Thomas Oster: Politische Agenda und der Glaube an die Wahrheit

Politische Agenden gelten als ein einflussreiches Instrument politischer Akteure. Insbesondere die als wechselfreudig geltenden jungen Wähler unter 30 Jahren gelten nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Europawahl als besonders beeinflussbar. Daher untersucht die vorliegende qualitative Studie den Einfluss von Informationen politischer Agendasetzungen auf das Wahlverhalten der noch nicht näher beforschten Wählergruppe unter 30 Jahren. Anhand von acht Leitfadeninterviews wurde die Bewertung der Glaubwürdigkeit als intervenierende Variable näher eruiert und in einen theoretischen Rahmen überführt. Dabei wurden zwei zentrale Phänomene ausgemacht, die das Informationsverhalten kennzeichnen. Eine prägende politische Primärsozialisation und ein politisch homogenes Kommunikationsnetzwerk begründen ein konsistentes und in sich kohärentes politisches Weltbild, das eine soziale Filterung politischer Informationen zugunsten einer ideologisch bzw. parteipolitischen Mobilisierung impliziert. Demgegenüber führt ein heterogenes politisches Umfeld zu einer von Ambivalenzen und Indifferenzen geprägten unsicheren politischen Gedankenwelt, die ein Streben nach demokratischer Selbstermächtigung evoziert. Auf Basis einer Kaskade aktiver Informationsbeschaffung wird folglich der Versuch unternommen, ein eigenes politisches Weltbild zu schaffen. Zunächst werden wahlentscheidende Themen über die Hauptnachrichtenagenda vertikaler Medien eruiert, woraufhin eine Auseinandersetzung mit salienten parteipolitischen Positionierungen über horizontale Medien erfolgt. Dies führt entweder zu einem negativen Selektionsverfahren oder einer Herauskristallisierung einer ideologischen Grundeinstellung. Aufgrund weiterhin bestehender ambivalenter Einstellungen bzw. programmatischer Indifferenzen wird auf Basis der Salienz medialer Issues aus politischen Agendasetzungen eine späte individuelle Wahlentscheidung getroffen.

 

Klimaschutz gilt als das bestimmende Erklärungsmuster für den Ausgang der Europawahl im vergangenen Jahr. Dabei wurde vor allem der Wahlerfolg der Grünen auf die Wichtigkeit dieser Sachfrage zurückgeführt. So habe der Klima-Trend insbesondere 31 Prozent der jungen Wähler unter 30 Jahren dazu veranlasst, grün zu wählen – 19 Prozent mehr als bei der Bundestagswahl zwei Jahre zuvor. Dagegen verlor im Vergleich die Union um 14 Prozentpunkte bei dieser jungen Wählergruppe, die bei der Bundestagswahl zuvor noch jeder vierte der unter 30-jährigen wählte (vgl. Forschungsgruppe Wahlen e.V. 2019: 1-3; vgl. Schwesinger 2019: o.S.). Infolgedessen wurde jene Wahlniederlage der Union auf „eine für sie ungünstige Themenagenda“ (Dörner 2019, o. S.) zurückgeführt, indem es nicht gelungen sei, „die eigenen Themen (…) stärker in den Mittelpunkt der Debatten zu stellen“ (Dörner 2019, o. S.). Dies könnte gleichzeitig darauf hindeuten, dass der Klima-Trend durch die politische Agendasetzung der Grünen induziert sein könnte. Indem sie das für sie vorteilhafte Klimathema und einen entsprechenden Interpretationsrahmen in den öffentlichen Diskurs einbrächten, würden diese salienten Informationen angesichts des politischen Weltbildes der jungen Wählergruppe als glaubwürdig erachtetet werden, sodass die wertenden Vorstellungen über das priorisierte Klima-Thema die entscheidenden Elemente des Wahlverhaltens darstellen könnten. Schon Bernays bemerkte:

Die Wahrheit ist mächtig, und sie soll sich durchsetzen. Wenn eine Gruppe von Menschen glaubt, eine Wahrheit erkannt zu haben, dann ist es nicht nur ihr Recht, sondern geradezu ihre Pflicht, diese zu verbreiten. (Bernays 2009: 20)

Demnach stellt sich die Frage: Wie muss die politische Gedankenwelt der jungen Wähler beschaffen sein, damit die als Wahrheit erkannte und salient gemachte politische Agenda von Themen und wertenden Vorstellungen auch als Wahrheit in den Augen jener Wähler begriffen wird?

Auf der einen Seite kann das soziale Feld einen klassenspezifischen Habitus begründen, der die Wahrnehmung, das Denken und Handeln dieser jungen Wähler prägt (vgl. Bourdieu 1976: 177-189; vgl. Rommerskirchen 2017: 229-237). Demnach erfährt jene politische Information eine glaubwürdige Bewertung, die vor dem Hintergrund tradierter Bindungen der sozial konstruierten politischen Realität entspricht. Auf der anderen Seite beschreibt Beck (1994) eine Individualisierung der Gesellschaft, in der dem befreiten Individuum aus den vorgegeben sozialen Lebensformen als ‚homo optionis‘ eine individuelle Entscheidungsfreiheit innewohnt, die zum Zwang zur Wahl führt (vgl. Beck 1994: 43 ff.; vgl. Rommerskirchen 2017: 238-241. Aufgrund fehlender sozialer Orientierungspunkte muss ein Individuum einer atomisierten Gesellschaft unter dieser Unsicherheit eine eigene politische Wirklichkeit konstruieren, die eine wechselhafte Wahlentscheidung auf Basis salienter politischer Ideen und Themen im öffentlichen Diskurs begründen können. Reckwitz (2019) fasst beide Betrachtungsweisen zusammen, indem er eine gesellschaftliche Struktur aufzeigt, die vor allem in einem „Nebeneinander disparater Lebenswelten“ (Reckwitz 2019: 127) einer alten traditionellen und einer neuen akademisch geprägten Mittelklasse begriffen ist. Dabei wird der junge Wähler durch eine räumliche und soziale Verwurzelung charakterisiert, indem er eine Verantwortung für das mit ihm eng verbundene soziale Umfeld empfindet. Jene sesshafte kulturelle Lebensform führt daher zu bedeutungsvollen tradierten Bindungen in kleinfamiliären Strukturen sowie einem räumlich eingegrenzten sozialen Kommunikationsnetzwerk (vgl. Reckwitz 2019: 98 f.). Junge Wähler der neuen Mittelklasse sind dagegen durch eine räumliche Mobilität charakterisiert. Ihre Lebensführung entspricht demnach einem von Singularisierung und Valorisierung geprägten kulturell entgrenzten Kosmopolitismus, indem jeder Gegenstand des täglichen Lebens einen Wert und eine Einzigartigkeit an sich aufweisen sollte. Das Streben nach Selbstverwirklichung könnte fortan die Kreation einer eigenen politischen Wirklichkeit begründen, die sich als Ausdruck einer individuellen Selbstentfaltung in Form einer einzigartigen und wertvollen Wahlentscheidung manifestiert (vgl. Reckwitz 2019: 91-95). Demnach stellt sich vor dem Hintergrund der innerhalb des sozialen Feldes konstruierten politischen Wirklichkeit und jener von Singularisierung und Valorisierung geprägten sich selbstverwirklichenden politischen Weltbildes folgende Forschungsfrage:

Inwieweit beeinflusst die Bewertung glaubwürdiger Informationen, die einer politischen Agendasetzung entspringen, das Wahlverhalten der Wahlberechtigten unter 30 Jahren?

 

Einstellungen als wertende Repräsentanten wahlrelevanter Objekte

Der Eine wählt die Grünen wegen des Klimaschutzes, ein Anderer die CDU wegen einer affektiven Bindung und wiederum ein Anderer die FDP wegen Christian Lindner. Wahlentscheidungen gründen auf politischen Einstellungen – seien sie kurzfristiger oder eher langfristiger Natur, sachbezogen, partei- oder personengebunden. Dabei stellen jene Einstellungen eine wertende Gesamtbeurteilung eines politischen Einstellungsobjekts auf Basis von rationalen, affektiven und verhaltensbezogenen Informationen dar. Als internalisierte Tendenz evozieren sie folglich eine rationale, affektive und/oder konative Reaktion auf jenes Einstellungsobjekt (vgl. Eagly/Chaiken: 1-20). Einstellungen können daher als mentale Repräsentanz eine politische Weltsicht begründen. Ihre Konsistenz und Prägekraft ist dabei durch ihre Stärke determiniert. Eine persistente Repräsentanz eines Einstellungsobjekts zeichnet sich dabei durch ein synergetisches Zusammenspiel der kognitiven, affektiven und verhaltensbezogenen Einstellungselemente aus, das eine unidimensionale Strukturierung von konsistenten Informationen impliziert und einen schnellen Abrufprozess begünstigt. Eine kontextspezifische Konstruktion wahlrelevanter Einstellungen findet dagegen bei einer bidimensionalen mentalen Abbildung eines Einstellungsobjekts statt, indem konfligierende rationale, affektive und/oder konative Informationen eine ambivalente Einstellungsbildung evozieren, die durch Salienzmachung bestimmter Informationen beeinflusst werden kann (Maio et al. 2019: 51 f.; Nayakankuppam et al. 2018: 63 ff).

Inwieweit Informationen einer politischen Agendasetzung eine wahlspezifische Wirkung bei den beforschten Subjekten entfalten, muss daher vor dem Hintergrund der Genese jener für die Wahlentscheidung relevanten lang- und kurzfristigen politischen Einstellungen eruiert werden, die nach Miller und Shanks (1996) innerhalb eines Kausalitätstrichters geformt werden und eine zeitliche und kausale Abfolge von sechs Stufen implizieren. Die erste Stufe umfasst dabei stabile sozialstrukturelle Merkmale, die die Herausbildung langfristiger politischer Grundorientierungen in Form einer Parteiidentifikation und ideologischer Prädispositionen auf der zweiten Stufe bedingen und dadurch soziopolitische Konfliktlinien innerhalb der Gesellschaft begründen (vgl. Miller/Shanks 1996: 191 f). So entsteht auf Basis von symbolischen Auf- und Abwertungen kultureller Lebensformen und der damit verbundenen Unterschiede hinsichtlich des sozialen Status und Prestiges eine durch die kulturelle Hegemonialstellung der neuen Mittelklasse induzierte gesellschaftliche Konfliktlinie zwischen liberalen Kosmopolitismus, der die „Ideale der Autonomie, Mobilität und Entgrenzung“ (Reckwitz 2019: 101 f.) vertritt und dem politischen Kommunitarismus, der für „Vorstellungen von Ordnung, Sesshaftigkeit und Disziplin“ (Reckwitz 2019: 101 f.) steht (vgl. Reckwitz 2019: 88 ff.). Die Stärke und Konsistenz jener sozialstrukturellen Determinanten und Prädispositionen bestimmen somit den Grad ihres langfristigen Einflusses auf die Wahlentscheidung, die folglich die Wahrnehmung wahlrelevanter Einstellungsobjekte auf den nachfolgenden Stufen im Wahlkontext politisch konsistent färben (vgl. Miller/Shanks 1996: 191 f).

Kurzfristige Einflüsse auf die Wahlentscheidung können demnach vor dem Hintergrund der im Wahlkontext salienten Issues auf der dritten Stufe ausgemacht werden, die sich auf die aktuelle Zustandswahrnehmung konsensueller politischer Objekte oder auf richtungsdivergente sachfragenbezogene Konflikte beziehen und – moderiert durch die langfristigen ideologischen Prädispositionen – eine Präferenzbildung evozieren. Auf der vierten Stufe wird folglich auf Basis jener aktuellen politikbezogenen Präferenz und Wahrnehmung der aktuellen Lage eine Leistungsbewertung der Regierungsparteien aus der Retroperspektive vollzogen, die durch die langfristige affektive Parteibindung bedingt ist. Die Bewertung der persönlichen Eigenschaften der Spitzenkandidaten folgt auf Stufe fünf, sodass kurz vor der Wahl eine prospektive Bewertung der Parteien bzw. Kandidaten im Hinblick auf zu erwartende sachfragenbezogene Resultate erfolgt, wenn diese in Regierungsverantwortung stünden (vgl. Miller/Shanks 1996: 192 f.).

 

Politische Informationen: Mobilisierung oder Persuasion

Politische Informationen vermitteln Bedeutungsgehalte über die politische Realität, auf Basis dessen Wähler politische Vorstellungen entwickeln, die eine Urteilsbildung über diese wahlrelevanten Einstellungsobjekte ermöglichen können. Jene Bedeutungsgehalte werden über gesellschaftliche Informationsflüsse bereitgestellt, wobei eine dynamische Wechselbeziehung mit der Informiertheit der Wähler besteht, indem der mentale Vorrat an politischen Ideen ein Produkt der aus der sozialen Umwelt zugeflossenen Informationen darstellt, jedoch gleichzeitig auf Basis der Konsistenz und Stärke dieser in der politischen Gedankenwelt gespeicherten politischen Informa-tionen eine intervenierende Variable hinsichtlich der Beeinflussung durch neue Informationen darstellt (vgl. Schmitt Beck 2000: 30 f.).

Das RAS-Modell nach Zaller (1992) stellt dabei den Verarbeitungsprozess politischer Informationen vor dem Hintergrund eines Mehrebenenmodells dar, der auf einer Individualebene durch die politische Involvierung und die politischen Prädispositionen sowie auf der Aggregatsebene durch die Intensität politischer Informationsflüsse sowie deren richtungspolitische Verteilung moderiert wird. Jene Variablen moderieren demzufolge den Prozess, in dem politische Informationen drei Stufen der Rezeption, der Akzeptanz sowie des Einbeziehens in die Entscheidungsgrundlage durchlaufen müssen, um einen Einfluss entfalten zu können. Die Wahlentscheidung wird dabei als Konstruktion einer summarischen Meinungsstellungnahme verstanden, die eine politische Gedankenwelt von Erwägungen zur Grundlage hat und als kognitive Repräsentanz wahlrelevanter politischer Objekte mit kognitiven und affektiven Bewertungselementen verbunden sind. Demzufolge erfolgt eine Stichprobenziehung aus der Gesamtmenge aller internalisierten Erwägungen, die mit den zu bewertenden wahlrelevanten Objekten verbunden sind. Jene Stichprobenziehung ist dabei von der kontextspezifischen Entscheidungssituation geprägt, die vor dem Hintergrund der Verfügbarkeitsheuristik eine Salienz und Verfügbarkeit bestimmter Erwägungen evoziert, um somit als ‚top of the head‘-Erwägungen in die situative Nettobewertung einzufließen. Dabei besteht auf Basis aller mit dem politischen Objekt verbundenen Erwägungen und der mit ihr verknüpften Bewertungsgesichtspunkten eine zentrale Tendenz summarischer Meinungsstellungnahmen, die aber zugleich eine gewisse Streuung von Erwägungen impliziert und somit aufgrund der kontextspezifischen Salienz und Verfügbarkeit eine Varianz summarischer Meinungsstellungnahmen begründet. Gesellschaftliche Informationsflüsse können so über intensive, richtungspolitisch konsistente persuasive Botschaften entweder die zentrale Tendenz summarischer Meinungsstellungnahmen langfristig verschieben oder anhand des Primings oder Framings bestimmter politischer Sachverhalte die Stichprobenziehung temporär beeinflussen. Dabei begründen politische Prädispositionen eine Resistenz gegenüber inkonsistenten Informationen, die durch die politische Involviertheit in Form einer intensiven kognitiven Auseinandersetzung begünstigt wird (vgl. Zaller 1992: 40 ff; Zaller/Feldman 1992: 609 f.).

Diesem Verarbeitungsprozess der kognitiv geprägten mentalen Repräsentanz politischer Objekte stellen Lodge und Taber (2013) ein Modell des Primats des Affekts gegenüber. Den Ausgangspunkt stellt eine begrenzte kognitive Kapazität des Arbeitsgedächtnisses dar, mithilfe dessen eine bewusste kognitive Auseinandersetzung mit der Information stattfinden kann. Daher entwerfen sie ein Dualprozessmodell, indem neben dem bewussten Denken innerhalb des Arbeitsgedächtnisses ein assoziativ organisiertes Langzeitgedächtnis etabliert wird, das einen impliziten und hochselektiven Abruf von mit einem politischen Gegenstand assoziativ verbundenen Gedächtnisobjekten induziert, die affektive Objekte in Form von Einstellungen und Gefühle sowie Überzeugungen als konzeptionelle Objekte darstellen, wobei jegliche Gedächtnisobjekte Affekte unterschiedlicher Stärke und Richtung implizieren. Somit aktiviert ein politischer Gegenstand als Stimulusobjekt unmittelbar und automatisch bestehende affektiv geladene Einstellungen sowie vor dem Hintergrund des Primingkontextes mit jenem politischen Objekt semantisch unverbundenen Affekte, sodass eine affektive Aufladung des politischen Gegenstandes stattfindet. Danach werden kognitive Erwägungen in Form von Argumenten und Fakten aktiviert, die ein semantisches Verständnis bereitstellen. Jedoch wird dieser Abrufungsprozess von kognitiven Erwägungen durch die zuvor aktivierten Affekte verzerrt, sodass sie den nachfolgenden bewussten Verarbeitungsprozess der Deliberation und Bewertungskonstruktion richtungsweisend beeinflussen. Zudem können jene affektiv aufgeladenen Einstellungen und zufällige Gefühlsregungen über einen direkten Affekttransfer einen unmittelbaren Einfluss auf die Bewertungskonstruktion des politischen Gegenstandes evozieren. Anschließend kann eine Rationalisierung der durch affekt-getriebene und implizite Verarbeitungsprozesse konstruierten Bewertung eines politischen Gegenstands mithilfe einer erneuten bewussten Deliberation erfolgen. Doch jede bewusste Deliberation führt folglich zu einem erneuten unterbewussten Verarbeitungsprozess, sodass frühere richtungsgebende affektive Reaktionen auf den politischen Gegenstand nicht verändert werden können (vgl. Lodge/Taber 2013: 28 ff.).

Gemeinsam ist den beiden Modellen, dass in Abhängigkeit der Stärke und Konsistenz von bestehenden politischen Prädispositionen eine Konstruktion der Wahlentscheidung stattfindet. Bei ausgeprägten Prädispositionen besteht eine Resistenz gegenüber inkongruenten Informationen, die in einer Verstärkung bzw. Polarisierung politischer Einstellungen mündet (vgl. Lodge/Taber 2013: 152 f.; vgl. Zaller 1992: 42 ff.). Dagegen müssen Einstellungen zu wahlrelevanten politischen Objekten kontextspezifisch konstruiert werden, wenn inkonsistente oder labile Erwägungen bzw. Einstellungskomponenten vorliegen. Dabei kann die Genese kognitiver Einstellungskomponenten anhand der Dualprozessmodelle, dem Elaboration Likelihood Modell und dem Heuristic-systematic Modell zusammenfassend dargestellt werden. Einstellungsrelevante Informationen erfahren in Abhängigkeit von der Motivation und Fähigkeit – der politischen Involviertheit – entweder eine intensive kognitive Auseinandersetzung, die eine eher starke, persistente Einstellung hervorbringt, oder eine oberflächliche Verarbeitung anhand von Hinweisreizen und heuristischen Entscheidungsregeln, die eine Genese von eher instabilen, schwachen Einstellungen determiniert (vgl. Maio et al. 2019: 123-129). Die Entwicklung einer affektiven Einstellungskomponente kann vor dem Hintergrund einer evaluativen Konditionierung erklärt werden, indem durch wiederholte Darbietung eines Einstellungsobjekts dieses mit einem affektiven richtungsweisenden Stimulus verbunden ist, der folglich eine internalisierte affektive Reaktion evoziert und eine neue affektive Einstellungskomponente begründet (vgl. De Houver et al. 2001: 853 ff).

 

Mediale Konstruktion politischer Wirklichkeit

Die Verarbeitung politischer Informationen muss vor dem Hintergrund ihrer Kanalisierung gesehen werden, indem über die mediale Selektierung von Themen und Informationen eine politische Wirklichkeit konstruiert wird. Die Form und das Ausmaß jener medialen Einflüsse gründet auf dem Bedürfnis nach politischer Orientierung, das als Kombination der politischen Unsicherheit bezüglich der politischen Berichterstattung, die durch die Konsistenz und Stärke wahlrelevanter Einstellungen in der politischen Gedankenwelt bedingt ist, und der politischen Relevanz im Sinne eines Interesses an den im Wahlkampf medial diskutierten Themen definiert ist. Daraus resultieren vier Typen der Medienrezeption. Diejenigen Wähler mit einem hohen Bedürfnis nach Orientierung (hohe Unsicherheit/hohe Relevanz) zeichnet eine aktive Suche nach medialen Informationen aus, indem sie auf Basis dieser Informationen vor dem Hintergrund der hohen von Inkonsistenzen geprägten politischen Unsicherheit danach streben, korrekte Schlussfolgerungen aus der intensiven kognitiven Auseinandersetzung mit den politischen Sachverhalten zu ziehen. Daher nutzen sie horizontale traditionelle Medien, die jenen Wählern tiefergehende Informationen über eine wahlrelevante Themenagenda liefern, sodass der Rezipient durch die Salienz dieser medial selektierten und gewichteten Themen (1st Level Agenda Setting-Effekt) in der eigenen Prioritätensetzung politischer Sachverhalte so beeinflusst wird, dass daraufhin themenbezogene Erwägungen bzw. Einstellungen wahlentscheidend aktualisiert werden. Wähler mit einem moderat-aktiven Bedürfnis nach Orientierung (geringe Unsicherheit/hohe Relevanz) streben dagegen aufgrund einer stabilen Parteiidentifikation und der diesen zugrundeliegenden konsistenten Prädispositionen nach parteipolitisch konsistenten Informationen, sodass durch die Nutzung jener richtungspolitisch ausgerichteten horizontalen Medien diese Rezipienten vor allem dem Effekt des 2nd Level Agenda Settings unterliegen, indem nicht nur eine Selektion bestimmter Themen erfolgt, sondern auch dazugehörige wertende Vorstellungen über diese politischen Objekte salient gemacht werden, sodass jene Attribute schließlich in die objektbezogene Bewertungskonstruktion des Rezipienten eingehen. Die Wähler mit einem niedrigen Bedürfnis nach Orientierung (geringe Relevanz/hohe Unsicherheit bzw. geringe Unsicherheit) werden dagegen aufgrund ihrer passiven und unregelmäßigen Mediennutzung nur in begrenztem Maße von Agenda Setting-Effekten beeinflusst, sodass auf dieser Basis leicht verfügbarer Information aus jener sporadischen Mediennutzung eine Verfügbarkeitsverzerrung besteht (vgl. McCombs et al. 2014: 782 ff.).

Die Agenda Setting-Effekte bedeuten nicht bloß eine Übernahme der Hauptnachrichtenagenda vertikaler Medien bzw. der mit diesen verbundenen medial salient gemachten Attributen horizontaler Medien. Es erfolgt vielmehr über einen sozialen Vorgang die Konstruktion persönlicher Agenden-Gemeinschaften, die einen personalisierten Informationskosmos darstellen, in dem auf Basis vorhandener politischer Prädispositionen und Erfahrungen institutionelle vertikale Agenden mit politisch gefärbten Agenden der Referenzgemeinschaft verschmelzen, sodass ein persönlich zufriedenstellendes Bild der Wirklichkeit entsteht (vgl. McCombs et al. 2014: 782 ff.).

 

Das soziale Feld als Bedeutungsgenerator

Der Grad der Selektivität des Informationskosmos ist dabei durch soziale Referenzgruppen bedingt, die ein auf die unmittelbare Lebenswelt bezogenes Kommunikationsnetzwerk (vgl. Schmitt-Beck 1994: 178) darstellen. Dabei erfahren massenmediale Informationen erst durch die argumentative Auseinandersetzung innerhalb des Diskutantenzirkels eine Bedeutung, indem sie gruppenspezifische Interpretationsrahmen bereitstellen und folglich eine Bewertung über die Akzeptanz jener massenmedialen Inhalte evozieren (vgl. Merten 1994: 317). Insofern ist der Grad medialer Einflussnahme durch die Homogenität des sozialen Netzwerks bedingt. Die Einbettung in einem politisch homogenen sozialen Netzwerk bewirkt eine Verstärkung jener medialen Inhalte, die dem Netzwerkkonsens als sozialen Orientierungspunkt entsprechen. Zeitgleich besteht eine Resistenz gegenüber mit den geteilten Gruppennormen inkonsistenten Informationen (vgl. Katz/Lazarsfeld 1955: 44 f.). Ein mittelgroßer medialer Einfluss kann innerhalb eines politisch heterogenen sozialen Netzwerks bestehen, die vielfältige politische Standpunkte implizieren, die keinen eindeutigen Netzwerkkonsens als sozialen Bezugspunkt zulassen. Daraus folgt, dass Wähler bei rezipierten medialen Informationen geringere Diskrepanzen innerhalb des politischen Diskutantenzirkels erfahren, sodass eine Akzeptanz jeglicher richtungspolitischer Informationen erfolgen kann, die von einem Gesprächspartner des heterogenen sozialen Netzwerks bestätigt werden kann (Huckfeldt/Sprague 1995: 18-20, 45-55; Schmitt-Beck 2000: 98).

 

Vorstellung der empirischen Erhebung

Der theoretische Forschungsstand lässt bisweilen lediglich allgemein gültige Annahmen über die Beeinflussbarkeit von Wählern durch Informationen politischer Agendasetzungen zu. Um die Spezifika der beforschten Subjekte näher zu ergründen, wurde eine qualitative Forschungsmethode in Form von acht Leitfadeninterviews gewählt, sodass typische Fälle und den diesen kennzeichnenden Regeln eruiert werden können (vgl. Reichertz 2015: 279-281). Das Sampling erfolgte anhand eines Stichprobenplans, der die Interviewpartner anhand der Kriterien der politischen Involviertheit als Ausdruck einer kognitiven Auseinandersetzung mit politischen Sachverhalten und des Urbanisierungsgrades des Wohnortes, der auf typische sozialstrukturelle Merkmale und den Homogenisierungsgrad des Kommunikationsnetzwerkes hindeutet, selektierte (vgl. Merkens 2015: 291). Das den Interviewtexten unterstellte implizite Wissen wurde anhand des Codierparadigmas im Rahmen der Grounded Theory expliziert, indem zentrale Phänomene und das diesen zugrundeliegende Beziehungsgeflecht an Hauptkategorien erforscht wurden (vgl. Strauss/Corbin 1996: 94 ff; vgl. Soeffner 2004: 163 ff.).

 

Darstellung der qualitativen Ergebnisse

Die empirischen Ergebnisse konnten in Bezug auf die Beeinflussbarkeit der beforschten Subjekte durch kurzfristige Agenden politischer Akteure zwei grundlegende Phänomene eruieren. Das erste Phänomen kennzeichnet den Typen des informationsselektierenden Parteiwählers, das eine Filterung politischer Informationen aufgrund einer prägenden Primärsozialisation und politisch homogener Kommunikationsnetzwerke darstellt. Das zweite Phänomen des informationsbedürftigen Parteiwechslers stellt dagegen die demokratische Selbstermächtigung mit dem Ziel einer individualisierten Wahlentscheidung aufgrund heterogener Umweltbeziehungen und der Emanzipation aus tradierten Bindungen dar. Demnach determiniert der Homogenisierungsgrad des politischen Kommunikationsnetzwerkes die Konsistenz und Stärke politischer Prädispositionen, der im Falle des informationsselektierenden Wählers eine stabile politische Grundorientierung und Parteiidentifikation evoziert. Dagegen kennzeichnet die informationsbedürftigen Parteiwechsler labile bzw. inkonsistente Prädispositionen mit keiner klaren politischen Grundorientierung. Daraus resultiert ein Bedürfnis nach Orientierung auf Seiten des informationsselektierenden Parteiwählers, das davon geprägt ist, über parteipolitisch gefärbte Medien innerhalb eines selektiven Informationskosmos politische Informationen zu rezipieren. Das Bedürfnis nach politischer Orientierung der informationsbedürftigen Parteiwechsler ist dahingehend durch einen richtungspolitisch offenen Informationskosmos charakterisiert, der vor allem in der massenmedialen Informationsvielfalt traditioneller Nachrichtenportale begriffen ist, aber auch parteipolitische Kanäle beinhaltet.

Aus der selektiven Informationsverarbeitung der informationsselektierenden Parteiwähler resultiert demnach über einen parteipolitisch gefärbten Informationsmix die Rezeption einstellungskongruenter Informationen. Des Weiteren ist der Netzwerkkonsens des politisch homogenen Diskutantenzirkels als sozialer Orientierungspunkt die zentrale Determinante bei der Filterung wahlentscheidender Themen und Informationen. Die Suche nach politischen Informationen der Stammpartei im Wahlkontext wird darüber hinaus von geringer involvierten Wählern zum Zwecke der Vergewisserung bezüglich der Konsistenz zwischen der Parteiprogrammatik und den eigenen Prädispositionen betrieben. Die Wahrnehmung widerstrebender Argumente und Meinungen außerhalb des selektiven Informationskosmos, vor allem über vertikale Medien, führt schließlich zu einer motivierten Informationsverarbeitung, indem hohe Resistenzen gegenüber inkongruenten Informationen bestehen, die zu einer intensiven Überprüfung jener gegenteiligen Argumente führen, die in einer einstellungskongruenten Bekräftigung der politischen Grundorientierung münden. Dies charakterisiert die Immunität gegenüber kurzfristigen persuasiven Einflüssen politischer Agenden, indem diese vielmehr zur Aktivierung und Verstärkung bestehender konsistenter Prädispositionen beitragen und eine Mobilisierung zugunsten der Stammpartei induzieren.

Dagegen ist bei den informationsbedürftigen Parteiwechslern eine Kaskade der aktiven Informationsbeschaffung zu konstatieren, indem zunächst eine intensive Verfolgung politischer Berichterstattung über Nachrichtenportale traditioneller Massenmedien erfolgt, die auf Basis der Medienagenda zur Eruierung wahlentscheidender Themen führt. Daraufhin erfolgt die Suche nach parteipolitischen Positionierungen, die entweder zur Herauskristallisierung einer ideologischen Grundorientierung zugunsten eines Parteienlagers und der Wahrnehmung diesbezüglicher programmatischer Indifferenzen führt oder über ein negatives Selektionsverfahren ein Gefühl der Überforderung aufgrund starker Ambivalenzen evoziert. Daraus resultiert eine späte Wahlentscheidung auf Basis der Salienz und Verfügbarkeit wahlrelevanter Issues, die eine Sensibilität für kurzfristige politische Agenden begründen, indem diese jene starken Indifferenzen und Ambivalenzen richtungsweisend auflösen.

Des Weiteren sind zwei Zwischentypen zu konstatieren. Der informationsselektierende Zauderer innerhalb desselben Parteienlagers weist im Wesentlichen zentrale Merkmale des informationsselektierenden Parteiwählers auf. Allerdings unterschiedet sich dieser Typ in der affektiven Bindung zu einer Stammpartei, indem er zwar eine stabile ideologische Grundorientierung aufweist, die allerdings die Präferenz für mehrere Parteien desselben Lagers impliziert. Dahingehende Indifferenzen werden daher durch die Salienz von wahlrelevanten Issues, die den politischen Agendasetzungen der präferierten Parteien entspringen, über horizontal ideologisch gefärbte Medien wahrgenommen und zugunsten einer Partei wahlentscheidend aufgelöst. Der hadernde Parteiwähler stellt dagegen einen Transformationstypus dar, indem zentrale Charakteristika zugunsten des informationsbedürftigen Parteiwechslers im Wandel begriffen sind, ihn allerdings die Konsistenz mit dem bislang prägenden sozialen Kommunikationsnetzwerk als sozialen Orientierung davon abhält, eine selbstermächtigende Individualisierung des Wahlverhaltens in die Tat umzusetzen.

 

Kritische Reflexion der empirischen Erhebung

Im Forschungsprozess der empirischen Erhebung wurde offenkundig, dass der in der Forschungsliteratur nicht näher betrachtete Individualisierungsprozess der Wahlentscheidung als Ausfluss demokratischer Selbstermächtigung weiter beforscht werden sollte, da es sich um ein zentrales Phänomen dieser Wählergruppe handelt. Der Wechsel zwischen dem Ort der Primärsozialisation in ein urbaneres Umfeld kann den Auslöser des Prozesses darstellen, indem heterogene Umweltbeziehungen mit widerstrebenden Meinungen bestehen, die alle Interviewpartner dieses Typs gemein haben. Jedoch sollte dieser Erklärungsansatz um eine vertiefende qualitative Untersuchung des Individualisierungsprozesses erweitert werden. Ebenso sollte der prägende Prozess der Primärsozialisation als Begründung einer langfristigen Parteiidentifikation einer tiefergehenden Ergründung unterzogen werden. Denn jenes Primärumfeld kann selbst bei heterogenen urbanen Umwelteinflüssen zu einer Aufrechterhaltung eines politisch homogenen Diskutantennetzwerks und der damit verbundenen affektiven Parteibindung beitragen.

Hinsichtlich des Samplings ist auffallend, dass sich die beforschten Subjekte in dieser empirischen Erhebung in der politischen Involvierung nicht wesentlich voneinander unterschieden haben. Trotz vorheriger Selbsteinschätzung bleibt zu konstatieren, dass im hohen Bildungsgrad der ausgewählten Interviewpartner und ihrer kognitiven Ressourcen der Grund dieser relativ hohen politischen Involvierung zu finden ist. Eine weitere limitierende Aussage kann der räumlichen Differenzierung des Samplings unterstellt werden, indem jene Interviewpartner des als ländlich definierten Raums eine äußerst gute soziale und infrastrukturelle Anbindung an die angrenzenden Metropolen aufwiesen, sodass sich das soziale Umfeld heterogener gestaltete als innerhalb ländlicher Räume, die keine derartige geografische Lage inmitten einer Metropolregion aufweisen. Darüber hinaus kann diese empirische Erhebung nur den Anfang einer tiefergehenden Ergründung der wahlentscheidenden Beeinflussbarkeit der beforschten Subjekte durch politische Agendasetzungen darstellen. Denn auf Basis der begrenzten Fallzahl dieser empirischen Erhebung bieten sich weitere vertiefende Interviews an, um die spezifischen Charakteristika facettenreicher zu eruieren, und anhand quantitativer Erhebungen zu falsifizieren. Dabei wird vorgeschlagen, auf Basis eines Paneldesigns im spezifischen Wahlkontext regelmäßig Vorwahlbefragungen sowie eine Nachwahlbefragung durchzuführen, um schließlich dem verzerrenden Effekt dieser empirischen Erhebung entgegen zu wirken, der in Erinnerungsfragen zu wahlspezifischen Einflüssen begründet ist, die mehrere Monate zurücklagen.

 

Fazit: Ein theoretisches Konstrukt zur Beeinflussbarkeit der Wählergruppe U30 durch politische Agenden

 Gegenstand dieser Arbeit war die Ergründung der Fragestellung, inwieweit die Wahlberechtigten unter 30 Jahren Informationen einer politischen Agenda von Themen und wertenden politischen Vorstellungen für glaubwürdig erachten und daraus wahlrelevante Implikationen ableiten. Eine zusammenhängende kritische Betrachtung der dargelegten Forschungsliteratur sowie der empirischen Erkenntnisse ergibt ein Konstrukt, das in Bezug zur Forschungsfrage von einer Bestätigung zentraler theoretischer Annahmen geprägt ist, jedoch um entscheidende Spezifika der beforschten Subjekte konkretisiert wurde.

 

„Sage mir, mit wem Du umgehst, so sage ich Dir, wer Du bist“ (Goethe 2019: 221) – die Prägekraft des sozialen Feldes

Der Einfluss politischer Agendasetzungen der für einen politischen Akteur vorteilhaften Issues und Attribute auf das Wahlverhalten jener jungen Wähler muss zunächst vor dem Hintergrund der sozialstrukturellen Merkmale sowie des sozialen Umfeldes gesehen werden. Dabei hat die empirische Untersuchung zutage befördert, dass vor allem eine starke politisch konsistente Primärsozialisation Ausgangspunkt einer stabilen affektiven Parteibindung ist, die fortan – trotz möglicher heterogener Umwelteinflüsse – die Aufrechterhaltung eines politisch homogenen sozialen Netzwerkes als sozialen Orientierungspunkt begründet. Dies führt zu einer Homogenität der politischen Gedankenwelt, indem eine Vielzahl an politisch konsistenten affektiven und kognitiven Einstellungskomponenten zu politischen Objekten bestehen, die in eben jener langfristigen Parteiidentifikation münden sowie eine stabile ideologische Grundhaltung implizieren. Somit führt ein sozial induzierter Vorgang zu einer Konstruktion eines politisch kongruenten Weltbildes, das aufgrund seiner kohärenten richtungspolitischen Deutungsmuster in sich geschlossen ist. Aufgrund dieser politischen Sicherheit in Bezug auf die politische Realität erfolgt eine Filterung politischer Informationen, indem ein personalisierter Informationskosmos geschaffen wird, der dem Bild jener sozial konstruierten politischen Wirklichkeit entspricht.

Das Bedürfnis nach politischer Orientierung ist dabei vor allem von einer hohen politischen Relevanz in Bezug auf politisch gefärbte Themen und konsistent wertende Vorstellungen geprägt. Daher kann konstatiert werden, dass jenen beforschten Subjekten eine hohe politische Involvierung in Bezug auf politisch kongruenten Informationen horizontaler Medien unterstellt werden kann. Eine theoretisch aufgezeigte von politischem Desinteresse geprägten passiven Mediennutzung innerhalb jenes personalisierten Informationskosmos, die eine Wahlentscheidung auf Basis der Verfügbarkeit zufällig rezipierter politisch gefärbter Informationen induziert, kann hinsichtlich der beforschten Subjekte nicht bestätigt werden. Infolgedessen erfahren Informationen, die dem Agenda-Setting des politischen Akteurs entspringen, dann eine Aufmerksamkeit, wenn sie der sozial konstruierten politischen Wirklichkeit mit ihren kohärenten Deutungsmustern entsprechen. Daher dominiert die Nutzung horizontaler politisch gefärbter Medien, die zu einem starken medialen Einfluss führen, indem die mit dem Netzwerkskonsens als sozialen Orientierungspunkt konsistenten salienten Issues (1st Level Agenda-Setting) und Attributen (2nd Level Agenda-Setting) der politischen Agenda der Stammpartei zur Bewertungskonstruktion wahlrelevanter politischer Objekte herangezogen werden und folglich in einer Wahlentscheidung zugunsten der Stammpartei münden. Dabei erfolgt eine hohe kognitive Auseinandersetzung mit jenen medial präsenten parteipolitisch gefärbten Themen und Deutungsmustern, die zur Genese neuer starker Überzeugungen oder zur Verstärkung bestehender Überzeugungen führt. Des Weiteren kann eine positiv affektive Reaktion auf diese parteipolitischen Inhalte erfolgen, indem sie aufgrund bestehender Einstellungen zur affektiven Aufladung wahlrelevanter Objekte führt oder in Form einer evaluativen Konditionierung neue affektive Einstellungskomponenten zu politischen Objekten hervorbringt. Entscheidend ist, dass der politische Akteur über eine Agendasetzung themenspezifischer wertender Vorstellungen wahlrelevante starke kognitive und affektive Einstellungskomponenten aktualisieren bzw. deren Genese innerhalb der politisch kongruenten Gedankenwelt begünstigen kann. Folglich führt die synergetische Beziehung von affektiven und kognitiven Einstellungskomponenten zu einer Konstruktion der Wahlentscheidung, die auf Basis des Primings auf politisch konsistente wahlrelevante Issues und Framings in Form richtungspolitischer Interpretationsrahmen zu einer Mobilisierung für die Stammpartei führt, da jene Informationen aufgrund der Übereinstimmung mit der sozial konstruierten politischen Wirklichkeit als äußerst glaubwürdig bewertet werden.

Diese informationsselektierenden Parteiwähler nehmen dabei über ihren selektiven Informationskosmos – entgegen der theoretischen Annahmen, dass eine selektive Wahrnehmung kongruenter Information besteht – durchaus widerstrebende Argumente, vor allem über vertikale traditionelle Medien, wahr. Allerdings führen jene inkonsistenten Informationen zu einem erhöhten kognitiven Aufwand, diese auf Basis einer weitergehenden Informierung über politisch gefärbte Medien zu entkräften, um schließlich eine im Sinne des Netzwerkkonsenses kongruente Einstellung zu jenem medial präsenten politischen Objekt zu bekräftigen. Des Weiteren besteht bei dem informationsselektierenden Parteiwähler, der sich vor allem im Wahlkontext durch eine aktive politische Involvierung auszeichnet, das Bedürfnis nach einer Vergewisserung bezüglich der Konsistenz zwischen der Parteiprogrammatik und den eigenen politischen Prädispositionen, weswegen eine aktive Suche innerhalb parteipolitisch gefärbter Medien stattfindet. Der Zauderer innerhalb desselben politischen Lagers gleicht jenem informationsselektierenden Parteiwähler in zentralen Charakteristika. Doch seine politische Gedankenwelt ist von objektbezogenen Einstellungskomponenten gekennzeichnet, die zwar eine klare ideologische Grundorientierung aufzeigen, aber aufgrund einer fehlenden affektiven Parteibindung im Zuge einer prägenden Primärsozialisation die Wahrnehmung programmatischer Indifferenzen zwischen Parteien desselben politischen Lagers evozieren. Daher wird jene Konstruktion der Wahlentscheidung aufgrund der Salienz von Issues der kurzfristigen politischen Agenden der präferierten Parteien desselben Lagers getroffen, zu denen jener Wähler die stärksten issue-bezogenen Einstellungskomponenten aufweist.

 

„Wer geboren werden will, muss eine Welt zerstören“ (Hesse 1974: 107) – die Wahlentscheidung als Akt demokratischer Selbstermächtigung

Dagegen muss bei dem Typus des informationsbedürftigen Parteiwechslers die Beeinflussbarkeit durch Informationen politischer Agendasetzung vor dem Hintergrund sozialstruktureller Merkmale und widerstrebender Meinungen innerhalb seines heterogenen politischen Netzwerks betrachtet werden. Dabei konkretisieren die empirischen Forschungsergebnisse jene theoretische Annahme, indem im politischen Leben der beforschten Subjekte ein Umbruch stattfinden kann, der von der Heterogenisierung des sozialen Umfeldes geprägt ist. Ein derartiger Umbruch manifestiert sich durch verstärkte Einflüsse von kosmopolitischen Werten im urbanen Umfeld, die in Widerspruch zu eben jenen kommunitaristischen Werten der homogenen Primärsozialisation im eher ländlichen Raum stehen. Dieser Konflikt ist daher durch sozialstrukturelle Merkmale geprägt, indem der informationsbedürftige Wähler der neuen Mittelklasse zuzuordnen ist, jedoch sein bislang prägendes Primärumfeld der alten Mittelklasse nahe steht. Aufgrund dessen besteht die politische Gedankenwelt aus inkonsistenten politischen Einstellungskomponenten, die ein ambivalentes und von Unsicherheit geprägtes politisches Weltbild begründen. Aufgrund des fehlenden sozialen Orientierungspunkts in Form eines Netzwerkkonsenses erwächst das Bedürfnis nach politischer Orientierung in Gestalt einer demokratischen Selbstermächtigung.

Daher erfolgt aufgrund der widerstrebenden sozialen Umwelteinflüsse eine Emanzipation aus jenen tradierten sozialen Bindungen, wie das bekannte Zitat Hermann Hesses metaphorisch treffend beschreibt: “Der Vogel kämpft sich aus dem Ei. Das Ei ist die Welt. Wer geboren werden will, muss eine Welt zerstören” (Hesse 1974: 107). Nicht das soziale Umfeld soll über die politische Wirklichkeit bestimmen, in dem er lebt, sondern er selber will seine eigene politische Realität erschaffen. Daraus folgt eine hohe politische Involvierung, indem er die Individualisierung der Wahlentscheidung über eine korrekte Schlussfolgerung aus politischen Informationen erreichen will. Dies impliziert einen zunächst offenen Informationsprozess, der durch eine Kaskade aktiver Informationssuche gekennzeichnet ist und somit die theoretischen Annahmen grundlegend erweitert. Der informationsbedürftige Parteiwechsler informiert sich zunächst anhand der Hauptnachrichtenagenda der vertikalen traditionellen Medien vertiefend über wahlrelevante Issues, indem eine hohe kognitive Auseinandersetzung mit jenen selektierten politischen Sachverhalten erfolgt. Im Zuge dessen wird ein 1st Level Agenda-Setting Effekt offenkundig, indem jenes beforschte Subjekt auf wahlentscheidende politische Themen medial geprimed wird. Im Folgenden erfährt das theoretische Konstrukt eine grundlegende Erweiterung. Denn eine Wahlentscheidung wird nicht nur auf Basis salienter Informationen der vertikalen Medien getroffen, vielmehr erfolgt eine aktive Suche nach parteipolitischen Positionierungen über politisch gefärbte horizontale Medien. Dabei nehmen sie die Salienz jener wertenden Vorstellungen der politischen Agendasetzungen der richtungspolitisch divergenten Akteure zu den als wahlrelevant eruierten Themen wahr. Insbesondere die affektive Aufladung politisch wahlrelevanter Objekte wird offenkundig, die auf kosmopolitischen Einstellungskomponenten gründen. Gleichzeitig besteht aber auch eine hohe kognitive Auseinandersetzung mit den issue-bezogenen divergierenden Argumenten, die in der Bildung starker Überzeugungen münden. Daraus folgt entweder ein negatives Selektionsverfahren, das aufgrund des ambivalenten Weltbildes zur Überforderung führt oder eine Herauskristallisierung einer ideologischen Grundorientierung wird evoziert. Letzteres begründet eine Konstruktion einer ideologisch konsistenten politischen Realität, die fortan als Orientierungspunkt für die Bewertung glaubwürdiger Informationen dient und somit die Schaffung eines selektiven Informationskosmos erzeugt. Dabei wird allerdings auch ersichtlich, dass der individuell erscheinende Konstruktionsprozess maßgeblich durch sozialstrukturelle Merkmale und ein prägendes kosmopolitisches Umfeld bestimmt ist. Dennoch begründen diese Einflüsse lediglich die Wahl eines Parteienlagers, die der sozial konstruierten politischen Wirklichkeit entsprechen. Daher entscheidet letzten Endes bei den informationsbedürftigen Parteiwechslern die Salienz wahlrelevanter Issues und Attribute kurz vor der Wahl, welche issue-bezogenen Einstellungskomponenten zur Konstruktion der Wahlentscheidung herangezogen werden. Dabei werden die informationsbedürftigen Parteiwechsler mit einer ideologischen Grundorientierung eher saliente Issues wahrnehmen, die jenem im Verlaufe des Wahlkampfes konstruierten ideologischen Weltbild entsprechen. Daher erwächst bei diesen Wählern die Möglichkeit, über die stärkere Aufmerksamkeit für horizontale Medien durch eine politische Agendasetzung parteipolitischer Issues und wertender Vorstellungen jene Indifferenzen zwischen den Parteien desselben Lagers richtungsweisend aufzulösen. Die Ambivalenzen der informationsbedürftigen Wähler, die ein negatives Selektionsverfahren durchgeführt haben, werden dagegen eher durch die Hauptnachrichtenagenda der vertikalen Medien kurz vor der Wahl aufgelöst, die die issue-bezogenen Einstellungskomponenten aktualisieren. Der Transformationstypus des hadernden Parteiwählers deckte im Forschungsprozess insbesondere jene in der Forschungsliteratur nicht näher erläuterten Individualisierungstendenzen der beforschten Subjekte auf, indem dieser im Wandel begriffen ist, jedoch aufgrund des bisher prägenden Primärumfelds die demokratische Selbstermächtigung bei der betrachteten Wahl nicht vollendet. Aufgrund der Forschungslücke hinsichtlich dieses zentralen Phänomens des Wahlverhaltens der beforschten Subjekte sollte im weiteren Forschungsprozess eine differenziertere Betrachtung erfolgen, da in dieser Arbeit aufgrund jenes Literaturstudiums lediglich erste empirische Ansätze eruiert werden konnten.

 

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Juliette Kronauer: Die Ambivalenz von Vertrauen und Macht

Der Alltag eines Menschen ist von Situationen der Machtausübung als auch von Vertrauenskonflikten geprägt. Tag für Tag treffen Menschen Entscheidungen aufgrund verschiedenster Determinanten – auch vor dem Hintergrund der persönlichen Nutzenmaximierung. Welche Rolle spielen dabei Macht und Vertrauen – vor allem in der strategischen Kommunikation? In wie weit lässt sich dies auf die Medien und die Politik übertragen? Das ambivalente Verhältnis von Politik und Medien sowie die gezielt unterhaltsame Vermittlung politischer Information stellen dabei politische Akteure vor neue kommunikative Herausforderungen. Sie sollen einerseits medial nahezu überpräsent sein, das Publikum unterhalten, sich geschickt und originell inszenieren, rhetorische Fähigkeiten aufweisen und andererseits faktische Vermittlung leisten, seriöse Sachpolitik betreiben, diese legitimieren sowie authentisch, vertrauens- sowie glaubwürdig erscheinen. Durch die Massenmedien werden bereitgestellte Inhalte und Parteiprogramme der Politik in der Öffentlichkeit kommuniziert. Sie informieren die Bürger über die aktuelle politische Agenda. Die Medien entscheiden hierbei selbst, welchen Geschehnissen innerhalb öffentlicher Wahrnehmung Aufmerksamkeit zukommt und welchen nicht. Die politischen Akteure versuchen sowohl Vertrauen zwischen Partei und Bürger aufzubauen als auch durch die Medien Kommunikationsmacht auszuüben. Die Medien können die bereitgestellten politischen Inhalte kritisch hinterfragen und somit das politische Handeln kontrollieren (z.B. indem politische Missstände oder Skandale aufgedeckt werden). Denn: Veröffentlichtes findet nicht nur Gehör, sondern übt gleichzeitig einen gewissen Handlungsdruck auf die Politik aus. Der vorliegende Fachartikel soll die Thematik der Ambivalenz von Vertrauen und Macht auch mit der politischen Kommunikation, genauer mit der politischen Öffentlichkeitsarbeit, politischer Führung und Beziehungen im politischen Kommunikationsprozess darstellen. Es wird auf das Zusammenspiel von Medien und Politik eingegangen, als auch auf die Medialisierung der Politik sowie das Politainment. Außerdem wird die volkswirtschaftliche Spieltheorie auf Basis von Vertrauen und Macht untersucht und strategische Entscheidungssituationen analysiert.

Einführung/ Problemstellung

Macht assoziiert man oftmals mit Missbrauch, „mit Egos, Status, Herrschaft über andere, man denkt an übelgelaunte Chefs, selbstverliebte Politiker oder grausame Staatsmänner.“ (Borchard/Klingner 2015, S.1). Es gibt jedoch auch eine gute Seite der Macht: Durch Macht werden Möglichkeiten freigesetzt, mit denen etwas gestaltet oder Menschen bewegt werden können. Somit hat bspw. die Pianistin Macht, wenn sie ihre Zuhörer zu Tränen rührt, der Produktdesigner, wenn sich sein Smartphone millionenfach verkauft oder Romane und Filme, wenn sie die Macht der Liebe thematisieren (Vgl. Borchard/Klingner 2015, S.3). In Bezug auf die Politik in Deutschland spielt Macht eine große Rolle, jedoch ist die Ausübung dieser Macht Personen zugeteilt, die die Rolle der Machtausübung durch demokratische Abstimmungen erhalten haben. Somit ist z.B. Angela Merkel, die Bundeskanzlerin von Deutschland, die mächtigste Frau der Welt. (Vgl. Roll 2015, S.10). Sie ist die erste Bundeskanzlerin in Deutschland und konnte dadurch einige Umstrukturierungen vornehmen. Die vorherigen Amtsinhaber übten sehr viele „nutzlose Beiwerke der Machtinszenierung“ (ebd.) aus, wobei sich Frau Merkel auf einen sachlichen bescheidenen Auftritt konzentriert und die alten Machtstrukturen hinter sich lässt. Es sollte jedoch daran erinnert werden, dass die Macht ausübenden Personen, wie auch die Bundeskanzlerin von Deutschland, die Macht nur durch ihr Amt ausüben können und somit auch in ihrer Ausführung beschränkt sind. Durch die mittlerweile enorm regulierten demokratischen Strukturen ist es folglich nicht mehr möglich, Macht, wie sie es in früherem Sinne in Relation mit der Herrschaft über ein Volk war, auszuüben.

Was passiert mit Menschen und wie handeln sie, wenn man ihnen Macht gibt? Diese Frage stellten sich auch vermehrt Psychologen und wollten sie durch verschiedene Experimente beantworten. Das bekannteste darunter ist das Stanford Gefängnisexperiment, welches im Jahr 1971 von den US-amerikanischen Psychologen Zimbardo, Haney und Banks an der Stanford University durchgeführt wurde. Hierbei wurde eine Wärter-Gefangenen-Situation nachgestellt, wobei alle Probanden zufällig über einen Freiwilligenpool ausgewählt wurden (Vgl. Gerring/Zimbardo 2008, S.671). Das geplante zweiwöchige Experiment wurde nach nur sechs Tagen abgebrochen, da die Wärter  immer neue Strategien entwickelten, um den Gefangenen das Gefühl zu geben, sie seien wertlos. „Die Gefangenen verhielten sich (…) pathologisch und ergaben sich passiv in ihr Schicksal.“ (Gerring/Zimbardo 2008, S.672). Es wurde hier deutlich, dass die verliehene Macht „normale Menschen dazu bringen kann, sich grausam zu verhalten.“ (ebd.). Um den Blick auf den vorliegenden Artikel zu lenken bedarf es einer kurzen Übersicht über die Zusammenhänge von Politik und Medien. Gerade in der heutigen Zeit gilt es, die immer komplexer werdenden Mediensystemen und die Vielzahl an politischen Inhalten gut und verständlich zu vermitteln. Die Schaffung von Transparenz und die Übernahme von Verantwortung bilden in diesen Strukturen eine entscheidende Grundlage für den Aufbau von Vertrauen und Glaubwürdigkeit. Durch die vielschichtigen Grundvoraussetzungen für eine Demokratie stellen Medien die elementare Schnittstelle zwischen der Bevölkerung und der Politik dar. Das Verhältnis zwischen diesen beiden Akteuren wird dadurch immer bedeutender und stellt für eine gezielt unterhaltsame Vermittlung politischer Informationen die politischen Akteure vor neue kommunikative Herausforderungen. Dabei sollen diese einerseits medial nahezu überpräsent sein, das Publikum unterhalten, sich geschickt und originell inszenieren, rhetorische Fähigkeiten aufweisen und andererseits faktische Vermittlung leisten, seriöse Sachpolitik betreiben, diese legitimieren sowie authentisch, vertrauens- sowie glaubwürdig erscheinen. Die durch die Massenmedien bereitgestellten Inhalte werden in der Öffentlichkeit kommuniziert und die Bürger werden über die aktuelle politische Agenda informiert. Dabei entscheiden die Medien jedoch selbst, welchen Geschehnissen und Themen innerhalb der öffentlichen Wahrnehmung Aufmerksamkeit zukommt und welchen nicht. Somit haben die Medien eine Machtposition. Es wurde nun deutlich, dass der Machtbegriff in der heutigen Zeit nicht mehr eindeutig zuzuordnen ist und im Zusammenhang mit dem Thema Vertrauen eine wichtige Grundlage in der heutigen Zeit der Informationsüberflutung und medialen Überpräsenz von politischen Themen darstellt. Die Problematik besteht im Zusammenspiel beider und der Anwendung von Macht. Ziel des vorliegenden Artikels ist demzufolge, die Verhältnisse und die Ambivalenz von Macht und Vertrauen aufzuzeigen sowie den Bezug zu der strategischen Kommunikation in der Politik und den Medien herzustellen und deren Beeinflussung aufzuzeigen.

Das Phänomen Macht

Macht kann nicht in einem Satz erklärt oder mit einem Wort synonym gesetzt werden. Der Begriff steht für eine „selbstständige Kraft und die anfängliche Möglichkeit Bewegungen und Wirkungen hervorzubringen.“ (Krüger 1976, S.15). Das wohl bekannteste Zitat zum Begriff Macht stammt von Max Weber: „Macht ist jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht.“ (Weber 2008, S.159) Machtausübung bedeutet für Weber, dass Personen für andere Personen Entscheidungen fällen und diese anschließend positive oder negative Folgen haben können (Vgl. Imbusch 2012, S.11). Durch die verschiedenen Assoziationen mit dem Begriff Macht, die sich in den Köpfen der Menschen festgesetzt haben, existieren aufgrund kultureller und gesellschaftlicher Hintergründe verschiedene Sichtweisen, jedoch lässt sich sagen, dass Macht vier verschiedene Kategorien hat: Zwang, Einfluss, Autorität und Attraktion (Vgl. Imbusch 2012, S.12). Macht stellt außerdem „keine materialistische Größe dar, die dauerhaft speicherbar ist.“ (Sacrinelli 2011, S.308). Menschen streben stets nach Macht und haben ein inneres Verlangen nach ihr. Sie ist ein „allgegenwärtiger Bestandteil des menschlichen Seins.“ (Oltmanns 2012, S.61). Somit erzeugt die Macht einen starken Willen im Menschen und kann diesen „verpflichten, binden, kann ihn zur Absorption von Risiken und Unsicherheiten bringen, kann ihn sogar in Versuchung führen und scheitern lassen.“ (Luhmann 2003, S.21). Das Verhältnis von jedem Menschen zur Macht ist ambivalent. Wenn Macht selbst besessen wird, dann wird sie sehr geschätzt, wenn ein anderer sie jedoch besitzt, dann begehren wir sie, fürchten uns oder ordnen wir uns unter (Vgl. Knoblach 2012, Geleitwort). Dies geht meist mit der Kommunikation von Macht einher. Wer viel Macht besitzt spricht meist nicht darüber, sondern wendet sie an. Wer hingegen wenig Macht besitzt spricht eher davon und versucht mehr davon zu erreichen (Vgl. Oltmanns 2012, S.57). Macht kann also die Möglichkeit eines Akteurs sein, der etwas aufgrund seiner Macht getan hat, was er sonst nicht hätte tun können. Andererseits kann ein Akteur Macht über Menschen ausüben und diesen in seinen Handlungen oder Verhaltensweisen be- oder verhindern (Vgl. Imbusch 2012, S.11).

In früheren Epochen bzw. Zeitaltern waren es Könige und die Kirche, die die Macht über alle hatten. Die Völker wurden in ihren Handlungen durch absolute Monarchen oder Vertreter Gottes bestimmt und beeinflusst. Diese wurden nach einiger Zeit jedoch durch neue soziale Gruppen, wie Kaufleute oder Politiker verdrängt (Rommerskirchen 2014, S.47). In der heutigen Zeit wird die Macht in politischen Regierungen aller Art, auch in demokratischen Systemen mehr oder weniger ausgeübt. Die Macht basiert hier jedoch meist auf Meinungen und bedarf stets der kommunikativen Erneuerung. In einem Land wie Nord-Korea ist Macht ein allgegenwärtiges Thema, das von einem politischen Machtinhaber ausgelebt wird. Hier lässt sich sagen, dass die Macht in Herrschaft übergegangen ist und somit auch oftmals mit Gewalt gleichgesetzt werden kann. In einem europäischen Land hingegen wie z.B. Deutschland ist dies nach dem totalitären Staat des zweiten Weltkriegs unvorstellbar geworden und stets mit einem negativen Beigeschmack behaftet. Hier bestätigt es sich, dass Macht nicht speicherbar ist, ja sogar vergänglich ist und gestürzt werden kann.

Abb.1 zeigt, wie der Mensch als Individuum von mehreren Determinanten der Macht beeinflusst wird, was zur Formung der sozialen Macht und Konsequenzen beiträgt. Alle sozialen Sachverhalte sind durch affektive Wahrnehmung und Informationsverarbeitung bestimmt und beruhen auf drei sozio-emotionalen Determinanten, die als Gemeinschaft (Valenz), Macht (Dominanz) und Aktivierung (Erregung) bezeichnet werden können (Vgl. Scholl 2012, S.205). Wenn ein Mensch nun viel Macht erlangt, liegt es an ihm diese an anderen Menschen auszuüben oder im Gegensatz Einfluss auf bestimmte Sachverhalte zu nehmen. Der Unterschied hierbei lässt sich wie folgt verdeutlichen: Es in allen Beziehungen nie um Macht allein, sondern immer auch um die Gemeinschaft und wie die Nutzung der Macht in ihr gestaltet werden kann, also eher als freundliche Art der Einflussnahme (interessiert und beratend) oder eher feindselige Machtausübung (rücksichtslos und verletzend).

 

 

Abb. 1: Zwei Arten der Machtnutzung
(Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Scholl 2012, S.205)

 

Auch Goffman zufolge kann der Mensch (Individuum) als ein Konstrukt definiert werden, das nach moralischen Regeln aufgebaut ist, die ihm von außen auferlegt sind (Vgl. Ahrens 2012, S.135). Er sagt, dass das subjektive Handeln eines Individuums sich im Spannungsfeld zwischen der Kreativität (Umstand und Handlungsmächtigkeit) und der Normierung (Struktur und Machtgefüge) des Individuums realisiert. Auch Gleichheit kann nur existieren, wenn sie von einer übergeordneten Macht herbeigeführt wird (Vgl. Albert 2012, S.77). Somit werden nach Goffman gleichrangige Personen, wo immer möglich, für die Kommunikation vorgezogen (Vgl. Imbusch [2012], S.292). Er vertritt allerdings ebenso die These, die in Machtasymmetrien deutlich wird, wie z.B. wenn es heißt, dass ein Chef die Putzfrau nach ihrem Befinden fragen kann, umgekehrt dies gesellschaftlich aber angeblich nicht möglich ist. Es sollte jedoch in jeder Handlung, die mit Macht in Zusammenhang steht, auch die Freiheit miteinbezogen werden. Diese können gleichgesetzt werden, denn wer die Macht besitzt etwas tun zu können, besitzt gleichzeitig auch die Freiheit es zu tun.

Autorität

Die Bedeutung von Autorität lässt sich auf den Einfluss einer Person oder Institution und das daraus gewachsene Ansehen durch die Leistung oder Tradition dieser auf andere Personen zurückführen (Vgl. Neubauer/Rosemann 2006, S.45). Sie bildet sich aufgrund „einer Chancendifferenzierung durch vorheriges Handeln“ (Luhmann 2003, S.75). Wenn die Kommunikation einer Autoritätsperson Einfluss genommen hat, dann haben andere Personen hohe Erwartungen an diese und können eine Nichterfüllung ohne besondere Gründe nicht hinnehmen. „Autoritätspersonen haben also Macht, die sie zum Wohle der an sie glaubenden Personen, die sie als Autorität wahrnehmen, einsetzen.“ (Neubauer/Rosemann 2006, S.46).

Umso größer ist auch die Enttäuschung, wenn sich Autoritäten als unwürdig erweisen. Dies ist z.B. bei käuflichen Schiedsrichtern im Fußball der Fall. Um solche Situationen besser kontrollieren zu können, wird die Vergabe solcher Positionen und insbesondere die Ausübung der Amtsgewalt durch Gesetze und Verordnungen geregelt. Auch Macht kann autoritativ sein. Menschen streben danach, von den Personen und Gruppen, die sie als maßgebend anerkennen, selbst anerkannt zu werden. Diese Bestätigung durch Gruppen oder Personen verleiht dem Menschen mehr Selbstwertgefühl, welches durch Anerkennungsbedürftigkeit und psychische Abhängigkeiten begründet ist. (Popitz 1992, S.32). Soziale Gruppen haben einen Sprecher, den man mit diesem Amt betraut hat. Dadurch hat dieser von der Gruppe Autorität erhalten, mit der er in ihrem Namen sprechen kann. „Die mögliche Schönheit der Rede gehört dann nur zur Symbolik der Macht, nicht zur Macht selbst.“ (Reichertz 2009b, S.213). Es gibt jedoch auch Sprecher, die grammatikalisch unkorrekt sprechen und dennoch Gehör finden. Im Gegensatz dazu gibt es jene, die perfekt reden, jedoch nicht legitim sind und dadurch kein Gehör finden. Der wesentliche Unterschied zwischen diesen beiden Arten von Personen ist deren gesellschaftlicher Status bzw. deren unterschiedlicher Besitz an Kapital (Reichertz 2009b, S.212). Bourdieu sagte, dass es bei einem sprachlichen Austausch um ein Machtverhältnis zwischen Sender und Empfänger geht:

„Dort, wo man in der Regel nur eine einfache, durch einen Kode vermittelte Kommunikationsbeziehung sieht, sehe ich auch eine Machtbeziehung, in der ein mit mehr oder weniger anerkannter gesellschaftlicher Autorität ausgestatteter Sender sich an einen diese Autorität mehr oder weniger anerkennenden Empfänger wendet.“ (ebd.)

Zusammenspiel von Macht und Vertrauen

In wie weit sich Macht und Vertrauen gegenseitig beeinflussen und von einander Gebrauch machen wird in den folgenden Absätzen genauer analysiert. Der Begriff Vertrauen wird in dieser Arbeit auf den Fokus der Kommunikation, der Medien sowie der Politik fokussiert, um das Thema nicht in verschiedene Richtungen abschweifen zu lassen. Grundsätzlich gilt, dass für den Aufbau von Glaubwürdigkeit und Vertrauen in einer Gesellschaft, in der der Großteil der Kommunikation medial vermittelt wird, Transparenz und die Übernahme von Verantwortung die entscheidende Grundlage darstellt (Vgl. Reichertz 2009a, S.190). Wer also lügt, vertuscht, übertreibt oder schönfärbt gilt schnell als unglaubwürdig. Vertrauen stellt dementsprechend die Schlüsselkategorie in der mediatisierten Kommunikationsgesellschaft dar (Vgl. Reichertz 2009a, S.190). Auch in Bezug auf die zukunftsorientierte Unternehmenskommunikation sollte Vertrauen kommunikativ hergestellt werden. Hier verfolgen viele Unternehmen unterschiedliche Strategien. Sie setzen jedoch dabei meist alle auf persönliche Kommunikation, moralische Selbstverpflichtung und eine mythologische Fundierung (Vgl. ebd). Die Entstehung von Vertrauen kann laut den Autoren Fink und Knoblach durch die Erfüllung folgender Faktoren begründet werden: Zum einen durch die Konsistenz eines Menschen, was sich in Verlässlichkeit, Berechenbarkeit, Urteilsfähigkeit sowie Stimmigkeit im Handeln widerspiegelt. Die Integrität, welche sich durch Aufrichtigkeit und Glaubwürdigkeit auszeichnet, lässt sich nicht durch äußere Umstände ändern. Ein weiterer Faktor ist die Loyalität eines Menschen. Hierbei zählt die innere Verbundenheit mit einem anderen Menschen oder gegenüber Dritten. Der letzte Faktor steht für die Offenheit eines Menschen, der gewillt ist, seine Gedanken und Ideen im freien wechselseitigen Austausch zu teilen (Vgl. Knoblach/Finke 2012, S.262f.). Es lässt sich nun aus den eben genannten Faktoren schließen, vertraut eine Person, so verlässt sie sich auf den guten Willen und die Kompetenz des Gegenübers und nicht in erster Linie auf den Charakter.

Braun differenziert in ihrem Buch Vertrauen in neue Demokratien relationales und generalisiertes Vertrauen. Ersteres wird auf der einen Seite auf bestimmte Menschen bezogen, die in mehr oder weniger gleichwertigen Beziehungen zueinander stehen und in Netzwerken oder kleineren Gruppen vorzufinden sind. Auf der anderen Seite hingegen steht das generalisierte Vertrauen, welches sich auf keine konkrete Bezugsperson bezieht. Es kann sich auf eine Gruppe von Personen (z.B. Freunde, Kollegen, Nachbarn) oder eine Institution (z.B. Kirche, Gewerkschaft, Regierung, Polizei) beziehen (Vgl. Braun 2013, S.41). Wie im Unterkapitel 2.1.2 bereits beschrieben, haben Menschen mit alternativen Ressourcen wie Geld, Kompetenz oder Wissen meist mehr Macht als andere. Durch die Möglichkeit auf das Zurückgreifen dieser Ressourcen sind diese Menschen auch weniger verwundbar „im Falle einer manifesten Störung der Vertrauensbeziehung“ (Hartmann 2011, S.259). Umgekehrt erleichtern die Ressourcen Wohlstand, Macht und Kompetenz ebenso Menschen Vertrauen entgegenzubringen, da diese implizierte Risiken mindern. Vertrauen ist also eine Art „Mittel der Machtersparnis“ (ebd.), da ein bestehendes Vertrauensverhältnis die Akteure von den Anstrengungen befreit, die sie ansonsten zur Kontrolle und Überwachung aufwenden müssten. Im Hinblick auf die Politik ist Vertrauen im Glauben der Bürger verankert, dass die politischen Akteure ihre Interessen vertreten. In diesem Glauben übertragen sie diesen Akteuren Macht, um die Interessen der Bürger auszuführen (Vgl. Braun 2013, S.44f.). Der Bürger muss dabei immer eine Einschätzung der Vertrauenswürdigkeit, d.h. der Immunität gegen die Versuchung des Amts-/Machtmissbrauches des politischen Akteurs vornehmen (Vgl. Offe 2011, S.270). An dieser Stelle kann auf das generalisierte Vertrauen zurückgegriffen werden, das sich in soziales und politisches Vertrauen bzw. zusammengefasst in institutionelles Vertrauen unterteilen lässt (Vgl. Braun 2013, S.41). Der Begriff Vertrauen wurde in den letzten Jahren immer präsenter. Personen werden dazu angestiftet in die Parteien, die Regierung und deren Politik, in alltägliche Produkte, die Wirtschaft, die Arbeitsplatzsicherheit, die gesellschaftliche Veränderungen oder die Konjunktur Vertrauen zu haben (Vgl. Raunicher 2011, S.12). Vor allem dem Vertrauen in die Politik fehlt ein vermeintlich unabdingbarer und wesentlicher Faktor des normalen Vertrauens: der persönliche Kontakt. Dieser stellt jedoch eine Grundlage für alle sozialen Beziehungen dar (Vgl. Jarren/Donges 2011, S.188). Dies ist der Grund, warum insbesondere politische Parteien Personalisierungsstrategien verfolgen, nämlich um Vertrauen, Akzeptanz und ein positives Image aufzubauen. Für die zukünftigen Handlungen der Parteien und Akteure ist das eine wichtige Voraussetzung. Das soziale Handeln des Politikers ist auch eine Selbstdarstellung unter dem Gesichtspunkt ihrer Vertrauenswürdigkeit. Nach Luhmann „schwebt die Vertrauensfrage über jeder Interaktion und die Selbstdarstellung ist das Medium ihrer Entscheidung“ (Vgl. Raunicher 2011, S.37), auch wenn sich der Handelnde dessen bewusst oder unbewusst ist. Politische Akteure brauchen das durch die Strategien gewonnene Vertrauen und die Akzeptanz der Bürger, um auch in unsicheren Situationen handelungsfähig zu sein, da sie dann auf den Rückhalt der Bürger hoffen können. Der Systemtheoretiker Parsons wollte Macht als etwas verstehen, was im sozialen Gefüge entstanden ist (Vgl. Imbusch 2012, S.152). Er schlug vor, dass man ein Beziehungsmuster anlegt, in dem beide Akteure, trotz Machtausübung, Vorteile erlangen können. Somit sieht er die Macht als eine Art Subsystem der Zielerreichung innerhalb der Politik. Die Gesamtmenge an Macht in diesem System könnte seiner Meinung nach vergrößert werden, wenn die Regierten den Machthabern Vertrauen entgegenbringen. Wenn es ferner zu Wahlen kommt, dann investieren Individuen Vertrauen in die Machtausübenden und somit in die durch Wahlen bestimmte Regierung.

Politische Kommunikation – Strategie und Macht in der Politik

Der Bedarf an Orientierung, Bewertung, Hilfe zur Entscheidung und eigenständiger Urteilsbildung wächst bei der Bevölkerung und somit auch der Informations- und Kommunikationsbedarf. Politische Kommunikation ist somit der „zentrale Mechanismus bei der Formulierung und Artikulation politischer Interessen“ (Jarren/Donges 2011, S.21), deren Beschluss zu Programmen und der Durchsetzung politischer Entscheidungen führt. Auch in der Politik verändert sich zunehmend die Art und Weise der Kommunikation, vor allem mit den Bürgern. Diese werden immer mobiler, informationsfreudiger und möchten stets auf dem neuesten Stand sein. Politische Informationen sollten gerade aufgrund der heutigen medialen Flut an Informationen überzeugend, überredend und unterhaltsam sein (Sacrinelli 2011, S.160).

„Strategiefragen sind Machtfragen und Machtfragen sind in der Demokratie auch immer Kommunikationsfragen!“ (Sacrinelli 2011, S.332).

Luhmann definiert die Macht in Demokratien als System, das durch einen „dreistelligen Machtkreislauf der Politik“ (Imbusch 2012, S.257) organisiert wird. Dieser ist durch die Parteipolitik, Verwaltung, d.h. Gesetzgebung und Regierung sowie dem Publikum gekennzeichnet. Die Politik übt Macht auf die Verwaltung im Sinne von der Erzeugung organisatorischer, programmatischer und personeller Entscheidungen. Die Verwaltung wiederum hat Macht über das Publikum, da sie durch die Durchsetzung und Herstellung von Entscheidungen das Publikum bindet. Der Kreislauf schließt sich dann mit dem Publikum, das Macht über die Politik durch Wahlen hat. Es gilt hierbei zu beachten, dass sich die drei Bestandteile des Kreislaufs jedoch gegenseitig beeinflussen und nicht als statisches Machtausübungsmodell gesehen werden soll.

Politische Theorie lässt sich durch die soziale Macht und deren Verwendung durch die Inhaber von Machtpositionen definieren. Politiker verfolgen generell das Ziel der Erhaltung bzw. des Erwerbs von Macht für die Organisation die er vertritt und für sich selbst (Vgl. Jarren/Donges 2011, S.235). Um den Erhalt der innerorganisatorischen Macht aufrecht zu erhalten ist es notwendig, die Aspekte der öffentlichen Wirkung vor allem die persönliche Aufmerksamkeit aktiv für sich selbst und seine Themen zu erreichen. Ihren Einfluss können die Politiker durch eine Steigerung von Aufmerksamkeit mit Hilfe von Medienpräsenz erhöhen. Zudem müssen sie sich immer öffentlich mit dem Machtkampf auseinandersetzen. „Der Politiker spielt dabei immer ein doppeltes Spiel, da er sowohl als Repräsentant einer Organisation (Partei, Fraktion, Regierung etc.) als auch für sich persönlich handelt.“ (ebd.). Um dem öffentlichen Druck auch Stand zu halten zeigen viele Politiker ein bestimmtes Sozialverhalten auf. Sie sprechen lauter, zeigen demonstrative Fröhlichkeit und sind ungeniert in der Öffentlichkeit. Mächtigere Personen sind außerdem initiativer, gehen auf andere Personen zu und neigen dazu, andere Personen anzufassen (Vgl. Neubauer/Rosemann 2006, S.71). Im Gegensatz zu den Strategien in anderen Handlungsfeldern unterscheidet sich die der Politik dadurch, dass „Politik nicht in Hierarchie oder Markt aufgeht, nicht vordergründig mit Gewalt- oder Tauschverhältnissen analogisiert werden darf, sondern ihren Platz im Spannungsfeld von Machtstreben und Problemlösung findet.“ (Sacrinelli 2011, S.329). Kommunikation ist ein wesentlicher Bestandteil der Strategieentwicklung in der Politik und politischem Handeln, wird jedoch vielfach nicht als solcher angesehen. Meist wird sie als „hinzukommende Vermittlungstechnik, die in der Regel am Anfang und am Ende eines Politikzyklus zum Einsatz kommt“ (Sacrinelli 2011, S.331) bezeichnet. Somit wird Kommunikation als Aufmerksamkeitsgenerator und Legitimationsbeschaffer gesehen und nicht als Entwicklungs-, Überzeugungs- und Durchsetzungsbedingung der politischen Strategie. Die strategische Kommunikation ist in der Politik zu einer zentralen Aufgabe geworden, vor allem um auf die Vorbereitung von politischen Entscheidungen proaktiv eingehen zu können (Vgl. Schulz 2011, S. 30). Hier ist eine Abgrenzung zur PR zu machen. Die strategischen Kommunikation der Politik unterscheidet sich durch die PR-Planung und PR-Strategie vorab zu der ausführenden Kommunikation der politischen Akteure.

Politik und Medien

Die Massenmedien beeinflussen und strukturieren die Tagesordnung der öffentlich diskutierten Themen (Agenda-Setting) und entscheiden weitgehend über deren Bewertung in der Öffentlichkeit (Framing) (Sacrinelli 2011, S.331). Diese Erkenntnisse über Agenda-Setting sind für politische Akteure von hoher praktischer Bedeutung: Es ist ein großer Unterschied, den Menschen bzw. der Gesellschaft durch Medieneinfluss vorzugeben was sie denken sollen, was sehr schwer ist und im Gegensatz hierzu ihnen mitzuteilen, worüber sie nachdenken sollen. Hierbei ist es leichter ihnen eine Medienagenda vorzugeben, um diese von Parteistrategen vor allem im Wahlkampf beeinflussen zu lassen (Vgl. Bader 2013, S.42). Die Beziehungen zwischen Politikern, Öffentlichkeitsarbeitern und Journalisten sind also vergleichbar mit zwei Branchen, die auf das gegenseitige Zuspielen der jeweils anderen angewiesen sind. Somit entsteht eine Art Tauschverhältnis in wechselseitiger Abhängigkeit (Vgl. Jarren/Donges 2011, S.234).

Die Reichweite der Politik und die Nutzungsmöglichkeiten der Medien werden durch die Expansion der Mediensysteme vergrößert. Durch die Expansion gab es eine erhebliche Diversifizierung des Angebots an Inhalten und Medienformaten, womit sich der Medienwandel beschleunigte (Vgl. Schulz 2011, S.19). In den politisch informierenden Medien entstanden neue Formate der Berichterstattung, welche von dem journalistischen Wunsch geprägt wurden, das Darstellungsbegehren der Politiker aufzudecken oder ihm auch freien Lauf zu lassen bzw. ihnen eine gute Bühne bereitzustellen (Vgl. Reichertz 2009a, S.27). In demokratischen Gesellschaften können es sich die Medien eigentlich nicht erlauben, sich instrumentalisieren zu lassen. Sie werden immer mehr selbst zu politischen Akteuren mit dem Hintergrund der Verfolgung ökonomischer Interessen (ebd.). Deswegen müssen die Medien gesteuert werden, damit sie die Kontrolle sowie gesellschaftliche Integration von politischer Macht gewährleisten können (Vgl. Vowe 2003, S.211). Der Faktor des Vertrauens spielt auch hier eine große Rolle. Eine Massenloyalität von Politikern kann durch fehlende Face-to-Face Kommunikation nicht mehr hergestellt werden (Sacrinelli 2011, S.237). Hierbei dienen die Massenmedien zur Vertrauenspflege, da sie die Menschen informieren, die Lage kritisieren sowie analysieren und somit der Bevölkerung eine Grundlage des Vertrauens schaffen.

Politische Akteure präsentieren sich gerne in der Öffentlichkeit als Personen, die zielstrebig und weitsichtig das Land mit seinen Geschicken lenken. Gerne lasse sie sich auch verschiedene gesellschaftliche Entwicklungen als Ergebnis ihres Handelns zuschreiben. Medien hingegen sind an Persönlichkeiten interessiert, da die Vermittlung von komplexen politischen Ereignissen sich gut mit einer verbundenen Person darstellen lassen. Für sie ist Personalisierung ein wichtiger Faktor, der aus einem Ereignis eine Nachricht macht (Jarren/Donges 2011, S.147). Auch politische Akteure und deren PR-Berater wissen das und wollen so versuchen die Selektionshürde der Medien zu überspringen. Beide Seiten fördern also aus ihrer Eigenlogik heraus eine personenzentrierte Sicht auf die Politik, denn eine Persönlichkeit prägt das Amt. Die Beziehung zwischen Medien und Politik ist eine diskrete symbiotische Beziehung, eine Art Tauschverhältnis mit wechselseitigen Abhängigkeiten (Sarcinelli 2011, S.83). Es findet quasi ein Tausch von Publizität mit Informationen statt. Dabei suchen Medienvertreter einen möglichst exklusiven Informationszugang und sind auf Politiker bzw. PR-Akteure angewiesen. Dadurch ergeben sich oftmals auch persönliche Wechselbeziehungen zwischen einzelnen Akteuren und es entstehen mehr oder weniger etablierte Netzwerke, in denen sich die Medien innerhalb der allgemeinen gesellschaftlichen und der politischen Kommunikation befinden (Reichertz 2009b, S.28). Darüber hinaus gibt es einen ausgeprägten informellen Einfluss von Medienangehörigen auf die Politik, da viele Journalisten eng in das politische Machtgefüge eingebunden sind. Meist ergeben sich hieraus enge Beziehungen und Freundschaften zwischen Medienakteuren und politischen Akteuren (Schulz 2011, S.28f). Der informelle Teil, in dem politische Akteure gerne Macht auf die Journalisten ausüben würden, findet meist im kleinen Kreis statt. Ziel ist es, sich durch den Gewinn von Einfluss sich in Krisensituationen Vorteile zu verschaffen. Diese Gewährung von Exklusivität drückt sich im Vorfeld durch Einladungen von politischen Akteuren zu einem persönlichen Gespräch, Ermöglichung von Flügen mit einem statushohen Politiker, Teilnahmemöglichkeiten an Banketten mit ausländischen Gästen oder durch Einladungen zum Essen im kleinen Kreis aus (Jarren/Donges 2011, S.246).

Spieltheorie – Wie mit Macht gespielt wird

Um komplexe sowie untereinander abhängige Entscheidungsstrukturen zu analysieren bedarf es der sogenannten Methodik der Spieltheorie. Bei dieser wird ein Modellrahmen für systematische Modellierung und Analyse von Interaktionsbeziehungen rational handelnder Spieler bzw. Akteure festgelegt. Sie veranschaulicht die Interaktion zwischen Akteuren, die ihre „Entscheidungen in Abhängigkeit des Verhaltens des anderen treffen müssen und sich dieser Abhängigkeit auch bewusst sind“ (Jarren/Donges 2011, S.45). Es werden diese untereinander abhängigen Entscheidungen der jeweiligen Spieler simuliert, wobei dann unterschiedliche Arten von Spielen entstehen um somit Aussagen über ihr eventuelles Verhalten geben zu können.

Das Ergebnis der Spieltheorie ist u.a., dass in bestimmten Entscheidungssituationen „die isolierte Verfolgung individueller Interessen zu kollektiv und individuell suboptimalen Ergebnissen führt.“ (ebd.) Dies wird dann Gefangenendilemma genannt. Das Spiel des Gefangenendilemmas hat seinen Ursprung in der Entscheidungsforschung und basiert auf der mathematischen Spieltheorie: (Vgl. Raunicher 2011, S.23ff.). Es werden hierbei die Entscheidungen in Zweierbeziehungen experimentell untersucht, was auch als Nullsummenspiel bzw. strikt kompetitive Spiele bezeichnet werden kann, da sich die Auszahlungen beider Spieler immer auf null summieren und der Gewinn eines Spielers immer auf die Kosten des anderen Spielers auswirken (Vgl. Holler/Illing 2009, S.55). Es werden beide Spieler einer Konfliktsituation ausgesetzt, in dem Vertrauen nur durch die aktuelle Situation bestimmt wird und nicht wie sonst üblich ein Persönlichkeitsmerkmal darstellt oder eine allgemeine Einstellung bestimmt. Hier geht es darum, ob Vertrauen in dieser Situation vorliegt, wenn eine Person eine Wahl treffen muss und dem Verhalten bzw. der Entscheidung der anderen Person dabei vertrauen kann. Dabei ist ebenso entscheidend, dass die beiden Personen in einem bestimmten Grad voneinander abhängig sind. Das ausgeprägte kooperative Verhalten kann hier also mit einem hohen Maß an Vertrauen gleichgesetzt werden. Es besteht für beide Akteure die Gefahr, von der anderen Seite enttäuscht bzw. betrogen zu werden, da das jeweilige Ergebnis von der anderen Person abhängt und beide die Möglichkeit haben den anderen zu übergehen. Oftmals gelingt es den Menschen nicht zusammenzuarbeiten, sogar dann, wenn es jedem durch eine Kooperation besser gehen könnte. Das Gefangenendilemma zeigt, warum Kooperation selbst dann den Akteuren schwer fällt, wenn sie für beide Seiten Vorteile bringt (Vgl. Mankiw/Taylor 2012, S.445). Vor allem in der Geschichte der Politik wurde der politische Kampf als „ein mehr oder weniger konstantes Nullsummenspiel“ (Eisenstadt 2001, S.349) betrachtet. Jedoch hat sich im Laufe der Zeit die Menge der „politischen Ziele in modernen konstitutionell-demokratischen Regimen“ (Eisenstadt 2001, S.350f.) erweitert, sodass sich das politische Spiel ebenso verändert hat. Die Veränderungen machen es möglich, dass sich eine paradoxe Beziehung zwischen der Offenheit des politischen Prozesses sowie der Zerbrechlichkeit und Beständigkeit demokratischer Regierungen besteht. Dieses Paradoxon führt zu Unsicherheiten im politischen Spiel, durch die die Zerbrechlichkeit der Führung wieder gefördert wird. Auf der anderen Seite hat es jedoch die Ausweitung des Spiels zur Folge, was dann andere Parameter des Spiels einbringt und somit kein Nullsummenspiel mehr ist. Es könnte hiermit die Möglichkeit eines einseitigen totalen Verlustes verringert werden. Diese Möglichkeit setzt jedoch eine „starke und offene Zukunftsorientierung“ (Eisenstadt 2001, S.351) voraus, was jedoch politischen Akteuren langfristig dazu bringen könnte, ihre Macht im Rahmen von konstitutionellen Spielregeln aufzugeben. Der entscheidende Faktor, der dies begünstigen kann ist Vertrauen. In Konflikten ist es jedoch unangemessen bzw. fehlt es oftmals ganz. Die Nullsumme bedeutet also in politischem Sinne das Gewinnen einer Partei/eines Akteurs und das daraus resultierende notwendige Verlieren der anderen Partei. Somit setzt eine Partei ihre Macht und Wünsche auf Kosten der anderen durch (Vgl. Imbusch 2012, S.151).

„Jede Problemlösungsstrategie, die kein Nullsummenspiel sein will, setzt voraus, dass 1. Der Konflikt durch andere, Vertrauen einschließende Beziehungen (und Institutionen) in Grenzen gehalten werden kann und dass 2. Der Konfliktlösungsprozess selbst Vertrauen erzeugt.“(Eisenstadt 2001, S.353)

Fazit

Es wurde nun deutlich, in welchem Zusammenhang Macht und Vertrauen stehen können. Im Hinblick auf die Politik ist Vertrauen in dem Glaube der Bürger verankert, dass die politischen Akteure ihre Interessen vertreten. In diesem Glauben übertragen sie diesen Akteuren Macht, um die Interessen der Bürger auszuführen (Braun 2013, S.44f.) Der Bürger muss dabei immer eine Einschätzung der Vertrauenswürdigkeit, also der Immunität gegen die Versuchung des Amts-/Machtsmissbrauches des politischen Akteurs vornehmen (Knoblach 2012, S.270). An dieser Stelle kann auf das generalisierte Vertrauen zurückgegriffen werden, welches sich in soziales und politisches Vertrauen bzw. zusammengefasst in institutionelles Vertrauen unterteilen lässt (Braun 2013, S.41). Der Begriff „Vertrauen“ wurde in den letzten Jahren immer präsenter. Personen werden dazu „angestiftet“ in die Parteien, die Regierung und deren Politik, in Alltägliche Produkte, in die Wirtschaft, in die Arbeitsplatzsicherheit, in gesellschaftliche Veränderungen oder die Konjunktur Vertrauen haben (Raunicher 2010, S.12). Vor allem dem Vertrauen in die Politik fehlt ein vermeintlich unabdingbarer und wesentlicher Faktor des „normalen“ Vertrauens: der persönliche Kontakt. Dieser stellt jedoch eine Grundlage für alle sozialen Beziehungen dar (Jarren, Donges 2011, S.188) Dies ist der Grund, warum vor allem politische Parteien Personalisierungsstrategien verfolgen, nämlich um Vertrauen, Akzeptanz und ein positives Image aufzubauen. Für die zukünftigen Handlungen der Parteien und Akteure ist das eine wichtige Vorraussetzung. Das soziale Handeln der Politiker ist auch eine Selbstdarstellung unter dem Gesichtspunkt seiner Vertrauenswürdigkeit. Nach Luhmann „schwebt die Vertrauensfrage über jeder Interaktion und die Selbstdarstellung ist das Medium ihrer Entscheidung“ (Raunicher 2010, S.37), auch wenn sich der Handelnde dessen bewusst oder nicht bewusst ist. Politische Akteure brauchen das durch die Strategien gewonnene Vertrauen und die Akzeptanz der Bürger, um auch in unsicheren Situationen handeln zu können, da sie dann auf den Rückhalt der Bürger hoffen können. Die politische Kommunikation lässt sich auf die Thematik von Macht und Vertrauen wie folgt anwenden. Durch die immer mobiler und medial fokussierter werdenden Bürger ist es unumgänglich diese auf eine überzeugende und unterhaltsame Art und Weise anzusprechen. Es geht dabei vor allem um die Herstellung von Vertrauen zu den Bürgern, welches durch die Öffentlichkeitsarbeit in der Politik garantiert werden soll. Public Relations versucht durch eine transparente Informationsvermittlung zu den Bürgern Vertrauen aufzubauen, übt jedoch gleichzeitig eine gewisse Macht auf sie aus, da die PR versucht die öffentliche Meinung zu bestimmten Themen zu beeinflussen, um somit Wählerstimmen der Bürger zu erhalten. Hinter diesen Überlegungen stehen die PR-Akteure der Politik, welche die Politiker in ihrer Position bestärken und sie mit den nötigen kommunikativen Fähigkeiten ausstatten, um somit einen Schritt auf das Vertrauen bei den Bürgern zuzugehen. Um dem noch besser entgegenzuwirken entwerfen sie PR-Strategien, die den politischen Führungspersonen dabei helfen sollen, die Bürger von ihren politischen Agenden zu überzeugen und somit Zustimmung und Vertrauen zu ihnen Aufbauen zu können. Die Strategien befassen sich vor allem mit Personalisierungsarbeiten, die den Führungspersonen dabei helfen sollen, noch mehr Transparenz um ihre eigene Person zu schaffen, was ebenso Vertrauen stärkt. Die Thematik des Machtausübens in einer Demokratie hat heute keine ausschlaggebende Bedeutung mehr. Die politischen Führungspersonen können keine direkte Machtausübung auf das Volk mehr vornehmen, wie es in diktatorischen Regierungssystemen der Fall ist. Vielmehr ist es die soziale Macht und deren Verwendung durch die Machtpositionsinhaber, die in Demokratien zu tragen kommt. Wichtig ist ihnen hierbei die innerorganisatorische Aufrechterhaltung von Macht, welche für die Führung von Parteien und politischen Gremien wichtig ist. Dadurch, dass die PR-Akteure das Bindeglied zwischen den beiden Systemen Politik und Medien darstellen, sind sie diejenigen, denen oftmals von beiden Systemen Vertrauen entgegengebracht wird. Wenn also das Vertrauen von einer Seite gebrochen wird bzw. eine Seite versucht Macht auf die andere Seite auszuüben, werden oftmals die PR-Berater als verantwortliche Instanz von den jeweiligen hintergangenen Seiten in Frage gestellt.

Die Massenmedien beeinflussen und strukturieren die Tagesordnung der öffentlich diskutierten politischen Themen, was Agenda-Setting genannt wird. Somit üben sie zum einen Macht auf die Politik aus, welche sich unter Druck gesetzt fühlt, diese Themen zu diskutieren und zu behandeln bzw. öffentlich Stellung zu nehmen. Zum anderen üben sie Macht auf die Bevölkerung aus, da sie dieser die Themen (und teilweise auch Meinungen), über die sie dann nachdenken und diskutieren, vorgeben. Durch den Medienwandel können jedoch auch die Bürger eines demokratischen Systems Macht auf die Politiker ausüben, um bestimmten Themen mehr Gewichtung zu geben. Dies kann vor allem durch den Gebrauch der Medien seitens der Bürger zur eigenen Interessenvertretung initiiert werden. Somit dienen die Massenmedien als Bühne der Inszenierung für die politischen Akteure als auch für die Bürger. Politische Akteure wollen somit die Bevölkerung durch ihre Selbstinszenierung von ihrem Vorhaben überzeugen, Vertrauen aufbauen, sowie die parlamentarische Diskussion beeinflussen und üben damit kommunikativ Macht auf sie aus. Die Spieltheorie hingegen ist das Fundament von Macht und Vertrauen. Das Verhältnis von Macht und Vertrauen ist am Beispiel des Gefangenendilemmas ambivalent. Es lässt sich aufzeigen, dass wenn es zu einer Machtausübung und somit zu einer Nicht-Kooperation der einen Seite kommt, verliert der andere Spieler in gleichem Maße und wird in seinem Vertrauen getäuscht. Wenn die beiden Spieler jedoch eine Kooperation eingehen und auf das einvernehmliche Vertrauen setzen, wird keine Machtanwendung oder reine egoistische Interessendurchsetzung stattfinden.

Der zukünftige Blick auf die politischen und medialen Zusammenhänge lässt auf eine immer komplexer werdende Beziehung schließen. Die mediale Präsenz und Berichterstattung der Medien sowie die Selbstdarstellung von politischen Akteuren werden sich, auch durch neuere Onlineformate wie Blogs, Nachrichten- und Nachrichtenkommentarplattformen und soziale Netzwerke, verstärken. Allerdings wird sich auch die Meinungsbildung der Bürger durch diese Formate ausweiten, weswegen es notwendig ist, auf eine transparente Kommunikation zu achten. Fehlt diese wird es zu einem Vertrauensbruch bzw. erst gar nicht zu einem Aufbau von Vertrauen kommen, jedoch muss (in politischer Hinsicht) Vertrauen geschaffen werden, um Macht ausüben zu können. Die Medien werden somit eine immer größere Bedeutung und auch Macht in der Gesellschaft haben. Aufgrund dessen ist es wichtig, die Medien gezielt zu nutzen und nicht zu umgehen. Außerdem werden Kooperationen immer wichtiger. Ein Zusammenspiel zwischen verschiedenen Akteuren, Unternehmen oder gar Ländern/Staaten ermöglicht die Erreichung von höheren Zielen als es mit Nicht-Kooperationen der Fall ist. Die paradoxe Beziehung zwischen Vertrauen und Macht muss sich also neu erfinden, um auf langfristige Sicht mit weniger machtausübenden Personen auf gleicher Hierarchieebene handeln zu können.

 

 

Literaturverzeichnis

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Hannah Grempe: Die Moralisierung der Politik

Ob Steuerhinterziehung, Spendenaffären oder Ehebruch: Skandale um Politiker gehören zu den täglichen Debatten unserer Gesellschaft. Kaum ist ein politischer Skandal auf der Agenda, schon rollt eine Empörungswelle durch die sozialen Netzwerke und diverse Medien. Es scheint fast so, als würde die gesamte Politik moralisch korrumpiert. Dabei stellt sich die Frage, ob „die Politik“ tatsächlich schlechter geworden ist. Diese Vermutung scheint unwahrscheinlich, vielmehr könnten die vielen Skandale auf die zunehmende mediale Kontrolle der Politik zurückzuführen sein. Skandale gibt es zwar schon seit der Antike, neu ist aber die Empörungskultur, die öffentliche Debatten begleitet. Sie lässt erkennen, dass die Thematisierung von Moral in öffentlichen Diskussionen an Akzeptanz gewinnt. Denn Empörung ist nichts anderes als die Mobilisierung von eigenen Werten gegen einzelne Personen. Diese Moralisierung deutet darauf hin, dass es eine Veränderung des Verständnisses von politischer und moralischer Verantwortung in der Gesellschaft gibt. Welche Ansprüche stellen Menschen heute an das moralische Verhalten von Politikern? Und sind sie überhaupt in der Lage dazu, moralische Bewertungen vorzunehmen? Um diesen zentralen Fragen näher zu kommen, sollen die Hintergründe für die aktuelle Moralisierung politischer Themen theoretisch ergründet und mit Ergebnissen, die durch eine standardisierte Online-Befragung gewonnen wurden, überprüft werden. Die Befragten beurteilen dabei anhand von kurzen Fallbeispielen, wie moralisch verwerflich sie das in der Umfrage skizzierte Verhalten eines Politikers empfinden. Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass die Ansprüche an das moralische Verhalten sehr hoch sind und dass die Formulierung dieser Ansprüche durch die in der Medienöffentlichkeit vorherrschende Meinung beeinflusst wird.

Einleitung

Manchmal scheint es, als würde die gesamte Politik moralisch korrumpiert. Ob Steuerhinterziehung, Spendenaffären oder Ehebruch: Skandale um Politiker gehören zu den täglichen Debatten unserer Gesellschaft und sie prägen die Vorstellungen über den Missbrauch von Macht. Kulturpessimistische Deutungen führen die häufige Berichterstattung um Skandale und Normverletzungen auf den moralischen Verfall der Politik zurück, während optimistischere Erklärungen Skandale als Produkt der erfolgreichen Kontrolle der Politik durch die Medien betrachten. Medien leisten einen unverzichtbaren Beitrag zum Funktionieren einer Demokratie. Denn nur durch ihre Informationsfunktion können sich Bürger ein Bild über das politische und gesellschaftliche Geschehen machen und darauf aufbauend Entscheidungen im Rahmen ihrer staatsbürgerlichen Pflichten treffen. Neben einer reinen Informationsfunktion erfüllen die Medien eine weitere elementare Funktion, die häufig als vierte Säule der Demokratie bezeichnet wird: sie kontrollieren und kritisieren die Regierenden. Mit dieser Kontrollfunktion sowie mit der Rolle als aufklärender Berichterstatter, tragen Medien dazu bei, dass sich die Bürger eine eigene Meinung über einen unter Umständen komplexen Sachverhalt machen können. Skandale verraten daher immer etwas darüber, in welchem Verhältnis Medien, Öffentlichkeit und Politik zueinander stehen und, wie es um das Machtverhältnis zwischen den Systemen steht. In einer Diktatur sind öffentliche Skandale durch die Unterdrückung der Presse- und Meinungsfreiheit nahezu unmöglich. Ein Normbruch oder eine korrupte Handlung, die nicht öffentlich gemacht wird, ist demnach kein Skandal. Skandale zeigen also vordergründig, dass die Öffentlichkeit als Kontrollsystem der politischen Sphäre intakt ist (Bösch 2006, S.26). Sie zeigen aber auch, wie groß die Macht der Medien auf die öffentliche Meinung ist und wie leicht sich ein sorgfältig aufgebautes Image eines Politikers demontieren lässt. Skandale sind kein neues Phänomen, der Begriff „skandalon“ ist bereits aus der Antike bekannt und kommt dem Medienwissenschaftler Steffen Burkhardt (2011) zufolge bereits im vierten Jahrhundert vor Christus vor. Der Begriff wurde im Laufe der Jahrtausende zum Synonym für öffentliche Ärgernisse und Ereignisse, die als schädlich für das gesamte System gelten (Burkhardt 2011, S.138). Neu ist allerdings die Empörungskultur, die öffentliche Debatten heute begleitet. Der Begriff bezieht sich auf die oftmals anonyme und emotionale Diskussionskultur im Netz und die Wellen der Empörung, die der Aufdeckung eines Skandals und der Berichterstattung folgen. Die Empörungskultur ist ein neuartiges Phänomen und lässt erkennen, dass die Thematisierung von Moral in öffentlichen Diskussionen an Akzeptanz gewinnt. Denn Empörung ist nichts anderes als die Mobilisierung von eigenen Werten gegen einzelne Personen oder Sachverhalte. In öffentlichen Diskussionen politischer Themen lässt sich beobachten, wie wenig inhaltlich sie analysiert und kommentiert werden. Stattdessen beziehen sich die Diskussionen scheinbar fast ausschließlich auf die individuellen Entscheidungen einzelner Personen und nehmen moralische Bewertungen vor. Moralische Bewertungen treten ganz selbstverständlich auf, jegliche Diskussion wird durch die Thematisierung von Moral begleitet. Nimmt man die Beobachtungen ernst, könnte man die Frage stellen, ob wir es mit einer „Rehabilitierung der Moral“ (Großmaß und Anhorn 2013, S.7) in westlichen Demokratien zu tun haben, denn die Bedeutung der Moral im öffentlich-politischen Diskurs nimmt zu. Besonders im Zusammenhang mit Skandalen lässt sich diese Entwicklung beobachten. Einer der meist diskutierten politischen Skandale der letzten Jahre ist der Fall Christian Wulff. Als der ehemalige deutsche Bundespräsident im Dezember 2011 unter Verdacht geriet, eine Falschaussage über die Finanzierung eines privaten Hauskaufs vor dem niedersächsischen Landtag gemacht zu haben, kam es zu einer wochenlangen Medienaffäre, in deren Verlauf weitere Vorwürfe, wie die verfassungswidrige Beeinflussung der Presse, laut wurden. Wulff trat einige Monate nach Aufkommen der Vorwürfe von seinem Amt zurück; 2014 wurde der ehemalige Bundespräsident freigesprochen. Kein Richter hatte Wulff zum Zeitpunkt seines Rücktrittes für schuldig befunden. Er trat viel mehr zurück, weil kurz nach Aufdeckung des Skandals die Frage laut wurde, ob ein solcher Bundespräsident aus moralischer Sicht für Deutschland tragbar sei. Hätten dieselben Vorwürfe, die gegen Herrn Wulff erhoben wurden, noch vor 30 Jahren zwangsläufig das (vorläufige) Ende einer politischen Karriere bedeutet? Oder geht die heutige Gesellschaft auf eine Veränderung des Verständnisses von politischer und moralischer Verantwortung zu? Ziel der Untersuchung, die diesem Artikel zugrunde liegt, ist es herauszufinden, welche Ansprüche Menschen an das moralische Verhalten von Politikern stellen. Auf Basis der theoretischen Beschäftigung mit der grundlegenden Moralfähigkeit des Menschen, dem Einfluss der öffentlichen Meinung auf den Einzelnen und der komplexen Beziehung von Politik und Medien, werden Hypothesen gebildet, die durch quantitative Forschung in Form einer standardisierten Online-Befragung überprüft werden. Die Befragten beurteilen dabei anhand von kurzen Fallbeispielen, wie moralisch verwerflich sie das in der Umfrage skizzierte Verhalten eines Politikers empfinden.

Die Moralisierung der Politik

Folgt man Zygmunt Baumann, ist der Mensch zwar ein grundlegend moralisches Wesen, er verliert seine Moralfähigkeit aber, sobald er mit sozialen Anderen, sprich der Gesellschaft, in Berührung kommt. Baumann spricht von einer a priori Moralität, das bedeutet, dass Menschen vor jeder Gesellschaft oder vor dem Erlernen bestimmter Normen und Regeln dazu fähig sind, moralisch zu handeln. Baumann beschreibt das Moralempfinden in seinem Werk Postmoderne Ethik (1993) als Impuls und biologischen Trieb, der in jedem Individuum verankert ist. Die Fähigkeit, moralisch zu handeln, ist allerdings an eine Bedingung geknüpft: Das Individuum darf in seinem Moralisch-Sein nicht behindert werden. Denn Baumann geht von einer unaufhebbaren Verflechtung von Individualität und Moral aus. Nur in seiner Ungeteiltheit ist das Individuum „moralisch in seiner ursprünglichen individuellen Existenz“ (Kron 2014, S.298). Im moralischen Raum bleiben die Dinge, die das tägliche Leben jedes Menschen ausmachen – „der Kampf ums Überleben und Vorankommen, das rationale Wägen von Mittel und Zweck, das Berechnen von Gewinn und Verlust, genauso wie Vergnügungssucht, Macht, Politik oder Fragen der Wirtschaft“ (Baumann, 1999, S.85) – außen vor. Im moralischen Raum werden gesellschaftliche Konventionen und Regeln bedeutungslos, denn hier werden Menschen auf ihr Wesentliches reduziert: das Mensch-Sein. In seiner Konzeption des moralischen Raumes lässt sich bereits erkennen, wie kritisch Baumann die Rolle der Gesellschaft und den Einfluss des sozialen Anderen auf die Moralität des Individuums sieht. Durch das Auftreten des sozialen Anderen, der dritten Person, wird das Individuum daran gehindert, seine a priori Fähigkeit – einem anderen Wesen gegenüber moralisch zu handeln – auszuüben. Dem sozialen Anderen zu begegnen, bedeutet zwangsläufig, sich aus dem moralischen Raum hinauszubegeben und damit die Fähigkeit, moralisch zu handeln, zu verlieren. Der moralische Andere ist nicht mit dem sozialen Anderen zu vereinbaren, denn die Objektivität des sozialen Akteurs zerstört den natürlichen moralischen Impuls (Kron 2014, S. 301).  Auch wenn Baumanns Theorie nicht aus soziologischer Perspektive betrachtet werden kann, gesteht sie den starken Einfluss der Gesellschaft ein und beschreibt die problematische Beeinflussung des Moralempfindens des Individuums durch sein Umfeld. Moral und Gesellschaft prallen aufeinander und damit bleibt eine wichtige Erkenntnis für die Frage, wie Menschen das moralische Verhalten von Anderen beurteilen: „Der Andere als ein Dritter kann nur außerhalb von Moral erfasst werden“ (Kron 2014, S. 302). Das bedeutet in Baumanns Verständnis, dass die Bewertung einer moralischen Handlung einer dritten Person nur auf Grundlage sozial erlernten Verhaltens möglich ist und nicht an sich richtig ist.

Hoffnungsträger für die Vereinbarung von Moralfähigkeit und Gesellschaft könnte nach Ansicht von Wissenschaftlern wie Ulrich Beck die Individualisierung sein, „die der Gesellschaft eine neuartige, der postmodernen Ethik adäquate ‚Sozialmoral des eigenen Lebens’ beschert“ (Kron 2014, S. 303). Der fortschreitende Individualisierungsprozess könnte eine „Möglichkeit zur moralischen Erneuerung“ (Kron 2014, S. 303) werden. Denn die Individualisierung könnte dem Einzelnen genügend Platz zur Entfaltung seines moralischen Impulses geben und ihn vom unmittelbaren Einfluss von Normen und Regeln der Gesellschaft separieren. Im Zuge der Entwicklung zu einer individualisierten Gesellschaft werden vorhandene gesellschaftliche Strukturen immer mehr zu Angeboten. Sie sind keine Sollens-Vorgaben mehr, sondern Angebote, auf die das Individuum zur Orientierung zurückgreifen kann. Der Einzelne selbst ist es, der das Soziale erzeugt. Denn die meisten Vorstrukturierungen wie Werte, Normen und Klassen fallen weg, Entscheidungen werden in der Folge komplexer und sind von Kontingenz geprägt. Die Gesellschaft wird zur Multi-Optionengesellschaft. Wie Kron (2014) argumentiert, könnte die Individualisierung die Gesellschaft theoretisch wieder moralischer. Denn „Individualisierung befreit den moralischen Impuls von Rationalitätszwängen“ (Berger 1996, S.66), sodass das Individuum frei von Normen und Zwängen moralisch individueller über das Verhalten bestimmter Personen urteilt.

Der Preis, den der Einzelne für die vermeintlichen Freiheiten der Individualisierung zahlen muss, ist außerdem „ein durchaus hoher Preis, wenn der Umfang aller Entscheidungen bedacht wird, denen sich ein freier Mensch Tag für Tag gegenüber sieht“ (Bauman 1999, S.26). Angesichts der Fülle von Informationen, der zu bewertenden Sachverhalte und der wachsenden Unsicherheit, die ohne die Komplexitätsreduktion durch gesellschaftliche oder institutionelle stabile Normen entsteht, kommt es zu einer Überforderung des Individuums. Niklas Luhman (2008, S.29) beschreibt „die Überlastung durch Komplexität und Kontingenz“ als charakteristisch für das menschliche Erleben, denn Menschen haben nur ein begrenztes Potenzial für bewusste Wahrnehmung und Informationsverarbeitung und die Bildung von Urteilen. Es gibt kaum Orientierungshilfen in der postmodernen Gesellschaft, sodass das Individuum als Reaktion einen deutlich stärkeren moralischen Kompass entwickelt, um sich durch die Multioptionen-Gesellschaft zu navigieren. Die eigene Moral bleibt die einzige Konstante und dient der Abgrenzung und Selbstversicherung bei der Beurteilung komplexer Sachverhalte. Die Bedeutung und Akzeptanz von Moral in der Gesellschaft nimmt demnach insgesamt zu. Die Thematisierung von Moral begleitet jegliche Diskussion, denn sie kann von jedem vorgenommen werden. Diese Entwicklung ist aber durchaus kritisch zu sehen. Denn wenn es um die Beantwortung fundamentaler, moralischer Fragen geht, fühlt sich nun jeder in der Lage, sie zu beantworten. Die Definition von Moral wird zunehmend „laisiert“ (Neidhardt 2004, S.229). Daher eignet sich die Bezeichnung „Moralisierung“ wenn die Thematisierung der Moral in öffentlichen Diskussionen untersucht werden soll. Denn unter Moralisierung ist eine starre Aushandlungsweise zu verstehen, in der die eigenen Werte zu „unverhandelbaren Wertewahrheiten“ (Bogner 2013, S.44) werden. Möhring-Hesse (2013, S.152) weist im Zusammenhang mit dem Begriff „moralisieren“ darauf hin, dass er nicht zu den klassischen Grundbegriffen der philosophischen Ethik gehört.  Der Begriff weist auf etwas Problematisches hin, denn er wird allgemein mit „Moral predigen“ verbunden. Im alltagssprachlichen Gebrauch bezieht sich der Sprecher mit dem Begriff in der Regel auf Andere. Moralisieren beschreibt also eine Tätigkeit, die einer dritten Person zugeschrieben wird. Mit dem Verb wird das Herstellen einer Moral bezeichnet, „die vor diesem Tun nicht oder zumindest nicht in dieser Gestalt bestanden hat“ (Möhring-Hesse 2013, S.155). Durch die Moralisierung eines Themas kann jemand zum Handeln verpflichtet werden, denn die Verbindlichkeit der normativen Ansprüche wird gesteigert (Möhring-Hesse 2013, S.155). Das Verb „moralisieren“ bezeichnet das Herstellen einer Moral, die ursprünglich nicht in dieser Form existiert hat und steigert die Verbindlichkeit der normativen Ansprüche an den Adressaten durch den/die Sprecher. Unter dem Zwang der Moralisierung, verliert der Akteur erneut seine Uneingeschränktheit, die für die Moral von zentraler Bedeutung ist. Moralisierung macht eine also Gesellschaft nicht zwangsläufig moralischer. Sie erzeugt Machtverhältnisse, verabsolutiert Werte und beeinflusst das Verhalten von Menschen.

Überträgt man diesen Gedanken auf die öffentliche Sphäre, wird deutlich, welch große Wirkung die Moralisierung eines Themas in der Öffentlichkeit haben kann. Wird eine Wertewahrheit als öffentliche Meinung deklariert, ist jegliche Widerrede oder ein sachlicher, öffentlicher Diskurs beinahe unmöglich. Wie die öffentliche Meinung entsteht und welche Akteure Einfluss darauf nehmen, ist Gegenstand wissenschaftlicher Auseinandersetzungen und soll auch hier angerissen werden, um zu ergründen, wie Menschen die Moralität von Politikern und Parteien beurteilen. Der Ausdruck öffentliche Meinung wird inflationär von Repräsentanten verschiedener institutioneller Arenen genutzt und nicht selten wird die in den Medien veröffentlichte Meinung als die öffentliche Meinung bezeichnet (Schulz 2011, S.119). Öffentliche Meinung kann ebenso als die Meinung prominenter politischer Akteure, Experten, Journalisten und Funktionäre verstanden werden. Oder sie wird als Gegenstand und Ergebnis von Meinungsumfragen betrachtet,  als „statistisches Aggregat individueller Meinungen in der Bevölkerung, wie es durch Umfragen auf Basis repräsentativer Stichproben ermittelt werden kann“ (Schulz 2011, S.119). Dabei ist die öffentliche Meinung – wie das Konzept der Öffentlichkeit selbst – eine politische Forderung, die es dem Bürger ermöglichen soll, seine Freiheiten und Rechte durchzusetzen. In diesem Sinne ist Öffentlichkeit nicht nur ein empirisches Phänomen, sondern eine „normative Zielvorstellung“ (Schulz 2011, S.119). Der normative Charakter des Begriffs resultiert aus seiner Rolle in Demokratietheorien. Im Sinne der Demokratietheorien wird Öffentlichkeit als intermediäres System verstanden, das die Forderungen und Meinungen der Bürger an politische Institutionen heranträgt und ermöglicht, dass sich Bürger aktiv an der Politikgestaltung beteiligen können. Gleichzeitig macht die Öffentlichkeit in ihrer Funktion als Mittler den Bürgern politische Entscheidungen zugänglich, damit sie sich eine Meinung bilden können. Diese normativen Ansprüche hat u.a. Habermas in seinem Werk Strukturwandel der Öffentlichkeit (1962) formuliert, in dem er die Herstellung von Öffentlichkeit und ihre politische Funktion beleuchtet. Habermas beschreibt darin aus historischer Perspektive einen demokratietheoretischen Idealtypus der Öffentlichkeit. Zur Zeit der Aufklärung versammelten sich Privatleute zu einem Publikum und tauschten Erfahrungen und Meinungen über das aktuelle Geschehen aus. Der Diskurs zeichnete sich dadurch aus, dass Bürger unabhängig von ihrem gesellschaftlichen Status jegliche Probleme thematisieren konnten. Es entstand eine Frühform bürgerlicher Öffentlichkeit, in der Kommunikationsbedingungen herrschten, „unter denen die diskursive Meinungs- und Willensbildung eines Publikums von Staatsbürgern zustande kommen kann“ (Habermas 1990, S.38). Dieses von Habermas formulierte Verständnis wird auch Diskursmodell bezeichnet, weil es besonderen Wert auf den Stil der Kommunikation und die Darlegung rationaler, nachvollziehbarer Argumente legt. Den Staat – die Sphäre der öffentlichen Gewalt – grenzt Habermas deutlich von der Öffentlichkeit und der Meinungs- und Willensbildung unter Bürgern ab. Der Staat wird den „Akteuren der Peripherie“ (Schulz 2011, S.116) gegenübergestellt: diese Akteure sind Bürger, die Akteure der Zivilgesellschaft (bürgernahe Vereinigungen) und vermachtete Akteure (professionelle Organisationen und Interessensgruppe). Die vermachteten Akteure sollen die Öffentlichkeit keinesfalls dominieren – es sind die Bürger und Akteure der Zivilgesellschaft, die die Öffentlichkeit bilden sollen. Das Verhältnis von vermachteten und nicht-vermachteten Akteuren muss ausgewogen bleiben, damit die öffentliche Meinung nicht verzerrt wird. Dieses Verhältnis hat sich mit dem Aufkommen der Massenmedien grundlegend geändert, denn die Verbreitung und Akzeptanz der  Medien in der Gesellschaft begünstigt einen Rückzug in die häusliche Privatheit und verringert die Notwendigkeit, aus dem Privaten in die Öffentlichkeit herauszutreten. Es findet ein Strukturwandel von der bürgerlichen Öffentlichkeit zur massenmedial hergestellten Öffentlichkeit statt, sodass eine Medienmacht entsteht.  Wenn sich die Öffentlichkeit auf eine „vermachtete Arena“ reduziert und sich die Entfremdung der Bürger von der Politik verstärkt, wird die öffentliche Meinung verzerrt (Jäckel 1999, S.223). Aus Sicht von Habermas zerstört die Vermachtung der Medien das emanzipative Potenzial der Öffentlichkeit, denn die ehemals bürgerliche Öffentlichkeit verliert ihre wichtigste Funktion: die Artikulation eines politischen Willens. Jäckel (1999, S.220) nennt diese Entwicklung „eine Tendenz zur konsumptiven Haltung“. Der Bürger übernimmt die passive Rolle eines Zuschauers und verzichtet darauf, sich in den Diskurs, der zur Entstehung einer öffentlichen Meinung zentral ist, einzubringen. Folglich gibt es keine öffentliche Meinung in ihrer ursprünglichen Form mehr, denn sie entsteht nicht mehr in der bürgerlichen Sphäre, sondern lässt sich auf Institutionen zurückführen. Es entsteht eine Form von Publizität, die auch Schelsky (1963) mit seinem Hinweis auf die „Illusion der öffentlichen Meinung“ beschrieben hat. Es handelt sich dabei um Meinungen, “die einem verhältnismäßig engen Kreislauf über die Masse der Bevölkerung hinweg zwischen der großen politischen Presse, der räsonierenden Publizistik überhaupt und den beratenden, beeinflussenden, beschließenden Organen mit politischen oder politisch relevanten Kompetenzen (…) zirkulieren“ (Habermas 1990, S.356). Obwohl diese Meinungen sich an die breite Öffentlichkeit richten, erfüllen sie nicht die Bedingungen des öffentlichen Diskurses, denn die sind „als institutionell autorisierte Meinungen stets privilegiert und erreichen keine wechselseitige Korrespondenz mit der nichtorganisierten Masse des Publikums“ (Habermas 1990, S.356). Habermas sieht diese Entwicklung für die Demokratie äußerst kritisch, denn eine politisch funktionierende Öffentlichkeit ist notwendig, um einen Gegenpol zu der von den Massenmedien beherrschten Öffentlichkeit zu bewahren (Jäckel 1999, S.223). Diese Thesen sind aktueller denn je, zahlreiche Veränderungen im politischen Prozess weisen darauf hin, dass der vermachtete Akteur „Medien“ an Macht gewinnt. Der Stellenwert der Medien in der politischen Meinungsbildung wächst, sodass argumentiert werden könnte, dass die Medien die Peripherie verlassen haben und selbst zum politischen Akteur geworden sind. Dabei fällt dem System Medien die Aufgabe zu, alle Vorgänge im System Politik zu dokumentieren, die Ereignisse unverändert darzustellen und den Rezipienten zugänglich zu machen. „Ein normativer Eckpfeiler der journalistischen Arbeit ist das Prinzip der Objektivität. Diese zeichnet sich dadurch aus, dass sich die Berichterstattung vor allem an Fakten orientiert und nicht interpretativ angelegt ist“ (Boomgaarden und Semetko, 2012, S.444). Obwohl Objektivität die zentrale Norm journalistischer Arbeit ist, wird in der Realität deutlich: zwischen Politik und Medien herrscht eine komplizierte Wechselbeziehung, die durch die grundlegenden Veränderungen in der Medienbranche im Laufe der letzten 20 Jahre noch verstärkt wurde. Die Beziehung ist so eng, dass manche wissenschaftliche Autoren wie Schulz (2011) dazu neigen, Politik über Kommunikation zu definieren. Massenmedien wie Presse, Radio, Fernsehen und das Internet leisten einen unverzichtbaren Beitrag zum Funktionieren einer Demokratie. Denn nur durch die Informationsfunktion der Medien können sich Bürger ein Bild über das politische und gesellschaftliche Geschehen machen und darauf aufbauend Entscheidungen im Rahmen ihrer staatsbürgerlichen Pflichten treffen. Neben einer reinen Informationsfunktion erfüllen die Medien eine weitere elementare Funktion, die häufig als vierte Säule der Demokratie bezeichnet wird: sie kontrollieren und kritisieren die Regierenden. Mit dieser Kontrollfunktion sowie mit der Rolle als aufklärender Berichterstatter tragen Journalisten dazu bei, dass sich die Bürger eine eigene Meinung über einen unter Umständen komplexen Sachverhalt machen können. Medien nehmen demnach eine dienende Rolle ein, denn sie unterstützen die Politikdarstellung und Informationsvermittlung an die Bürger aktiv und sind auf die Weitergabe von Informationen durch politische Vertreter angewiesen. Anhänger der Determinationsthese sprechen daher von einer großen Abhängigkeit der Medien von der Politik. Denn sie sind nach Schulz (2011, S.49) den „Instrumentalisierungsstrategien des politisch-administrativen Systems“ ausgesetzt, die Defizite in der Politik durch die Kontrolle der Massenmedien zu kompensieren versuchen“. Die zunehmende Medialisierung von Politik erschüttert aber diese „dienende Rolle“ der Medien. Statt der Politik im politischen Prozess zu dienen, haben sich die Medien zu einer „eigenen politischen Institution emanzipiert und vertreten als politische Akteure eigene politische Interessen“ (Schulz 2011, S.32). Es entsteht eine wachsende Abhängigkeit der Politik von den Medien. Anfangs hatten die Massenmedien die Funktion von Chronisten, die als „unbeteiligte Beobachter das Handeln Dritter verzeichneten“, „im Laufe der  Entwicklung wurden sie zusätzlich zum Auslöser von Pseudo-Ereignissen, die jemand eigens zum Zwecke der Berichterstattung inszeniert“ (Kepplinger 2009, S.20). Es hat eine Machtverschiebung zugunsten der Medien stattgefunden. Kepplinger weist in diesem Zusammengang auf die Veränderungen der funktionalen Beziehungen der beiden Systeme hin: „Ähnlich wie zwischen Partei und Wahlvolk sind die Massenmedien als Informationsträger zwischen das System der politischen Herrschaft und die Bevölkerung getreten“ (2009, S.16). Einige Theoretiker wie Marcinkowski (1996) gehen davon sogar davon aus, dass Politik erst durch ihre mediale Darstellung existiert. Politische Institutionen sind auch aus dieser Sichtweise von Medien abhängig, was wichtige Folgen für das Selbstverständnis von Journalisten und ihrer Machtrolle hat. Aber auch die Medien befinden sich in einer Art Abhängigkeit: bedingt durch die Medienkrise müssen sie sich immer stärker am Massenpublikum orientieren und Inhalte im Hinblick auf ihre Kommerzialisierung und ihr Unterhaltungspotenzial entwickeln. Besonders Skandale – ein häufig genutzter Negativismus-Bias – sowie persönliche Geschichten lassen sich am besten monetarisieren. Die Ausrichtung der Inhalte auf diese Logik und die Medialisierung der Politik führen in der Folge zwangsläufig zu einer Skandalisierung und Personalisierung der Politikberichterstattung. Skandale sind nicht immer das Ergebnis der erfolgreichen Funktion der Medien als Kontrollorgan, sondern werden als Negativismus-Bias für die kommerziellen Interessen eingesetzt. Wird nun das Verhalten eines Politikers durch die Medien (und damit in der Öffentlichkeit) moralisiert, entsteht ein Machtverhältnis, das die Politiker angesichts einer drohenden Empörungswelle in die Defensive drängt und zum Rücktritt zwingen kann.

Forschungsmethode

Folgende Annahmen sollen durch quantitative Forschung in Form einer standardisierten Online-Befragung überprüft werden:

  1. Menschen haben hohe Ansprüche an das moralische Verhalten von Politikern.
  2. Je unbeliebter Menschen einen Politiker einschätzen, desto kritischer beurteilen sie sein Verhalten.

Die quantitative Methode eignet sich aus mehreren Gründen: es handelt sich um einen moralisch aufgeladenen Untersuchungsgegenstand sodass durch die Anonymität der Befragung validere Daten erzeugt werden können, als durch andere Methoden. Um die Hypothesen zu überprüfen wurde eine Online-Umfrage mit den Umfrage-Anbieter Questback Unipark vom 11.05.2015 bis zum 12.06.2015 durchgeführt. Die Grundgesamtheit stellen alle in Deutschland wahlberechtigten Bürger dar. Da eine Vollerhebung – d.h. die Befragung aller Wahlberechtigten – aufgrund begrenzter Mittel und Ressourcen nicht möglich ist, wurde eine Teilerhebung durchgeführt und Stichproben gezogen. Um signifikante Erkenntnisse zu erreichen, sollten mindestens 200 in Deutschland wahlberechtigte Personen befragt werden. Durch die Natur der Methode erfolgte die Stichprobenauswahl willkürlich, Teilnehmer wurden sowohl aktiv als auch passiv rekrutiert und über E-Mail Einladungen und dem Posting des Umfragelinks in den eigenen sozialen Netzwerken und in themenspezifischen Facebook Gruppen akquiriert. Die Repräsentativität der Ergebnisse ist damit nicht gewährleistet.

Ergebnisse

Die grundlegende Annahme, dass Menschen das moralische Verhalten von Politikern kritisch beurteilen, kann nach Auswertung der Ergebnisse bestätigt werden. Den Teilnehmern wurden vier Fälle von Fehlverhalten prominenter Politiker präsentiert, die sie auf einer Skala von „Sehr kritisch“ (1) bis „Überhaupt nicht kritisch“ (6) beurteilen sollten. Durchschnittlich beurteilten die befragten Personen die skizzierten Fälle als „Kritisch“ (Mittelwert 1,9). Um die zweite Hypothese zu überprüfen, wurde der Zusammenhang zwischen der Bewertung der skizzierten Fälle und der Beantwortung der Fragen nach der allgemeinen Popularität (im Sinne von Beliebtheit der Politiker) untersucht. In drei von vier Fällen besteht ein negativer linearer Zusammenhang. Je unbeliebter ein Politiker eingeschätzt wurde, desto kritischer wurde sein Verhalten beurteilt. Die aufgestellte These lässt sich damit bestätigen.

Diskussion und Fazit

Menschen lösen sich im Rahmen der Individualisierung von traditionellen Strukturen, die nach und nach an Bedeutung verlieren und verschwinden. Das gilt auch für die Politik: hier bleiben die institutionellen Strukturen zwar nach wie vor bestehen, es findet aber eine Individualisierung des politischen Verhaltens statt, was zur Folge hat, dass Persönlichkeitseigenschaften von Politikern wichtiger werden als die Parteipolitik oder politische Richtung. Gleichzeitig lässt sich beobachten, wie wenig inhaltlich und wie moralisch aufgeladen Diskussionen rund um das Verhalten einzelner Politiker geführt werden. Diese Diskussionen finden vor allem in der Medienöffentlichkeit statt, die inzwischen ein Synonym für die ehemals bürgerliche Öffentlichkeit ist. Im Wettlauf um die Quoten und Auflagen untergraben die klassischen Medien teilweise die eigene Legitimation durch die Skandalisierung von Politikern (Pörksen und Krischke 2013, S.7). Skandale und Affären bestimmen wie nie zuvor tägliche Moralfragen der Menschen und das bedeutet, dass die Thematisierung der Moral zunehmend Akzeptanz in der Gesellschaft findet. Politische Akteure werden zunehmend in die Defensive gedrängt und, wie man an zahlreichen Fällen der jüngeren Vergangenheit beobachten kann, zum Rücktritt gezwungen weil sie moralisch nicht mehr tragfähig sind. Tatsächlich zeigen sich in den Ergebnissen der Umfrage einige signifikante Zusammenhänge, die in der Theorie formuliert wurden. Die grundlegende Annahme, dass Menschen das moralische Verhalten von Politikern äußerst kritisch beurteilen, kann nach Auswertung der Ergebnisse bestätigt werden. Das wird zum einen durch die Moralisierung politischer Themen in der Medien-Öffentlichkeit gefördert, zum anderen könnte die Individualisierung ein entscheidender Faktor dafür sein. Denn in der individualisierten Gesellschaft gibt es kaum Orientierungshilfen für die eigene Lebensgestaltung. Die Verantwortung, die mit den neuen Freiheiten einhergeht, muss das Individuum fortan alleine tragen. Jede Entscheidung muss daher auf mögliche Risiken abgeschätzt werden, was Unsicherheiten hervorruft – sowohl auf privater als auch gesellschaftlicher Ebene. Als Reaktion auf diese neue Realität entwickelt das Individuum einen deutlich stärkeren moralischen Kompass, um sich durch die Multioptionen-Gesellschaft zu navigieren. Die eigene Moral bleibt die einzige Konstante, wenn Werte nicht mehr von normativen Strukturen übernommen werden können, denn sie dient der Abgrenzung und Selbstversicherung bei der Beurteilung komplexer Sachverhalte. Die Moral kann durch die Absenz von moralvorgebenden Institutionen und Gruppen von jedem vorgenommen werden. Dass Moral häufiger thematisiert wird, bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass die Gesellschaft moralischer wird. Die Qualität dieser neu empfundenen Moral ist kritisch zu betrachten, denn wie Baumann bereits beschrieben hat, ist die wahre Moral nur schwerlich mit der Gesellschaft zu verbinden. Ist es doch eher ein „Moral predigen“, dass sich auf Dritte bezieht und das Handlungen Anderer bewertet. Wird ein Thema erst einmal moralisiert, ist ein sachlicher Diskurs nahezu unmöglich. Kritisch wird es auch dann, wenn eine Sichtweise als die öffentliche Meinung deklariert wird. Denn Menschen orientieren sich in der Entwicklung des eigenen moralischen Kompasses bzw. bei der moralischen Bewertung an anderen Menschen und dem, was normal erscheint. Zwar kann diese Orientierung auch durch eine direkte Erfahrungen aus dem unmittelbaren Kontakt mit dem Umfeld erfolgen, in der Regel sind es aber die Medien und die dargestellte öffentliche Meinung, die als Orientierung dienen, denn sie erreichen ein disperses Publikum. Die Ergebnisse der Umfrage zeigen, dass sich Menschen in ihren moralischen Bewertung von der öffentlichen Meinung beeinflussen lassen. In drei von vier Fällen besteht eine signifikante Korrelation zwischen der moralischen Beurteilung und der Einschätzung der Beliebtheit eines Politikers. Je unbeliebter ein Politiker eingeschätzt wurde, desto kritischer wurde sein Verhalten beurteilt. Die aufgestellte These lässt sich damit bestätigen. Das ist durchaus kritisch zu sehen, denn öffentliche Meinung ist häufig ein Synonym für Medien-Meinung. Habermas zeichnet in diesem Zusammenhang ein eher düsteres Bild der bürgerlichen und politischen Öffentlichkeit: ein Strukturwandel findet statt, sodass Medien selbst zum politischen Akteur werden und nicht mehr nur dazu beitragen, Öffentlichkeit herzustellen, sondern die öffentliche Meinung alleine verantworten. Der Einfluss der Medien ist also gestiegen, die Qualität der Medienberichterstattung aber nicht. Im Zuge der Medienkrise werden Inhalte immer stärker an der Publikumslogik ausgerichtet. Sie erfüllen eine Unterhaltungsfunktion und werden kommerzialisiert. Gleichzeitig gibt es nur noch einige wenige Medienhäuser und wenige Ressourcen für Recherchen und exklusive Inhalte, sodass sich die Medieninhalte verschiedener Anbieter immer häufiger decken. Und so auch die formulierten Meinungen. Zwar sind Medien dem Gebot der Objektivität verpflichtet,  Journalisten können die Realität aufgrund strukturellen Unvermögens und mangelnder Ressourcen nicht immer gewährleisten. Bei schwächer werdenden Redaktionen gewinnen externe Informations- und Inhaltgeber – z.B. die politischen PR – immer stärker an Einfluss.

 

 

Literaturverzeichnis

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