Hannah Grempe: Die Moralisierung der Politik

Ob Steuerhinterziehung, Spendenaffären oder Ehebruch: Skandale um Politiker gehören zu den täglichen Debatten unserer Gesellschaft. Kaum ist ein politischer Skandal auf der Agenda, schon rollt eine Empörungswelle durch die sozialen Netzwerke und diverse Medien. Es scheint fast so, als würde die gesamte Politik moralisch korrumpiert. Dabei stellt sich die Frage, ob „die Politik“ tatsächlich schlechter geworden ist. Diese Vermutung scheint unwahrscheinlich, vielmehr könnten die vielen Skandale auf die zunehmende mediale Kontrolle der Politik zurückzuführen sein. Skandale gibt es zwar schon seit der Antike, neu ist aber die Empörungskultur, die öffentliche Debatten begleitet. Sie lässt erkennen, dass die Thematisierung von Moral in öffentlichen Diskussionen an Akzeptanz gewinnt. Denn Empörung ist nichts anderes als die Mobilisierung von eigenen Werten gegen einzelne Personen. Diese Moralisierung deutet darauf hin, dass es eine Veränderung des Verständnisses von politischer und moralischer Verantwortung in der Gesellschaft gibt. Welche Ansprüche stellen Menschen heute an das moralische Verhalten von Politikern? Und sind sie überhaupt in der Lage dazu, moralische Bewertungen vorzunehmen? Um diesen zentralen Fragen näher zu kommen, sollen die Hintergründe für die aktuelle Moralisierung politischer Themen theoretisch ergründet und mit Ergebnissen, die durch eine standardisierte Online-Befragung gewonnen wurden, überprüft werden. Die Befragten beurteilen dabei anhand von kurzen Fallbeispielen, wie moralisch verwerflich sie das in der Umfrage skizzierte Verhalten eines Politikers empfinden. Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass die Ansprüche an das moralische Verhalten sehr hoch sind und dass die Formulierung dieser Ansprüche durch die in der Medienöffentlichkeit vorherrschende Meinung beeinflusst wird.

Einleitung

Manchmal scheint es, als würde die gesamte Politik moralisch korrumpiert. Ob Steuerhinterziehung, Spendenaffären oder Ehebruch: Skandale um Politiker gehören zu den täglichen Debatten unserer Gesellschaft und sie prägen die Vorstellungen über den Missbrauch von Macht. Kulturpessimistische Deutungen führen die häufige Berichterstattung um Skandale und Normverletzungen auf den moralischen Verfall der Politik zurück, während optimistischere Erklärungen Skandale als Produkt der erfolgreichen Kontrolle der Politik durch die Medien betrachten. Medien leisten einen unverzichtbaren Beitrag zum Funktionieren einer Demokratie. Denn nur durch ihre Informationsfunktion können sich Bürger ein Bild über das politische und gesellschaftliche Geschehen machen und darauf aufbauend Entscheidungen im Rahmen ihrer staatsbürgerlichen Pflichten treffen. Neben einer reinen Informationsfunktion erfüllen die Medien eine weitere elementare Funktion, die häufig als vierte Säule der Demokratie bezeichnet wird: sie kontrollieren und kritisieren die Regierenden. Mit dieser Kontrollfunktion sowie mit der Rolle als aufklärender Berichterstatter, tragen Medien dazu bei, dass sich die Bürger eine eigene Meinung über einen unter Umständen komplexen Sachverhalt machen können. Skandale verraten daher immer etwas darüber, in welchem Verhältnis Medien, Öffentlichkeit und Politik zueinander stehen und, wie es um das Machtverhältnis zwischen den Systemen steht. In einer Diktatur sind öffentliche Skandale durch die Unterdrückung der Presse- und Meinungsfreiheit nahezu unmöglich. Ein Normbruch oder eine korrupte Handlung, die nicht öffentlich gemacht wird, ist demnach kein Skandal. Skandale zeigen also vordergründig, dass die Öffentlichkeit als Kontrollsystem der politischen Sphäre intakt ist (Bösch 2006, S.26). Sie zeigen aber auch, wie groß die Macht der Medien auf die öffentliche Meinung ist und wie leicht sich ein sorgfältig aufgebautes Image eines Politikers demontieren lässt. Skandale sind kein neues Phänomen, der Begriff „skandalon“ ist bereits aus der Antike bekannt und kommt dem Medienwissenschaftler Steffen Burkhardt (2011) zufolge bereits im vierten Jahrhundert vor Christus vor. Der Begriff wurde im Laufe der Jahrtausende zum Synonym für öffentliche Ärgernisse und Ereignisse, die als schädlich für das gesamte System gelten (Burkhardt 2011, S.138). Neu ist allerdings die Empörungskultur, die öffentliche Debatten heute begleitet. Der Begriff bezieht sich auf die oftmals anonyme und emotionale Diskussionskultur im Netz und die Wellen der Empörung, die der Aufdeckung eines Skandals und der Berichterstattung folgen. Die Empörungskultur ist ein neuartiges Phänomen und lässt erkennen, dass die Thematisierung von Moral in öffentlichen Diskussionen an Akzeptanz gewinnt. Denn Empörung ist nichts anderes als die Mobilisierung von eigenen Werten gegen einzelne Personen oder Sachverhalte. In öffentlichen Diskussionen politischer Themen lässt sich beobachten, wie wenig inhaltlich sie analysiert und kommentiert werden. Stattdessen beziehen sich die Diskussionen scheinbar fast ausschließlich auf die individuellen Entscheidungen einzelner Personen und nehmen moralische Bewertungen vor. Moralische Bewertungen treten ganz selbstverständlich auf, jegliche Diskussion wird durch die Thematisierung von Moral begleitet. Nimmt man die Beobachtungen ernst, könnte man die Frage stellen, ob wir es mit einer „Rehabilitierung der Moral“ (Großmaß und Anhorn 2013, S.7) in westlichen Demokratien zu tun haben, denn die Bedeutung der Moral im öffentlich-politischen Diskurs nimmt zu. Besonders im Zusammenhang mit Skandalen lässt sich diese Entwicklung beobachten. Einer der meist diskutierten politischen Skandale der letzten Jahre ist der Fall Christian Wulff. Als der ehemalige deutsche Bundespräsident im Dezember 2011 unter Verdacht geriet, eine Falschaussage über die Finanzierung eines privaten Hauskaufs vor dem niedersächsischen Landtag gemacht zu haben, kam es zu einer wochenlangen Medienaffäre, in deren Verlauf weitere Vorwürfe, wie die verfassungswidrige Beeinflussung der Presse, laut wurden. Wulff trat einige Monate nach Aufkommen der Vorwürfe von seinem Amt zurück; 2014 wurde der ehemalige Bundespräsident freigesprochen. Kein Richter hatte Wulff zum Zeitpunkt seines Rücktrittes für schuldig befunden. Er trat viel mehr zurück, weil kurz nach Aufdeckung des Skandals die Frage laut wurde, ob ein solcher Bundespräsident aus moralischer Sicht für Deutschland tragbar sei. Hätten dieselben Vorwürfe, die gegen Herrn Wulff erhoben wurden, noch vor 30 Jahren zwangsläufig das (vorläufige) Ende einer politischen Karriere bedeutet? Oder geht die heutige Gesellschaft auf eine Veränderung des Verständnisses von politischer und moralischer Verantwortung zu? Ziel der Untersuchung, die diesem Artikel zugrunde liegt, ist es herauszufinden, welche Ansprüche Menschen an das moralische Verhalten von Politikern stellen. Auf Basis der theoretischen Beschäftigung mit der grundlegenden Moralfähigkeit des Menschen, dem Einfluss der öffentlichen Meinung auf den Einzelnen und der komplexen Beziehung von Politik und Medien, werden Hypothesen gebildet, die durch quantitative Forschung in Form einer standardisierten Online-Befragung überprüft werden. Die Befragten beurteilen dabei anhand von kurzen Fallbeispielen, wie moralisch verwerflich sie das in der Umfrage skizzierte Verhalten eines Politikers empfinden.

Die Moralisierung der Politik

Folgt man Zygmunt Baumann, ist der Mensch zwar ein grundlegend moralisches Wesen, er verliert seine Moralfähigkeit aber, sobald er mit sozialen Anderen, sprich der Gesellschaft, in Berührung kommt. Baumann spricht von einer a priori Moralität, das bedeutet, dass Menschen vor jeder Gesellschaft oder vor dem Erlernen bestimmter Normen und Regeln dazu fähig sind, moralisch zu handeln. Baumann beschreibt das Moralempfinden in seinem Werk Postmoderne Ethik (1993) als Impuls und biologischen Trieb, der in jedem Individuum verankert ist. Die Fähigkeit, moralisch zu handeln, ist allerdings an eine Bedingung geknüpft: Das Individuum darf in seinem Moralisch-Sein nicht behindert werden. Denn Baumann geht von einer unaufhebbaren Verflechtung von Individualität und Moral aus. Nur in seiner Ungeteiltheit ist das Individuum „moralisch in seiner ursprünglichen individuellen Existenz“ (Kron 2014, S.298). Im moralischen Raum bleiben die Dinge, die das tägliche Leben jedes Menschen ausmachen – „der Kampf ums Überleben und Vorankommen, das rationale Wägen von Mittel und Zweck, das Berechnen von Gewinn und Verlust, genauso wie Vergnügungssucht, Macht, Politik oder Fragen der Wirtschaft“ (Baumann, 1999, S.85) – außen vor. Im moralischen Raum werden gesellschaftliche Konventionen und Regeln bedeutungslos, denn hier werden Menschen auf ihr Wesentliches reduziert: das Mensch-Sein. In seiner Konzeption des moralischen Raumes lässt sich bereits erkennen, wie kritisch Baumann die Rolle der Gesellschaft und den Einfluss des sozialen Anderen auf die Moralität des Individuums sieht. Durch das Auftreten des sozialen Anderen, der dritten Person, wird das Individuum daran gehindert, seine a priori Fähigkeit – einem anderen Wesen gegenüber moralisch zu handeln – auszuüben. Dem sozialen Anderen zu begegnen, bedeutet zwangsläufig, sich aus dem moralischen Raum hinauszubegeben und damit die Fähigkeit, moralisch zu handeln, zu verlieren. Der moralische Andere ist nicht mit dem sozialen Anderen zu vereinbaren, denn die Objektivität des sozialen Akteurs zerstört den natürlichen moralischen Impuls (Kron 2014, S. 301).  Auch wenn Baumanns Theorie nicht aus soziologischer Perspektive betrachtet werden kann, gesteht sie den starken Einfluss der Gesellschaft ein und beschreibt die problematische Beeinflussung des Moralempfindens des Individuums durch sein Umfeld. Moral und Gesellschaft prallen aufeinander und damit bleibt eine wichtige Erkenntnis für die Frage, wie Menschen das moralische Verhalten von Anderen beurteilen: „Der Andere als ein Dritter kann nur außerhalb von Moral erfasst werden“ (Kron 2014, S. 302). Das bedeutet in Baumanns Verständnis, dass die Bewertung einer moralischen Handlung einer dritten Person nur auf Grundlage sozial erlernten Verhaltens möglich ist und nicht an sich richtig ist.

Hoffnungsträger für die Vereinbarung von Moralfähigkeit und Gesellschaft könnte nach Ansicht von Wissenschaftlern wie Ulrich Beck die Individualisierung sein, „die der Gesellschaft eine neuartige, der postmodernen Ethik adäquate ‚Sozialmoral des eigenen Lebens’ beschert“ (Kron 2014, S. 303). Der fortschreitende Individualisierungsprozess könnte eine „Möglichkeit zur moralischen Erneuerung“ (Kron 2014, S. 303) werden. Denn die Individualisierung könnte dem Einzelnen genügend Platz zur Entfaltung seines moralischen Impulses geben und ihn vom unmittelbaren Einfluss von Normen und Regeln der Gesellschaft separieren. Im Zuge der Entwicklung zu einer individualisierten Gesellschaft werden vorhandene gesellschaftliche Strukturen immer mehr zu Angeboten. Sie sind keine Sollens-Vorgaben mehr, sondern Angebote, auf die das Individuum zur Orientierung zurückgreifen kann. Der Einzelne selbst ist es, der das Soziale erzeugt. Denn die meisten Vorstrukturierungen wie Werte, Normen und Klassen fallen weg, Entscheidungen werden in der Folge komplexer und sind von Kontingenz geprägt. Die Gesellschaft wird zur Multi-Optionengesellschaft. Wie Kron (2014) argumentiert, könnte die Individualisierung die Gesellschaft theoretisch wieder moralischer. Denn „Individualisierung befreit den moralischen Impuls von Rationalitätszwängen“ (Berger 1996, S.66), sodass das Individuum frei von Normen und Zwängen moralisch individueller über das Verhalten bestimmter Personen urteilt.

Der Preis, den der Einzelne für die vermeintlichen Freiheiten der Individualisierung zahlen muss, ist außerdem „ein durchaus hoher Preis, wenn der Umfang aller Entscheidungen bedacht wird, denen sich ein freier Mensch Tag für Tag gegenüber sieht“ (Bauman 1999, S.26). Angesichts der Fülle von Informationen, der zu bewertenden Sachverhalte und der wachsenden Unsicherheit, die ohne die Komplexitätsreduktion durch gesellschaftliche oder institutionelle stabile Normen entsteht, kommt es zu einer Überforderung des Individuums. Niklas Luhman (2008, S.29) beschreibt „die Überlastung durch Komplexität und Kontingenz“ als charakteristisch für das menschliche Erleben, denn Menschen haben nur ein begrenztes Potenzial für bewusste Wahrnehmung und Informationsverarbeitung und die Bildung von Urteilen. Es gibt kaum Orientierungshilfen in der postmodernen Gesellschaft, sodass das Individuum als Reaktion einen deutlich stärkeren moralischen Kompass entwickelt, um sich durch die Multioptionen-Gesellschaft zu navigieren. Die eigene Moral bleibt die einzige Konstante und dient der Abgrenzung und Selbstversicherung bei der Beurteilung komplexer Sachverhalte. Die Bedeutung und Akzeptanz von Moral in der Gesellschaft nimmt demnach insgesamt zu. Die Thematisierung von Moral begleitet jegliche Diskussion, denn sie kann von jedem vorgenommen werden. Diese Entwicklung ist aber durchaus kritisch zu sehen. Denn wenn es um die Beantwortung fundamentaler, moralischer Fragen geht, fühlt sich nun jeder in der Lage, sie zu beantworten. Die Definition von Moral wird zunehmend „laisiert“ (Neidhardt 2004, S.229). Daher eignet sich die Bezeichnung „Moralisierung“ wenn die Thematisierung der Moral in öffentlichen Diskussionen untersucht werden soll. Denn unter Moralisierung ist eine starre Aushandlungsweise zu verstehen, in der die eigenen Werte zu „unverhandelbaren Wertewahrheiten“ (Bogner 2013, S.44) werden. Möhring-Hesse (2013, S.152) weist im Zusammenhang mit dem Begriff „moralisieren“ darauf hin, dass er nicht zu den klassischen Grundbegriffen der philosophischen Ethik gehört.  Der Begriff weist auf etwas Problematisches hin, denn er wird allgemein mit „Moral predigen“ verbunden. Im alltagssprachlichen Gebrauch bezieht sich der Sprecher mit dem Begriff in der Regel auf Andere. Moralisieren beschreibt also eine Tätigkeit, die einer dritten Person zugeschrieben wird. Mit dem Verb wird das Herstellen einer Moral bezeichnet, „die vor diesem Tun nicht oder zumindest nicht in dieser Gestalt bestanden hat“ (Möhring-Hesse 2013, S.155). Durch die Moralisierung eines Themas kann jemand zum Handeln verpflichtet werden, denn die Verbindlichkeit der normativen Ansprüche wird gesteigert (Möhring-Hesse 2013, S.155). Das Verb „moralisieren“ bezeichnet das Herstellen einer Moral, die ursprünglich nicht in dieser Form existiert hat und steigert die Verbindlichkeit der normativen Ansprüche an den Adressaten durch den/die Sprecher. Unter dem Zwang der Moralisierung, verliert der Akteur erneut seine Uneingeschränktheit, die für die Moral von zentraler Bedeutung ist. Moralisierung macht eine also Gesellschaft nicht zwangsläufig moralischer. Sie erzeugt Machtverhältnisse, verabsolutiert Werte und beeinflusst das Verhalten von Menschen.

Überträgt man diesen Gedanken auf die öffentliche Sphäre, wird deutlich, welch große Wirkung die Moralisierung eines Themas in der Öffentlichkeit haben kann. Wird eine Wertewahrheit als öffentliche Meinung deklariert, ist jegliche Widerrede oder ein sachlicher, öffentlicher Diskurs beinahe unmöglich. Wie die öffentliche Meinung entsteht und welche Akteure Einfluss darauf nehmen, ist Gegenstand wissenschaftlicher Auseinandersetzungen und soll auch hier angerissen werden, um zu ergründen, wie Menschen die Moralität von Politikern und Parteien beurteilen. Der Ausdruck öffentliche Meinung wird inflationär von Repräsentanten verschiedener institutioneller Arenen genutzt und nicht selten wird die in den Medien veröffentlichte Meinung als die öffentliche Meinung bezeichnet (Schulz 2011, S.119). Öffentliche Meinung kann ebenso als die Meinung prominenter politischer Akteure, Experten, Journalisten und Funktionäre verstanden werden. Oder sie wird als Gegenstand und Ergebnis von Meinungsumfragen betrachtet,  als „statistisches Aggregat individueller Meinungen in der Bevölkerung, wie es durch Umfragen auf Basis repräsentativer Stichproben ermittelt werden kann“ (Schulz 2011, S.119). Dabei ist die öffentliche Meinung – wie das Konzept der Öffentlichkeit selbst – eine politische Forderung, die es dem Bürger ermöglichen soll, seine Freiheiten und Rechte durchzusetzen. In diesem Sinne ist Öffentlichkeit nicht nur ein empirisches Phänomen, sondern eine „normative Zielvorstellung“ (Schulz 2011, S.119). Der normative Charakter des Begriffs resultiert aus seiner Rolle in Demokratietheorien. Im Sinne der Demokratietheorien wird Öffentlichkeit als intermediäres System verstanden, das die Forderungen und Meinungen der Bürger an politische Institutionen heranträgt und ermöglicht, dass sich Bürger aktiv an der Politikgestaltung beteiligen können. Gleichzeitig macht die Öffentlichkeit in ihrer Funktion als Mittler den Bürgern politische Entscheidungen zugänglich, damit sie sich eine Meinung bilden können. Diese normativen Ansprüche hat u.a. Habermas in seinem Werk Strukturwandel der Öffentlichkeit (1962) formuliert, in dem er die Herstellung von Öffentlichkeit und ihre politische Funktion beleuchtet. Habermas beschreibt darin aus historischer Perspektive einen demokratietheoretischen Idealtypus der Öffentlichkeit. Zur Zeit der Aufklärung versammelten sich Privatleute zu einem Publikum und tauschten Erfahrungen und Meinungen über das aktuelle Geschehen aus. Der Diskurs zeichnete sich dadurch aus, dass Bürger unabhängig von ihrem gesellschaftlichen Status jegliche Probleme thematisieren konnten. Es entstand eine Frühform bürgerlicher Öffentlichkeit, in der Kommunikationsbedingungen herrschten, „unter denen die diskursive Meinungs- und Willensbildung eines Publikums von Staatsbürgern zustande kommen kann“ (Habermas 1990, S.38). Dieses von Habermas formulierte Verständnis wird auch Diskursmodell bezeichnet, weil es besonderen Wert auf den Stil der Kommunikation und die Darlegung rationaler, nachvollziehbarer Argumente legt. Den Staat – die Sphäre der öffentlichen Gewalt – grenzt Habermas deutlich von der Öffentlichkeit und der Meinungs- und Willensbildung unter Bürgern ab. Der Staat wird den „Akteuren der Peripherie“ (Schulz 2011, S.116) gegenübergestellt: diese Akteure sind Bürger, die Akteure der Zivilgesellschaft (bürgernahe Vereinigungen) und vermachtete Akteure (professionelle Organisationen und Interessensgruppe). Die vermachteten Akteure sollen die Öffentlichkeit keinesfalls dominieren – es sind die Bürger und Akteure der Zivilgesellschaft, die die Öffentlichkeit bilden sollen. Das Verhältnis von vermachteten und nicht-vermachteten Akteuren muss ausgewogen bleiben, damit die öffentliche Meinung nicht verzerrt wird. Dieses Verhältnis hat sich mit dem Aufkommen der Massenmedien grundlegend geändert, denn die Verbreitung und Akzeptanz der  Medien in der Gesellschaft begünstigt einen Rückzug in die häusliche Privatheit und verringert die Notwendigkeit, aus dem Privaten in die Öffentlichkeit herauszutreten. Es findet ein Strukturwandel von der bürgerlichen Öffentlichkeit zur massenmedial hergestellten Öffentlichkeit statt, sodass eine Medienmacht entsteht.  Wenn sich die Öffentlichkeit auf eine „vermachtete Arena“ reduziert und sich die Entfremdung der Bürger von der Politik verstärkt, wird die öffentliche Meinung verzerrt (Jäckel 1999, S.223). Aus Sicht von Habermas zerstört die Vermachtung der Medien das emanzipative Potenzial der Öffentlichkeit, denn die ehemals bürgerliche Öffentlichkeit verliert ihre wichtigste Funktion: die Artikulation eines politischen Willens. Jäckel (1999, S.220) nennt diese Entwicklung „eine Tendenz zur konsumptiven Haltung“. Der Bürger übernimmt die passive Rolle eines Zuschauers und verzichtet darauf, sich in den Diskurs, der zur Entstehung einer öffentlichen Meinung zentral ist, einzubringen. Folglich gibt es keine öffentliche Meinung in ihrer ursprünglichen Form mehr, denn sie entsteht nicht mehr in der bürgerlichen Sphäre, sondern lässt sich auf Institutionen zurückführen. Es entsteht eine Form von Publizität, die auch Schelsky (1963) mit seinem Hinweis auf die „Illusion der öffentlichen Meinung“ beschrieben hat. Es handelt sich dabei um Meinungen, “die einem verhältnismäßig engen Kreislauf über die Masse der Bevölkerung hinweg zwischen der großen politischen Presse, der räsonierenden Publizistik überhaupt und den beratenden, beeinflussenden, beschließenden Organen mit politischen oder politisch relevanten Kompetenzen (…) zirkulieren“ (Habermas 1990, S.356). Obwohl diese Meinungen sich an die breite Öffentlichkeit richten, erfüllen sie nicht die Bedingungen des öffentlichen Diskurses, denn die sind „als institutionell autorisierte Meinungen stets privilegiert und erreichen keine wechselseitige Korrespondenz mit der nichtorganisierten Masse des Publikums“ (Habermas 1990, S.356). Habermas sieht diese Entwicklung für die Demokratie äußerst kritisch, denn eine politisch funktionierende Öffentlichkeit ist notwendig, um einen Gegenpol zu der von den Massenmedien beherrschten Öffentlichkeit zu bewahren (Jäckel 1999, S.223). Diese Thesen sind aktueller denn je, zahlreiche Veränderungen im politischen Prozess weisen darauf hin, dass der vermachtete Akteur „Medien“ an Macht gewinnt. Der Stellenwert der Medien in der politischen Meinungsbildung wächst, sodass argumentiert werden könnte, dass die Medien die Peripherie verlassen haben und selbst zum politischen Akteur geworden sind. Dabei fällt dem System Medien die Aufgabe zu, alle Vorgänge im System Politik zu dokumentieren, die Ereignisse unverändert darzustellen und den Rezipienten zugänglich zu machen. „Ein normativer Eckpfeiler der journalistischen Arbeit ist das Prinzip der Objektivität. Diese zeichnet sich dadurch aus, dass sich die Berichterstattung vor allem an Fakten orientiert und nicht interpretativ angelegt ist“ (Boomgaarden und Semetko, 2012, S.444). Obwohl Objektivität die zentrale Norm journalistischer Arbeit ist, wird in der Realität deutlich: zwischen Politik und Medien herrscht eine komplizierte Wechselbeziehung, die durch die grundlegenden Veränderungen in der Medienbranche im Laufe der letzten 20 Jahre noch verstärkt wurde. Die Beziehung ist so eng, dass manche wissenschaftliche Autoren wie Schulz (2011) dazu neigen, Politik über Kommunikation zu definieren. Massenmedien wie Presse, Radio, Fernsehen und das Internet leisten einen unverzichtbaren Beitrag zum Funktionieren einer Demokratie. Denn nur durch die Informationsfunktion der Medien können sich Bürger ein Bild über das politische und gesellschaftliche Geschehen machen und darauf aufbauend Entscheidungen im Rahmen ihrer staatsbürgerlichen Pflichten treffen. Neben einer reinen Informationsfunktion erfüllen die Medien eine weitere elementare Funktion, die häufig als vierte Säule der Demokratie bezeichnet wird: sie kontrollieren und kritisieren die Regierenden. Mit dieser Kontrollfunktion sowie mit der Rolle als aufklärender Berichterstatter tragen Journalisten dazu bei, dass sich die Bürger eine eigene Meinung über einen unter Umständen komplexen Sachverhalt machen können. Medien nehmen demnach eine dienende Rolle ein, denn sie unterstützen die Politikdarstellung und Informationsvermittlung an die Bürger aktiv und sind auf die Weitergabe von Informationen durch politische Vertreter angewiesen. Anhänger der Determinationsthese sprechen daher von einer großen Abhängigkeit der Medien von der Politik. Denn sie sind nach Schulz (2011, S.49) den „Instrumentalisierungsstrategien des politisch-administrativen Systems“ ausgesetzt, die Defizite in der Politik durch die Kontrolle der Massenmedien zu kompensieren versuchen“. Die zunehmende Medialisierung von Politik erschüttert aber diese „dienende Rolle“ der Medien. Statt der Politik im politischen Prozess zu dienen, haben sich die Medien zu einer „eigenen politischen Institution emanzipiert und vertreten als politische Akteure eigene politische Interessen“ (Schulz 2011, S.32). Es entsteht eine wachsende Abhängigkeit der Politik von den Medien. Anfangs hatten die Massenmedien die Funktion von Chronisten, die als „unbeteiligte Beobachter das Handeln Dritter verzeichneten“, „im Laufe der  Entwicklung wurden sie zusätzlich zum Auslöser von Pseudo-Ereignissen, die jemand eigens zum Zwecke der Berichterstattung inszeniert“ (Kepplinger 2009, S.20). Es hat eine Machtverschiebung zugunsten der Medien stattgefunden. Kepplinger weist in diesem Zusammengang auf die Veränderungen der funktionalen Beziehungen der beiden Systeme hin: „Ähnlich wie zwischen Partei und Wahlvolk sind die Massenmedien als Informationsträger zwischen das System der politischen Herrschaft und die Bevölkerung getreten“ (2009, S.16). Einige Theoretiker wie Marcinkowski (1996) gehen davon sogar davon aus, dass Politik erst durch ihre mediale Darstellung existiert. Politische Institutionen sind auch aus dieser Sichtweise von Medien abhängig, was wichtige Folgen für das Selbstverständnis von Journalisten und ihrer Machtrolle hat. Aber auch die Medien befinden sich in einer Art Abhängigkeit: bedingt durch die Medienkrise müssen sie sich immer stärker am Massenpublikum orientieren und Inhalte im Hinblick auf ihre Kommerzialisierung und ihr Unterhaltungspotenzial entwickeln. Besonders Skandale – ein häufig genutzter Negativismus-Bias – sowie persönliche Geschichten lassen sich am besten monetarisieren. Die Ausrichtung der Inhalte auf diese Logik und die Medialisierung der Politik führen in der Folge zwangsläufig zu einer Skandalisierung und Personalisierung der Politikberichterstattung. Skandale sind nicht immer das Ergebnis der erfolgreichen Funktion der Medien als Kontrollorgan, sondern werden als Negativismus-Bias für die kommerziellen Interessen eingesetzt. Wird nun das Verhalten eines Politikers durch die Medien (und damit in der Öffentlichkeit) moralisiert, entsteht ein Machtverhältnis, das die Politiker angesichts einer drohenden Empörungswelle in die Defensive drängt und zum Rücktritt zwingen kann.

Forschungsmethode

Folgende Annahmen sollen durch quantitative Forschung in Form einer standardisierten Online-Befragung überprüft werden:

  1. Menschen haben hohe Ansprüche an das moralische Verhalten von Politikern.
  2. Je unbeliebter Menschen einen Politiker einschätzen, desto kritischer beurteilen sie sein Verhalten.

Die quantitative Methode eignet sich aus mehreren Gründen: es handelt sich um einen moralisch aufgeladenen Untersuchungsgegenstand sodass durch die Anonymität der Befragung validere Daten erzeugt werden können, als durch andere Methoden. Um die Hypothesen zu überprüfen wurde eine Online-Umfrage mit den Umfrage-Anbieter Questback Unipark vom 11.05.2015 bis zum 12.06.2015 durchgeführt. Die Grundgesamtheit stellen alle in Deutschland wahlberechtigten Bürger dar. Da eine Vollerhebung – d.h. die Befragung aller Wahlberechtigten – aufgrund begrenzter Mittel und Ressourcen nicht möglich ist, wurde eine Teilerhebung durchgeführt und Stichproben gezogen. Um signifikante Erkenntnisse zu erreichen, sollten mindestens 200 in Deutschland wahlberechtigte Personen befragt werden. Durch die Natur der Methode erfolgte die Stichprobenauswahl willkürlich, Teilnehmer wurden sowohl aktiv als auch passiv rekrutiert und über E-Mail Einladungen und dem Posting des Umfragelinks in den eigenen sozialen Netzwerken und in themenspezifischen Facebook Gruppen akquiriert. Die Repräsentativität der Ergebnisse ist damit nicht gewährleistet.

Ergebnisse

Die grundlegende Annahme, dass Menschen das moralische Verhalten von Politikern kritisch beurteilen, kann nach Auswertung der Ergebnisse bestätigt werden. Den Teilnehmern wurden vier Fälle von Fehlverhalten prominenter Politiker präsentiert, die sie auf einer Skala von „Sehr kritisch“ (1) bis „Überhaupt nicht kritisch“ (6) beurteilen sollten. Durchschnittlich beurteilten die befragten Personen die skizzierten Fälle als „Kritisch“ (Mittelwert 1,9). Um die zweite Hypothese zu überprüfen, wurde der Zusammenhang zwischen der Bewertung der skizzierten Fälle und der Beantwortung der Fragen nach der allgemeinen Popularität (im Sinne von Beliebtheit der Politiker) untersucht. In drei von vier Fällen besteht ein negativer linearer Zusammenhang. Je unbeliebter ein Politiker eingeschätzt wurde, desto kritischer wurde sein Verhalten beurteilt. Die aufgestellte These lässt sich damit bestätigen.

Diskussion und Fazit

Menschen lösen sich im Rahmen der Individualisierung von traditionellen Strukturen, die nach und nach an Bedeutung verlieren und verschwinden. Das gilt auch für die Politik: hier bleiben die institutionellen Strukturen zwar nach wie vor bestehen, es findet aber eine Individualisierung des politischen Verhaltens statt, was zur Folge hat, dass Persönlichkeitseigenschaften von Politikern wichtiger werden als die Parteipolitik oder politische Richtung. Gleichzeitig lässt sich beobachten, wie wenig inhaltlich und wie moralisch aufgeladen Diskussionen rund um das Verhalten einzelner Politiker geführt werden. Diese Diskussionen finden vor allem in der Medienöffentlichkeit statt, die inzwischen ein Synonym für die ehemals bürgerliche Öffentlichkeit ist. Im Wettlauf um die Quoten und Auflagen untergraben die klassischen Medien teilweise die eigene Legitimation durch die Skandalisierung von Politikern (Pörksen und Krischke 2013, S.7). Skandale und Affären bestimmen wie nie zuvor tägliche Moralfragen der Menschen und das bedeutet, dass die Thematisierung der Moral zunehmend Akzeptanz in der Gesellschaft findet. Politische Akteure werden zunehmend in die Defensive gedrängt und, wie man an zahlreichen Fällen der jüngeren Vergangenheit beobachten kann, zum Rücktritt gezwungen weil sie moralisch nicht mehr tragfähig sind. Tatsächlich zeigen sich in den Ergebnissen der Umfrage einige signifikante Zusammenhänge, die in der Theorie formuliert wurden. Die grundlegende Annahme, dass Menschen das moralische Verhalten von Politikern äußerst kritisch beurteilen, kann nach Auswertung der Ergebnisse bestätigt werden. Das wird zum einen durch die Moralisierung politischer Themen in der Medien-Öffentlichkeit gefördert, zum anderen könnte die Individualisierung ein entscheidender Faktor dafür sein. Denn in der individualisierten Gesellschaft gibt es kaum Orientierungshilfen für die eigene Lebensgestaltung. Die Verantwortung, die mit den neuen Freiheiten einhergeht, muss das Individuum fortan alleine tragen. Jede Entscheidung muss daher auf mögliche Risiken abgeschätzt werden, was Unsicherheiten hervorruft – sowohl auf privater als auch gesellschaftlicher Ebene. Als Reaktion auf diese neue Realität entwickelt das Individuum einen deutlich stärkeren moralischen Kompass, um sich durch die Multioptionen-Gesellschaft zu navigieren. Die eigene Moral bleibt die einzige Konstante, wenn Werte nicht mehr von normativen Strukturen übernommen werden können, denn sie dient der Abgrenzung und Selbstversicherung bei der Beurteilung komplexer Sachverhalte. Die Moral kann durch die Absenz von moralvorgebenden Institutionen und Gruppen von jedem vorgenommen werden. Dass Moral häufiger thematisiert wird, bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass die Gesellschaft moralischer wird. Die Qualität dieser neu empfundenen Moral ist kritisch zu betrachten, denn wie Baumann bereits beschrieben hat, ist die wahre Moral nur schwerlich mit der Gesellschaft zu verbinden. Ist es doch eher ein „Moral predigen“, dass sich auf Dritte bezieht und das Handlungen Anderer bewertet. Wird ein Thema erst einmal moralisiert, ist ein sachlicher Diskurs nahezu unmöglich. Kritisch wird es auch dann, wenn eine Sichtweise als die öffentliche Meinung deklariert wird. Denn Menschen orientieren sich in der Entwicklung des eigenen moralischen Kompasses bzw. bei der moralischen Bewertung an anderen Menschen und dem, was normal erscheint. Zwar kann diese Orientierung auch durch eine direkte Erfahrungen aus dem unmittelbaren Kontakt mit dem Umfeld erfolgen, in der Regel sind es aber die Medien und die dargestellte öffentliche Meinung, die als Orientierung dienen, denn sie erreichen ein disperses Publikum. Die Ergebnisse der Umfrage zeigen, dass sich Menschen in ihren moralischen Bewertung von der öffentlichen Meinung beeinflussen lassen. In drei von vier Fällen besteht eine signifikante Korrelation zwischen der moralischen Beurteilung und der Einschätzung der Beliebtheit eines Politikers. Je unbeliebter ein Politiker eingeschätzt wurde, desto kritischer wurde sein Verhalten beurteilt. Die aufgestellte These lässt sich damit bestätigen. Das ist durchaus kritisch zu sehen, denn öffentliche Meinung ist häufig ein Synonym für Medien-Meinung. Habermas zeichnet in diesem Zusammenhang ein eher düsteres Bild der bürgerlichen und politischen Öffentlichkeit: ein Strukturwandel findet statt, sodass Medien selbst zum politischen Akteur werden und nicht mehr nur dazu beitragen, Öffentlichkeit herzustellen, sondern die öffentliche Meinung alleine verantworten. Der Einfluss der Medien ist also gestiegen, die Qualität der Medienberichterstattung aber nicht. Im Zuge der Medienkrise werden Inhalte immer stärker an der Publikumslogik ausgerichtet. Sie erfüllen eine Unterhaltungsfunktion und werden kommerzialisiert. Gleichzeitig gibt es nur noch einige wenige Medienhäuser und wenige Ressourcen für Recherchen und exklusive Inhalte, sodass sich die Medieninhalte verschiedener Anbieter immer häufiger decken. Und so auch die formulierten Meinungen. Zwar sind Medien dem Gebot der Objektivität verpflichtet,  Journalisten können die Realität aufgrund strukturellen Unvermögens und mangelnder Ressourcen nicht immer gewährleisten. Bei schwächer werdenden Redaktionen gewinnen externe Informations- und Inhaltgeber – z.B. die politischen PR – immer stärker an Einfluss.

 

 

Literaturverzeichnis

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Hier gibt’s die PDF-Version des Fachartikels 

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Flexibilität, Wandel, moderne Gebäudekomplexe, schnelle Prozesse. Diese Begriffe prägen heutzutage die Unternehmenskultur erfolgreicher Organisationen. Doch kann man solche Aspekte generell aus jedem Blickwinkel als positiv betrachten? Dieser Fachartikel möchte einen Überblick darüber geben, wie sich neuartige Arbeitswelten und flexible, sich schnell wandelnde, soziale Umwelten auf das wichtigste Kapital einer jeden Organisation auswirken – den Arbeitnehmer und seine Gesundheit. Eine erste Darstellung kommunikationswissenschaftlicher Aspekte des Handelns von Subjekten in Institutionen dient der weiteren Analyse gesundheitsfördernder Maßnahmen, die der Arbeitnehmer trifft, um schnellen Wandlungen in seiner Umwelt gerecht zu werden. Vornehmlich wurde das Thema Gesundheitsförderung bisher aus Sicht des Arbeitgebers betrachtet. So liest man heutzutage häufig von krankheitspräventiven Maßnahmen, die Betriebe anbieten. Dass Gesundheitsförderung jedoch ein umfassenderes Verständnis von Gesundheit vermitteln muss und in Organisationen frühzeitig eine beiderseitige Verantwortung seitens Arbeitgeber und -nehmer erfordert, konnte durch eine qualitative Forschung bestätigt werden. Ausschlaggebend ist, dass der Arbeitnehmer Regulatorien entwickelt, um sich wirkliche Erholung zu verschaffen und eine psychophysische Balance zu fördern. Diese besteht für ihn im Pflegen sozialer Kontakte sowie in der Nutzung von Fitness- und Rückzugsmöglichkeiten – abseits des Campus, aber auch vor Ort.

Wandel und Flexibilität

“Nichts ist so beständig wie der Wandel.“ (Heraklit von Ephesus, n. d., cited in Meifert 2011, p. 214). So sagte es schon der Philosoph Heraklit von Ephesus ca. 540-480 v. Chr. In der heutigen Zeit dreht sich die Welt scheinbar immer schneller, Veränderungen bedeuten im gleichen Atemzug auch immer etwas aufzugeben. So liegt der Ausgangspunkt dieser Forschung in der Problematik, dass Unternehmen, die sich in schnell wandelnden und dynamisch entwickelnden Umwelten befinden, mit permanentem Wandel konfrontiert werden. Unentwegte Veränderungen erfordern Handlungs- und Koordinationsprozesse im Unternehmen zwischen den einzelnen Subjekten in ihrer sozialen und materiellen Umwelt (Sennett 2000, p. 26). Als relevante Anspruchsgruppe hat diese Problematik vor allem Auswirkungen auf die Mitarbeiter. Handlungsroutine, welche generell als essentiell wichtige Ressource für Handlungssicherheit gilt, wird durch diesen Wandel verhindert, sodass Subjekte stets neue Wirklichkeiten und soziale Beziehungen des Arbeitsumfeldes aushandeln müssen und ihnen Flexibilität aufgezwungen wird (Sennett 2000, pp. 58-64). Dies bedeutet, wie auch Statistiken zu entnehmen ist, eine Belastungssituation für die Handlungssubjekte, was zu krankheitsbedingten Ausfällen durch übermäßigen Stress, Burnout, Depressionen sowie weitere gesundheitliche Probleme führen kann (Knappschaft 2015, o. S.). Eine veränderte sozio-technische Umwelt bedingt daher Veränderungsprozesse und die Analyse verschiedener, gesundheitsstiftender Prozesse im Unternehmen.

Während der Fokus von Unternehmen bisher häufig auf Maßnahmen der Krankheitsprävention, der Vermeidung des Eintretens von Krankheiten lag, hat sich in den letzten Jahren die Perspektive vieler Unternehmen in diesem Zusammenhang erweitert. Strategien der ganzheitlichen Gesundheitsförderung treten in der Forschung zunehmend in den Vordergrund. Gesundheitsförderung umfasst alle Eingriffshandlungen, die der Stärkung von individuellen Fähigkeiten der Lebensbewältigung dienen und fokussiert nicht nur verbesserte medizinische, sondern ebenso soziale und kulturelle, sowie Arbeitsbedingungen der Lebensgestaltung der Bevölkerung (Hurrelmann 2013, pp. 151-153). Vornehmlich soll dieser Fachartikel aufzeigen, welche Strategien des Handelns der Arbeitnehmer in seinem sozialen Umfeld selbst entwickeln kann, um sich an die komplexe Außenwelt anzupassen und was das Unternehmen daraus lernen kann, um sinnvolle Change Prozesse für den Mitarbeiter einzuleiten.

Unternehmenskommunikation hat seinen Ursprung in einer komplexen Lebenswelt. Diese muss zum Verständnis der Prozesse in Unternehmen und der Unternehmen mit ihrer Umwelt analysiert werden. Der Mensch ist ein handelndes Wesen in Institutionen wie beispielsweise Unternehmen. Diese Institutionen weisen dem Menschen Rollen zu und regulieren sein Handeln. Wie wir Dinge und unsere Welt wahrnehmen hängt grundlegend von der symbolischen Interpretation der Wirklichkeit ab. Durch das Benennen von Dingen können wir im Dialog mit anderen Menschen über diese Dinge sprechen und ihnen eine symbolische Bedeutung zuweisen. Diese Eigenschaft, Dinge aktiv zu benennen und darüber zu kommunizieren, unterscheidet darüber hinaus den Menschen vom Tier. Kommunikativ erzeugte, soziale Lebenswelten und Symbole werden durch das Handeln verbunden und bauen auf der vorrationalen, psychischen Welt auf. Jeder Mensch ist in eine Vielzahl von Institutionen eingebunden, die er selbst nicht mehr überschauen kann. Dies mündet häufig in der Entstehung von Spannungen, die über Kommunikation gelöst werden können. In diesem Zusammenhang hilft besonders die Unternehmenskommunikation, den in institutionellen Geflechten eingebundenen Unternehmen, einerseits Konflikte zu bewältigen, als auch Potentiale auszuschöpfen. Somit kann das Unternehmen seine gesellschaftliche Bedeutung vermitteln (Schmid, Lyczek 2006, pp. 6).

Trotz des Überblicks, den Schmid/Lyczek über die generelle Bedeutung der Kommunikation in Unternehmen im Sinne systemischer Theorie geben, fehlen wichtige interaktionistische Aspekte der Kommunikation, die das Individuum in den Mittelpunkt der Betrachtung als handelndes Wesen rücken, das weder konstanten, noch starren Zuständen unterliegt (Rommerskirchen 2014, p. 148). Um die Gesundheit des einzelnen Mitarbeiters analysieren zu können ist die Systemperspektive dementsprechend zur Begründung der Handlungsweisen einzelner Individuen nicht ausreichend.

Die heutige Situation in den meisten Unternehmen ist selten durch Konstanz geprägt, sondern wird durch Flexibilität und generellen Wandel bestimmt. Soziale und materielle Umwelten entwickeln sich dynamisch. Arbeitsweisen, Aufgaben und das soziale Umfeld bleiben daher oftmals nicht beständig.

Das einzelne Individuum im Betrieb muss ständig neue Wirklichkeiten aushandeln, sich neuen Arbeitsweisen, Mitarbeitern und Vorgesetzten anpassen und mit den unterschiedlichsten Akteuren im Unternehmen differenziert kommunizieren. Unternehmen bestehen folglich aus sozialen Beziehungen (Sennett 2000). Daher reicht der Blick in systemtheoretische Theorien wie von Schmid/Lyczek nicht aus. Es müssen ebenfalls interaktionistische Ansätze erläutert werden, um genauer aufzeigen zu können, wie ein Mensch (besonders fokussiert wird hier der Mitarbeiter) im Unternehmen handelt und das unter Berücksichtigung von sich wandelnden Umwelten.

Der einzelne Akteur erlangt in diesem Kontext erst durch die gesellschaftliche Interaktion Identität. Innerhalb der Kommunikation entwickeln die Individuen Handlungssicherheit (Rommerskirchen 2014, p. 116). Sie handeln die Beziehungsebene sowie eigene Machtposition aus. Hingegen beschreibt Bourdieu den Menschen als Produkt der ihn umgebenden Gesellschaft und vor allem auch seiner Sozialisation (Dimbath 2012, p. 292). Diese Sichtweise grenzt den Soziologen von Pragmatikern wie Mead ab. Meads sozialbehavioristische Theorie stellt das Individuum ins Zentrum der Argumentation und beschreibt aus diesem Ausgangspunkt heraus den Menschen als vernunftbegabtes und auch aktives Wesen, das Symbole schafft und diese zur Prozesssteuerung nutzt. (Rommerskirchen 2014, pp. 161). Somit reagiert das Individuum nicht mehr nur passiv auf Stimuli (Mead 1973, p. 44, cited in Schmid/Lyczek 2006, p. 6). Gemeinsam ist den Ansätzen von Bourdieu und Mead jedoch, dass sich die Individuen aneinander orientieren, ihr Handeln aufeinander abstimmen und in sozialen Situationen nicht nur aufgrund eines reinen Nutzen-Kosten-Kalküls reagieren. Gemeinsam werden, dank des sozialisierten, inkorporierten Blickwinkels, Probleme bewältigt (Reichertz 2009, pp. 234).

Flexible Umwelten fördern das Individuum jedoch nicht nur, sondern bringen ebenso Komplikationen mit sich. So verschwimmen nach dem amerikanischen Soziologen Sennett Arbeits- und Privatleben immer stärker durch die Ermöglichung einer flexiblen Tagesgestaltung. Eine neue Arbeitsmoral entwickelt sich mit der modernen, kapitalistisch geprägten Gesellschaft, langfristige Ordnung weicht einem kurzfristigem Regime (Sennett 2000, p. 26). Während Prozesse immer schneller ablaufen, schwindet sowohl das Sicherheitsgefühl als auch die Kontrolle des einzelnen Arbeitnehmers immer rasanter, Ambiguitäten lassen sich nicht mehr verhindern. Der Mensch gerät in einen Zustand des Dahintreibens (Sennett 2000, p. 22), Strukturen werden demontiert (Sennett 2000, pp. 27). Dennoch sind die Autonomie und das selbstbestimmte Leben Ziel vieler Menschen (Ehrenberg 2012, p. 2). Diese Veränderungen nimmt ein Großteil der Menschen jedoch nicht gleichgültig auf (Sennett, pp. 36). Die heutigen gesellschaftlichen Strömungen in Form von Flexibilität und Individualität (Beck/Beck-Gernsheim 1994, p. 13) haben demnach nicht nur positive Auswirkungen auf das Individuum, sondern machen häufig grundlegend krank. So können narzisstische Persönlichkeitsstörungen auftreten sowie auch depressive Erkrankungen (Ehrenberg 2012. p. 2).

Die Frage, die sich dahingehend stellt, ist, in wie fern der Arbeitgeber Verantwortung für den Mitarbeiter trägt, ob er auf die generelle Arbeitssituation einwirken kann und was der Arbeitnehmer selbst tun kann, um sich in der heutigen Zeit im Unternehmen gesund zu halten. Wo beginnt Bevormundung durch den Arbeitgeber und wie viel Einfluss auf gesundheitliche Aspekte durch den Arbeitgeber ist angebracht? Bereits an diesem Punkt kann man festhalten, dass Mitarbeiter als Träger des Wissens Kenntnis darüber haben, wie sich gesund gehalten werden kann. Individuen sind in Bezug auf ihre Arbeitsstelle, als handlungsleistende Mitarbeiter, auch Stakeholder genannt, in Unternehmen eingebunden (Schmid, Lyczek 2006, pp. 92-93). Daher gilt es im Folgenden zu überprüfen wie es sich mit der Gesundheit in Unternehmen verhält. Ist eine moderne und flexible Unternehmenswelt immer förderlich für die Gesundheitsentwicklung? Mit der bisher erfolgten Analyse konnten wichtige Einblicke in die Kommunikation erlangt werden. Sie dienen als Grundlage für den anschließenden Abschnitt, in dem die Fragestellung über Gesundheit beantwortet werden soll.

Aspekte der Gesundheitsförderung

Gesundheit: Sie ist das höchste und zentrale Gut, an der das Individuum sein Leben ausrichten sollte (Aerztezeitung 2010). Dieser Abschnitt soll gesundheitsfördernde Aspekte vor dem Hintergrund des bereits beschriebenen flexiblen, dynamischen Unternehmensumfeldes genauer beleuchten.

Die integrativen Ansätze von Salutogenese (Aaron Antonovsky) und Sozialisation sind in Bezug auf Gesundheitsförderung von maßgeblicher Wichtigkeit, da sie die Gesundhaltung und nicht die Krankheitsbekämpfung fokussieren. Durch wirtschaftliche, kulturelle und soziale Umweltbedingungen werden individuelle Entwicklungsprozesse über alle Lebensphasen hinweg ermöglicht und wirken sich auf Gesundheit und Krankheit sowie deren dynamische Prozesse aus. So hat beispielsweise der sozioökonomische Status erheblichen Einfluss auf Gesundheits- und Krankheitsentwicklungen. Nur durch eine beiderseitige psychische und physische Kompetenz kann der Mensch den Anforderungen der Umwelt, denen er im Leben ausgesetzt wird, gerecht werden und sie bewältigen. Während das salutogenetische Modell den Aspekt der Spannungsverarbeitung und der Ressourcen für den Widerstand in den Mittelpunkt stellt und grundsätzlich Krankheits- und Gesundheitsdynamiken betrachtet, baut das Sozialisationsmodell hauptsächlich auf der Idee auf, Lebensphasen und deren Abläufe zu analysieren um Lebensanforderungen zu meistern. Weiterhin untersucht das Sozialisationsmodell die sozialen und personalen Voraussetzungen (Hurrelmann, Richter 2013, pp. 138).

Der Mensch als aktives Wesen tauscht sich kontinuierlich zwischen innerer (subjektive Lebenswelt mit personalen Ressourcen, z.B. Intelligenz/Begabung) und äußerer Realität (sozialstrukturelle Gesetze mit sozialen Ressourcen, z. B. finanzielle Ausstattung) aus (Hurrelmann, Richter 2013, pp. 129). Er testet seine Möglichkeiten aus und greift, wenn notwendig, zum eigenen Nutzen in seine Persönlichkeitsentwicklung ein. Somit sind die Ausbildung der Persönlichkeit und der Gesundheit eng miteinander verknüpft und resultieren aus körperlich-geistigen Bedürfnissen, vorliegenden Gegebenheiten und Vorschlägen der sozial-dinglichen Umwelt (Hurrelmann, Richter 2013, pp. 129).

Ausgehend von den beiden Modellen lässt sich nun interdisziplinär eine konsensfähige und integrative Begriffsfestlegung von Gesundheit und Krankheit aus den über Jahren bestätigten Theorien dokumentieren. Gesundheit stellt ein Gleichgewicht von Faktoren des Schutzes und des Risikos dar. Erreicht wird diese Balance aus den überwundenen inneren Anforderungen (physisch und psychisch) sowie den äußeren Anforderungen (materiell und sozial). Hingegen stellt Krankheit die Lage des Unwohlseins eines Individuums dar, die sich entwickelt, wenn sich Schutz- und Risikofaktoren nicht die Waage halten und somit inneren und äußeren Ansprüchen nicht getrotzt werden kann. Gesundheit und Krankheit, als relative Zustände, bilden sich während der einzelnen Lebensphasen und -situationen immer wieder neu aus. Durch die Vorstellung eines Kontinuums von Krankheit und Gesundheit (Bengel et al. 2001, p. 32) wird die Erfassung dynamischer Zusammenhänge, Herausforderungen und Bewältigungsmuster der beiden Pole ermöglicht (Hurrelmann, Richter, 2013, pp. 126). Es wird in diesen Stadien nur begrenzt Lebensfreude und das Gefühl des Wohlbefindens zugelassen, sodass immer wieder daran gearbeitet werden muss (Hurrelmann, Richter 2013, pp. 146).

Die Gesundheitsförderung scheint summa summarum das Thema Gesundheit ganzheitlicher zu betrachten und somit als umfassender Entwurf einen Teil der Krankheitsprävention zu umschließen, da sie explizit die Aufrechterhaltung von Gesundheitsstadien verlangt (Hurrelmann, Richter 2013, p. 151) und somit eine umfassendere Sichtweise aufweist. Als zwei gegensätzliche Strategien können Krankheitsprävention und Gesundheitsförderung jedoch nicht gesehen werden. Nach dem biomedizinischen Modell sind Krankheit und Gesundheit messbare Zustände, die aus äußeren Faktoren hervorgehen: Der Mensch wird von der Krankheit heimgesucht, die im Anschluss behandelt werden muss. Der betroffene Kranke hat nach dieser Sichtweise eine passive Rolle, die behandelnde Person hingegen liegt in der Verantwortung der Krankheit entgegen zu treten. Die zweite, neuere, biopsychosoziale Sichtweise allerdings zeigt das Kontinuum von Krankheit und Gesundheit auf und ordnet dem Betroffenen die aktive, sich mit dem Thema befassende Rolle zu. Jede einzelne Person ist nach dieser Sichtweise in der Verantwortung etwas für das eigene Wohlbefinden zu tun. Da Menschen in der Regel unterschiedlich auf Störungen des körperlichen Befindens reagieren, muss der psychischen Verarbeitung des Menschen besondere Aufmerksamkeit beigemessen werden. Aus diesem Argument heraus wird deutlich wie wichtig es ist, besonders das Individuum zu betrachten, da es selbst großen Einfluss auf die eigene Gesundheit nehmen kann (Schulte-Meßtorff, Wehr 2013, pp. 26). Im Anschluss sollen die Strategien des Arbeitnehmers zur Verbesserung und Beibehaltung gesundheitlicher Zustände am Arbeitsplatz analysiert werden.

Optimierung der Gesundheit im Betrieb durch den Arbeitnehmer

Individuen wird eine aktive Rolle zuteil, wenn es um den Erhalt der Gesundheit geht. Die Wahrnehmung dieser Verantwortung ist jedoch unterschiedlich. Dies liegt laut gesundheits-psychologischen Forschungen häufig an der gesundheitsbezogenen Selbstwirksamkeit, dem Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, Gesundheit zu erhalten und allgemein gesehen einen Einfluss auf die bisherige Gesundheit zu nehmen. Diese Selbstwirksamkeit ist bei jedem Menschen unterschiedlich ausgeprägt. Darüber hinaus sind betrieblich bedingte soziale Faktoren wie Normen oder Regelungen häufig informell und daher nicht offensichtlich zu erkennen. Beispielsweise gibt es oftmals in Unternehmen eine vom Arbeitgeber erwünschte Verhaltensweise der 24-stündigen Erreichbarkeit. Dies impliziert, dass Gesundheitsförderung nicht nur vom Arbeitgeber vollzogen werden kann sondern auch seitens des Arbeitnehmers eine aktive Auseinandersetzung mit und Äußerung zu diesem Thema bedingt. Das Unternehmen muss einerseits die unerlässlichen Ressourcen zur Verfügung stellen zur Förderung und Umsetzung positiver Ziele und Absichten im Verhalten, ebenso muss der Einzelne eine Verantwortung zum Thema Gesundheit aufbauen und selbständig fördern. Die Unterstützung durch den Arbeitgeber muss sich somit auch am Bedarf des Arbeitnehmers orientieren (Schulte-Meßtorff, Wehr 2013, pp. 27). Im weiteren Verlauf sollen nun einige mögliche Maßnahmen als Überblick aufgezeigt werden, die besonders aktuell in Betrieben Anwendung finden.

Psychophysische Strategien

Um einen Ausgleich zur Arbeit herzustellen und zur Steigerung des körperlichen Bewusstseins bedienen sich viele Menschen sportlich-geistiger Praktiken, die einerseits eine physische Stärkung hervorrufen und andererseits einen Ausgleich zu Arbeitsprozessen herstellen sollen. Dies ist notwendig aufgrund der durch Flexibilisierung steigenden Arbeitsbelastungen in Unternehmen, wie es auch schon Sennett festgestellt hat (Sennett 2000, pp. 22-28). Der Zustand des Wohlseins wurde erstmalig, laut Oxford English Dictionary, im 17. Jahrhundert in einer Biographie entdeckt. Der Begriff wealnesse bedeutete in diesem Kontext so viel wie gute Gesundheit (Hertel 2003, n. p.). In Deutschland drückt der Begriff bis heute das Vorhandensein von Konzepten für menschliches Wohlbefinden, Entschleunigung sowie Entspannung aus. Dennoch lässt diese Haltung die Perspektive der eigenen Verantwortung für das Thema außen vor (Heise 2015, pp. 354). Zur Entgegenwirkung von Stress werden oftmals Entspannungstechniken angewendet, die innerliche und äußerliche Haltungen und Denkweisen fördern, damit sich der Mensch rundum wohlfühlen kann. Stress ist jedoch niemals völlig abwendbar. Der richtige Umgang mit Stress ist daher entscheidend.

Im Folgenden sollen die gängigsten Strategien der Gesundheitsförderung des Einzelnen, die sich auch im Betrieb anwenden lassen, aufgeführt werden. Sportliche Aktivitäten sind häufig eine wichtige Grundlage für eine gesunde Lebensweise. Dabei gibt es einige Möglichkeiten, die sich auch im Betrieb umsetzen lassen. Neben der generellen Nutzung von Fitnessstudios am Arbeitsplatz zum Stressausgleich und dem Vorbeugen sowie Entgegenwirken gesundheitlicher Defizite (access.de 2012, n. p.) dienen auch weitere gesundheitsfördernde Strategien der Fitness des Mitarbeiters. Es sollen kurz einige gesundheitsfördernde Möglichkeiten angesprochen und anschließend im Überblick im vorliegenden Fallbeispiel aufgezeigt werden.

Maßnahmen Yoga & Pilates

Yoga ist eine beispielhafte Methode zur Förderung der Gesundheit wie es auch eine Vielzahl an Studien belegen und kann auch am Arbeitsplatz durchgeführt werden. Bei dieser indischen Meditations- und Bewegungslehre wird nicht nur die Vitalität des Menschen gesteigert sondern auch aktiv Stresssituationen vorgebeugt. So bestätigt etwa eine Studie des American College of Sports, dass bereits 2,5 Stunden Yoga pro Woche ausreichen, um beispielsweise Asthmaerkrankungen zu lindern. Weiterhin steigert Yoga bei regelmäßiger Ausübung die körperliche Leistungsfähigkeit und verbessert Zustände eines erhöhten Blutdrucks oder auch Depressionen. Generell hilft Yoga dabei den Arbeitsalltag zu entschleunigen, eine innere Balance sowie Fitness aufzubauen, die körperliche Ästhetik zu erhöhen (Aerzteblatt 2014, p. 23) und Stress durch Kontrollübungen besser managen zu können. Wie beim Erlernen einer Sprache müssen die Yoga-Übungen für eine langfristige Wirkung ständig wiederholt werden. Vor allem bei chronischen, psychosomatischen Erkrankungen zeigt die indische Lehre Wirkung, wenn die Schulmedizin versagt (Wallner 2013, pp. 1-7).

Weiterhin gewinnen Individuen durch das häufig mit Yoga verwechselte und von Jospeh H. Pilates erfundene Pilates Ergebnisse in der Muskelstraffung und Haltungsbesserung. Bei dieser gesundheitsförderlichen Strategie wird der Fokus somit auf körperliches Wohlbefinden gelegt. Zwar wird immer wieder betont, dass es keine spirituellen Berührungspunkte hat, dennoch ist ein körperliches Wohlbefinden, wie bereits ausführlich analysiert, immer auch eng verbunden mit psychischem Wohlbefinden, das aus körperlicher Gesundheit resultieren kann (Werner 2015, n. p.).

Kampfsport Tai Chi Chuan

Eine weitere Jahrtausende-alte Energiewissenschaft ist das chinesische Tai Chi Chuan. Es handelt sich um eine Kampfkunst, die ebenfalls gesundheitsfördernde Aspekte mit sich führen kann. Der Begriff setzt sich aus den Wörtern Tai Chi – das Erhabene Letzte – (oder auch als höchste Unendlichkeit übersetzt) und Chuan – der Faust – zusammen. Tai Chi beschreibt also eine hoch effektive Kampfkunst, eben wie der Name schon sagt: das oberste Prinzip des Faustkampfes. Der Mensch soll Lebenskraft als Quelle für vitalere Alltagssituationen nutzen, beispielsweise in angreifenden Notsituationen wie schwerer Krankheit. So soll dem Einzelnen durch die Anwendung von Tai Chi neue Energie zukommen und die Praktik bewusst genutzt werden. Die konzentrierte Ausführung der langsamen Bewegungen kann zu Wohlbefinden und dem Training von Entspannung führen und somit Körper und Geist gleichermaßen fördern. Auch diese Methode eignet sich über alle Alters- und Gesundheitsstrukturen hinweg für jeden Menschen (tai-chi.de 2004, n. p.).

Die Kraft des autogenen Trainings

Darüber hinaus hat sich Autogenes Training zu einem bewährten Selbsthilfe-Mittel für den Mitarbeiter zur Gesundheitsförderung entwickelt. Unter Autogenem Training versteht man eine Entspannungsmethode, die auf Autosuggestion, Selbstbeeinflussung, basiert und vom Berliner Psychiater Schultz aus den Grundprinzipien der Hypnose weiterentwickelt wurde. Generelle Voraussetzung ist eine ruhige Körperhaltung, sodass die Muskeln einer völligen Entspannung unterliegen. Es folgen Kurzformeln die sich die Person im Geiste aufsaugen muss und folglich Konzentration hervorruft. Die Aufwachphase ist darüber hinaus von höchster Wichtigkeit und muss richtig durchgeführt werden, damit die Person nicht weiterhin in tranceartigen Zuständen verweilt (Gesundheit.de n. d., n. p.).

Die Methode kann vom Individuum bewusst gegen Nervosität, Depressionen, Schlafstörungen, Migräne, Leistungsschwäche sowie weitere psychosomatische Symptome eingesetzt werden. Sie ist ebenso zur generellen Stressprophylaxe und Ausgeglichenheit fördernd einzusetzen. So kann sich das Individuum im schnelllebigen Arbeitsalltag gesund halten. Autogenes Training ist, wie die bereits untersuchten vorherigen Methoden, nicht an Alter oder Geschlecht gebunden und eignet sich damit, um auch im Betrieb in Kurzpausen trainiert zu werden und flexiblen Wandlungen im Umfeld gelassener gegenüber zu stehen (Landeshauptstadt Düsseldorf 2015, p. 1). Neben diesen Strategien dienen ebenfalls Tanz-Sport, Cardio- und Ausdauertraining dem Wohlbefinden und der Gesundheit (Reinhardt 2007, n. p.).

Die förderliche Wirkung gesunder Ernährung

Als letzter Punkt soll nun die gesundheitsförderliche Wirkung von ausgewogener Ernährung angesprochen werden. Risikofaktoren wie ungesunde Fehlernährung oder übermäßiger Konsum können Erkrankungen und generelles Unwohlsein mit sich führen. Dies kann sich letztendlich auch auf das geistige Befinden auswirken (Schnurr 2010, p. 1). Daher liegt ein weiterer gesundhaltender Ausgangspunkt in der gesunden Ernährung. Die Ursachen für ungesunden, schnellen Konsum sind häufig im Zeitmangel, der einseitigen Ernährung, oder in dem Versuch, Stress abzubauen, und eine Ausgleichshandlung zu finden, begründet. Fehlernährung kann eine Verkettung von Negativ-Zuständen auslösen, beispielsweise zu körperlichem wie auch psychischem Missbefinden führen, unproduktiv machen und eventuell in langfristigen Arbeitsausfällen münden. Daher ist eine gesunde Ernährung mit genügend Vitaminen und Nährstoffen unabdingbar, um bereits im Zustand des Gesundseins anzusetzen, sodass eine Gesundhaltung aus ernährungswissenschaftlicher Sicht begünstigt wird und der Griff nicht zu Kuchen oder Schokoriegeln geht. In Betrieben sollte gesunde Ernährung ein ständiges Thema sein. Damit Arbeitnehmer langfristig gesehen bewusst konsumieren können, muss der Arbeitgeber Grundvoraussetzungen stellen. So sollten Institutionen wie Kantinen oder auch Cafés im Betrieb gewisse Möglichkeiten bieten und durch Aktionstage und Motivationstraining das Thema deutlicher ins Bewusstsein des Individuums rufen. Gesundes Essen steigert den Mitarbeiter im Arbeitsverhalten durch notwendige Nährstoffe, die für Geist und Körper wichtig sind, damit sich die Person konzentrieren, aber auch Krankheiten trotzen kann (Zentrum der Gesundheit 2015, n. p.).

Was ist nun aber gesunde Ernährung? Menschen haben grundsätzlich im Vergleich zu Tieren längst keinen Ur-Instinkt mehr, was gut für sie ist. Das liegt in der übermäßigen industriellen und chemiereichen Produktion begründet. Grundlegend gilt: Gesund ist alles, was naturbelassen ist und nicht industriell überarbeitet oder künstlich geschmacklich verstärkt wurde und somit auch nicht zu Unverträglichkeiten führen kann. Der Konsum industrieller Produkte lässt sich in der heutigen Welt nicht mehr vermeiden, da diese Lebensmittel fortwährend präsent sind. Im Betrieb ist die immerwährende gesunde Ernährung aufgrund von Zeitmangel jedoch schwierig umsetzbar. Als Grundprinzip gilt dennoch: Natürliche Produkte wie Obst und Gemüse sind nahrungsnotwendig und sollten daher zur Förderung der Gesundheit regelmäßig konsumiert werden und einen Ausgleich zu den nicht vermeidbaren, industriell hergestellten Produkten bieten. So kann vorhandene Gesundheit gehalten werden (Zentrum der Gesundheit 2015, n. p.).

Weiterhin ist eine Maßnahme des Mitarbeiters das Einhalten einer richtigen Mittagspause, um grundsätzlich das Essen während des Konsums bewusster wahrzunehmen. So ruft sich der Mitarbeiter die Menge an Produkten, die er konsumiert hat eher ins Gedächtnis, behält den Überblick und schaltet gedanklich von Stresssituationen im Job ab. Stressoren werden abgebaut und Anspannungssituationen lösen sich. Sind generelle Pausen im Unternehmen nur schwer möglich und der Griff zu Fastfood kaum vermeidbar, kann diese Situation mit Nachliefern der Nährstoffzufuhr am Morgen oder am Abend ausgeglichen werden. Besonders gilt, viel Obst und Gemüse, jedoch auch wenig Fette und Salze zu essen, viel Wasser zu trinken, vielseitige und abwechslungsreiche Lebensmittel zu konsumieren und sich Zeit für die Pausen zu nehmen (Bundesministerium für Gesundheit 2014, pp. 50-51 & 54-55).

Der Arbeitgeber kann ebenso dafür sorgen, die richtigen Produkte anzubieten, indem er dem Arbeitnehmer Nudges, kleine denkanstoßende Anschubser (Thaler and Sunstein 2011, p. 13), gibt, beispielsweise in Form von Vergünstigungen gesunder Lebensmittel im Betrieb oder der Betriebskantine. So können gesundheitsförderliche Angebote wahrgenommen, langfristig genutzt und sich von eventuellen Gewohnheitshandlungen des ungesunden Konsums abgewendet werden. In Folge der stetigen Arbeitsbelastung und des Drucks einer immerwährenden Einsatzfähigkeit durch flexibilisierte Arbeitsbedingungen (Sennett 2000, p. 72) erscheint dem Mitarbeiter die zur Verfügung stehende Zeit häufig als regressiv (Opaschowski 2008, p. 38). Durch sinnerfüllende Freizeit-ähnliche und sportlich aktive Momente während der eigentlichen Arbeitszeit erfährt der Mitarbeiter die Zeit als effizient und somit oftmals sogar als wertvoll, da sie einen Ausgleich bildet zur sonst fremdbestimmten Arbeitszeit (Roslon 2015, p. 8). Letztendlich ist das Ziel, beim einzelnen Mitarbeiter im Betrieb ein höheres Körperbewusstsein zu entwickeln, damit er selbständig Maßnahmen zur langfristigen gesundheitlichen Förderung entwickelt.

Psychische Gesundheitsförderungsmaßnahmen

Um einen gedanklichen Abstand zu den möglichen Stresssituationen zu bilden, oder frühzeitig keinen Stress aufkommen zu lassen, ist neben den bereits erwähnten Strategien ebenso die geistige Förderung wichtig. Dies ermöglicht dem Arbeitnehmer beispielsweise die Routinebildung in Form von selbstgeschaffenen Regeln und Abläufen, die im Unternehmen anfällt, um Schwankungen im Umfeld auszugleichen. Durch die aktive und selbstbestimmte Durchführung der bereits beschriebenen gesundheitsfördernden Maßnahmen und die darin wachsende Erfahrung erreicht das Individuum Wissen. Dies kann einen hohen Wohlfühlfaktor für das Individuum darstellen und geistiges Wohlbefinden am Arbeitsplatz auslösen (Roslon 2015, p. 8).

Auch im Sinne des französischen Philosophen Foucault öffnet Wissen neue Horizonte der Kontrolle, Freiheit und somit Macht. Durch Wissen lernen die Individuen die sie umfassende Wirklichkeit zu deuten und Machtpotentiale zu bilden (Foucault 2005, p. 257). Die geistige Zufriedenstellung drückt sich dementsprechend in körperlicher Wellness aus. Dahingehend wird klar, wie eng Körper und Psyche zusammenhängen. Die Auswirkungen der vom Arbeitnehmer getroffenen Maßnahmen erfahren die Mitarbeiter körperlich und bilden somit Wissen aus, wie sie sich weiterhin gesund halten können, welche Versuche bei ihnen Wirkung zeigen und welche nicht. Dies wirkt sich auch emotional und entspannend auf die Psyche des Arbeitnehmers aus und er erfährt positive Gefühle (Roslon 2015, p. 7).

Ferner bildet das regelmäßige Pflegen sozialer Kontakte während der Arbeitszeit eine weitere soziale Ressource zur Erhaltung der Gesundheit. Man tauscht sich über die jeweilige Arbeitssituation aus und kommuniziert zeitweilig Schwierigkeiten. Der Blick von außen ermöglicht es dem Arbeitnehmer eine gewisse Distanz aufzubauen und die gegenwärtige Situation aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten. Die Beziehungen bedeuten für den Einzelnen auch, wie erörtert, die Gewinnung von Widerstandsfähigkeit. Resilienz (Resilienz meint in diesem Kontext einen Gegenpol zur Verwundbarkeit) zu entwickeln bedeutet jedoch nicht, nach der Bewältigung und dem Absolvieren einer Herausforderung in die Ausgangslage zurückzuspringen, sondern Wohlbefinden wiederherzustellen, indem das Verhalten durch die neu erlangten Erfahrungen abgeändert wird. Somit erfolgt auch keine Rückkehr in den Ausgangszustand. Durch den Austausch (indem der Arbeitnehmer seinen Gefühlen und Gedanken Ausdruck verschafft) mit dem sozialen Umfeld, wie Arbeitskollegen, erlangt der Arbeitnehmer zusätzliches Wissen und erfährt zusätzliche, kollektive Deutungs- und Handlungsmuster. Dieser Blickwinkel auf soziale Ressourcen basiert auf salutogenetischen Aspekten der Gesundheitserhaltung. Im Fokus steht daher abermals die Entstehung von Gesundheit (Promberger et al. 2015, pp. 271).

Praxisorientierte  Forschung

Zur Beantwortung der Forschungsfrage nach den gesundheitsfördernden Strategien der Arbeitnehmer am Arbeitsplatz konnte die Analyse der Situation in einem modernen Telekommunikationsunternehmen weitere, an die Theorie anschließende, Ergebnisse erzielen. Zur Datenerhebung hat sich besonders die Anwendung einer qualitativen Methode geeignet, die, aufgrund ihrer Offenheit, Interpretationen und daher auch die Generierung von Hypothesen zulässt (Glaser/Strauss 1967, pp. 39 & Strauss/Corbin 1996, pp. 7). Hypothesen werden demnach nicht ex ante formuliert (Hoffmann-Riem 1980, p. 345) sondern kristallisieren sich im Laufe der Forschung heraus. Dennoch lassen sich in der qualitativen Sozialforschung gewisse Vorannahmen stellen, die es gilt, reflektiert offen zu legen (Hopf 1984, p. 15, Gummesson 1991, pp. 50 & Strauss/Corbin 1996, p. 56).

Letztendlich ist eine qualitative Datenanalyse insofern zu empfehlen, da ein Wirklichkeitsbereich untersucht werden soll, der in dem hier vorliegenden Kontext so noch nicht explizit untersucht worden ist, auch im Hinblick auf das Unternehmen. Es wurden zehn Leitfadeninterviews im Telekommunikationsunternehmen in der Zeit von November bis Mitte Dezember 2015 durchgeführt und diese im Anschluss über das Programm Maxqda der VERBI GmbH ausgewertet. So konnten Codierungen erstellt und wichtige Einsichten hinsichtlich der Strategien des Arbeitnehmers gewonnen werden. In Kurzform haben sich folgende Einblicke ergeben: Es wird versucht, im Fitnessstudio des Unternehmens, die durch Arbeit hervorgerufenen Haltungsschäden auszukurieren, andernfalls auch Vorsorgemaßnahmen zu treffen. Ganzheitlich gesundheitsfördernde Maßnahmen erreicht der Mitarbeiter durch das aktive Aufrechterhalten des bereits vorhandenen gesundheitlichen Zustands. Dies gelingt durch Maßnahmen wie das Pflegen sozialer Kontakte am Arbeitsplatz, Kaffeetreffen oder die Nutzung der Bibliothek. Diese Maßnahmen scheint der Arbeitnehmer unbewusst und instinktiv zu lenken. Das flexible Arbeiten und das Erleben immerwährender sozio-technischer Umwelt-Veränderungen können aus diesem Kontext heraus weder als völlig positiv, noch als gänzlich negativ bewertet werden. Einerseits ist der Mitarbeiter Unsicherheiten durch das Erleben von Routine-vermeidenden Tagesabläufen ausgesetzt, andererseits schafft er sich innerhalb dieser sich schnell wandelnden Umwelt seine eigenen routinierten Tagesabläufe (Interview 1-10, 2015).

Das immerwährende Flexible bringt darüber hinaus mit sich, dass der psychische Umgang mit Ungewissheit im Laufe der Zeit seinerseits zur Routine wird bzw. Ungewissheit und Stresssituationen durch Gewohnheit minimiert werden. Die Einrichtungen, die der Arbeitgeber stellt, erreichen positive Resonanz und werden grundlegend genutzt. Als besonders förderlich für das Wohlbefinden werden die Nutzung der hauseigenen Institutionen wie beispielsweise Café und Mensa erwähnt. Weiterhin ist nicht nur der Austausch mit weiteren sozialen Kontakten maßgeblich wichtig für die Arbeitnehmer sondern auch die Möglichkeit des Rückzugs in unternehmensinterne Räumlichkeiten (Interview 1-10, 2015). Dieser kurze Überblick soll an dieser Stelle genügen.

Schlussbetrachtung

Gesundheitsförderung ist eine wesentliche Strategie, wenn es um die langfristige Gesundhaltung des einzelnen Mitarbeiters geht. Sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer haben Verantwortung, um die Gesundheit des Arbeitnehmers zu erhalten. In Deutschland überwiegt noch immer das Verständnis einer passiven anstelle einer aktiven Gesundheitserhaltung (Schulte-Meßtorff, Wehr 2013, pp. 26). Daher ist es von großer Wichtigkeit, dass der Arbeitnehmer Eigeninitiative zeigt, besonders auch im Kontext der flexiblen, sich schnell wandelnden Umwelten im Unternehmen. Dahingehend sollten nicht einseitig krankheitspräventive Maßnahmen ergriffen, sondern der Arbeitnehmer, der selbst ein wichtiges Kapital im Unternehmen darstellt, immer wieder in den Vordergrund gerückt werden. Salutogenetische Strategien sind, obwohl sie den Umgang mit neuen flexibilisierten Anforderungen nicht explizit aufgreifen, eine gute Möglichkeit für die Erhaltung der Gesundheit. Das unternehmensinterne Individuum muss jedoch seitens der Organisation noch intensiver in den Mittelpunkt gerückt werden. Ein Unwohlsein des Körpers oder der Psyche bedingt immer auch Auswirkungen auf den jeweils anderen Part und daher sollte ganzheitliche Förderung einen Gesamtblick über gesundheitsfördernde Maßnahmen im Sinne der körperlichen und sportlichen, als auch der geistigen Betätigung mit sich bringen. Körperliche und geistige Aktivitäten zur Gesundhaltung lassen sich summa summarum nicht immer klar voneinander trennen und hängen voneinander ab. Letztendlich ist Gesundheit als Dreh- und Angelpunkt der größte Wettbewerbsvorteil für das Unternehmen und der Mensch somit auch immer die wichtigste Ressource. Die theoretische und praktische Analyse hat somit wichtige Ergebnisse zum Phänomen Gesundheitsförderung liefern können.

In Zukunft bietet sich an die erfolgte Untersuchung eine kombinierte quantitative Forschung an, um besonders valide und repräsentative Ergebnisse zu erzielen und Fragen besonders detailliert zu clustern. Daraus könnten sich weitere überraschende Ergebnisse hinsichtlich des Zusammenhangs von Alter, Geschlecht und Position und den Maßnahmen des Gesundhaltens im Unternehmen ergeben. Gesundheitsförderung im Unternehmen kann nur durch das kollektive Zusammenwirken der Generierung von Angeboten innerhalb des Unternehmens für den Arbeitnehmer und das Entwickeln eigener Strategien des Mitarbeiters gelingen. So steht das Individuum zwischen traditionellen Abläufen und einer flexiblen Arbeitskultur mit immer neuen Herausforderungen. Gesundheitsfördernde als auch stressausgleichende Maßnahmen des Mitarbeiters erfolgen meist unbewusst. Beide Strategien wirken sich direkt oder indirekt auf die Gesundheit aus, indem das Wohlbefinden, die Zufriedenheit sowie die Work-Life Balance gefördert werden. Die Gesundheitsförderung beginnt daher zu großen Teilen mit der Erhaltung grundsätzlichen Wohlbefindens und nicht erst an dem Punkt, Krankheiten entgegen zu steuern.

Eine Verknüpfung mit den im ersten Teil behandelten sozialkritischen Aspekten kann von den Interviewten naturgemäß nicht ausgesprochen werden – wir finden eine Beschreibung des Arbeitslebens in einer hochkapitalistischen Zeit wieder. Die Verdichtung der Arbeitsabläufe durch kommunikationsbeschleunigende Werkzeuge (E-Mail, Mobiltelefon und gekoppelte elektronische Geräte) und die ständige Erreichbarkeit als wesentlicher Bestandteil dieser Zeit, reduzieren die Zeiten der wirklichen Erholung. Evidenterweise müssen die Konstanten und Werte, die sich die Arbeitnehmer am Arbeitsplatz aufbauen, gefestigt werden, so dass er aus der vorherrschenden Flexibilität des Telekommunikationsunternehmens die Vorteile zieht und bestmöglich im Sinne des Unternehmens nutzt. Vorannahmen haben sich in Folge späterer Hypothesen bestätigen lassen. So beeinflusst das soziale Umfeld des Mitarbeiters sowie die Kommunikation mit diesem Umfeld maßgeblich seine Gesundheit positiv und reduziert Unsicherheit. Darüber hinaus helfen dem Mitarbeiter salutogenetische Fähigkeiten bei der selbststeuernden Gesundheitsbeeinflussung. Eine veränderte soziotechnische Umwelt scheint letztendlich allgemein gesehen somit für eine höhere Belastung zu sorgen, die Reaktionshandlungen des einzelnen Individuums bedingt.

Literaturverzeichnis

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Alina Lux – Fit for work? Eine kommunikationswissenschaftliche Untersuchung über Bedingungen und Möglichkeiten gesundheitsförderlichen Handelns am Arbeitsplatz

Flexibilität, Wandel, moderne Gebäudekomplexe und schnelle Prozesse prägen heute die Unternehmenskultur erfolgreicher Organisationen. Fraglich ist, ob die genannten Aspekte pauschal als positiv erachtet werden können. Dieser Fachartikel gibt einen Überblick darüber, wie sich neuartige Arbeitswelten und flexible, sich schnell wandelnde, soziale Umwelten auf das wichtigste Kapital einer jeden Organisation auswirken – den Arbeitnehmer und seine Gesundheit.

 

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