Fabienne Byosiere: Freundschaftsbeziehungen im Wandel: „Früher war alles besser!“ – Digitale Ermüdung als Chance für unsere analogen Freundschaftsbeziehungen?

Angesichts einer ubiquitären Präsenz der Mediatisierung im Alltag eines Individuums haben sich bereits zahlreiche Wissenschaftler mit den Auswirkungen des zunehmenden Konsums mobiler Kommunikationsmedien auf soziales Interaktionsverhalten auseinandergesetzt. Forschungsergebnisse zu den Auswirkungen einer digitalen Ermüdung in Bezug auf Freundschaftsbeziehungen sind bisweilen jedoch überschaubar. Demzufolge geht der vorliegende Fachartikel mit dem Titel „Freundschaftsbeziehungen im Wandel“ der Forschungsfrage nach, inwiefern eine digitale Ermüdung in der Gesellschaft erkennbar ist und welche Konsequenzen sich daraus für analoge Freundschaftsbeziehungen ergeben. Gemäß einer dialektischen Herangehensweise werden dazu sozialpsychologische, soziologische, systemtheoretische sowie populärwissenschaftliche Theorien kontrovers diskutiert und mit aktuellen Studienergebnissen bekräftigt. Durch Gegenüberstellung dieser Theorien konnte herausgearbeitet werden, dass eine digitale Ermüdung in der spätmodernen Gesellschaft festzustellen ist. Für das Subjekt ergibt sich daraus die Möglichkeit zur Rückbesinnung auf das wirklich einzigartige und erstrebenswerte Gut: analoge Freundschaftsbeziehungen. Entsprechend dieser Erkenntnis kann ein verstärktes Bedürfnis nach realen Freundschaftsbeziehungen als Konsequenz des digitalen Fortschritts betont werden. 

„Ich will mehr Kritik an der Art und Weise, wie wir im durchdigitalisierten Alltag miteinander umgehen, mehr Raum für Antworten, was Menschsein eigentlich bedeuten soll und was uns wirklich glücklich macht. Eine echte Auseinandersetzung. Nicht mehr nur Achselzucken, sondern endlich mal Courage. Ich will, dass wir endlich damit beginnen, Regeln auszuhandeln. Uns zu streiten. Uns zu einigen“ (Miller 2019).

Digitale Auszeit, digital Detox, digitaler Burnout, digitale Ermüdung – die Bandbreite an Bezeichnungen für eines der neuesten Phänomene in der Gesellschaft scheint unerschöpflich zu sein. Aus diesem Trend heraus wurden bereits zahlreiche Kuren, Bücher und Workshops zum digitalen Entschlacken entwickelt, die allesamt das gleiche Ziel verfolgen: Die Befreiung des Menschen aus der dauerhaften Vernetzung und ständigen Erreichbarkeit. Das Smartphone ist dabei als ständiger Begleiter als persönliches Medium an der Seite seines Besitzers und wird längst nicht mehr nur zum Telefonieren genutzt. Aus diesem Grund stellt die rasche Überlieferung einer wichtigen Information an einen guten Freund sowie das regelmäßige Lesen von E-Mails keine Seltenheit mehr dar. Die automatisierte Nutzung des Smartphones als „soziales Universalwerkzeug“ (Vorderer 2015: 1) ist längst trivial geworden.

Die Digitaltechnik sowie die mobilen Medien haben sich in den letzten 30 Jahren von Grund auf verändert und sorgen seither für eine fortwährende Abhängigkeit in unserer Gesellschaft. Seit knapp drei Jahrzehnten gewinnen Smartphones, beginnend mit dem Motorola DynaTAC 8000X, an Komplexität, Funktionalität und vor allem an Bedeutung. Die rasante Verbreitung mobiler Kommunikationstechnologien ist unaufhaltsam und so auch der Drang nach Hyperkonnektivität in der Gesellschaft. Die Mediatisierung des Alltags ist dabei als Meta-Phänomen der Digitalisierung zu verstehen und beschreibt die Veränderungen des sozialen Handelns, die aus den technischen Entwicklungen hervorgegangen sind (vgl. Bächle/Thimm 2014: 7).

Von Beginn an scheint die Digitalität daher in alle Bereiche der Gesellschaft wie selbstverständlich vorzudringen und vereinfacht zugleich die Bewältigung alltäglicher Aufgaben auf vielfältige Weise (vgl. Wiedel 2019: 54). Durch den digitalen Fortschritt lässt sich außerdem eine Veränderung des Kommunikationsverhaltens verzeichnen. Während menschliche Kopräsenz früher als zwingende Voraussetzung für Kommunikation und Interaktion galt, ermöglichen digitale Kommunikationsmedien heutzutage Kommunikation und Kontaktpflege über weite Distanzen hinweg. Damit hat eine neue Ebene der Kommunikation Einzug in die Gesellschaft gefunden: die Mobilkommunikation.

Doch was genau verbirgt sich hinter diesem anfänglich beschriebenen Drang nach „echter Auseinandersetzung“ (Miller 2019) im „durchdigitalisierten Alltag“ (Müller 2019)? Anlässlich dieses Bedürfnisses haben bereits zahlreiche Wissenschaftler Ursachenforschung betrieben, so wie auch Alexander Markowetz. Um ein ganzheitliches Bild dieser Problematik erzielen zu können, entwickelte Markowetz 2015 eine mobile Applikation, durch die das Verhalten von Smartphone Nutzern aufgezeichnet werden konnte. Die Resultate scheinen auf den ersten Blick desaströs: Rund zweieinhalb Stunden täglich ist das Smartphone in Benutzung. In dieser Zeit wird es beinahe 35 Mal für den Blick auf die Uhr und in etwa 53 Mal für eine tatsächliche Interaktion entsperrt – Tendenz steigend. Durch den Aspekt, dass das Smartphone durchschnittlich alle zwölf Minuten aktiviert wird, wird deutlich, welch enormen Einfluss die mobilen Kommunikationsmedien auf das Leben des Individuums ausüben. Konzentrationsprobleme und ein erhöhtes Stresslevel sind nur zwei bedeutende Konsequenzen, die aus diesem beachtlichen Zuwachs des Medienkonsums resultieren (vgl. Markowetz 2015: 12 f.). Die ständigen Unterbrechungen durch das Smartphone bergen vor allem in sozialen Interaktionen ein hohes Konfliktpotenzial. Wird eine persönliche Konversation mit einem Freund durch einen eingehenden Impuls des Smartphones gestört, so bricht nicht nur die Kommunikation, sondern auch die reziproke Bezogenheit der Akteure ab. Konsequenzen dieses Verhaltens lassen sich folglich auf individueller und sozialer Ebene feststellen.

Freundschaften haben seit Jahrhunderten einen hohen Stellenwert für Individuen, da sie einerseits einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung der Identität liefern und andererseits in Zeiten der Auflösung tradierter Lebensformen für Halt und Stabilität sorgen. Somit wird der Freundschaft ein bedeutender Einfluss für Vertrauen und den Fortbestand des sozialen Netzwerks einer Person zugeschrieben (vgl. Stiehler 2009: 390).

Aus dieser komprimierten Darstellung wird bereits deutlich, weshalb der Thematik rund um die digitale Ermüdung sowie den Veränderungen des Interaktionsverhaltens in den letzten Jahren besondere Aufmerksamkeit zuteilwird. Das Smartphone als Beziehungsmedium, so sagt man, bringt Menschen enger zusammen und ermöglicht personale soziale Netzwerke. Doch welche Folgen hat die immerwährende Online-Kommunikation für unsere analogen Freundschaftsbeziehungen?

Abgleitet aus diesen Erkenntnissen besteht das Ziel dieses Fachartikels in der Untersuchung der folgenden Forschungsfrage:

Inwiefern ist eine digitale Ermüdung in der Gesellschaft erkennbar und welche Konsequenzen ergeben sich daraus für analoge Freundschaftsbeziehungen?

Durch diesen Artikel erhält der Megatrend der Digitalisierung ein theoretisches Fundament und stellt zudem einen Bezug zu analogen Freundschaftsbeziehungen her. In den bisherigen Forschungen wurde bisweilen der grundsätzliche Einfluss mediatisierter Kommunikation auf unspezifische, dyadische Beziehungsgefüge untersucht. Aus diesem Grund wird nun der Fokus auf die analogen Freundschaften gerichtet.

 

Das „soziale“ Phänomen der Digitalisierung

Kultursoziologe Andreas Reckwitz versteht die digitale Revolution als eine der wesentlichen Ursachen für den Strukturwandel der Gesellschaft von der fordischen Moderne zur Spätmoderne. Handlungen und soziale Praktiken waren in der industriellen Moderne an standardisierten und generalisierten „Allgemeinisierungen“ (Reckwitz 2019: 29) ausgerichtet und Individualität nur innerhalb eines begrenzten normativen Rahmens als „doing generality“ (Reckwitz 2019: 28) möglich. Durch Urbanisierung und Industrialisierung sowie den digitalen Fortschritt entwickelte sich die Gesellschaft zu einer Spätmoderne, in welcher die Herausstellung von „Singularitäten“ (Reckwitz 2019: 12) beziehungsweise des Einzigartigen, Nicht-Austauschbaren und Besonderen für Reckwitz das höchste Gut darstellt. Doch durch die vorherrschende Pluralisierung, Auflösung traditioneller Lebensformen und Enthierarchisierung als Konsequenzen des soziologischen Fortschritts hat sich das Internet zu einer Affektmaschine entwickelt, in der jeder Rezipient ebenso zum Produzenten wird (vgl. Reckwitz 2019: 235 f.). „Doing singularity“ (Reckwitz 2019: 51) gilt daher als neuer Treiber der Gesellschaft, wodurch Valorisierung und Entvalorisierung zum zentralen Merkmal werden, an dem jegliches Handeln sowie die Produktion von Kulturformaten wie Texte und Bilder ausgerichtet werden (vgl. Reckwitz 2019: 14). Durch den enormen Zuwachs an digitalen sozialen Medien und einer Produktion von Kulturformaten im Überfluss entwickelt sich ein digitales Zeitalter der Schnelllebigkeit, in dem nur noch das Gegenwärtige zu zählen scheint. Demzufolge wird nicht mehr des Inhalts wegen kommuniziert, sondern nur noch um der Kommunikations willen. Mobile Geräte ermöglichen dabei die ständige Verfügbarkeit dieser unzähligen Kulturformate und tragen wesentlich zur Mediatisierung des Alltags bei (vgl. Reckwitz 2019: 239 f.). Aus Angst nicht mithalten zu können und als unsichtbar zu gelten unterliegt das Individuum somit einem Zwang nach Profilierung, durch den es Anerkennung und Sichtbarkeit in der virtuellen Welt zu sichern versucht. Laut Reckwitz befindet sich folglich jedes Individuum in diesem Kampf um Sichtbarkeit und ist daher gezwungen dem Effekt der Aktualität dauerhaft nachzukommen. Dazu inszeniert sich das Subjekt in den digitalen Medien mit einem möglichst authentischen Profil, indem es sein besonderes, singuläres Leben für die Öffentlichkeit sichtbar macht (vgl. Reckwitz 2019: 265 f.). Im Hintergrund werden mittels Data tracking die Datenspuren des Subjekts algorithmisch zusammengesetzt, um Vorhersagen über Verhaltensweisen ableiten zu können. Durch diesen Prozess wird das Individuum folglich selbst zur Singularität, dem eine explizit zugeschnittene Selektion an Inhalten zur Auswahl präsentiert wird (vgl. Reckwitz 2019: 16). Aufgrund des vorherrschenden Pluralismus und einer nur begrenzten Aufmerksamkeitsfähigkeit ist das Individuum nicht in der Lage die hoch komplexe Umwelt vollständig zu erfassen (vgl. Reckwitz 2019: 260). Folglich greift es auf diese vorselektierten Inhalte zurück und bewegt sich nur innerhalb dieses Rahmens.

Andreas Reckwitz nimmt in seinem Werk eine ausführliche Erklärung der Verschiebung des Allgemeinen zum Besonderen vor, die mit einer Veränderung geltender Normen und sozialer Praktiken einhergeht. Dabei hebt er besonders die neue Lebenswelt der Singularitäten hervor. Dadurch wird jedoch der Eindruck vermittelt, dass nur noch die Gegenwart zählen würde und Gedanken über die Zukunft eher zweitranging betrachtet werden. In seinen Ausführungen legt er den Fokus auf das Individuum, wodurch er dem Drang nach Individualisierung in der Spätmoderne nachzukommen scheint. Es wird jedoch der Anschein erweckt, dass Reckwitz Individualisierung lediglich vorschiebt, da seinen Ausführungen nach zu urteilen jedes Subjekt im Kampf um Anerkennung nach Individualität strebt. Zusammengefasst klingt dies eher nach einer Kollektiv-Individualität, als nach einer subjektiven Individualität. Dieser Umstand wirft die bisweilen unbeantwortete Frage auf, inwiefern dann überhaupt noch Differenzierungen zwischen den einzelnen Individuen auftreten können, wenn alle nach demselben Gut streben: Anerkennung und Sichtbarkeit. Darüber hinaus scheint der Sinn des Lebens nur noch in der Herausstellung von Singularitäten zu bestehen, wodurch das Subjekt regelrecht daran bemessen wird, ob ihm dies gelingt oder nicht. Entzieht man sich diesem Zwang nach Profilierung, gilt man als abgehängt und unsichtbar, so Reckwitz. Daran anknüpfend stellt das Scheitern für Reckwitz keinerlei Option dar. Die Ausführungen des Kultursoziologen erinnern daher anstelle eines Wandels vielmehr an eine Art gesellschaftliche Strömung, wie sie schon in der Vergangenheit zahlreich vorgekommen ist.

 

Die Welt als Verdoppelung von Daten

Als Systemtheoretiker greift Armin Nassehi diese systemtheoretischen Aspekte ebenfalls in seinen Ausführungen auf, verfolgt jedoch eine substantiellere Leitfrage: „Welches Problem wird durch die Digitalisierung gelöst?“ (Nassehi 2019: 8). Bei der Erörterung der „dritten Entdeckung der Gesellschaft“ (Nassehi 2019: 50) versteht er die Digitalisierung als Bezugsproblem der Gesellschaft selbst, weshalb die Gesellschaft in seinen Augen auch schon immer digital gewesen sei und folglich ein bereits vorhandenes Bedürfnis stillen würde. Den Ursprung der Digitalisierung verortet Nassehi auf den Beginn der Sozialstatistik im 19. Jahrhundert, welche schon damals die Aufdeckung bestimmter Regelmäßigkeiten verfolgte und den dabei Menschen als binäre Codierung verstand (vgl. Nassehi 2019: 31). Auch für Nassehi ist die spätmoderne Gesellschaft durch Beschleunigung, Pluralismus und Momentaufnahmen charakterisiert. Dabei schließt er sich nicht nur in diesem Punkt an Reckwitz Erkenntnissen an, sondern begreift die Umwelt ebenso als zu komplex, um sie vollständig erfassen zu können. Anders als Reckwitz verfolgt Nassehi jedoch eine tiefergehende Analyse der Digitalität, die er als Verdoppelung der Welt durch Daten versteht. Aus dieser Verdoppelung leitet er eben diese Komplexitätssteigerung ab und erachtet die Möglichkeit zur Rekombination von Daten ebenso wie Reckwitz als ursächlich dafür (vgl. Nassehi 2019: 33 f.). Weiterhin versteht auch Nassehi die im Internet hinterlassenen latenten Datenspuren, die beim Verweilen in sozialen Medien und bei der Nutzung mobiler Datengeräte entstehen, als Grundlage des Data trackings. Mit dessen Hilfe werden latente Strukturen sichtbar gemacht und Verhalten somit kalkulierbar (vgl. Nassehi 2019: 266 f.). Die Möglichkeit zur Ableitung dieser Daten dient dabei dem Erhalt von Stabilität in der Gesellschaft, da nur so ihr Fortbestand gesichert werden kann. Aus Sicht der beiden Soziologen verfolgt dieser Prozess das Ziel der Komplexitätsreduktion der Umwelt, weshalb Individuen diese Selektion aus funktionalistischen Gründen, gemäß Nassehi, annehmen (vgl. Nassehi 2019: 31). Die Konsequenzen, die Nassehi aus diesem Prozess zieht, sind nicht mit Reckwitz Schlüssen vereinbar. Während Individualität als das höchste Gut in der Gesellschaft der Singularitäten durch Hervorbringen dieser Singularitäten gilt, ist Individualität für Nassehi nichts weiter als berechenbares, vorhersagbares Verhalten aufgrund der Aufdeckung der Datenspuren. Demzufolge schaut Nassehi hinter diese vermeintliche Individualität, die Reckwitz erläutert, und scheint damit Reckwitz Theorie zu enthebeln. Als Resultat dieser Aufdeckung der latenten Strukturen erkennt Nassehi eine Art Widerstand und ein sich verbreitendes Gefühl von Demütigung in der Gesellschaft (vgl. Nassehi 2019: 125). Das Gefühl der Demütigung scheint vor dem Hintergrund, dass Nassehi den Subjekten jegliche Individualität abspricht, nachvollziehbar.

Aus dieser Gegenüberstellung geht deutlich hervor, dass beide Soziologen, trotz unterschiedlicher Leitfrage, eine deutliche Komplexitätssteigerung der Umwelt sowie einen enormen Zuwachs an digitalen sozialen Medien mit der Digitalisierung in Verbindung bringen. Durch den Fortschritt der Digitalisierung scheint sich die Welt von ihren tradierten Lebensformen gelöst zu haben und ist seither durch Beschleunigung, Schnelllebigkeit und Pluralismus gekennzeichnet. Digitalisierung als innovativer Motor hat somit dazu geführt, dass dem Individuum vorselektierte Inhalte präsentiert werden, die auf Basis seiner Spuren im Internet abgeleitet worden sind. Nassehi unterstellt dem Individuum dahingehend, dass es aufgrund einer Überforderung dankend auf diese Inhalte zurückgreift. Mit seiner Theorie gelingt es Nassehi zu verdeutlichen, wie stark der Mensch noch immer im kollektivistischen System gefangen und zugleich durch seinen Habitus geprägt ist. Individualisierung wird demzufolge dementiert, obwohl in der heutigen Moderne ein starkes Bedürfnis danach erkennbar ist. Anstatt sich mit diesem Aspekt differenziert auseinanderzusetzen, benennt Nassehi jedes noch so individuelle Verhalten als vorhersehbar und berechenbar, ohne einen begrenzten Interpretationsraum zu ermöglichen.

Im Gegensatz zu Reckwitz betrachtet Nassehi Selbstdarstellung und -inszenierung als eine spezifische Sichtweise auf Digitalisierung, bezweifelt jedoch deren tiefergehenden aufklärenden Einfluss. Reckwitz hebt deutlich diese beiden Aspekte in seiner Theorie hervor, welche er als charakteristisch für die heutige Spätmoderne erachtet. Daraus wird deutlich, dass die Soziologen einer unterschiedlichen Leitfrage nachgehen, dennoch betonen beide, dass Algorithmen dazu beitragen den Rezipienten eine Selektion an Vorschlägen zu unterbreiten, bei der irrelevante Reize ignoriert werden und somit Komplexität reduziert wird. In Reckwitz Ausführungen wird das Streben nach Individualität mehrfach deutlich betont und somit zum Gegenstand seiner Untersuchung gemacht. Durch öffentliche Selbstdarstellung kommt das Individuum dem Zwang nach Profilierung nach, um Singularitäten herauszustellen. Nassehi scheint bei diesem Aspekt hinter die Fassade zu blicken und konstatiert, dass dieses Verhalten alles andere als individuell, sondern klar berechenbar ist. Mit diesem Punkt enthebelt er Reckwitz Kernthese der Individualität der Spätmoderne.

 

Digitalkommunikation als Störsender des sozialisatorischen Spiegels

Die Konsequenzen der Erweiterung der digitalen Möglichkeiten lassen einen wesentlichen Einfluss auf die Kommunikation und Interaktion zwischen Akteuren erkennen, welche sich infolge der Digitalisierung weiterentwickelt haben. Stellt man die gesellschaftlichen Veränderungen nun den Veränderungen der analogen Kommunikation gegenüber so wird deutlich, dass die Konsequenzen des gesellschaftlichen Wandels einen bedeutenden Einfluss auf die Identitätsentwicklung laut Mead ausüben. Zu George Herbert Meads Lebzeiten (1863-1931) stellte Individualität, anders als bei Reckwitz, kein hohes Bedürfnis dar. Vielmehr untersuchte Mead die notwendigen Voraussetzungen für die Entwicklung der Identität, welche sich bei Mead über das Innere des Subjekts entwickelt und sich aus dem impulsiven Ich, dem „I“ (Mead 2017: 241) und dem reflektierten Ich, dem „Me“ (Mead 2017: 241) zusammensetzt. Aus der Synthese der beiden Ich-Anteile entwickelt sich somit das „Self“ (Mead 2017: 241) beziehungsweise die persönliche Identität eines Individuums. Auch in diesem Punkt sind Meads Ansichten nicht mit Reckwitz vereinbar, da laut Reckwitz Identität über das Äußere, durch Herausstellung der Singularitäten, entsteht. Gemäß Meads pragmatischem Ansatz entwickelt sich Identität durch Kopräsenz mit einem signifikanten Anderen wie einem Freund, indem sich das Individuum unmittelbar auf sein Gegenüber reflektiert (vgl. Mead 2017: 177). Durch diesen „sozialisatorischen Spiegel“ (Stiehler 2009: 392) und wechselseitige Interaktion entwickelt sich zunehmend die Identität des Subjekts. Demzufolge spricht Mead dem Individuum eine aktive Rolle bei der Mitgestaltung seiner Identität und Umwelt zu (Abels 2007: 17). Der Kern von George Herbert Meads mikro- und mesosoziologischer Handlungstheorie besteht darin herauszustellen, wie Identität und soziale Handlungen im Rahmen von symbolisch vermittelter Kommunikation erworben werden. Um herauszufinden, wie Individuen ihre sozialen Handlungen aufeinander abstimmen, richtet Mead das Augenmerk auf die Prozesse sozialer Verständigung und Interaktion. In seinen Schriften ging er der Frage nach, wie sich die menschliche Identität und Sozialität entwickelt und welcher Bedeutung dem Denken, dem Geist und der Gesellschaft dabei zukommt. Eine seiner wichtigsten Thesen besteht in der Annahme, dass der Mensch sich seine Welt über symbolische Bedeutungen erschließt und folglich in einer von Symbolen geprägten Umwelt lebt. Die Sprache fungiert dabei als wichtigstes Symbolsystem (vgl. Abels 2007: 17). Diese wird folglich dann zu einem signifikanten Symbol, wenn sie in der wechselseitigen Interaktion bei beiden Subjekten die gleiche Bedeutung hervorruft. Den Prozess des Denkens bezeichnet Mead als „nach innen verlegtes oder implizites Gespräch des Einzelnen mit sich selbst mit Hilfe solcher Gesten“ (Mead 2017: 86), durch den die sprachliche Kommunikation und das wechselseitige Verstehen erst möglich werden (vgl. Mead 2017: 86). Zudem erlernt das Subjekt die Fähigkeit nicht nur das Gegenüber, sondern auch sich selbst zu verstehen. Durch das Internalisieren der eigenen Gesten bekommt das Subjekt die Fähigkeit sich in den anderen hineinzuversetzen, „also [die] Übernahme der Rolle anderer, eine Tendenz, ebenso wie andere Personen zu handeln“ (Mead 2017: 113). Kommunikation und der Geist des Menschen gelten dabei als notwendige Voraussetzungen für den Prozess der Rollenübernahme, des „Role-takings“ (Mead 2017: 195), und letztlich des „Role-makings“ (Mead 2017: 195). Die Annahme dieses Geistes steht dabei im Kontrast zu den Schlussfolgerungen Nassehis. Nassehis Gedanke, dass der Mensch diese vorselektierten Informationen aus Überforderung bedenkenlos annimmt, entspringt dem Funktionalismus. Gemäß George Herbert Meads Theorie wäre diese Annahme jedoch strikt abzuwenden und als funktionalistischer Fehlschluss zu bezeichnen. Als Pragmatiker ist der Mensch laut Mead durchaus in der Lage, kritisch zu hinterfragen. Dass der Mensch ausschließlich und ohne Reflexion diesen Mustern folgt, widerspricht Meads Grundannahmen eines reflektierenden, antizipierenden Wesens.

Stellt man nun Nassehis Verständnis von Kommunikation Meads Sichtweise gegenüber, so versteht der Soziologe Nassehi Kommunikation als Prozess der Komplexitätsreduktion, die jedoch lediglich einem sozialen System und keinem Menschen an sich vorbehalten ist. Alltagskommunikation wird demzufolge auf strikte Selektionskriterien beschränkt, die abermals dazu dienen sich auf das Wesentliche zu fokussieren. Weitere Informationen, die nicht zur Bewältigung einer gegebenen Situation notwendig sind, gelten als Störfaktoren und werden somit ausgeblendet. Diesen Gedanken versteht Nassehi als Vorzug der modernen Gesellschaft, da das Individuum somit durch eine Überforderung aus der Umwelt bestmöglich geschützt wird. Im Unterschied zu Mead, für den Kommunikation weitaus mehr als die bloße Überlieferung von Informationen darstellt, wird der Mensch bei Nassehi als Träger von Informationen in der Umwelt eines sozialen Systems verstanden. Auch dieses Menschenbild stellt einen Kontrast zu Meads Verständnis dar, für den der Mensch durch seinen Geist zu einem reflektierenden, antizipierenden Wesen wird, das eigenständig Entscheidungen treffen kann. Weiterhin entwickelt sich der Geist des Menschen a posteriori, also nachträglich durch die interaktionale Kommunikation. Für Nassehi ist das Bewusstsein der Kommunikation vorgelagert. Zugleich wird jedoch eine strikte Trennung zwischen Kommunikation und Bewusstsein vorgenommen. Der Mensch wird dabei als Kopplung mehrerer Systeme verstanden. Gemeinsamkeiten lassen sich in der Voraussetzung der Kopräsenz zur Interaktion sowie in der Sprache als wesentliches Medium zur Kommunikation feststellen.

Durch den Überfluss an digitalen Kommunikationsmöglichkeiten als Resultat der gesellschaftlichen Veränderungen gemäß Reckwitz und Nassehi, hat sich eine neue Ebene der Kommunikation eröffnet: Digitale Kommunikation. Diese ist nicht länger durch Kopräsenz charakterisiert, wodurch sich die Art der Interaktion verändert hat. Durch mediatisierte Kommunikation, beispielsweise mittels Smartphones, wird der Handlungsdruck aus einer Interaktion entnommen. Während Face-to-Face-Kommunikation eine unmittelbare Reaktion erfordert, durch die laut Mead Identität entsteht, ist durch die mediatisierte Kommunikation eine strategischere Ausrichtung der Identität möglich. Resultat dessen ist die Konstruktion einer strategisch geplanten, kuratierten Identität, so wie sie vor allem in den sozialen Medien zu finden ist. Diese Identität entspricht folglich nicht der wirklichen Innenwelt des Individuums, sondern orientiert sich dabei am doing singularity (vgl. Reckwitz 2019: 51). Aus diesen Erkenntnissen heraus könnte man schließen, dass die Hervorbringung alternativer Kommunikationsmöglichkeiten den objektiven Blick des Gegenübers auf die eigene Person verhindert, da das Smartphone als Störsender den Prozess des Role-takings einschränkt. Durch die kulturell, habitualisierte sowie automatisierte Nutzung des Smartphones, welches längst Bestandteil des mediatisierten Alltags geworden ist, wird objektives Role-taking zunehmend verhindert. Immer mehr Konversationen werden digital vollzogen, sodass Identitätsarbeit über den sozialen Spiegel des Gegenübers immer seltener stattfinden kann.

 

Psychophysische und soziale Konsequenzen der Smartphone-Nutzung

Aus der übermäßigen Nutzung digitaler Kommunikationsmedien lassen sich zudem zahlreiche psychische und soziale Konsequenzen ableiten. Der erhöhte Medienkonsum führt nicht nur zu mehr Stress im Leben des Subjekts (vgl. Markowetz 2015:12), sondern ebenso zu Schlafproblemen (vgl. Schwenninger Krankenkasse 2019:27) und einer sogenannten Social-Network-Services-Müdigkeit (vgl. Lee/Son/ Kim 2015: 51), wie aktuelle Studienergebnisse belegen.

Die permanente sozio-technische Erreichbarkeit sowie das Phänomen fortwährend online zu sein führen dazu, dass das Subjekt stets durch eine Vielzahl von Informationen aus der virtuellen und realen Welt konfrontiert wird, die es zu verarbeiten gilt. Da der Mensch dieser Masse aufgrund einer begrenzten Aufnahmefähigkeit nicht gewachsen ist, schleicht sich mit der Zeit eine neuronale Ermüdung ein, die der Organismus nur bis zu einem gewissen Grad kompensieren kann. Ist diese Schwelle aufgrund einer anhaltenden Überforderung überschritten, könnten daraus psychosomatische Erkrankungen entstehen (vgl. Wiedel 2019: 63). Diese Informationsüberlastung, in Kombination mit einer Kommunikationsüberlastung durch zu viele signifikante Andere und einer Systemfunktionsüberlastung resultieren in eben dieser Social Network Services-Müdigkeit, wie Lee und Kollegen belegen. Dem gegenüber stehen jedoch diejenigen Personen, die sich eigenen Angaben zufolge nicht durch digitale Medien gestresst fühlen, da sie einem gesunden Maß an digitalen Auszeiten und analogen Hobbies zum Ausgleich nachgehen (vgl. Schwenninger Krankenkasse 2019: 30). Nichtsdestotrotz wünscht sich eine hohe Zahl der Onliner mehr digitale Auszeiten, da ein zu großes Stresspotential von diesen Medien ausgeht. Kritisiert wird zudem, dass reale Freundschaften durch Digitalkommunikation weniger gepflegt werden. Rund die Hälfte bestätigt, dass Freundschaften nur in der realen Welt geführt werden können (vgl. Sinus: YouGov 2018).

 

Das beschleunigte, erschöpfte Individuum

Auch Hartmut Rosa bestätigt in seinem Werk „Beschleunigung und Entfremdung“ aus dem Jahre 2013 einen Wandel der Gesellschaft, welchen er jedoch in drei Arten der Beschleunigung differenziert. Sowohl die technische Beschleunigung als auch die Beschleunigungen des sozialen Wandels und des Lebenstempos ermöglichen die Annahme, dass ein umfassender Wandel auf mehreren Ebenen in der Gesellschaft erkennbar ist (vgl. Rosa 2013: 17 ff.). Anders als Reckwitz und Nassehi nimmt Rosa jedoch eine detaillierte Beschreibung dieses Wandels mit Bezug auf das soziale Leben vor. Dabei scheint es sich um eine Art selbstreferentielles, geschlossenes System zu handeln, in dem sich die drei Beschleunigungen durchweg selbst anzutreiben scheinen. Der Fortschritt der Digitalisierung sollte dabei zu mehr Freizeit führen, da sich die Prozesse beschleunigt haben. Stattdessen versucht das Individuum mehr Dinge in weniger Zeit zu erledigen, woraus sich die Beschleunigung des Lebenstempos ergibt (vgl. Rosa 2013: 26 ff). Die technische Revolution erinnert dabei an Nassehis Gedanken, da er diese ebenfalls als Resultat eines zentralen Bedürfnisses der Gesellschaft betrachtet. Aufrechterhalten werden die drei Beschleunigungen durch drei verschiedene Motoren, wobei der soziale Wettbewerb als Motor an Reckwitz Darstellungen erinnert. Durch ein fortwährendes Streben um Freundschaften und Anerkennung tendiert das Individuum dazu sich auf dem neuesten Stand zu halten. Daraus könnte man ableiten, dass eine dahinterliegende Verlustangst von Freundschaften ursächlich für die dauerhafte Nutzung der sozialen Netzwerke sein könnte (vgl. Rosa 2013: 59; vgl. Rosa 2013: 142). Konsequenz dieser Handlungen besteht für Rosa ebenfalls in einer Gegenwartsschrumpfung, ausgelöst durch die ständige Beschleunigung des Lebenstempos, die auch schon Reckwitz und Nassehi vermuten (vgl. Rosa 2013: 22). Darüber hinaus postuliert Rosa, dass die Beschleunigung zu einer Entfremdung führt, da das Individuum in den sozialen Netzwerken zu vielen signifikanten Anderen gegenübersteht, die zu einer Übersättigung des Selbst führen. An diesem Punkt lässt sich auch Meads Role-taking Theorie anbringen, da sie diesen Aspekt vermutlich bekräftigen würde. Demzufolge ist ein adäquater Beziehungsaufbau in erster Linie aufgrund der begrenzten freien Zeit und andererseits durch Zwischenschaltung eines digitalen Mediums nur schwer möglich. Entsprechend Rosas Theorie resultiert dies in einer Entfremdung zwischen Interaktionspartnern. Aus der Angst vor Ressourcenverlusten würde dies für die personale Konversation und Interaktion vermutlich bedeuten, dass auch die Kommunikation einer Beschleunigung unterliegt. Demzufolge würde Interaktion nur noch auf die digitale Übermittlung der wesentlichsten Informationen beschränkt sein, die dem raschen Austausch von Informationen dient und lediglich den Zweck des up-to-date Bleibens verfolgt. Infolgedessen würde kaum noch Zeit in Identitätsarbeit und den Beziehungsaufbau investiert werden, da dies gemäß Rosa zu viel der kostbaren Zeit beanspruchen würde und zudem durch die Zwischenschaltung des Smartphones laut Mead kaum noch möglich wäre. Beide Schlussfolgerungen scheinen dabei auf eine Entfremdung zu schließen, wie Rosa es formuliert. Ein weiterer Aspekt, in dem sich Rosas und Meads Theorien zu vereinbaren scheinen, thematisiert die hohen Erwartungen, die an das Individuum gestellt werden. Durch den gesellschaftlichen Wandel steht das Subjekt vor dem Problem, dass es ständig neue Herausforderungen bewältigen muss, sodass es zur Ausbildung einer situativen, anstelle einer stabilen, Identität kommt (vgl. Rosa 2013: 63). Vermutlich begünstigt durch den fehlenden sozialen Spiegel, wie man Meads Theorie interpretierend entnehmen kann. Aus all diesen genannten Aspekten ergibt sich für Rosa schlussendlich aus dem ständigen Kampf um Anerkennung und aus Angst vor Verlusten eine Erschöpfung des Individuums.

 

Fazit

Der Fachartikel beschäftigt sich mit der Leitfrage, inwiefern eine digitale Ermüdung in der Gesellschaft zu erkennen ist und welche Konsequenzen sich daraus für analoge Freundschaftsbeziehungen ergeben. Um diese Frage adäquat beantworten zu können, war es von besonderer Wichtigkeit sich der Leitfrage in zwei Schritten zu nähern. Zuerst wurde anhand der vorliegenden theoretischen Ergebnisse eruiert, was sich hinter dem sozialen Phänomen der Digitalisierung verbirgt. Abgeleitet aus dieser Analyse wurde dann überprüft, ob sich eine digitale Ermüdung in der Gesellschaft entwickelt haben könnte. Dazu wurden die Theorien von Andreas Reckwitz und Armin Nassehi vergleichend gegenübergestellt. Im nachfolgenden Schritt wurde überprüft, wie sich diese gesellschaftlichen Veränderungen auf die pragmatische Sichtweise der Kommunikation von George Herbert Mead sowie auf eine mögliche Verschiebung von der analogen zu einer digitalen Kommunikation ausgewirkt haben. Die gewonnenen Erkenntnisse wurden dabei durch Hartmut Rosas Schlussfolgerungen ergänzt. Vor dem Hintergrund der wichtigsten Qualitäten einer Freundschaft und deren soziale Bedeutung für Individuen erfolgt abschließend eine kritische Reflexion der Erkenntnisse über das Vorhandensein einer digitalen Ermüdung in der Gesellschaft und deren Chancen für analoge Freundschaftsbeziehungen.

 

Konsequenzen des mediatisierten Alltags: Digitale Ermüdung

Anhand der vorliegenden Theorien konnte deutlich gemacht werden, dass durch den gesellschaftlichen Wandel eine starke Zunahme von digitalen Kommunikationsmedien festgestellt werden kann, der die pluralistische Welt zunehmend komplexer werden lässt. Rosa benennt das vorherrschende Problem als einziger konkret beim Namen, indem er von einer Erschöpfung des Individuums durch die beschleunigte, komplexe, schnelllebige Umwelt spricht. Aus den Argumenten von Nassehi und Reckwitz wird ebenfalls eine mögliche Ermüdung erkennbar, indem das Subjekt im Kampf um Anerkennung dem ständigen Drang nach Profilierung unterliegt und dauerhaft versucht sein kuratiertes Selbst in den sozialen Medien zu inszenieren. Darüber hinaus belegen die wissenschaftlichen Studienergebnisse die außerordentliche Zunahme der negativen psychischen und sozialen Auswirkungen. In Bezug auf soziales Interaktionsverhalten ergeben sich dadurch die Phänomene der mentalen Abwesenheit, die Anwesenheit eines vermeintlichen Dritten (vgl. Burkart 2000: 229), Phubbing (= die bevorzugte Beschäftigung mit dem Smartphone anstatt mit dem Gesprächspartner) (vgl. Nazir/Piskin 2016: 176) und Unverbindlichkeit (vgl. Srivastava 2015: 7). Durch die Role-taking Theorie von Mead wird deutlich, dass durch die Verschiebung von der analogen zu einer zweiten Kommunikationsebene, der digitalen Konversation, Identitätsarbeit nur noch in begrenztem Rahmen möglich ist und die Objektivierung durch das Smartphone gestört wird. Konsequenz dieses Phänomens besteht in der Reduktion sowie einem möglichen Verlust von bedeutsamer Identitätsarbeit, die für das Individuum von hoher Relevanz ist. Gegen die Annahme einer digitalen Ermüdung spricht jedoch, dass Nassehis Verständnis zufolge eine Komplexitätssteigerung der Umwelt nicht möglich ist, sofern das System nach den spezifischen Selektionskriterien operiert. Da die Erörterung des Phänomens jedoch auf individueller Ebene stattfindet, ist fraglich, inwiefern systemtheoretische Gedanken bei der argumentativen Feststellung des Phänomens zielführend sind. Trotz allem scheint eine Überforderung auf Seiten des Individuums erkennbar zu sein, das sich in einer fortwährend komplexer werdenden Umwelt befindet. Das Konzept der Komplexitätsreduktion aufgrund von Überforderung soll dabei nicht dementiert werden, lässt sich jedoch auf einer Meta-Ebene besser anknüpfen. Aus dieser kontroversen Diskussion lässt sich die Schlussfolgerung ziehen, dass in der Gesellschaft eine digitale Ermüdung zu erkennen ist. Die digitale Ermüdung aufgrund des ständigen Drucks nach permanenter Erreichbarkeit und dem Zwang nach Profilierung soll dabei nicht als drastische Strömung verstanden werden, sondern vielmehr Aufschluss geben über eine tendenzielle Entwicklung der Gesellschaft.

 

Der Bedeutsamkeit des sozialen Rückhalts: Freundschaften als Stabilisatoren

Soziale Netzwerke geben Einblick in die soziale Einbettung des Individuums und zeichnen sich durch gemeinsam geteilte Ziele und Werte aus. Die Knoten und Linien eines Netzwerks sind dabei repräsentativ für die signifikanten Anderen beziehungsweise die nahestehenden Personen (vgl. Heidbrink/Lück/Schmidtmann 2009: 173). Besonders hervorzuheben ist dabei, dass sich in einem gesunden Netzwerk eine stabile Identität entwickeln kann und immaterielle Werte wie Liebe, Anerkennung und Zuwendung vermittelt werden (vgl. Laireiter 2009: 84). Aus einer solchen dyadischen Freundschaftsbeziehung wird eine gemeinsame Realität beziehungsweise Beziehungsgeschichte anhand gemeinsam geteilter Erfahrungen heraus entwickelt (vgl. Nötzold-Linden 1994: 94). Charakteristisch ist zudem die Freiwilligkeit, mit der eine solche Beziehung eingegangen wird, sowie die wechselseitige Bezogenheit (vgl. Stiehler 2009: 384). Mead setzt dabei Kopräsenz zwingend voraus, da nur so adäquate Identitätsarbeit geleistet werden kann. Durch den sozialen Spiegel wird die Entwicklung der Identität unterstützt. Voraussetzung ist dafür jedoch ein signifikanter Anderer, der durch Einnahme eines objektiven Blicks diese Entwicklung erst möglich macht. Freunde sind in diesem Prozess von hoher Relevanz, da sie dem Subjekt mit am nächsten stehen. Durch die Augen des Freundes wird dessen Sicht eingenommen sowie die davon abhängige Bewertung des Wahrgenommenen und ein daraus resultierendes Selbstwertgefühl widergespiegelt (vgl. Nötzold-Linden 1994: 196). Neben der sozialen und affektiven Unterstützung stellt vor allem die Kompensation schwieriger Lebensumstände eine wesentliche Funktion einer Freundschaft dar. Durch die Schnelllebigkeit der Gesellschaft ist das Individuum gezwungen sich durchweg neuen Herausforderungen anzupassen. Damit sind nicht nur die Erwartungen an eine Freundschaft gestiegen, sondern auch die Relevanz, die Freundschaften zukommt. Folglich werden Freunde in Zeiten der Auflösung kollektiver Lebensmuster unentbehrlich und geben Halt (vgl. Nötzold-Linden 1994: 211). Entsprechend Rosas Konzept der situativen Identität wird deutlich, dass ein Subjekt diese Anforderungen nur überwinden kann, wenn Freunde die Last dieses gesellschaftlichen Drucks mittragen. Freundschaften stellen dabei verschiedene Definitionsräume für die Entwicklung der Identität dar, wodurch Subjekte unterschiedliche Identitätsanteile ausbilden können. Problematisch wird dies jedoch, wenn Smartphones als bevorzugtes Mittel zur Kommunikation herangezogen werden und die Interaktion auf digitaler Ebene stattfindet. Damit droht der soziale Spiegel des Freundes zu entfallen. Durch Verschiebung der bedeutsamen Konversation auf die digitale Ebene droht das Individuum an Halt und Unterstützung in dem fortwährenden Kampf um Anerkennung zu verlieren. Dies wirft jedoch die Frage auf, welche Art Anerkennung ihr in den digitalen sozialen Netzwerken wirklich zuteilwird, wenn die wirklichen Repräsentanten dieser Werte in der realen Welt zu finden sind. Zwar kann eine Konversation mit einem Freund auch digital ablaufen, jedoch entfallen dadurch wichtige Rahmenbedingungen wie nonverbales Verhalten. Zudem steigt dadurch die Möglichkeit seine Identität an den geltenden Normen oder zum Zwecke des Herausstellens von Singularitäten auszurichten, was zu einer verfälschten Version des Selbst führen kann. Aus diesem Punkt wird deutlich, wie bedeutsam die Kopräsenz in einer Freundschaft ist und welche Vorteile damit verbunden sind. Angenommen wird dabei nicht, dass Freundschaftsbeziehungen in der heutigen Zeit ausschließlich auf digitaler Ebene geführt werden. Jedoch kommt es auch in persönlichen Treffen zu einer fortwährenden Unterbrechung der Konversation durch die Smartphones. Selbst wenn sich zwei Akteure in einem persönlichen Treffen befinden schafft es das Smartphone die Aufeinander-Bezogenheit zu stören. Die eingehenden Impulse des Smartphones beziehungsweise eines anwesenden Dritten führen zu einem Abbruch der Kommunikation. Dabei wird nicht nur das Gegenüber ausgeschlossen, sondern resultiert in einem asymmetrischen Gefälle der Wir-Beziehung zwischen den Akteuren. Sobald das Subjekt beschließt dem Impuls des Smartphones nachzukommen, wird eine Ich-Bezogenheit deutlich. Dabei kommt es zu einer Überschneidung zweier Regelsysteme, die nicht miteinander vereinbar sind, da beide nach ihren eigenen normativen Regeln agieren (vgl. Burkart 2000: 219). Sobald das Subjekt aus seiner mentalen Abwesenheit zurückgekehrt ist, muss die Kommunikation neu aufgenommen werden. Durch die automatisierte Nutzung des Mobiltelefons kommt es jedoch durchweg zu solchen Unterbrechungen. Als Konsequenz sind der Verlust von Vertrautheit sowie ein sich entwickelndes Gefühl von Distanz und Ablehnung zu verzeichnen (vgl. Nazir/Piskin 2016: 179). Zusammengefasst wird deutlich, dass die fortwährende Nutzung der digitalen Medien sowie die Verschiebung wichtiger Konversationen auf die digitale Ebene zu einer Reduktion von Verbundenheit führen. Zudem ist keine objektive Sicht des Gegenübers auf das Subjekt möglich, worunter die Entwicklung der Identität leidet. Entsprechend Rosas Theorie tendiert das Subjekt dazu die digitale Kommunikation aus Zeitmangel auf die wesentlichen Inhalte zu beschränken. Dadurch kann Beziehungsarbeit nur noch in den wenigen Momenten der Aufeinander-Bezogenheit geleistet werden. Das Subjekt sehnt sich nach Individualität, Sichtbarkeit und Anerkennung, weshalb es laut Reckwitz kontinuierlich Singularitäten in den digitalen sozialen Netzwerken herauszustellen versucht.

 

Digitale Ermüdung als Chance für analoge Freundschaftsbeziehungen?

Blickt man nun hinter das Phänomen, so lässt sich erkennen, dass das Individuum nach etwas zu streben scheint, was Nassehi als berechenbar und vorhersagbar erklärt. Zudem werden die Datenspuren des Internets konstant zu Mustern zusammengefügt, wodurch die Welt auch für das Subjekt berechenbarer wirkt. Da Menschen, gemäß Mead, durchaus in der Lage sind die Inhalte der Medien kritisch zu hinterfragen, könnte daher die Vermutung aufgestellt werden, dass Individuen auch ihr Streben nach Singularitäten in der digitalen Welt kritisch zu reflektieren beginnen. Durch die digitale Ermüdung des Subjekts, welches über einen langen Zeitraum hinweg dem fortwährenden Druck nach Selbstinszenierung im Kampf um Anerkennung unterlegen ist, wird es dank seines reflektierenden Geistes selbst erkennen können, dass das, was wirklich nicht austauschbar und einzigartig ist, wahre Freundschaften sind. In einer pluralistischen, beschleunigten Gesellschaft, einem übersättigten Selbst aufgrund zu vieler neuer Me’s aus der digitalen Welt, und in dem Bedürfnis nach dem Einzigartigen und Besonderen, strebt das Individuum nach dem, was wirklich wahr, singulär und unersetzbar ist: analoge Freundschaften. Nur durch sie kann das Individuum wahre Anerkennung sowie direkte Resonanz erfahren, seine eigene Identität weiterentwickeln und kompensierende Unterstützungsleistungen in Zeiten der Auflösung tradierter Lebensvorstellungen erlangen.

 

Ausblick und Implikation

Durch kontroverse Gegenüberstellung konnte eine digitale Ermüdung in der spätmodernen Gesellschaft festgestellt werden. Daraus ergibt sich für das Subjekt die Möglichkeit zur Rückbesinnung auf das wirklich einzigartige und erstrebenswerte Gut: analoge Freundschaftsbeziehungen. Aus diesem Grund wird prospektiv ein gewissenhafterer Umgang mit digitalen Kommunikationsmedien zur Kommunikation sowie in Kopräsenz vermutet. An der Beantwortung der Frage waren die Aspekte der beschleunigten, gegenwartsbezogenen Gesellschaft, des zunehmenden Konsums digitaler Kommunikationsmedien sowie das daraus resultierende Streben des Subjekts nach Individualität im Kampf um Anerkennung, wesentlich beteiligt. Darüber hinaus konnte durch Meads Theorie der Rollenübernahme herausgestellt werden, dass nur in menschlicher Kopräsenz zielführende Identitätsarbeit geleistet werden kann.

Insgesamt kann festgestellt werden, dass die Ergebnisse dieser Forschung an den bereits durchgeführten Studien anknüpfen und einen Transfer auf den Bereich der Freundschaftsbeziehungen leisten. Aufgrund der hohen Relevanz, die Freunden zukommt, sollten demnach auf quantitativer und qualitativer Basis weiterführende Forschungen zu den Auswirkungen des gestiegenen Zuwachses durchgeführt werden. Da die vorliegende Arbeit lediglich auf Basis theoretischer Erkenntnisse argumentiert, sind weiterführende empirische Forschungen notwendig, um dahinterliegende Konstrukte und Prozesse wie Motive und zentrale Bedürfnisse aufdecken zu können. Vor allem korrelative Studien könnten untersuchen, ob es einen kausalen Zusammenhang zwischen dem Verlust von analogen Freundschaften und der Digitaltechnik gibt. Darüber hinaus empfiehlt es sich zu überprüfen, worin die digitale Ermüdung resultieren könnte. Es bleibt die Frage offen, ob sie durch fortwährende Innovationen und somit durch Abwechslung zum Erliegen kommen wird oder ob sich die Gesellschaft auf einen erneuten Wandel vorbereiten muss. Eine weitere Empfehlung für weiterführende Forschung besteht in der Untersuchung, inwiefern eine Neuaushandlung normativer Regeln in sozialen Interaktionshandlungen notwendig ist. Durch den vollständigen Einzug der Mediatisierung in den Alltag des Individuums wird es auch zukünftig zu Konflikten zweier Sozialsysteme kommen, sofern kein neuer Konsens über geltende Regeln und Normen entwickelt werden kann. Daraus ergibt sich auch Forschungsbedarf in Bezug auf das Innenleben eines Subjekts sowie die Auswirkungen der übermäßigen Smartphone-Nutzung auf innerpsychische Aspekte wie Isolation, Exklusion und Abhängigkeit.

Weiterhin ist anzuführen, dass durch die dargestellten Theorien kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben wird. Für eine tiefergehende Analyse der Forschungsfrage wären weitere Ausführungen von Medienwissenschaftler und Soziologe Friedrich Krotz sinnvoll, der in seinen zahlreichen Arbeiten den Einfluss der Mediatisierung auf Kommunikation wissenschaftlich untersucht hat. Zudem empfiehlt sich eine tiefere Einbindung von Ulrich Becks „Risikogesellschaft“, wodurch die Hintergründe des Strebens nach Individualität herausgearbeitet werden und mit den vorliegenden Motiven abgeglichen werden können.

 

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Carmen Maria Gaukel: Interaktion und Partizipation im Social Web

Durch die zunehmende Verschmelzung von Medien und Kultur im Kontext der Digitalisierung ergeben sich für den Einzelnen neue Formen und Möglichkeiten sich an der Gestaltung der Gesellschaft zu beteiligen. Die aktuellen Medienstrukturen ermöglichen einen Übergang von der reinen Rezeption medialer Inhalte hin zu Aktivitäten, die in einem weiteren Verständnis von Partizipation als mediale Formen der Beteiligung bezeichnet werden können.

Der vorliegende Fachartikel beschäftigt sich mit der Thematik der Interaktion und Partizipation im Social Web. Es stellt sich die Frage, was unter Partizipation im Social Web verstanden werden kann beziehungsweise ob diese Art der Beteiligung Gemeinsamkeiten zur konventionellen Bedeutung des Partizipationsbegriffes als Gestaltungsprinzip des gesellschaftlich-politischen Raumes aufweist. Ziel dieses Beitrags ist es, eine theoretische Fundierung des konventionellen Partizipationsbegriffes darzulegen und diese den gegenwärtigen Beteiligungsmöglichkeiten im Social Web gegenüberzustellen. Die Ergebnisse dieses Vergleiches weisen darauf hin, dass Partizipation im Social Web gesondert betrachtet werden muss, da nicht alle Kriterien der konventionellen Partizipation als erfüllt betrachtet werden können. Der Grund für die Nichterfüllung dieser Kriterien liegt in den besonderen Gegebenheiten des Social Webs.

Das neue Partizipationsverständnis

Die fortschreitende Digitalisierung der gesellschaftlichen Lebensbereiche führt zu Veränderungen der Beteiligungsmöglichkeiten sowie zu einem neuen Selbstverständnis im Kommunikations- und Interaktionsverhalten der Menschen. Das Zauberwort in diesem Zusammenhang nennt sich Partizipation und gilt als “Schlagwort unserer Zeit” (Voss 2014, p. 9). Der Begriff der Partizipation ist bei weitem keine neue Wortschöpfung, er wird jedoch nicht mehr ausschließlich in seiner konventionellen Bedeutung als Gestaltungsprinzip des gesellschaftlich-politischen Raums verstanden, sondern seit geraumer Zeit auch für die Interaktion im Social Web verwendet. Dabei avanciert der Begriff zu einer Art Modewort für die verschiedensten Aktivitäten im digitalen Raum.

Bei der Betrachtung dieser Aktivitäten lassen sich in den letzten Jahren vermehrt einige Phänomene feststellen. Hier kann beispielsweise der Austausch von Profilbildern im sozialen Netzwerk Facebook nach dem Terroranschlag im November 2015 in Paris genannt werden. Millionen Menschen weltweit änderten dabei ihren Avatar in das Bild der französischen Flagge, als Zeichen ihrer Anteilnahme (Serrao, 2015). In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, ob diese Aktion eine Form von Partizipation darstellt.

Der Partizipationsbegriff ist ein Begriff, der viel Spielraum für Interpretationen zulässt. Die in der Literatur vorhandenen wissenschaftlichen Definitionen sind heterogen und beinhalten häufig unterschiedliche subjektive Auffassungen zur Gestaltung von gesellschaftlicher Teilhabe. In diesem Zusammenhang wird betont: „In communication and media studies, but also in many other fields and disciplines, participation is still used to mean everything and nothing“ (Carpentier  2011, p. 165).

Im Hinblick auf die inflationäre Verwendung und das existierende Bündel von Verständnissen des Partizipationsbegriffes stellt sich die Frage, was konventionelle Partizipation von der Partizipation im Social Web unterscheidet. Dieser Frage wird im vorliegenden Beitrag nachgegangen.

Die Partizipationsstudie Online Mitmachen und Entscheiden, welche im Jahr 2014 vom Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft durchgeführt wurde, betont in diesem Zusammenhang, dass das Social Web ein prägender Bestandteil gesellschaftlicher Beteiligung geworden ist (Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft 2014, p. 3). Diese Beteiligung von Nutzern auf diversen Online-Plattformen im Social Web hat sich zu einem weit verbreiteten Phänomen entwickelt. Die Ergebnisse der repräsentativen Studie zeigen zudem eine unerwartet große Beteiligung und Bekanntheit von Online-Partizipation (Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft 2014, p. 38), was zum einen die häufig zitierte Metapher des Partizipationsbegriffes erklärt, jedoch die unzureichende wissenschaftliche Fundierung erneut in den Fokus rückt. Da der Begriff, wie bereits erwähnt, viele unterschiedliche Blickwinkel aufweist, erfolgt zunächst eine Darstellung verschiedener theoretischer Perspektiven der Partizipation. Darüber hinaus werden die Begrifflichkeiten der neuen Medien und deren Charakteristika im Hinblick der medialen Partizipation erläutert. In einem weiteren Schritt werden die vielfältigen Beteiligungsmöglichkeiten und Handlungsformen des Social Webs und optimistische sowie kritische Auffassungen verschiedener Wissenschaftler bezüglich des neuen Partizipationsverständnisses im Social Web aufgeführt. Bevor das Ergebnis des Vergleiches der konventionellen Partizipation mit der Partizipation im Social Web dargelegt wird, werden Sonderformen der Beteiligung genannt, die erst durch die veränderten Gegebenheiten des Social Webs entstehen konnten.

Die Bestimmung des Partizipationsbegriffes

„Menschen, deren Leben durch eine Entscheidung berührt und verändert wird, müssen an dem Prozess, der zu dieser Entscheidung führt, beteiligt sein und gehört werden.“ (Naisbitt, zitiert nach Behringer 2007, p. 1). Dieses Zitat des amerikanischen Zukunftsforschers John Naisbitt beschreibt, was im allgemeinen Sprachgebrauch unter Partizipation verstanden wird. Auf den ersten Blick erscheint der Partizipationsbegriff als allseits bekannt und leicht verständlich. In öffentlichen Diskursen ist der Begriff sehr präsent, jedoch bleibt er häufig abstrakt und findet seine Verwendung in vielen verschiedenen Kontexten. Stan Burkey beschreibt den Begriff der Partizipation aus diesem Grund als ein inflationär verwendetes Modewort (Burkey 1993, p. 56). Seinen Ursprung findet er im Lateinischen und setzt sich aus den beiden Wörtern pars und capere zusammen, welche mit Teil und nehmen, fassen übersetzt werden können. Dementsprechend bedeutet das Wort Partizipation so viel wie Teilnahme oder Beteiligung (Biedermann 2006, p. 93). Über die reine Übersetzung des Begriffes hinaus existieren jedoch eine Vielzahl an verwendeten Synonymen und Verständnissen des Begriffes, wie beispielsweise Anhörung, Mitbestimmung, Mitwirkung, Mitverwaltung, Mitgestaltung, Mitverantwortung, Mitsprache, Selbstbestimmung, Empathie, Anteilnahme um nur einige zu nennen (Biedermann 2006, p. 92). Der Begriff der Partizipation kann außerdem mit Hilfe verschiedener Perspektiven betrachtet werden. Nach Paulus von Tarsus, Missionar des frühen Christentums beispielsweise, wird Partizipation beziehungsweise Teilhabe in engem Zusammenhang mit dem Gemeinschaftsbegriff, wie der Teilhabe an einer Glaubensgemeinschaft, verwendet (Möres 2005, p. 167). Die politische Partizipation hingegen basiert auf der Beteiligung und intentionalen Beeinflussung der Bürger bei politischen Entscheidungsprozessen und legitimiert und festigt die demokratische Grundhaltung. Partizipation im politischen Sinne begünstigt somit eine gleichmäßige Machtverteilung (Kaase 2000, pp. 466). Die soziale Partizipation wiederum umfasst die Selbstbestimmung und Miteinbeziehung Einzelner in gesellschaftlichen Kontexten und befriedigt eine Art soziales Grundbedürfnis des Einzelnen (Schulz 2011, p. 157). Bei der Partizipation im wirtschaftlichen Zusammenhang steht vor allem der Motivationsanreiz der Mitarbeiter sowie die damit verbundene Leistungssteigerung im Vordergrund. Ebenso von Bedeutung ist die Gruppenverwirklichung von Mitarbeitern als Team (Biedermann 2006, p. 85). Die Partizipation innerhalb der pädagogischen Perspektive fokussiert in ähnlicher Weise eine Verwirklichung der Heranwachsenden innerhalb der Gesellschaft. Jugendliche sollen durch Entscheidungsfindung und Verantwortungsübernahme auf späteres gemeinsames Handeln innerhalb der Gesellschaft vorbereitet werden (Baacke 2007, p. 96).

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass der definitorische Kern der Partizipation rein etymologisch die Teilhabe oder Beteiligung an Entscheidungsprozessen bezeichnet. Obwohl dadurch klar zu sein scheint, was mit dem Begriff der Partizipation gemeint ist, müssen, aufgrund der nichtvorhandenen allgemeingültigen Definition in der Literatur, unterschiedliche Partizipationsverständnisse unterschieden werden. Einigkeit besteht jedoch darin, dass der wissenschaftliche Begriff der Partizipation auf den historischen Entwicklungen politischer Beteiligung beruht und sehr häufig in Verbindung zum demokratischen Gesellschaftsmodell genutzt wird.

Mit Hilfe des erlangten Verständnisses durch die verschiedenen wissenschaftlichen Perspektiven können sechs elementare Kriterien der Partizipation festgehalten werden, welche in den verschiedenen wissenschaftlichen Perspektiven und Definitionen des Partizipationsbegriffes deutlich hervorgehoben und betont werden. Diese sind: Gemeinschaftliche Entscheidungsfindung, Öffentlicher Raum, Diskursivität, Machtverteilung, Freiwilligkeit sowie Verantwortungsübernahme. Diese Kriterien wiederum finden sich in einer umfassenden und verallgemeinernden Definition wieder. Der Begriff der Partizipation im konventionellen Sinne ist damit zu verstehen als

„freiwillige Teilnahme an öffentlichen – im Sinne von allen Mitgliedern offen stehenden, gemeinschaftlichen Entscheidungsprozessen, wobei der Prozess der Entscheidungsfindung auf Diskursivität gründet und gekennzeichnet ist durch klar definierte – möglichst ausgeglichene – Machtverteilung auf alle und Verantwortungsübernahme von allen Beteiligten“ (Biedermann 2006, p. 116).

Die Verantwortungsgesellschaft nach Amitai Etzioni

Die Bedeutung von Partizipation für die Gesellschaft kann mit Hilfe des Modells von Amitai Etzioni aufgezeigt werden. Dieses Modell beantwortet die Frage, unter welchen Bedingungen gesellschaftsübergreifende Diskurse entstehen können und damit den Weg hin zu einer sogenannten Verantwortungsgesellschaft ebnen. In gegenwärtigen gesellschaftlichen Diskussionen spielt diese Thematik eine immer wichtiger werdende Rolle. Aufgrund der aktuellen Geschehnisse, wie beispielsweise der Flüchtlingskrise, werden in Politik, Wirtschaft oder auch beim Umbau der Sozialsysteme zunehmend Verantwortungsforderungen an gesellschaftliche Akteure gestellt. Um als gesellschaftlicher Akteur jedoch Verantwortung übernehmen zu können, muss dieser auf kulturell geprägte Werte und Handlungsmuster zurückgreifen können, welche ihm bei seinem Handeln zur Orientierung dienen (Etzioni 1999, p. 113). Diese Werte und Handlungsmuster bilden die zentralen Aspekte des Modells. Das Gesellschaftsbild von Etzioni besteht aus zwei grundlegenden Elementen, der sozialen Ordnung und der individuellen Autonomie. Beide zusammen bilden im Gleichgewichtsverhältnis die Grundlage für eine gute Gesellschaft (Etzioni 1999, p. 27). Die Frage danach, wie Gesellschaften gemeinsam geteilte Grundwerte entwickeln und ausbauen sollen, beantwortet Amitai Etzioni mit dem Begriff des Megalogues. Beim Aufeinandertreffen verschiedener Gesellschaften kommt es darauf an gesellschaftsübergreifende moralische Dialoge zu entwickeln die einen Diskurs über die Verbindlichkeit von Normen und Werten darstellen (Etzioni 1999, pp. 150). Diese Megalogue entstehen, übertragen auf den Partizipationsgedanken, aus der Teilnahme an öffentlichen und gemeinschaftlichen Entscheidungsprozessen, die unter Gleichheit im Diskurs bzw. Megalogue geführt werden und gemeinsam geteilte Grundwerte hervorbringen, die wiederum aufgrund der freiwilligen und moralisch vertretbaren Aushandlung auch zur Verantwortungsübernahme führen. Somit sind die sechs festgelegten Kriterien der Partizipation ebenso notwendige Bestandteile des Megalogues und damit einer guten Gesellschaft. Etzioni bietet mit seiner Theorie der Verantwortungsgesellschaft einen Vorschlag, wie eine gute Gesellschaft mit Hilfe des Kerngedanken der Partizipation entstehen kann.

Interaktion im Social Web

Aufgrund der zunehmenden Verbreitung des Internets und dessen interaktiver Anwendungsmöglichkeiten, haben sich in den letzten Jahren neue Formen der Beteiligung für Nutzer entwickelt. Diese Entwicklung basiert auf den neuen technologischen und medialen Rahmenbedingungen, die seit der Etablierung des sogenannten Web 2.0 einen bedeutenden Unterschied zu den klassischen Medien aufweist, da die Rolle von Sender und Empfänger nicht mehr traditionell verankert ist. Diese Rollenverschiebung wird in der wissenschaftlichen Literatur mit dem Begriff der Interaktivität erklärt (Leggewie, Bieber 2004, p. 7). Interaktivität beschreibt nicht nur ein spezielles technisches Merkmal der neuen Medien und die Wechselbeziehung zwischen zwei oder mehreren Größen, sondern ebenso „die Chance eines einfachen und kontinuierlichen Rollentausches zwischen den Sendern und Empfängern von Informationen.“ (Leggewie, Bieber 2004, p. 7). Diese veränderte Nutzung innerhalb der neuen Medien, den damit verbundenen Eingriff in Kommunikationsprozesse und die Handlungserweiterung der Nutzer führt zu neuen Formen der Beteiligung und suggeriert mehr Demokratie sowie erweiterte Möglichkeiten der Partizipation innerhalb der neuen Medien (Egloff 2002, p. 10). Ein Rückblick in die Geschichte der Medien verdeutlicht, dass die Möglichkeit zur Interaktion und Beteiligung bereits im Zusammenhang mit anderen Medien diskutiert wurde. Wie die Radiotheorie von Bertolt Brecht beispielsweise zeigt, in der er eine Demokratisierung des Radios fordert indem passive Rezipienten zu aktiven Sendern werden (Brecht 2000, p. 260), bestand die Idee und Forderung nach mehr Beteiligungsmöglichkeiten an medialen Inhalten schon lange vor der Etablierung des Social Webs und beschreibt damit kein ausschließliches Phänomen der heutigen Zeit.

Begrifflichkeiten der Neuen Medien

Die digitalen Anwendungen und Angebote im Internet haben sich in den letzten Jahren fundamental verändert. Der Begriff Web 2.0 dient seit dem Jahre 2004 vorrangig als Sammelbegriff für Veränderungen und Erneuerungen im Kontext des Internets. Das Web 2.0 umfasst eine Menge verschiedener Entwicklungen, beschreibt dabei aber keine völlig neue Art von Technologie (Friedmann 2007, p. 33). Vielmehr handelt es sich um Innovationen auf sozio-technischer Basis, die eine bisher nicht dagewesene Form der Nutzung des Internets beschreiben und neue Möglichkeiten für Nutzer in den Bereichen der Kommunikation, Partizipation, Interaktion und Kollaboration bieten (Ebersbach, Glaser, Heigl 2011, p. 27). Aus dem klassischen one-to-many Kommunikationsmodell wurde ein Modell, welches den Dialog unter den Nutzern begünstigt und die traditionelle Rollenverteilung von Sender und Empfänger aufweichen ließ. Damit entstand das Konzept der wechselseitigen Kommunikation, bei dem die Nutzer Einflussmöglichkeiten auf mediale Inhalte erhielten (Stanoevska-Slabeva 2008, pp. 15). Daher wird das Web 2.0 häufig auch als Mitmach-Netz bezeichnet (Reichert 2008, p. 8). Die Medienwissenschaftlerin Anja Ebersbach beschreibt das Social Web als einen Teilbereich des Webs 2.0. Nach Ebersbach ist der Begriff Web 2.0 somit weiter gefasst und beinhaltet auch ökonomische, technische und rechtliche Aspekte (Ebersbach, Glaser, Heigl 2011, p. 27). Beim Social Web hingegen steht das aufeinander bezogene Handeln zwischen den einzelnen Nutzern im Vordergrund. Es wird „als Gesamtheit aller offenen, interaktiven und partizipativen Plattformen im Internet“ (Zerfaß, Sandhu 2008, p. 285), die „vielfältige Formen der Kommunikation und Interaktion in wirtschaftlichen, politischen, gesellschaftlichen und privaten Zusammenhängen“ (Zerfaß, Sandhu 2008, p. 285) betrachtet. Darüber hinaus bietet das Social Web Kanäle für die Mobilisierung, Information, Kommunikation und das Engagement der Nutzer. Die Nutzer sind dabei weder an Raum, Zeit noch finanzielle Mittel gebunden oder von diesen abhängig. Stattdessen ermöglicht es eine Vernetzung von Menschen, bietet die Möglichkeit zur Anonymität sowie eine hohe Reichweite für die Kommunikation von Belangen jeglicher Art.

Digitale Partizipation als Phänomen der Mediatisierung

Der Partizipationsbegriff findet immer häufiger im Kontext der verschiedenen Interaktionsmöglichkeiten und Anwendungen des Social Web Verwendung, wird jedoch häufig in unspezifischer und beinahe inflationärer Art und Weise genutzt (Einspänner-Pflock, Dang-Anh, Thimm 2014, p. 7). Die englische Sozialpsychologin Sonia Livingstone betont, dass das zunehmende Forschungsinteresse bezüglich der fortschreitenden Mediatisierung der Lebensbereiche darin besteht, dass sich die prinzipiellen Partizipationsmöglichkeiten wandeln (Livingstone 2013, p. 23):

„[T]oday’s media environment is reshaping the opportunity strutctures by which people (as audiences and as mediated publics) can participate in an increasingly mediatized society“ (Livingstone 2013, p. 23).

Livingstone bleibt in ihrer Aussage zur digitalen Partizipation als neues Phänomen der Mediatisierung noch sehr vorsichtig, im Gegensatz zu einigen anderen Ansätzen in der Medien- und Kommunikationsforschung, die in der fortschreitenden Digitalisierung und besonders der Etablierung des Social Webs ein besonderes partizipatives Potential und völlig neue Möglichkeiten der Beteiligung vermuten (Hepp, Pfadenhauer 2014, p. 237).

Der Kommunikationswissenschaftler Henry Jenkins, um einen der prominentesten Vertreter zu nennen, geht in seinem Verständnis sogar noch einen Schritt weiter und spricht nicht ausschließlich von Potenzialen der Medientechnologie, sondern postuliert eine grundlegend neue Medienkultur, die sogenannte Participatory Culture. Diese Partizipationskultur basiert auf gesellschaftlichem Engagement und Kreativität der Nutzer. Durch die Entwicklungen im Social Web entstehen kollektive Beziehungen und kollaborative Praktiken, die neue Formen der Gemeinschaft und einen Wandel der Kultur hin zu mehr Partizipation entstehen lassen (Jenkins 2006, p. 1). Eine dagegen eher kritische Ansicht hinsichtlich dieser neuen Medienkultur vertreten die Medienwissenschaftler Nico Carpentier und Mirko Tobias Schäfer und beziehen sich in ihrer Kritik vor allem auf die zunehmend verallgemeinernden Definitionen des Partizipationsbegriffes und behaupten damit würde der Begriff und seine ursprüngliche Bedeutung missbraucht werden. Laut Carpentier bezieht sich Partizipation ausschließlich auf die Mitentscheidung bzw. Mitbestimmung im Partizipationsprozess, wohingegen die gemeinschaftliche Produktion von Medieninhalten, wie sie Jenkins erwähnt, seiner Meinung nach keine Form der Partizipation darstellt. Schäfer unterscheidet in diesem Zusammenhang expliziter von impliziter Partizipation und behauptet, dass der Erfolg des Social Webs und den Anwendungen der sozialen Medien auf impliziter Partizipation basiert, die sich in einem unterbewussten Beteiligungsprozess entfaltet und bereits durch die bloße Nutzung medialer Anwendungen entstehen kann. Darüber hinaus kann die implizite Partizipation von äußeren Kräften gelenkt und von entsprechendem Softwaredesign seitens der Anbieterplattform manipuliert werden (Schäfer 2011, p. 44). Diese Art der Partizipation wäre somit weder zielgerichtet noch würde sie die eingangs festgelegten Kriterien der konventionellen Partizipation erfüllen, wie beispielsweise die gemeinschaftliche Entscheidungsfindung, die Freiwilligkeit oder aber die Verantwortungsübernahme. Die explizite Partizipation hingegen entfaltet sich laut Schäfer in einem aktiven Kollaborationswillen sowie einem bewusst und intrinsisch motivierten Engagement der Nutzer in kreativen Prozessen (Schäfer 2011, p. 44).

Beteiligungsmöglichkeiten im Social Web

Grundsätzlich können Beteiligungsangebote im Social Web nach Anbieter- und Nutzerperspektive unterteilt werden. Die Anbieterperspektive beschreibt hierbei die Beteiligungsangebote auf den unterschiedlichen Plattformen im Social Web. Bei der Nutzerperspektive hingegen stehen die verschiedenen Handlungsformen zur Beteiligung im Mittelpunkt. Im Folgenden werden verschiedene Möglichkeiten der Kategorisierung der Beteiligungsmöglichkeiten nach den beiden genannten Perspektiven erläutert.

Die Unterteilung der Social Web Angebote aus Anbieterperspektive erfolgt in Community-Projekte (z.B. Wikipedia), Blogs (Mikroblogs, wie z.B. Twitter), Content Communities (z.B. YouTube und andere Podcasts) und soziale Netzwerke (z.B. Facebook). Die genannten sozialen Medien zeichnen sich durch Benutzerfreundlichkeit, einen einfachen Zugang, eine hohe globale Reichweite, Aktualität und Viralität aus. Neben diesen klassischen Social Media Anwendungen werden darüber hinaus auch jene digitalen Beteiligungsangebote genannt, die nicht im engeren Sinne den sozialen Medien zuzuordnen, jedoch in besonderem Maße auf eine Beteiligung der Nutzer ausgerichtet sind. Die Rede ist von sogenannten Partizipationsportalen, die in vielfältigen Kontexten und Themenbezügen zur Beteiligung in Entscheidungsprozessen, Kampagnen oder Petitionen aufrufen (Wagner, Gerlicher, Brüggen 2011, p. 5). Für digitale Partizipation auf politischer und subpolitischer Ebene existieren beispielsweise die Plattformen der Nichtregierungsorganisationen MoveOn.org, Change.org und Avaaz.org. Diese dienen nach eigener Aussage dazu, Transparenz herzustellen oder auf wichtige Themen aufmerksam zu machen um politische Akteure zu beeinflussen. So sollen beispielsweise Protest-Emails gebündelt an Regierungsvertreter und Entscheidungsträger gesendet werden. Darüber hinaus haben Nutzer die Möglichkeit an Online-Petitionen teilzunehmen oder eigene zu erstellen (Wagner, Gerlicher, Brüggen 2011, p. 5).

Eine weitere Unterteilung von Partizipation im Social Web erfolgt in Anlehnung an den Kommunikationswissenschaftler Nico Carpentier in Partizipation in Medien und Partizipation durch Medien. Partizipation in Medien betrachtet die Medien als Organisation und umfasst Möglichkeiten der Nutzerbeteiligung an der Produktion der Medieninhalte sowie den Entscheidungen der Organisation, die den Prozess der Produktion betreffen (Carpentier 2011, p. 67). Vor dem Hintergrund der Nutzerbeteiligung in Medien lassen sich Handlungstypen im Social Web laut der Medienwissenschaftlerin Jessica Einspänner-Pflock weiter eingrenzen. Hierzu zählen das Empfehlen, Bewerten oder Kommentieren von Beiträgen, wie beispielsweise das Verfassen von Tweets bei Twitter, das Teilen eines Links oder der Klick auf den Gefällt mir-Button bei Facebook, die Nutzung eines Bewertungssystems wie beispielsweise bei Amazon oder aber die Nutzung der Kommentarfunktion auf einer Nachrichtenwebsite. Diese Handlungen haben vor allem eine Distributionsfunktion. Darüber hinaus können eigene Beiträge publiziert werden, die über die reine Kommentarfunktion hinausreichen und eigene Artikel, Blogposts oder Beiträge zu diversen Themen darstellen (Einspänner-Pflock, Dang-Anh, Thimm 2014, p. 26). Die Partizipation durch Medien hingegen meint laut Carpentier die Beteiligungs- bzw. Einflussmöglichkeit im Hinblick auf gesellschaftliche oder politische Belange. Diese Form der medialen Partizipation kann lediglich die Möglichkeit zur Mitwirkung oder Mitgestaltung von gesellschaftlichen oder politischen Themen und Diskussionen umfassen, jedoch auch bis hin zur Mitbestimmung in Organisationen, Initiativen oder politischen Fragen führen. Somit stellt das Medium eine Art Werkzeug zur Nutzerbeteiligung dar, um auf Entscheidungsprozesse außerhalb des Social Webs Einfluss zu nehmen (Carpentier 2011, p. 67).

Einen weiteren Ansatz zur Strukturierung der Beteiligungsformen im Social Web aus Nutzerperspektive bietet das Konzept von Wagner, Gerlicher und Brüggen. Sie unterscheiden drei Kategorien: sich positionieren, sich einbringen und andere aktivieren. Ersteres meint eine Stellung zu gesellschaftlichen Themen zu beziehen oder ein Statement abzugeben, in dem der Nutzer sich über Selbstdarstellung, beispielsweise einen Post bei Facebook, positioniert. Das Sich-Einbringen bezeichnet die Initiierung von oder die Beteiligung an gesellschaftlichen Diskursen. Ebenso ist damit die aktive Erstellung eigener Beiträge gemeint, die innerhalb einer Community kommentiert und diskutiert werden können. Das Aktivieren von anderen Personen umfasst hingegen das Motivieren Personen zu bestimmten Aktivitäten. Darunter zählen zum Beispiel die Eröffnung und Moderation eigener Gruppen oder Diskurse in Communities oder verschiedene Formen der Abstimmung, wie beispielsweise die Erstellung von Terminumfragen oder Online-Umfragen (Wagner, Gerlicher, Brüggen 2011, p. 12)

In einem weiteren Schritt gliedern Wagner et al. die Möglichkeiten der Beteiligung. Es wird hierbei zwischen Handlungsmöglichkeiten auf einer Plattform, plattformübergreifenden Handlungsmöglichkeiten und jene die eine Verbindung zwischen Online- und Offline-Handeln ermöglichen, unterschieden. Handlungsmöglichkeiten auf einer Plattform können zum Beispiel das Kommentieren oder Bewerten von Beiträgen, die Teilnahme an Online-Petitionen sowie die eigene Produktion von Medieninhalten sein. Ebenso können Beiträge anderer Nutzer geteilt oder veröffentlicht werden sowie gezeigt werden, dass eine Person an einer zusammenhängenden Offline-Aktion teilnimmt. Plattformübergreifende Handlungsmöglichkeiten hingegen umfassen Gestaltungs- und Beteiligungsmöglichkeiten, die über die originäre Online-Plattform hinweg auf andere Plattformen verweisen. So können Beiträge in sozialen Netzwerken wie zum Beispiel Facebook, auf spezielle Kampagnen oder Aktionen verweisen oder mit konkreten Kontaktmöglichkeiten über Online-Dienste zu den jeweiligen Entscheidungsträgern versehen sein. Bei der Verbindung von Handlungsmöglichkeiten vom Online- zum Offline-Bereich geht es vor allem um die Teilnahme an Offline-Aktionen, welche im Online-Bereich vorbereitet und beworben wurden. Darüber hinaus zählt die Einbindung von Symbolen hinzu, die Online beispielsweise im Rahmen einer Kampagne entstanden sind, jedoch auch Offline in Aktionen eingesetzt werden. Ebenso sind Spendenaktionen für Offline-Aktionen zu erwähnen,  zu denen Online bereits aufgerufen wurde. Als letztes Beispiel für die Verbindung von Online- und Offline Aktionen können sogenannte Live-Handlungsmöglichkeiten genannt werden, die beispielsweise eine Video-Liveübertragung einer Demonstration zur Verfügung stellen (Wagner, Gerlicher, Brüggen 2011, p. 12).

Neuartige Formen der Beteiligung im Social Web

Zu vielen klassischen Partizipationsmöglichkeiten, wie beispielsweise Unterschriftenaktionen oder Demonstrationen, entstand in den letzten Jahren das digitale Pendant im Social Web. Darüber hinaus bietet das Internet jedoch eine Erweiterung des Partizipationsrepertoires, also Beteiligungsmöglichkeiten, die lediglich im Social Web ihre Umsetzung finden sowie spezielle Aktivitäten die häufig unter dem Begriff des Online-Aktivismus aufgeführt sind (März 2010, p. 222). Besonderheiten der Beteiligung im Social Web stellen vor allem die schnelle und effiziente Vernetzung von Menschen auf globaler Ebene dar. Mit Hilfe des Internets können Informationen in kürzester Zeit, ortsunabhängig und kostenneutral verbreitet werden (März 2010, p. 223).

Der Begriff Clicktivism, zu deutsch Klicktivismus, bezeichnet ein Phänomen, das speziell im Social Web entstanden ist und eine neue Form der politischen sowie subpolitischen Beteiligung meint. Diese Art des Aktivismus findet in digitaler Form statt und kann sich beispielsweise durch die Teilnahme an Online-Petitionen, den Start einer Kampagne oder den Aufruf zu digitalen Protesten äußern. Bereits genannte Partizipationsportale von Organisationen wie beispielsweise Change.org und Avaaz.org finden so starken Zulauf. Für die Begriffe Clicktivism sowie Slacktivism, welcher in ähnlicher Weise verwendet wird, existieren keine wissenschaftlichen Definitionen. Henry Jenkins äußert im Zusammenhang dieser Begriffe, dass das digitale Zeitalter eine neue Online-Ära des Aktivismus erschaffen hat, die den Nutzern und besonders der jüngeren Generation vielfältige Möglichkeiten zur Beteiligung und Partizipation in politischen Diskursen bietet. Besonders im Hinblick auf die sozialen Medien wird dies offensichtlich, da Individuen ihre eigenen politischen, religiösen oder sozialen Belange vorantreiben können, um politische Meinungen zu beeinflussen. Der Klicktivismus wird jedoch aus vielen Richtungen zum Teil stark kritisiert. Genannt wird hierbei das oberflächliche Engagement im Online-Bereich, welches im Offline-Bereich häufig nicht in gleicher Intensität vorhanden ist (Kersting 2014, p. 77). Der wesentliche Kritikpunkt dieses Aktionismus ist, dass beispielsweise Millionen von Nutzern ein Video abspielen oder an einer Online-Petition teilnehmen, dies jedoch nicht zwangsläufig, direkte Auswirkung auf einen Zustand in der analogen Welt hat. Der Erfolg dieser Online-Kampagnen wird zudem häufig anhand von Klickzahlen gemessen, die jedoch lediglich quantitative Werte darstellen und sich an Marketingrichtlinien orientieren (Lachenmeyer et al.). Der Politikwissenschaftler José Marichal bezeichnet diese Art des Engagements als Mikroaktivität, bei der nicht die Beteiligung an gesellschaftlichen oder politischen Themensetzungen, sondern die Konstruktion einer „aktivistischen Identität“ im Fokus steht (Kersting 2014, p. 77).

Auch der Begriff des Slacktivismus wird, wie bereits erwähnt, in ähnlichem Zusammenhang verwendet und „[…] setzt sich zusammen aus den englischen Wörtern slacker für Faulenzer und activism für Aktivismus.“ (Eisfeld-Reschke, Geiger 2012). Kris Kristofferson, Katherine White und John Peloza haben sich mit den unterschiedlichen Beteiligungsformen in der digitalen Gesellschaft in ihrem Journal-of-Consumer-Research-Aufsatz The Nature of Slacktivism auseinander gesetzt und äußern sich dazu wie folgt:

„We define slacktivism as a willingness to perform a relatively costless, token display of support for a social cause, with an accompanying lack of willingness to devote significant effort to enact meaningful change.“  (Kristofferson, White, Peloza 2014)

Der Begriff des Slacktivismus wird, wie im Zitat deutlich, häufig als negative Entwicklung betrachtet, da die Aktivität als niedrigschwellig bewertet wird und ihr Engagement meist nur symbolisch ist. Slacktivismus umfasst wie auch der Klicktivismus einfache Formen des Aktivismus oder Protestes, die häufig nur wenig Einsatz fordern, damit „[…] bedarf es zunächst keiner großen körperlichen oder geistigen Anstrengung.“ (Eisfeld-Reschke, Geiger 2012). Der Nutzer tätigt beim Slacktivismus eine Handlung aus einem gesellschaftlichen Anliegen heraus, wobei sich diese Tätigkeit im Unterzeichnen einer Online-Petition, Spenden einer minimalen Summe oder aber im Austausch des persönlichen Profilbildes innerhalb eines sozialen Netzwerkes ausdrücken kann. Kritiker befürchten jedoch, dass Slacktivismus als ausreichender Prostest bei den Beteiligten empfunden wird und diese Personen darüber hinaus auf alle weiteren und aufwendigeren Formen der Beteiligung verzichten (Voss 2014, p. 156). Neben den kritischen Meinungen zum Slacktivismus existieren jedoch auch positive Ansätze, die unter dem Begriff eine Art der Beteiligung verstehen, welche sich vor allem symbolisch äußert und eine Neuerung darstellt, da sie Menschen betrifft, die sich sonst womöglich gar nicht beteiligen würden. Somit verbreiten sich Themen weiter und erzielen eine höhere Reichweite, aus denen dann wiederum weitere, wirkungsvolle Aktivitäten und Beteiligungsformen resultieren können. Aus diesem Blickwinkel betrachtet wäre Slacktivismus somit eine neue Form der interaktiven Öffentlichkeitsarbeit für wohltätige, gesellschaftliche, politische, religiöse oder sonstige Anliegen (Passig, Lobo 2012).

Ergebnisse

In einem Vergleich von konventioneller Partizipation mit der Partizipation im Social Web, wobei die sechs festgelegten Kriterien der konventionellen Partizipation sowie die Charakteristika der Partizipation im Social Web als Grundlage dienten, konnte festgestellt werden, dass die wesentlichen Unterschiede beim Kriterium der Machtverteilung sowie der Verantwortungsübernahme liegen. Diese beiden Kriterien konnten, im Gegensatz zu den Restlichen, bezüglich der Partizipation im Social Web nicht bestätigt werden.

Grund hierfür sind im Falle der Machtverteilung die Plattformanbieter. Diese geben zwar einen Teil ihrer Macht ab, in dem Nutzer die Möglichkeit zur eigenen Produktion von Medieninhalten gewährt wird, jedoch sind diese Anbieter in den meisten Fällen wirtschaftsorientierte Unternehmen. Der Nutzer wird in diesen Fällen häufig als Produkt deklariert, der Medieninhalte unentgeltlich beisteuert und Daten liefert die wiederum zu Marketingzwecken eingesetzt werden können (Jenkins, Ford, Green 2013, p. 298). Diesen Aspekt greift auch Schäfer in seinem Modell der impliziten Partizipation auf, welches bereits geschildert wurde.

Im Falle des Kriteriums der Verantwortungsübernahme wird im Zusammenhang mit dem beschrieben Phänomen des Clicktivism häufig die Frage gestellt, ob und wie informiert und reflektiert Clicktivisten agieren, da aus dieser Art der Beteiligung keine Handlungen und damit Konsequenzen resultieren (Eisfeld-Reschke, Geiger 2012). Darüber hinaus bietet das Social Web wie ebenfalls erwähnt die Möglichkeit als Nutzer anonym zu agieren, somit ist eine Übernahme der Konsequenzen des Handelns nicht immer gegeben.

Auffällig ist, dass besonders die beiden Kriterien der Machtverteilung und Verantwortungsübernahme nicht im virtuellen sondern eher im realen Raum zu verorten sind, da sie nicht einfach technisch umgesetzt werden können. Die Verteilung von Macht sowie die Übernahme von Verantwortung stellen bedeutende Bestandteile unserer Gesellschaft dar. Die Machtverteilung fußt dabei auf dem Ideal der demokratischen Gesellschaft und Etzioni beschrieb, dass eine Verantwortungsgesellschaft auf kulturell geprägten Werten und Handlungsmustern basiert, also dem Kern einer jeden Gesellschaft. Aus dieser Erkenntnis können nachfolgend zwei Schlüsse gezogen werden. Zum einen lässt sich im Rahmen der erlangten Ergebnisse erkennen, dass der Begriff der Partizipation im Social Web häufig in unspezifischem Zusammenhang verwendet wird und rein nach den sechs Kriterien nicht mit konventioneller Partizipation verglichen werden kann. Jedoch bedeutet dies nicht, dass Partizipation im Social Web per se nicht erfolgen kann. Es wurden einige Beweise geliefert, wie beispielsweise die Auflösung der traditionellen Rollenverteilung von Sender und Empfänger, die daraufhin deuten, dass durch das Social Web eine neue Art der Beteiligung für gesellschaftliche Akteure entstanden ist. Jedoch bestätigen einige Studien, dass die euphorische Hoffnung, das Social Web würde zu mehr Demokratie und noch nie dagewesener Partizipation führen, zumindest bisher nicht erfüllt wurde. In diesem Zusammenhang besagt die Nielsen-Regel, auch bekannt als Ein-Prozent-Regel, „In most online communities, 90% of users are lurkers who never contribute, 9% of users contribute a little, and 1% of users account for almost all the action.“ (Nielsen 2006). Diese Regel sowie einige repräsentative empirische Ergebnisse bestätigen, dass die digitale Beteiligung im Social Web auf einer Minderheit basiert, die oftmals eine ähnliche Nutzergruppe wie in klassischen Beteiligungsformaten darstellt (Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft 2014, p. 11). Der zweite Schluss, der sich aus dem Vergleich zwischen konventioneller Partizipation und der Partizipation im Social Web ziehen lässt ist, dass Partizipation im Social Web möglicherweise unter anderen Kriterien betrachtet werden müsste, denn sie unterliegt den besonderen Strukturen und Gegebenheiten des Social Webs. Aus diesem Grund sollte dem Social Web keineswegs das Potential zur Partizipation aberkannt, jedoch ein neuer Begriff einverleibt werden. Der Begriff der Symbolpartizipation erscheint hierfür besonders geeignet zu sein. Dieser Begriff entstand im Rahmen einer repräsentativen Studie des Politikwissenschaftlers Gary S. Schaal, der die politische Beteiligung im Online- und Offlinebereich untersucht. Die symbolische Partizipation beschreibt in diesem Kontext weniger die Intention einer konkreten Einflussnahme auf Entscheidungsprozesse wie im klassischen Sinne der Partizipation, sondern vielmehr ein Zeichen für die eigene Meinung zu setzen. Diese Art der Partizipation ist spezifisch und kurzfristig aktivierbar und zielt nicht direkt auf umfassende Veränderungen ab, sondern auf eine Beteiligung und eine Art des Sich-Einbringens im direkten Lebensumfeld des Nutzers (Schaal 2013). Jedoch sollte festgehalten werden, dass diese Art der Partizipation nicht negativ betrachtet werden sollte. Wenn Menschen sich mit bestimmten Sachverhalten oder Problematiken auseinandersetzen dann können sie ein Bewusstsein entwickeln das wiederum ihr direktes Umfeld beeinflussen und sich unter verschiedenen Gegebenheiten und Umständen in Beteiligung äußern kann. Symbolische Partizipation stellt somit eine Vorstufe der konventionellen Partizipation dar.

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Hier gibt’s die PDF-Version des Fachartikels 

Carmen Maria Gaukel: Interaktion und Partizipation im Social Web

Die, durch die Digitalisierung herbeigeführte, verstärkte Verschmelzung von Medien und Kultur resultieren für den Einzelnen in neuen Formen und Möglichkeiten der Mitgestaltung der Gesellschaft. Die aktuellen Medienstrukturen ermöglichen einen Übergang von der reinen Rezeption medialer Inhalte, hin zu Aktivitäten, die in einem weiteren Verständnis von Partizipation als mediale Form der Beteiligung bezeichnet werden können. Dieser Fachartikel beschäftigt sich mit der Frage, was unter Partizipation im Social Web verstanden werden kann und ob diese Art der Beteiligung Gemeinsamkeiten zur konventionellen Bedeutung des Partizipationsbegriffes als Gestaltungsprinzip des gesellschaftlich-politischen Raumes aufweist.

 

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