass das soziale Netzwerk Facebook gewisse Einzelmedien zusammenführt und die jeweils vorgestellten Hauptkriterien (siehe Vorstellung der Einzelmedien) in seiner Funktionsweise aufgenommen hat. Facebook gleicht demnach einem Resultat der eben schon aufgeführten Medienevolution – das Theater, Brief und Buch, Foto und Video gehörten zu den einflussreichsten Einzelmedien ihrer Medienphase. All das verknüpft im Jahr 2015 das Internet. Der Name Facebook (deutsch: Gesichtsbuch; sinngemäß: Jahrbuch) stützt diesen Gedankengang. Die Entwicklung und rasante Verbreitung des Computers und das darauf folgende Internet brachten einen Quantensprung für die weltweite Wirtschaft, die Kommunikation und das unternehmerische Denken mit sich. Die dadurch aufkommende Kommerzialisierung und grundsätzliche Öffentlichkeit birgt einerseits Gefahren (Datenschutz), aber dementsprechend andererseits auch ökonomische und gesellschaftliche Chancen. Unternehmen, aber auch Privatpersonen können mithilfe strategischer Herangehensweisen ihre Zielgruppen persönlicher und schneller denn je erreichen. Durch die Auflösung der starren Rollentrennung zwischen Sender und Empfänger verschwimmen die Grenzen zwischen der Öffentlichkeit und Privatheit. Im Hinblick auf die Forschungsfrage ist der Wandel beziehungsweise die veränderte Bedeutung der Begriffe Öffentlichkeit und Privatheit eine grundlegende Feststellung. Durch die gesellschaftsprägenden sozialen Medien dringt die Sphäre der Privatheit zunehmend in die der Öffentlichkeit vor. Dabei ist „eine Verlagerung von authentischer Selbstdarstellung hin zu einer visuell geprägten Inszenierung festzustellen.“ (Burkart 2009, p. 22). Die neuen Medien verändern soziale Beziehungen und die Wahrnehmungsweisen von Realität. Um im Zeitalter des globalen Massenmediums Internet das eigene Individuum zu stärken und gleichzeitig erhöhte Aufmerksamkeit zu generieren oder provozieren, wurde „das öffentliche Reden über sich selbst zur Selbstverständlichkeit“ (Burkart 2009, p. 25). Dies hat zur Folge, dass die Grenzen zwischen Öffentlichkeit und Privatheit, die einst kulturhistorisch klar definiert waren, mehr und mehr aufweichen. Die Inszenierung des Selbst, um in den Fokus der Rezipienten zu gelangen und sich dadurch von der Konkurrenz zu unterscheiden, gehört im Jahr 2015 zum festen Bestandteil der Kommunikation. Die Theorie Goffmans ist demnach aktueller denn je und eröffnet die Frage nach der „dritten“ Bühne in der Forschungsfrage.

Die qualitative Forschung

Die vorgestellten theoretischen Darlegungen bilden die Grundlage zur Beantwortung der Forschungsfrage Bilden Personen des öffentlichen Lebens auf dem sozialen Netzwerk Facebook eine „dritte“ Bühne und welche Form des Selbst würde dort inszeniert? Eine Beantwortung ist jedoch nur möglich, wenn man die Theorie mit der tatsächlichen Handhabung in der Praxis verbindet. Um dies erfolgreich gewährleisten zu können, entscheidet sich der Autor für die qualitative Sozialforschung, aus welcher sich die Handlungsmaximen der Offenheit, Forschung als Kommunikation, Prozessualität, Reflexivität, das Prinzip der Explikation und eine grundsätzliche Flexibilität ableiten. Im Rahmen dieser Forschung werden zwei Gruppen untersucht. 1. Fünf Personen des öffentlichen Lebens und 2. Fünf Rezipienten. Dadurch sollen die unterschiedlichen Motivationen, Nutzungen und Erwartungen mithilfe von eingesetzten Leitfadeninterviews analysiert und gegenübergestellt werden.

Für Personen des öffentlichen Lebens dient Facebook primär als Schnittstelle zwischen sich und ihren Fans. Es wird als Kommunikationstool und/oder Steigerung der eigenen Reichweite verwendet. Der Bedeutungsgrad unterscheidet sich je nach Person. Alle Prominenten sind sich aus Sicht als öffentliche Person jedoch einig, dass den Inhalten oft zu viel beigemessen wird. Das Wort Freundschaft wird auf Facebook in seiner Bedeutung nicht klar definiert, ist jedoch aus Sicht der Prominenten eindeutig nicht einer realen Freundschaft gleichzusetzen. Die Prominenten versuchen über das soziale Netzwerk eine Fancommunity zu errichten, welche über ihre berufliche Tätigkeit hinausgeht. Eines der Hauptziele ist es „[…] die Fans, die ich habe weiter so zu begeistern, dass auch, wenn ich mal nicht gerade drehe, sie trotzdem noch zu meiner Seite stehen“ (Interview PdöL4).  Eine Form von Kunden-, oder in diesem Fall Fan-Bindung ist demnach von hoher Bedeutung. Viele Personen des öffentlichen Lebens nutzen und verstehen das soziale Netzwerk Facebook als ein weiteres, neues Medium für sich. So versucht ein befragter Prominenter, „Facebook als Medium sehr authentisch [für sich] zu nutzen“ (Interview PdöL1). Die Schattenseite einer Transparenz ihrer Person und der Aufgabe des Privatlebens scheinen einige als nicht änderbare Konsequenz in Kauf zu nehmen (Interview PdöL1). Im Jahr 2015 sorgt es auf Seite der Fans für Irritationen, wenn ihre Prominenten nicht bei Facebook vertreten sind. Hier decken sich die Ansichten beider Forschungsgruppen größtenteils. Diskrepanzen gibt es jedoch in der vorhin schon angesprochenen Definition des Wortes Freundschaft. Private Facebook-Nutzer, also gleichzeitig auch die Fans dieser Forschung, scheinen in vielen Personen des öffentlichen Lebens mehr als „nur“ einen Star zu sehen. Dementsprechend wächst die Erwartung und auch das öffentliche Äußern von Wünschen der Fans bezüglich des Verhaltens der Personen des öffentlichen Lebens auf Facebook. Interaktivität und das Prinzip des Feedbacks werden von beiden Interviewgruppen als eines der größten Erfolgsfaktoren des sozialen Netzwerkes verstanden. Dies bedeutet für die Prominenten einerseits eine direkte Art der Bestätigung ihrer Arbeit, andererseits können Fans offenkundig Kritik oder Missfallen äußern. Die Geschwindigkeit und Aktualität dieses Mediums werden ebenfalls sowohl von den Prominenten als auch den Rezipienten erwähnt. Interessant ist die Tatsache, dass beide Gruppen diese Attribute zwar als positives Merkmal identifizieren. Im Zusammenhang mit der Kontinuität von den Prominenten jedoch als störend oder sogar druckempfindend gesehen wird. Sie sollten auf mögliche Kritik reagieren, einen Mehrwert bieten, den Zeitgeist treffen, ihre Rolle in der Öffentlichkeit bestätigen und private Einblicke erlauben. Dieses Maß an verschiedensten Herausforderungen und Erwartungen der jeweiligen Fans empfinden einige Prominente demnach als störend. Trotzdem scheinen die positiven Aspekte zu überwiegen, ansonsten wäre Facebook nicht so erfolgreich. Ein weiterer Erfolgsfaktor ist das Thema der Inszenierung. Das Internet bietet jedem User dafür die bestmögliche Fläche. Aus diesem Grund definiert ein Prominenter Facebook als „die optimierte Version seines Selbst“ (Interview PdöL1.) Deckungsgleich ist diese Meinung auch mit den Rezipienten. Auch sie verbinden das Netzwerk mit einem äußerst hohen Grad an Selbstdarstellung. „Es gibt viele Menschen, die bei Facebook ihr Leben eben reproduzieren in Bildern, in Beiträgen […] deswegen heißt es auch Facebook“ (Interview REZ5). Auf der sozialen Plattform besitzt demnach jeder Benutzer die Möglichkeit, sein eigenes, individuelles Buch zu gestalten. Der Erfolg dieses „Buches“ wird durch die Follower oder Likes bewertet. Die Bedeutung dieser Kennziffer unterscheiden die beiden interviewten Gruppen jedoch. Die Personen des öffentlichen Lebens fühlen dadurch ihre Arbeit bestätigt. Die Fans verbinden die Anzahl der Follower jedoch mit den Schlagwörtern Berühmtheit und Beliebtheit. Die größte Diskrepanz zwischen der Interviewgruppe der Personen des öffentlichen Lebens und der der Rezipienten liegt in der Intention ihrer Benutzung von Facebook. Prominente legen eine öffentliche Seite an, um darüber die anfangs genannten Vorteile für ihre Person und ihren Beruf zu nutzen. Sie stehen dafür mit ihrem in der Öffentlichkeit bekannten Namen und treten durch das Teilen von Bildern, Meinungen oder Beiträgen von ihren Rechten zurück, sodass die Informationen der Presse frei zur Verfügung stehen. Ihre Fans dagegen nutzen die Plattform als Privatpersonen, um sich dort mit ihren Freunden auszutauschen, private Bilder zu teilen, Informationen zu gewinnen oder das eigene Netzwerk zu vergrößern. Diese unterschiedlichen Nutzungsmotivationen öffentlicher und privater Personen oder anders ausgedrückt – die dienstliche Kommunikation und die Kommunikation unter Freunden weichen voneinander ab und bringen infolgedessen eine ganz andere Erwartungshaltung mit sich. Diese gewonnene Erkenntnis erklärt auch die anfangs beschriebene Diskrepanz in der Bedeutung des Wortes Freundschaft.

Fazit

Die Inszenierung des Selbst bildete einen der wichtigsten Standpunkte dieser Arbeit. Erving Goffmans Werk Wir alle spielen Theater beinhaltet hierfür das nötige theoretische Fachwissen. Auf dieses Thema bezogen, werden Personen des öffentlichen Lebens als die Darsteller verstanden, die Bühne ist das soziale Netzwerk Facebook und das Publikum die jeweiligen Fans bzw. Follower. Überraschenderweise kam der Autor jedoch während der Forschung zu der Erkenntnis, dass diese theoretische Rollenvergabe sich von der Praxis unterschieden hat. Die Interaktivität auf Facebook und die damit einhergehende Möglichkeit eines jeden einzelnen Nutzers des Kommentierens, Teilens oder der Verbreitung von Informationen/Meinungen kann diese Konstellation aufheben und lässt sie flexibel gestalten. Jeder User besitzt die Möglichkeit, vom zuhörenden Gast zum Darsteller zu werden – was für die Personen des öffentlichen Lebens eine Gefahr darstellt. Der Begriff der Bühne ist dementsprechend weitaus vielschichtiger als zu Beginn der Forschung vermutet. Goffman teilte die Bühne in zwei verschiedene Bereiche, der Hinter- und der Vorderbühne auf, welche mit der Privatheit und der Öffentlichkeit gleichzusetzen sind. Der beschriebene Medienwandel und der große Einfluss der digitalen Medien, vor allem des sozialen Netzwerkes Facebook bringt jedoch eine Veränderung im Verständnis der Begriffe Privatheit und Öffentlichkeit mit sich. Die Öffentlichkeit im klassischen Sinne bricht in verschiedene Elemente auf. Personen teilen ihr Leben mit Menschen im Internet, sodass die Grenze zwischen Öffentlichkeit und Privatheit mehr und mehr verschwimmt. Soziale Beziehungen beginnen sich dadurch zu verändern. Die Bedeutungen von Freundschaft, Nähe und Vertrauen wandeln sich. Durch das Inszenieren des Selbst im Internet wird eine virtuelle Identität geschaffen. Vor allem Personen des öffentlichen Lebens nutzen diesen Trend mittels ihrer Facebook-Fanpage, um in der Öffentlichkeit mehr Reichweite zu erlangen und ihre Aufmerksamkeit zu steigern. Diese Erkenntnisse machen dem Leser im Verlauf der Arbeit deutlich, dass die These Goffmans, die Vorderbühne stelle das öffentliche und die Hinterbühne das private Leben dar, im Zeitalter von Facebook und weiteren sozialen Medien nicht mehr korrekt zu sein scheint. Um diese Vermutung jedoch konkret analysieren zu können, benötigt der Autor das Fachwissen, den Bedeutungsinhalt sowie die Nutzungshintergründe aus der Praxis. Prominente Personen aus der Öffentlichkeit nutzen die soziale Plattform Facebook vor allem für professionelle Zwecke. Darunter fällt die Kommunikation mit den Fans, das Teilen beruflicher und teils privater Einblicke. Ziel ist, einen authentischen Beziehungsaufbau mit den Fans, aber vor allem das Erhöhen von Reichweite und Aufmerksamkeit zu erreichen. Diese Motivation unterscheidet sich jedoch von den Nutzungsmotiven mit den Fans. Die Fans verwenden das soziale Netzwerk als Privatpersonen. Sie nutzen es als Kommunikationsmedium, zum Teilen privater Urlaubsbilder oder Meinungen sowie der generellen Kontaktpflege mit Freunden und/oder Bekannten. Der Konflikt zwischen den beiden Forschungsgruppen besteht in der differenzierenden Vorstellung von Freundschaft. „People use Facebook to stay connected with Friends“ (Facebook.com), diese offizielle Unternehmens-Philosophie des sozialen Netzwerkes bestimmt die Nutzung der Rezipienten. Aus diesem Grunde folgen die Rezipienten den Personen des öffentlichen Lebens, um auf Facebook weiterführende Informationen über sie zu erhalten. Die Erwartungshaltung zielt auf das Erlangen privater Informationen aus dem Leben des Prominenten. Das Like bedeutet für viele Rezipienten den Start einer virtuellen Freundschaft. Personen des öffentlichen Lebens wissen um diese Erwartungshaltung ihrer Fans. Dieser Umstand beeinflusst die Strategie der offiziellen Fanpage. Kritisch beleuchtet bedeutet das in der Forschung allerdings: Wo eine Strategie vorhanden ist, wird keine natürliche Freundschaft gepflegt, sondern diese bloß als Mittel zum Zweck initiiert. Die Personen des öffentlichen Lebens setzen die „Freundschaft“ als Mittel ein, um den eigentlichen Zweck, den Wachstum und das Stärken der persönlichen Fangemeinschaft und einer damit verbundenen erhöhten Öffentlichen Aufmerksamkeit zu erreichen. Die gesuchte inszenierte Form des Selbst der Forschungsfrage kann mit dieser Erkenntnis entschlüsselt werden. Der Prominente versucht durch das Teilen privater Informationen eine Nähe zu seinen Fans herzustellen. Die parasoziale Interaktion wird durch das Publizieren intimer Einblicke in das Leben des Prominenten auf Seiten der Fans bestätigt und als wahrhaftig empfunden. Dies geschieht häufig, ohne dass die Person des öffentlichen Lebens die one-to-many Kommunikationsform verändert. Diese daraus resultierende Nähe ist jedoch keine echte, sondern eine virtuelle, strategische Freundschaft. Das ME des Prominenten spiegelt demnach einen Freund wieder, das I dagegen bestimmt, welche Informationen preisgegeben werden und  inszeniert dieses, um im Gesamtbild Self einen authentischen Auftritt zu gewährleisten. Demnach wird dem Rezipienten die Person des öffentlichen Lebens als ein Freund mit Maske auf dem sozialen Netzwerk Facebook präsentiert. Dieses Resultat hat direkten Einfluss auf den ersten Teil der Forschungsfrage und der damit zusammenhängenden Theatertheorie von Goffman. Wird die Hinterbühne für ein Publikum sichtbar inszeniert, dann spielt sich dieses Stück konsequenterweise auf der Vorderbühne ab. Demnach schwindet der Sinn und die eigentliche Funktion der beiden Bühnenbereiche. Das neue Verständnis von Privatheit und Öffentlichkeit spiegelt dieses Phänomen wider. Das Verschmelzen dieser Begriffe verändert gleichermaßen die Bedeutung der Hinter- und Vorderbühne. Die gespielte Privatheit in der Öffentlichkeit beansprucht einen neuen Bühnenbereich, die Zwischenbühne. Diese Zwischenbühne wird von Prominenten unbewusst initiiert. Sie dient der Befriedigung der Fan-Wünsche nach privaten Informationen, wodurch eine Nähe und Freundschaft suggeriert wird. Mithilfe der Inszenierung dieser Privatheit wahren sich die Prominenten den persönlichen Wert ihrer echten Hinterbühne. Einerseits dient dies als Schutz vor der Öffentlichkeit, andererseits um eine komplette Transparenz auszuschließen, welches einen direkten Einfluss auf die besondere Stellung der Prominenten mit sich bringen würde. Demnach festigt die Zwischenbühne die scheinbare Freundschaft zu den Fans und sichert gleichermaßen die Macht und den attraktiven Status als VIP. Den Inhalt und den Rahmen der Zwischenbühne bestimmt die Person des öffentlichen Lebens individuell. Er ist gleichzeitig Hauptdarsteller und Regisseur des Stückes. Die Grenze der Zwischenbühne zu den anderen bekannten Bühnenbereichen kann mit einem Vorhang verglichen werden. Dieser wird je nach Belieben näher in Richtung der Vorder- oder Hinterbühne ausgerichtet. Abschließend kann festgestellt werden, dass Personen des öffentlichen Lebens auf dem sozialen Netzwerk Facebook eine neue Zwischenbühne in der Rolle eines scheinbaren Freunds inszenieren.  Obwohl eine Facebook-Fanpage als freiwilliger Zusatzdienst von Prominenten angeboten wird, scheint der Druck für einige enorm zu sein. Während der Forschung hat sich herauskristallisiert, dass die Personen des öffentlichen Lebens, welche eine gewisse Distanz und Professionalität gegenüber dem Inhalt auf Facebook wahren, die wohl unproblematischste Inszenierung ihrer Zwischenbühne darbieten. Der Druck der Öffentlichkeit und die Erwartungshaltung der eigenen Fans steigen mit dem Anteil der gewährten Eindrücke in das eigene Privatleben. Die gesunde Zusammenstellung aus Privatheit und Öffentlichkeit ist die wohl beste Darstellung der Zwischenbühne, denn am Ende entsteht „ein Post aus dem Leben und das Leben nicht aus dem Post“ (Interview PdöL5). Trotzdem beugen sich viele Prominente dem Druck der Öffentlichkeit und den hohen Erwartungshaltungen der eigenen Fans. Sie gewähren Einblicke in ihr privates Leben, um durch Selbstinszenierung die Aufmerksamkeit der eigenen Person zu steigern. Personen des öffentlichen Lebens nutzen die individuellen Vorteile eines jeden Mediums als Präsentationsfläche. Das soziale Netzwerk Facebook gleicht einem virtuellen Theater, denn „wenn ich jetzt keine Show im Fernsehen habe, mache ich halt einfach die Reality-Show bei Facebook. Einmal damit angefangen, hört man halt nicht mehr damit auf“ (Interview PdöL4).

 

Literaturverzeichnis

Bourdieu, P. (1976). Entwurf einer Theorie der Praxis auf der ethnologischen Grundlage der kabylischen Gesellschaft. Suhrkamp Taschenbuch Verlag. Frankfurt am Main 1976.

Burkart, G. (2009). Mediale Selbstthematisierungen und Inszenierungen von Privatheit. Soziologische  Aspekte des Strukturwandels der Bekenntniskultur. In: merz. medien + erziehung. Zeitschrift  für Medienpädagogik. Selbstentblößung und Bloßstellung in den Medien. 53. Jahrgang. Nr.2,  April 2009.

Faulstich, W. (2004). Grundwissen Medien. Wilhelm Fink Verlag GmbH & Co. KG. 5. Auflage. Paderborn 2004.

Goffman, E. (2013). Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag. Taschenbuchausgabe 1983. 12. Auflage, Piper Verlag GmbH. München 2013.

Joas, H., W. Knöbl (2004). Sozialtheorie. Suhrkamp Taschenbuch Verlag. Erste Auflage Frankfurt am Main 2004.

Mead, G.H. (1973). Geist, Identität und Gesellschaft. University of Chicago 1934. Suhrkamp Taschenbuch Verlag. Erste deutsche Auflage 1973.

Miebach, B. (2010). Soziologische Handlungstheorie. Eine Einführung. 3., aktualisierte Auflage. VS Verlag für Sozialwissenschaften, GWV Fachverlage GmbH, Wiesbaden 2010.

Rommerskirchen, J. (2011). Prekäre Kommunikation. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Springer Fachmedien, Wiesbaden 2011.

Schützeichel, R. (2004). Soziologische Kommunikation.  UVK Verlagsgesellschaft mbH, Konstanz 2004.

 

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Felix Landwehr – Fußball zwischen Authentizität und Konsum

Forschungsfrage: Inwiefern verliert der Fußball durch seinen zunehmend kommerziellen Charakter an Authentizität am Beispiel der Premier League und der Bundesliga?

Ziel des vorliegenden Artikels ist es, den authentischen Fußball in seiner Gesamtheit zu definieren und diesen, unter Berücksichtigung der Kommerzialisierung, auf etwaige Einflüsse zu untersuchen. Die Definition des authentischen Fußballs fußt auf den Identitätstheorien von Mead, Goffman und Erikson, spiel- und sporttheoretischen Aspekten von Huizinga, Sutton-Smith und Elias/Dunning, sowie eventsoziologischen Grundlagen von Gebhardt und Hitzler. Letztlich soll eine Antwort auf die Forschungsfrage gefunden werden, inwiefern der Fußball durch seinen zunehmend kommerziellen Charakter an Authentizität verliert. Die Forschungsarbeit orientiert sich dabei am Beispiel der Premier League und basiert auf einer qualitativen Forschungsanalyse in Form von Gruppendiskussionen mit britischen und deutschen Fußballfans. Als Ergebnis konnte ermittelt werden, dass der authentische Fußball als ein gemeinschaftsförderndes, heterogenes, auf Loyalität beruhendes Ereignis verstanden werden kann. Der Fußball verliert durch seinen zunehmend kommerziellen Charakter die Heterogenität seiner Zuschauerstruktur, die Solidarität und der Zusammenhalt zum Verein und seiner Anhängerschaft ist durch den Kommerz nicht gefährdet.

Einleitung

„Wir treten nicht mit vollen Hosen an. Ich habe extra noch mal nachgeschaut.“ (Offermann, 2011, S. 24) Jürgen Klopp – Fußballtrainer

Against modern football – gegen den modernen Fußball! Seit Jahren protestieren, boykottieren und rebellieren Fußballfans von Liverpool bis London, von Dortmund bis Dresden, ausdauernd gegen den zunehmend kommerziellen, eventartigen Charakter ihrer Passion, dem Fußball. Denn der professionelle Fußball befindet sich seit rund zwei Jahrzehnten in einem strukturellen Wandel. Das Interesse am Profifußball steigt seit Jahren exponentiell und mit ihr explodieren die betriebswirtschaftlichen Kennzahlen. Fußballspiele werden minutiös und mit berechnender Genauigkeit durchgeplant und zu Megaevents stilisiert. Auf der Strecke bleibt dabei für viele Fans das, was den Fußball letztlich aus- und großgemacht hat: Leidenschaftliche Spiele, eine spannungsgeladene Atmosphäre und nicht zuletzt, ein authentisches Fußballerlebnis.

Denn gerade in England – dem Mutterland des Fußballs – ist der einstige Volkssport durch seine außergewöhnliche Strahl- und Wirtschaftskraft zu einem Spielball ausländischer Investoren geworden. Kam dem Fußball hier lange Zeit jene Bedeutung zu, in den 90 Minuten zwischen An- und Abpfiff, soziale Unterschiede aufheben zu können und Gemeinschaft und Gleichheit entstehen zu lassen, die es ohne den Fußball nicht gegeben hätte, droht der moderne Fußball diesen Charakterzug jetzt zu verlieren. Die englische Premier League ist zu einem Produkt geworden und für einen Teil der britischen Gesellschaft wird der Zugang zu einem unüberwindbaren, finanziellen Hindernis. Denn trotz stetiger Umsatzrekorde sind die Ticketpreise für Englands höchste Spielklasse exorbitant gestiegen. Die rasante Preissteigerung können und wollen etliche Fußballfans nicht mitgehen und wenden sich von der heimischen Premier League ab Richtung deutscher Bundesliga. Für sie ist das Gesamtpaket mit günstigeren Eintrittskarten und preiswerten Flügen häufig finanziell attraktiver, als ein Premier League-Spiel zu besuchen.

Zurück bleibt die Frage, inwieweit eine solche Entwicklung noch natürlicher Teil der Fußballevolution sein kann. Inwiefern darf der Kommerz den Fußball in seinen strukturellen Grundzügen verändern, ehe er seinen authentischen Charakter verliert. Um diese Frage zu beantworten, ist es zunächst notwendig herauszufinden, was authentischen Fußball letztlich auszeichnet. Hierzu werden dem Leser die theoretischen Grundlagen der Authentizität erläutert. Hinzu gilt es herauszustellen, welche gesellschaftliche Bedeutung dem Fußball zuteilwird. Gesellschaftliche und individuell bedeutende Berührungspunkte des Fußballs – die Bedeutung von Spiel für eine Gemeinschaft, Emotionen in der Öffentlichkeit oder die Eventisierung von Sportveranstaltungen – sollen in diesem Zusammenhang erörtert werden. Abschließend ist es möglich, den authentischen Fußball in seiner Gesamtheit zu definieren.

Letztlich entsteht durch die zunehmende Kommerzialisierung des professionellen Fußballs ein Spannungsfeld. Der einstige Volkssport – identitätsstiftend, gemeinschaftsfördernd, verbindend – wird zunehmend exklusiver und gefährdet die Werte, die den authentischen Fußball ausmachen. Der Konsum im Fußball nimmt eine derart wichtige Rolle ein, dass die Strukturen des Fußballs verändert werden. In diesem Zusammenhang sollen die wirtschaftlichen und sportlichen Unterschiede des britischen und des deutschen Fußballs aufgezeigt werden, um eine Einschätzung abgeben zu können, inwieweit die Authentizität durch den Kommerz bereits eingeschränkt wird.

Die empirische Untersuchung erfolgt aufgrund einer qualitativen Forschungsanalyse in Form dreier Gruppendiskussionen. Um ein geeignetes Sampling zur Beantwortung der Forschungsfrage zusammenzustellen, wurden diejenigen kontaktiert, für die der kommerzielle Einfluss auf den authentischen Fußball letztlich am größten ist: Die Fans. Im Rahmen der Empirie wurden demnach Gruppendiskussionen mit einem britischen Fanklub von Borussia Dortmund, einem deutschen Fanklub von West Ham United und einer Gruppe deutscher Fans durchgeführt. Die Ergebnisse der Gruppendiskussionen wurden letztlich auf die theoretische Einordnung des authentischen Fußballs samt kommerziellem Einfluss angewendet.

 Authentizität

„Mein Problem ist, dass ich immer selbstkritisch bin, auch mir selbst gegenüber.“ (Offermann, 2011, S. 17) Andreas Möller – ehemaliger Fußballspieler

In der Auseinandersetzung mit dem Begriff Authentizität wird schnell deutlich, dass sich Philosophen, Soziologen, Psychologen und Ökonomen lediglich darauf einigen können, dass es keine zufriedenstellende, übergreifende Definition dessen geben kann. Das liegt zum einen an der unterschiedlichen Herangehensweise beziehungsweise dem jeweiligen Forschungsbereich, welcher der Frage nach dem Begriff der Authentizität nachgeht.  Zum anderen ist der unstete, wandelbare Charakter der Authentizität ein Grund für die Dynamik in der Bestimmung des Begriffs. Dauerhaft allgemeingültige Aussagen darüber was es bedeutet, „einfach nur Ich selbst zu sein“, authentisches Verhalten gegenüber anderen zu entwickeln, oder Attribute glaubwürdiger Produkte und Marken festzulegen, sind veränderlich und müssen immer im jeweiligen kulturellen und historischen Kontext betrachtet werden (Vgl. Goldman/Papson, 1996, S. 143).

Es lässt sich folglich feststellen, dass Authentizität wissenschaftlich schwer zu fassen ist. Die kulturelle Rahmenbedingung und die individuelle Sozialisation haben Einfluss darauf, was letztlich in welcher Form als authentisch empfunden wird. Die Soziologin Salome, die im Rahmen ihrer Forschung die Authentizität neuerer Sportarten wie Rafting, Snowboarding oder Rock Climbing untersucht hat, stellt fest: „Definitions in terms of first-hand, original, genuine, reliable and real are inadequate“ (Salome, 2010, S. 72). Wenn es folglich darum geht, Authentizität und Fußball in einem Zusammenhang zu analysieren, muss ebenfalls die Zielvorgabe der Forschungsarbeit im Blick behalten werden. Im Rahmen dieser Forschungsarbeit wäre das der kommerzielle Einfluss auf den authentischen Fußball.

Bei aller Diversität in der Einschätzung der Authentizität ist in der heutigen Gesellschaft ein besonderer Umgang mit authentischen Produkten, Erlebnissen und Lebensformen zu erkennen. Zurückzuführen auf den technischen Fortschritt und dem damit einhergehenden Wohlstand der Bevölkerung, aber auch der Informationsüberfluss der Menschen durch den medialen Wandel, ließen den gesellschaftlichen Wunsch nach Authentizität – „quest for authenticity“ (Leigh/Peters/Shelton, 2006, S. 481) –  entstehen. Authentizität ist demnach ein Gütesiegel, welches es in der Form in der Vergangenheit nicht gegeben habe. Die Autoren Gilmore und Pine sehen die Ursache für den neuzeitlichen Drang nach Authentizität in dem ungesunden, „giftigen“ (Gilmore/Pine, 2007, S. 42f.) Umfeld, dem die Gesellschaft heute ausgesetzt sei, in dem es um die ständige Bewertung nach Echtheit oder Fälschung geht. Von der Glaubwürdigkeit der Medien – der Begriff „Lügenpresse“ wurde in Deutschland im Jahr 2014 zum Unwort des Jahres gekürt – zu geschönten, filterbearbeiteten Profilbildern in den sozialen Netzwerken, überall lauert die Gefahr dem künstlichen Schein zu erliegen. Es ist folglich das Ziel der Menschen, sich in der Flut gefälschter, unechter Impressionen gezielt authentischen Produkten zuzuwenden (Vgl. Gilmore/Pine, 2007, S. 43). Inwiefern der kommerzielle Fußball tatsächlich als weniger authentisch empfunden wird, soll im Laufe dieser Forschungsarbeit geklärt werden.

Authentizität – und in diesem Zusammenhang auch die individuelle Einschätzung nach authentischem Fußball – ist immer auch ein Konstrukt der jeweiligen Sozialisation des Individuums. In den verschiedenen Rollen die eine Person im Laufe ihrer Sozialisation einnimmt, werden unterschiedliche Erfahrungen gemacht und die Bewertung dieser Erfahrungen bildet die Grundlage für authentisches Verhalten. Goffman hat in diesem Zusammenhang den Begriff der Rollenübernahme und der Rollendistanz ausführlich erläutert (Vgl. Goffman, 1973, S. 95ff.). Während der Rollenübernahme empfindet das Individuum bestimmte Charakteristika der Rolle als angebracht oder nicht angebracht, als angenehm oder nicht angenehm. Beeinflusst wird das Individuum dabei auch von seinen individuellen Eigenschaften und Wertvorstellungen (Vgl. Goffman, 1973, S. 116). Kommt es zu einem Bruch zwischen dem Individuum und der Rollenausübung – Goffman bezeichnet dieses als „effektiv ausgedrückte, zugespitzte Trennung zwischen dem Individuum und seiner mutmaßlichen Rolle“ (Goffman, 1973, S. 121) –  kommt es zu einer Rollendistanz. Goffman erläutert, dass „die Rollendistanzierung defensive Funktionen“ (Goffman, 1973, S. 126) hat, um in der Gruppe einer Verhaltenserwartung gerecht zu werden und die Identifikation mit einer Gruppe zu manifestieren. Überträgt man diese Theorie auf Authentizität und authentisches Verhalten im Zusammenhang mit dem Verhalten eines Fußballfans ergibt sich beispielsweise folgende Attitüde: Der Familienvater, der gewöhnlich in der Fankurve Lieder singt, schreit und lautstark seinen Frust kundtut, und somit das an ihn erwartete Verhalten der anderen Fans erfüllt, wird im Beisein seiner Familie ein anderes, gemäßigteres Verhalten erkennen lassen. Sein Verhalten wäre allerding noch immer authentisch, da er sich bewusst von seiner Rolle als Fan distanziert, um dem vorbildlichen Charakter des Familienvaters gerecht zu werden.

Die Soziologen Bauman (Vgl. Bauman, 1994, S. 240) und Reichertz (Vgl. Reichertz, 2001, S. 21ff.) interpretieren den Begriff Authentizität wiederum als eine Rolle, die seinem Gegenüber möglichst glaubwürdig vorgespielt werden müsse. Lediglich die Verhaltensinterpretation des Gegenübers könne letztlich zu einer authentischen Bewertung dessen führen. Dieser ernüchternde Blick kann durchaus als Kritik an die Gesellschaft verstanden werden, nicht zu unreflektiert, authentischer Suggestion zu erliegen. Der Schriftsteller Trilling kritisiert dabei: „The whole community up and down the scale of sentience and of cultural development, make the Hell of recognized and experienced inauthenticity. They make the inhabited nothingness of the modern world“ (Trilling, 1972, S. 102). Jedoch betont Trilling, dass die tendenziell weniger gebildeten, wohlhabenden, unterdrückten und roheren Menschen eher dazu geeignet seien, Authentizität erleben zu können (Vgl. Trilling, 1972, S. 102). Inwiefern diese Aussage auf den Fußball zu übertragen ist, soll im Laufe dieser Forschungsarbeit geklärt werden.  

Die gesellschaftliche Bedeutung des Fußballs

„Fußball ist das wichtigste aller unwichtigen Dinge im Leben.“ (11FREUNDE, 2013, o.S.) Arrigo Sacchi – italienischer Fußballtrainer

Dem Fußball wird in der heutigen Gesellschaft ein enormer Stellenwert zugesprochen. Doch um zu verstehen, warum ein Spiel in dem 22 Akteure einem Ball hinterherjagen, zu einem gewichtigen, gesellschaftlichen Faktor werden kann, ist es notwendig, die Funktion des Fußballs und des Spiels in den Fokus zu nehmen.

Spiel und Sport
Die Soziologen Huizinga und Sutton-Smith haben in diesem Zusammenhang wichtige theoretische Grundlagen gesetzt. Das Spiel ist nach Huizinga etwas, „das nicht das gewöhnliche Leben ist“ (Huizinga, 1994, S. 15). Im Spiel werden demnach die alltäglichen Strukturen und Restriktionen ausgeklammert, sodass ein ebenbürtiger Zustand der Teilnehmer hergestellt wird. Für das Individuum bieten sich demnach im Spiel Möglichkeiten, die es außerhalb des Spiels so nicht umzusetzen vermag. Der ewige Kampf der Gesellschaft zwischen „Macht und Machtlosigkeit“ (Sutton-Smith, 1978, S. 61), zwischen Bedeutung und Belanglosigkeit, findet im Spiel eine neue Darstellungsmöglichkeit, in der die Positionen nicht von vornherein festgelegt sind. Der Zusammenschluss der Spieler zu einer Gruppe, in der die Spielregeln anstelle der gesellschaftlichen Normen den Rahmen bilden, fördert ein Gemeinschafts- und Zugehörigkeitsgefühl, das auch nach dem Spiel noch anhält (Vgl. Huizinga, 1994, S. 19). Für das Individuum gehöre dann der „Klub zum Spiel wie der Hut zum Kopf“ (Huizinga, 1994, S. 19). Der Übergang vom Spiel zum Sport ist ein historisch fließender Übergang. Spiele, die in der Vergangenheit vorwiegend der Gewaltausübung dienten, wie zum Beispiel Ritterspiele, sind heute sehr viel gemäßigter und geregelter als Sport definiert. Zusätzlich zum Spiel besteht der Sport nach Sutton-Smith jedoch aus zusätzlichen Komponenten. So zählt er nicht nur die Spieler und das eigentliche Spiel zum Konstrukt des Sports, sondern alle beeinflussenden Teilnehmer, die einen bestimmten Bezug und Einfluss auf das Spiel haben. Die Kommunikation zu den Zuschauern, Trainern oder Kritikern formen seiner Ansicht nach den Sport ebenso wie es die Akteure auf dem Spielfeld tun. Notwendigerweise entwickeln sich durch die Vielzahl der Teil- und Einflussnehmer des Sports auch unterschiedliche Sichtweisen auf den Sport. Aus diesem Grund befinde sich der Sport in einem stetigen Entwicklungsprozess (Vgl. Sutton-Smith 1978, S. 80). Dieser Punkt ist im Rahmen der Forschungsfrage essentiell, da der authentische Fußball sich folglich nicht nur auf die Akteure auf dem Spielfeld beschränkt, sondern auch Fans den authentischen Fußball beeinflussen können.

Identität
Der Fußball kann zudem dazu beitragen, dass der Mensch im Kontext des Fußballs seine Identität stärkt und präzisiert. Im Zentrum stehen in diesem Zusammenhang die Identitätstheorien von Mead, Goffman und Erikson. Mead bestimmt die Identität eines Menschen als etwas Veränderliches, keinesfalls Angeborenes: „Identität entwickelt sich; sie ist bei der Geburt anfänglich nicht vorhanden, entsteht aber innerhalb des gesellschaftlichen Erfahrungs- und Tätigkeitsprozesses […]“ (Mead, 1973, S .177). Goffman indes vergleicht das Verhalten der Menschen mit einem Theaterstück, in dem das Individuum seine Identität nach außen präsentiert. Beide Theorien beinhalten den Einfluss, den die Umgebung auf das Individuum bezüglich seiner Identitätsbildung hat. Der Fan im Fußballstadion würde entsprechend durch die anderen Zuschauer in seinem Verhalten beeinflusst. Goffmans Theorie zufolge wäre Fan-Identität und das damit einhergehende individuelle Fanverhalten immer Teil einer Inszenierung. Selbstbestimmtes Handeln wäre in diesem Zusammenhang jedoch nicht zu erkennen. Erikson verfolgt einen eigenständigeren Ansatz der Identitätsbildung (Vgl. Erikson, 1973, S. 123ff.). Für ihn gilt es, für eine gelungene Identitätsbildung die Erwartungen an sich selbst, mit den Erwartungen der Gemeinschaft „selbstbewusst zu verbinden“ (Abels, 2010, S. 255). In Abgrenzung zu Goffman geht es folglich nicht mehr nur darum, das Verhalten und Identität zu inszenieren, sondern vielmehr um die Entwicklung einer souveränen Persönlichkeit, die sich in jeder Situation entsprechend behaupten kann. Der Fußballfan ist nach Erikson also durchaus in der Lage, selbstbestimmt eine Fan-Identität zu entwickeln, die nicht die Prämisse der Konformität in sich trägt. Mit dieser Voraussetzung ist es dem Individuum möglich, in einem durch den Fußball entstehenden Kollektiv auch Konflikte auszutragen, und selbstsicher überzeugte Positionen zu vertreten.
Grundsätzlich gilt, dass Freundschaften und Kameradschaften, die im Rahmen des Fußballs geschlossen werden, für ein unumstößliches Gemeinschaftsgefühl sorgen. Diese Verbindung wird von Walsh und Giulianotti als „unbreakable social contract“ (Walsh/Giulianotti, 2001, S. 66) beschrieben. Sie impliziert den dauerhaften Zusammenhalt zu seinem Verein und seinen Anhängern. Dieses Phänomen der Ein- bzw. Ausgrenzung ist nach Erikson ebenfalls ein Teil der natürlichen Identitätsbildung. „In diesem Sinne verbindet Fußball [….] durch Abgrenzung von einem gemeinsamen Feind“ (Degele, 2013, S. 71).
Ein ausschlaggebender Faktor für die Bildung einer Fan-Identität ist – neben regionaler Verbundenheit und familiärem Einfluss – der Erfolg. Der Triumph bildet die Grundlage und Legitimation für die Sympathien, die das Individuum einem Verein entgegenbringt. Zwar kann der Erfolg von den unterschiedlichen Anhängern durchaus anders interpretiert werden, so kann auch der Punktgewinn eines Underdogs Auslöser einer Fanleidenschaft sein, doch ist und bleibt „der Sieg von größtem Interesse“ (Taylor, 1975, S. 251). Wenn es letztlich darum geht, authentisches Fanverhalten beurteilen zu können, ist diese Zuordnung essentiell.

Emotionen
Emotionen und authentischer Fußball, ob auf oder neben dem Platz, sind fest miteinander verbunden. Das Individuum lernt im Laufe seiner Sozialisation Emotionen in bestimmten Situationen zu kontrollieren oder auszuleben. Emotionen ermöglichen es dem Individuum zusätzlich, „Zugehörigkeit zu bestimmten sozialen Gruppen“ (Pavić Pinatrić/Sambunjak/Zelić, 2016, S. 146) darzustellen. Im Fußball ist es also möglich, seine Beziehung zu seinem Verein oder seiner Mannschaft, durch Emotionen zu demonstrieren. Doch auch die Unterdrückung von Emotionen in bestimmten Momenten eines Fußballspiels, kann das Selbstbild eines Fans wiederspiegeln. Das Phänomen der Unterdrückung von Emotionen haben Elias und Dunning unter dem Begriff der Zivilisation näher beschrieben. Dem Prozess der Zivilisation unterliegt demnach die Entwicklung, dass der Mensch immer weniger Fremdkontrolle zu erdulden hat und sein Leben selbstbestimmter und freier leben kann. Doch der schwindenden Fremdkontrolle geht die Schutzlosigkeit des Menschen einher, die nach Elias und Dunning letztlich zu Selbstzwängen führe (Vgl. Treibel, 2008, S. 59). „Der Anblick von erwachsenen Männern und Frauen, die von Tränen überwältigt werden und sich in der Öffentlichkeit ihrem bitteren Leid hingeben, […] gilt nicht mehr als normal“ (Elias/Dunning, 2003, S. 124). Doch gerade der Fußball hat in der Vergangenheit immer wieder gezeigt, dass Fans und Spieler ihren Emotionen freien Lauf lassen. Es ist durchaus außergewöhnlich, dass der auf Härte und Tapferkeit beruhende Fußball, in dieser Regelmäßigkeit Emotionen und Tränen zulässt, wofür in der restlichen Öffentlichkeit kein Platz mehr zu sein scheint.

Events
Professionelle Fußballspiele sind heute als perfekt organisierte und abgestimmte Events konzipiert. Neue technologische und kommunikative Möglichkeiten der Moderne haben den Grad der Eventisierung auf eine neue Stufe angehoben. Gebhardt benennt einige erkennbare Veränderungen, die die Eventisierung mit sich bringt und die auch den Fußball in seinen Strukturen nachhaltig verändert haben. Unter dem Begriff der „Entstrukturierung“ (Gebhardt, 2000, S. 25) versteht er eine Vermischung des Teilnehmerkreises bezüglich der sozialen Stellung und Herkunft. Veranstaltungen, die ausschließlich einer Gesellschaftsschicht vorbehalten sind, spielen nach Gebhardt so gut wie keine Rolle mehr. Als „Multiplizierung“ (Gebhardt, 2000, S. 26) der Events und Ereignisse beschreibt er eine weitere Folge der Eventisierung. Dies beinhaltet das Bestreben der Organisatoren, die Anzahl der Veranstaltungen stetig zu steigern. Wenn Anstoßzeiten der Profiligen zugunsten einer besseren Fernsehvermarktung verschoben werden, kann dies als ein Einfluss der Eventisierung betrachtet werden. Hitzler weist darauf hin, dass die Teilnehmer der heutigen Events als eine Art „Teilzeit-Gemeinschaft“ (Hitzler, 2008, S. 5937) anzusehen sind. Demnach seien die im Rahmen der Eventisierung neu entstehenden Gemeinschaften im und um den Fußball, nicht auf eine dauerhafte, auf Treue basierende Verbindung bedacht. Diese Einstellung gilt es in dieser Forschungsarbeit, empirisch zu überprüfen.

Der authentische Fußball
Zusammenfassend und auf Basis der genannten Theorien, kann der authentische Fußball als ein gemeinschaftsförderndes, heterogenes, auf Loyalität beruhendes System verstanden werden. Der traditionelle Wettbewerbscharakter ist die Konstante des authentischen Fußballs, der sich samt seinen Teilnehmern in einer stetigen Entwicklung befindet. Zudem wird Fanverhalten dann als authentisch bezeichnet, wenn die gelebten, durch den Fußball ausgelösten Emotionen nicht durch Selbst- oder Fremdkontrolle verhindert werden.

Die Entstehung eines Spannungsfelds

„Die Anspannung wächst, aber das ist gut so. Denn wenn man mit über 50 Jahren morgens aufwacht und nichts tut weh, dann ist man tot.“ (Offermann, 2011, S. 69) Erich Ribbeck – ehemaliger Fußballtrainer

Der gesellschaftliche Bedeutungszuwachs des Fußballs lässt sich letztlich auch in Zahlen belegen. Die unbändige Nachfrage nach professionellem Fußball hat aus dem Kulturgut Fußball einen enorm wichtigen Wirtschaftsfaktor werden lassen. Jahr für Jahr melden die europäischen Top-Ligen neue Umsatzrekorde. Der Gesamtumsatz der Bundesliga hat sich im Vergleich zur Saison 2001/02 laut DFL-Geschäftsführer Seifert heute um 133 Prozent auf 2,622 Milliarden Euro gesteigert (Vgl. Bundesliga, 2016, S. 2). Ein Wert, der in jedem anderen Wirtschaftszweig für Jubelstürme sorgen würde. Doch die Jagd auf wirtschaftliche Superlative findet im Fußball auch kritische Stimmen, die die einstiege Fanleidenschaft, die den Fußball in der Vergangenheit ausgemacht hat, nicht durch den Konsum ersetzt wissen wollen.

Konsum
Der Soziologe Hellmann terminiert Konsum als „die Befriedigung beliebiger Bedürfnisse, ob durch Sach- oder Dienstleistungen, ob bezahlt oder nicht, ob individuell oder kollektiv konsumiert“ (Hellmann, 2013, S. 9). Die Abgrenzung zum Kauf ist demnach, dass es nicht ausschließlich um den Erwerb einer Sach- oder Dienstleistung geht, sondern vielmehr darum, dass der Konsum die Verarbeitung des Erworbenen mit einbezieht. Die Sportrezeption kann nach der gegebenen Definition durchaus als eine Form des Konsums angesehen werden. Demzufolge ergibt sich eine zweifache Unterscheidung: Der Sportkonsum wird unterschieden zwischen „Vor-Ort Konsum“ und „Medienkonsum“ (Vgl. Beyer, 2006, S. 8ff.). Der Vor-Ort Konsum bedingt die körperliche Präsenz am Fußballort. Der Medienkonsum bedingt die Rezeption des sportlichen Ereignisses durch einen dritten Anbieter. Durch den Erwerb der Übertragungsrechte wird dem Konsumenten unabhängig von seiner physischen Anwesenheit die Möglichkeit gegeben, den Sport gegen Bezahlung durch die Medien zu konsumieren. Im Zuge der Professionalisierung des Fußballs ist die Bedeutung der Medien, nicht zuletzt aufgrund ihres finanziellen Spielraums, enorm gestiegen. Die Aussicht, durch exklusive Übertragungsrechte horrende Werbeeinnahmen zu erzielen, hat den jährlichen Wert für die Übertragung der englischen Premier League und der deutschen Fußball-Bundesliga auf 2,3 Milliarden bzw. 1,16 Milliarden Euro pro Jahr anschwellen lassen (Vgl. Huber, 2016, o.S.). Im Jahr 2010 war den deutschen Fans die Rezeption von Profifußball rund 5,5 Milliarden Euro wert (Vgl. Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, 2015, S. 4). Das entspricht bei circa 14 Millionen Fußballfans einer durchschnittlichen Investition von 387 Euro pro Jahr (Vgl. Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, 2015, S. 8).

Status Quo des Profifußballs
Nie zuvor haben sich mehr Menschen am professionellen Fußball beteiligt. Dem deutschen und dem britischen Fußball kommt diesbezüglich eine besondere Bedeutung zu. In der abgelaufenen Bundesliga-Saison 2015/2016 kamen insgesamt mehr als 13 Millionen Zuschauer in die deutschen Stadien (Vgl. DFB (2016), o.S.). Damit erreicht Deutschland weltweit den höchsten Zuschauerschnitt. In England haben im gleichen Zeitraum – auch aufgrund einer höheren Spielanzahl – knapp 14 Millionen Menschen den Weg in die britischen Stadien gefunden (Vgl. World of Football, 2016, o.S.). So wie das Interesse am professionellen Fußball einen historischen Höchstwert erreicht hat, stellen die europäischen Spitzenligen Jahr für Jahr ebenfalls wirtschaftliche Rekorde auf. Die Premier League ist mit 3,9 Milliarden Euro Umsatz dabei die wirtschaftlich stärkste Kraft im europäischen Fußball. Für die Saison 2016/2017 sind für den gesamten europäischen Fußballmarkt, Gesamteinnahmen in Höhe von circa 25 Milliarden Euro prognostiziert (Vgl. Deloitte, 2015, S. 14). Um die wirtschaftliche Vorherrschaft des englischen Fußballs zu verstehen, muss man neben dem lukrativen TV-Vertrag, den die Premier League zuletzt abgeschlossen hat, auch die Inhaberstruktur der englischen Vereine im Blick haben. Denn alle Premier League-Vereine werden durch (Privat-)Investoren unterstützt, elf der 20 Vereine werden von ausländischen Investoren geführt. Der deutsche Fußball hinkt der englischen Wirtschaftskraft relativ deutlich hinterher, gilt aber dennoch als die zweitstärkste, wirtschaftliche Kraft Europas. Ein Grund dafür ist die im deutschen Profifußball geltende 50+1 Regel, die eine mehrheitliche Vereinsübernahme durch private oder geschäftliche Investoren verbietet (Vgl. Kadritzke, 2012, o.S.). Grundsätzlich ist der britische Fußball jedoch vor allem aufgrund seiner historischen Bedeutsamkeit, dem deutschen Fußball voraus. Die internationale Vermarktung der Premier League ist deutlich weiter vorangeschritten, was sich letztlich auch in den Zahlen der Fernsehvermarktung niederschlägt.
Doch zeigt ein Blick auf die Entwicklung der Ticketpreise des englischen Fußballs, dass der kommerzielle Wandel für viele Fans dafür gesorgt hat, dass sie nicht mehr am Profifußball partizipieren können. So kostete die günstigste Dauerkarte beim Arsenal FC umgerechnet 1.430 Euro und ist damit circa zehnmal teurer als die günstigste Dauerkarte beim FC Bayern München (Vgl. Faszination Fankurve, 2015, o.S.). Ein Blick auf die Entwicklung der Ticketpreise des Arsenal FC, über einen Zeitraum von der Saison 1989/1990 bis 2010/2011, zeigt die überproportionale Steigerung. Kostete das günstigste Ticket in der damaligen Saison circa fünf Pfund, zahlte man für das günstigste Ticket rund 20 Jahre später 51 Pfund. Der englische Fußballfan zahlt heute folglich knapp 1.000 Prozent mehr, um ein Fußballspiel im Londoner Emirates Stadium verfolgen zu können. Auch in Deutschland haben sich die Ticketpreise im gleichen Zeitraum erhöht. Jedoch liegen die Preiserhöhungen hier bei 50 bis 90 Prozent (Vgl. Steding, 2014, o.S.). Mittlerweile nutzen viele britische Fußballfans die häufig günstigen Angebote der Fluggesellschaften, um Woche für Woche den Weg von England nach Deutschland auf sich zu nehmen, um die Bundesliga in den deutschen Stadien zu verfolgen, da das Gesamtpaket mit Billigflieger und Eintrittskarte für die Bundesliga in vielen Fällen günstiger ist, als eine Karte für die Premier League zu erwerben. Ryanair änderte im Jahr 2014 eigens ihre Flugzeiten für die Strecke von London nach Dortmund, damit es britische BVB-Fans am Samstag pünktlich ins Stadion schaffen (Vgl. DerWesten, 2014, o.S.).
Möglicherweise scheint der Volkssport Fußball in England an einem Punkt angelangt zu sein, an dem der kommerzielle Charakter dafür sorgt, dass Menschen ausgegrenzt werden oder sich bewusst von ihm abwenden.

Ergebnisse und Fazit

„Ja, Statistiken. Aber welche Statistik stimmt schon? Nach der Statistik ist jeder vierte Mensch ein Chinese, aber hier spielt gar kein Chinese mit.“ (Dehio, 2008, S. 111). Werner Hansch – ehemaliger Fußballkommentator

Der kommerzielle Einfluss auf die Bewertung des authentischen Fußballs wurde im Rahmen dieser Forschungsarbeit und auf Grundlage der bisher dargestellten Theorie empirisch untersucht. Eine Gruppendiskussion mit britischen Fans, die sich dem deutschen Profifußball zugewendet haben und eine Diskussion mit deutschen Fans, die sich einem britischen Verein angeschlossen haben, sollen miteinander verglichen und auf die Theorie angewendet werden. Zusätzlich wurde im Rahmen des Samplings eine weitere Gruppendiskussion geführt, die zwischen den beiden Extremen liegt und aus deutschen Fußballfans deutscher Vereine besteht. Die gewonnenen Daten wurden auf Grundlage der Grounded Theory von Strauss/Corbin ausgewertet. Dazu wurden die gewonnenen Daten systematisch kategorisiert und in Sub-Kategorien untergliedert. Die Grounded Theory baut dabei auf den Zusammenhang zwischen Ursachen, Kontext, Handlungsstrategien und daraus folgende Konsequenzen, die das wesentliche Phänomen – den authentischen Fußball – umgeben (Vgl. Strauss/Corbin, 2010, S. 75).
Nach der theoretischen Darstellung, der empirischen Untersuchung und der anschließenden Interpretation kann es letztlich nur eine differenzierte Antwort auf die Forschungsfrage geben. Grundsätzlich sind die wesentlichen Bestandteile, die den authentischen Fußball ausmachen, sowohl in der Bundesliga als auch in der Premier League noch zu finden. Die kommerzielle Beeinflussung hat den Fußball folglich noch nicht in der Ausprägung verändert, als dass der Sport als nicht mehr authentisch gelten könne. Der gemeinschaftsfördernde Faktor des authentischen Fußballs wurde in der Theorie hervorgehoben und auch die Interpretation der empirischen Daten lassen keinen anderen Schluss zu. Demzufolge hat selbst die überbordende Kommerzialisierung der Premier League nicht dazu geführt, dass das Gemeinschaftsgefühl einer Fangemeinschaft durch den Kommerz eingeschränkt worden ist.
Die Auswertung der Daten hat ergeben, dass der authentische Fußball vor allem durch seine Spontanität gekennzeichnet ist. Der Fußballfan darf nach authentischen Gesichtspunkten in der Ausübung seiner Emotionen keinerlei Selbstkontrolle unterliegen. In allen Gruppendiskussionen wurde hervorgehoben, dass die Aktivität der Zuschauer mitweilen eine ergebnisbeeinflussende Wirkung mit sich bringt. Es ist diesbezüglich aus den empirischen Untersuchungen sogar zu erkennen, dass die Spontanität in britischen Stadien gar höher ein- und wertgeschätzt wird als in deutschen Stadien. Demzufolge hätte die kommerzielle Wandlung des britischen Fußballs diesbezüglich keine einschränkende Wirkung auf die Authentizität.

Doch auch wenn der Kommerz genannte Merkmale des authentischen Fußballs wie Loyalität, Spontanität im Fanverhalten, Gemeinschafts- und Zugehörigkeitsgefühle nicht beeinflusst, werden andere, wesentliche Aspekte des authentischen Fußballs durch den kommerziellen Wandel durchaus bedroht. Authentizität im Fußball ist demnach gekennzeichnet durch eine heterogene Teilnehmerstruktur, die auch neue Fußballinteressierte miteinbezieht. Der Ausschluss von Fans durch zu hohe Eintrittspreise kann demnach kein Bestandteil des authentischen Fußballs sein. Letztlich führt die englische Preisstruktur sogar dazu, dass Fans nicht nur ausgeschlossen werden, sondern sich bewusst anderen Vereinen, nämlich denen der Bundesliga zuwenden. Zwar bleibt die Loyalität zu ihren englischen Vereinen bestehen – alle britischen Diskussionsteilnehmer haben noch ihren englischen Lieblingsverein – doch sind regelmäßige Stadionbesuche dort nicht mehr realisierbar. Der deutsche Fußball kann in diesem Zusammenhang noch als deutlich authentischer gelten. Die Eintrittskarten der Bundesliga kosteten in der vergangenen Saison durchschnittlich knapp halb so viel wie in der Premier League. Die gemäßigteren Preise haben demnach nicht dazu geführt, dass die Zuschauerstruktur gentrifiziert worden ist.

Eine finale Bewertung der Forschungsfrage ergibt daher, dass der zunehmende kommerzielle Charakter des Fußballs, die Authentizität hinsichtlich einer abnehmenden Heterogenität der Zuschauerstruktur beeinflusst. Das Gemeinschaftsgefühl und die Loyalität der Fans zu ihren Vereinen bleibt durch den kommerziellen Wandel bisher unberührt.

 

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Reichertz, J. (2001). Masken des Authentischen oder: Die Rückkehr des öffentlichen Menschen?
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Salome, L. (2010). Constructing Authenticity in Contemporary Consumer Culture: The Case of Lifestyle Sports, in: European Journal for Sport and Society, Ausgabe 7 (1) 2010, S. 69-87.

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Strauss, A. & Corbin, J. (2010). Grounded Theory: Grundlagen qualitativer Sozialforschung, Weinheim 2010.

Sutton-Smith, B. (1978). Die Dialektik des Spiels: eine Theorie des Spielens, der Spiele und des Sports, Schorndorf 1978.

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Treibel, A. (2008). Die Soziologie von Norbert Elias. Eine Einführung in ihre Geschichte, Systematik und Perspektiven, Wiesbaden 2008.

Trilling, L. (1972). Sincerity and Authenticity, Cambridge 1972.

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Lukas Wandke – Das Öffentliche des Privaten

Im Beitrag geht es um die Frage, ob Personen des öffentlichen Lebens auf dem sozialen Netzwerk Facebook eine „dritte“ Bühne bilden und welche Form des Selbst dort inszeniert wird. Vor dem Hintergrund der soziologischen Arbeiten von Erwing Goffman, George Herbert Mead und Pierre Bourdieu wird die strategische Inszenierung des Privaten durch Personen des öffentlichen Lebens untersucht.

 

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Felix Landwehr – Fußball zwischen Authentizität und Konsum

Ziel des vorliegenden Artikels ist es, den authentischen Fußball in seiner Gesamtheit zu definieren und diesen, unter Berücksichtigung der Kommerzialisierung, hinsichtlich etwaiger Einflüsse zu untersuchen. Im Fokus steht die Frage, inwiefern der Fußball durch seinen zunehmend kommerziellen Charakter an Authentizität verliert. Um diese Frage beantworten zu können, werden neben Identitätstheorien von Mead, Goffman und Erikson auch spiel- und sporttheoretische Aspekten von Huizinga, Sutton-Smith und Elias/Dunning, sowie eventsoziologischen Grundlagen von Gebhardt und Hitzler untersucht. Zusätzlich werden im Rahmen einer qualitativen Forschungsanalyse die Ergebnisse von Gruppendiskussionen zur Beantwortung der Fragestellung herangezogen.

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