13. Ausgabe: Oktober 2021

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Gerd Niklas Köster: Kommunikationsstrategien zur Projektentwicklung von Immobilien

Warum scheitern Bauprojekte aufgrund mangelnder Kommunikation? Es fehlt an erfolgreichen Kommunikationsstrategien, um insbesondere die Öffentlichkeit für ein Immobilienprojekt zu begeistern. Die Folge sind Bürgerinitiativen und projektbezogene Demonstrationen, sie verhindern jedes Jahr die Umsetzung einer Vielzahl von Immobilienprojekten in unserem Land. Doch welche Kommunikationsstrategien sind ein Wettbewerbsfaktor im Projektentwicklungsprozess? Schließlich führt ein Defizit an sozialer Kommunikation bekanntlich zum Zeitverzug bei der Umsetzung von Bauprojekten. Aus diesem Grund geht dieser Artikel der folgenden Forschungsfragen nach: „Warum scheitern Kommunikationsstrategien im Projektentwicklungsprozess von Immobilien und wie können zukunftsfähige Strategien entwickelt werden?“ Der vorliegende Beitrag möchte diese Forschungslücke schließen und mithilfe einer Literaturanalyse erfolgreich Kommunikationsinstrumente sichtbar machen.

Jonas Mückl: Zwölf Freunde müsst ihr sein – die Fans der Fußball-Bundesliga zwischen Tradition und Kommerzialisierung

Die Begriffe Fußball und Kommerzialisierung standen nicht immer in direkter Verbindung zueinander. Heutzutage sind sie jedoch nur noch schwer voneinander zu trennen. Die Kommerzialisierung hat sich zu einem Streitpunkt im heutigen Profifußball entwickelt. Insbesondere seit dem Beginn des 21. Jahrhunderts führt sich ein Trend fort, der Fußballvereine immer mehr zu Fußballunternehmen werden lässt. Dadurch entsteht schnell der Eindruck, dass Geld den Fußball in unserer heutigen Gesellschaft regiert. Die deutsche Fußball-Bundesliga ist einer derartigen Geldüberflutung bislang aus dem Weg gegangen, doch Fakt ist, dass auch die deutsche Liga langfristig viel Geld benötigt, um mit anderen europäischen Ligen mithalten zu können. Doch ähnlich wie es im Fußball der Fall ist, hat sich auch die Gesellschaft gewandelt. Das Kollektiv rückte in den Hintergrund und das Individuum erlangte immer mehr an Bedeutung. Dies beeinträchtige im Bereich des Fußballs partiell das Kollektiverlebnis, welches sich in der Vergangenheit zunächst deutlich manifestierte. Um zu erklären, wie Aspekte der Kommerzialisierung aber auch gesellschaftliche Entwicklungen wie die Singularisierung bzw. Individualisierung den ursprünglichen Gedanken des Fußballs als Kollektiverlebnis in der heutigen Zeit beeinflussen, zielt der vorliegende Forschungsartikel darauf ab, die Zusammenhänge bzw. die Entwicklungen des Profi-Fußballs und der Gesellschaft zu erklären.

Anna-Lena Osthus: “Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt” – Eine empirische Untersuchung der Vereinigung linker und rechter Verschwörungstheoretiker/innen in Zeiten der Corona Pandemie.

Im Zuge der weltweiten Corona Pandemie ist ein starker Anstieg von Verschwörungstheorien zu beobachten. Ihren Ausdruck finden diese auf den Hygiene-Demonstrationen, bei denen linke und rechte Verschwörungstheoretiker/innen, Impfgegner, aber auch Rechtsextreme und Esoteriker/innen nebeneinander gegen die Corona-Maßnahmen der Regierung demonstrieren. Die Corona Pandemie trifft auf die Gesellschaft der Spätmoderne, die im Zuge der Überdynamisierungskrise von einem Anstieg des Bewusstseins der Kontingenz, Angst und Unsicherheit geprägt ist. Durch die Pandemie werden Gefühle der Angst, Unsicherheit und des Kontrollverlusts offenkundig gesteigert. Bestehende Konflikte und Krisen werden in der Corona Pandemie sichtbar und finden ihren Ausdruck unter anderem in den Zusammenkünften auf den Hygiene-Demonstrationen.

Vor diesem Hintergrund soll im Rahmen einer qualitativen Studie untersucht werden, inwiefern Verschwörungstheorien über das Corona Virus linke und rechte Gruppierungen in Zeiten des Paradigmenwechsels vereinen. Eine zentrale Frage dabei ist, inwiefern linke und rechte Verschwörungstheoretiker/innen gemeinsame Motive teilen. Weiterführende Erkenntnisse ergeben sich aus den differenzierenden Merkmalen zwischen linken und rechten Verschwörungstheoretiker/innen. Da es sich bei der Bewegung von Verschwörungstheoretiker/innen, um ein aktuelles Thema handelt, liefern die Ergebnisse erste Erkenntnisse über die Gefahren, die mit dieser Bewegung für die Gesellschaft einhergehen.

Lisa Tamara Gaßmann, Mahammad Mahammadzadeh, Lutz Becker: Sozial-ökologische Aspekte der globalen Lieferketten in der Textilbranche – ausgewählte Ergebnisse einer Konsumentenbefragung

Fast Fashion hat den Massenkonsum in der Bevölkerung gefördert. Übermäßiger Konsum hat negative Auswirkungen auf die Umwelt und die Menschen. Um Kleidung und Textilien schnell produzieren zu können, wurde der Herstellungsprozess in Schwellen- und Entwicklungsländer verlagert. Der Herstellungsprozess von Textilien ist mit sozialen und ökologischen Missständen verbunden. Durch die Globalisierung und die große Anzahl von Zulieferern hat die Komplexität in der textilen Wertschöpfungskette zugenommen. Die Folge ist ein Mangel an Transparenz. Dieser Beitrag gibt einen Überblick über den sozial-ökologischen Wandel der Wertschöpfungskette in der Textilindustrie aus Sicht der Verbraucher.

 

Jonas Mückl: Zwölf Freunde müsst ihr sein – die Fans der Fußball-Bundesliga zwischen Tradition und Kommerzialisierung

Die Begriffe Fußball und Kommerzialisierung standen nicht immer in direkter Verbindung zueinander. Heutzutage sind sie jedoch nur noch schwer voneinander zu trennen. Die Kommerzialisierung hat sich zu einem Streitpunkt im heutigen Profifußball entwickelt. Insbesondere seit dem Beginn des 21. Jahrhunderts führt sich ein Trend fort, der Fußballvereine immer mehr zu Fußballunternehmen werden lässt. Dadurch entsteht schnell der Eindruck, dass Geld den Fußball in unserer heutigen Gesellschaft regiert. Die deutsche Fußball-Bundesliga ist einer derartigen Geldüberflutung bislang aus dem Weg gegangen, doch Fakt ist, dass auch die deutsche Liga langfristig viel Geld benötigt, um mit anderen europäischen Ligen mithalten zu können. Doch ähnlich wie es im Fußball der Fall ist, hat sich auch die Gesellschaft gewandelt. Das Kollektiv rückte in den Hintergrund und das Individuum erlangte immer mehr an Bedeutung. Dies beeinträchtige im Bereich des Fußballs partiell das Kollektiverlebnis, welches sich in der Vergangenheit zunächst deutlich manifestierte. Um zu erklären, wie Aspekte der Kommerzialisierung aber auch gesellschaftliche Entwicklungen wie die Singularisierung bzw. Individualisierung den ursprünglichen Gedanken des Fußballs als Kollektiverlebnis in der heutigen Zeit beeinflussen, zielt der vorliegende Forschungsartikel darauf ab, die Zusammenhänge bzw. die Entwicklungen des Profi-Fußballs und der Gesellschaft zu erklären. Die abschließende Analyse hat gezeigt, dass die Fans der Fußball-Bundesliga, im Rahmen des Fußballs, heutzutage einen enorm großen Wert auf das Kollektiverlebnis legen. Für sie steht das gemeinsame Erlebnis mit Freunden und Bekannten eher im Vordergrund als der sportliche Erfolg des Vereins.

„Der Fußball ist ohne Fans überhaupt nichts. Die Fans sind das Lebenselixier des Spiels. Je eher die Leute dies verstehen, desto besser wird das Spiel!“ (Sommerey, 2010). Mit diesen Worten unterstrich die schottische Trainerlegende Jock Stein (1922-1985), gegen Mitte des 20. Jahrhunderts, die nichtaustauschbare Bedeutung von Fans während eines Fußballspiels. Einige Jahrzehnte später ist die Bedeutung der Fußball-Anhänger im 21. Jahrhundert nicht weniger wichtig geworden, sondern hat viel mehr kontinuierlich zugenommen. Neben der Bedeutung der Fans haben sich jedoch auch weitere Aspekte im Fußballgeschäft gewandelt.

Im Gegensatz zu beliebten und erfolgreichen amerikanischen Sportarten wie American Football oder Baseball herrscht in Europa ein unabhängiges Liga- und Wettbewerbssystem. Dieses ermöglicht allen europäischen Fußballligen zum Teil ihre eigenen Wettbewerbsregeln festzulegen und nur in gewissem Maße an international geltende Regelungen gebunden zu sein, die der Europa- oder Weltfußballverband vorgeben. Der Schwung der Kommerzialisierung hat dadurch in den letzten Jahren im Fußball europaweit stark zugenommen. Dadurch entwickelten sich in der Vergangenheit die unterschiedlichen europäischen Ligen in verschiedene Richtungen. Parallel zum Fußballgeschäft veränderte sich auch die Fanlandschaft im Fußball und brachte neue Fantypen hervor. Durch ihre einzigartige und breite Fanlandschaft existieren in Deutschland mehr Fantypen als in anderen europäischen Ländern, die sich alle durch verschiedene Charakteristiken, Einstellungen und Sichtweisen unterscheiden. Was jedoch alle Fußballfans miteinander verbindet, ist der Gedanke und Wunsch nach einem gemeinsamen Kollektiverlebnis.

Ähnlich wie der Fußball entwickelte sich auch die westliche Gesellschaft mit den Jahren und durchlebte einen starken Wandel. Bereits Emile Durkheim entwickelte zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen soziologischen Erklärungsansatz, der zwei komplementäre Gesellschaftsformen beschreibt und das Zusammenleben der Gesellschaft modernisiert (Vgl. Rommerskirchen, 2017, S. 95). Einige Jahre nach Durkheim greift Pierre Bourdieu die Idee von Durkheim auf. In seiner Analyse der Gesellschaft findet er heraus, dass die soziale Position eines Individuums in der Gesellschaft durch seine vorhandenen Kapitalien beeinflusst wird. (Vgl. Rommerskirchen, 2017, S. 233f.). Im Kontrast zu Bourdieu sieht der deutsche Soziologe Ulrich Beck den Wandel der Gesellschaft als einen Prozess an, der durch Individualisierung vorangetrieben wird. Laut ihm haben ein Wirtschaftsaufschwung und eine Bildungsexpansion ab den 1960er-Jahren dazu geführt, dass sich Klassenidentitäten mit der Zeit aufgelöst haben und ein Prozess der Individualisierung einsetzte (Vgl. Beck, 1986, S. 122ff.). Einer Enttraditionalisierung der Klassen folgt somit eine Modernisierung der Klassenbildung, welche die Individualisierung aufgreift und neu sozial verankert. Knapp 30 Jahre später greift Andreas Reckwitz die Ideen von Ulrich Beck und Pierre Bourdieu auf und beschreibt eine spätmoderne Gesellschaft, die im Unterschied zur klassischen Moderne durch die Hervorbringung von Singularitäten geprägt ist und großen Wert auf das Besondere bzw. Einzigartige legt (Vgl. Reckwitz, 2017, S. 7) – eine „Gesellschaft der Singularitäten“ (Reckwitz, 2017). Er sieht in der spätmodernen Gesellschaft wieder eine Klassengesellschaft (Vgl. Reckwitz, 2017, S. 366). Den Status des Singulären können dabei laut Reckwitz nicht nur Menschen erhalten, sondern auch Kollektive, Orte oder Objekte. Verglichen mit kollektiven Gemeinschaften des Allgemeinen in die der Einzelne hineingewachsen ist, werden Singuläre Kollektive laut Reckwitz jedoch bewusst ausgewählt (Vgl. Reckwitz, 2017, S. 63). Diese sind dabei auch im Fußball und insbesondere in der deutschen Fußball-Bundesliga wieder zu finden. Dabei spielt insbesondere das kollektive bzw. gemeinschaftliche Erleben von Erfahrungen eine große Rolle. Auf Grundlage der zuvor dargelegten Ausführungen stellt sich daher die Frage, inwiefern Aspekte der Kommerzialisierung und Singularisierung/Individualisierung den ursprünglichen Gedanken des Fußballs als Kollektiverlebnis beeinflussen?

Der Fußballsport im Zivilisationsprozess

Formen der Kommerzialisierung traten im Fußballsport erst vor wenigen Jahrzehnten auf. Der amateurhafte Fußball, wie er früher existierte, nahm seine Entwicklungsgeschichte jedoch bereits im Laufe des 19. Jahrhunderts. Dabei ranken sich viele Mythen und Geschichten um seine Entstehung. Englische Quellen belegen, dass bereits im 14. Jahrhundert ein Ballspiel namens Fußball existierte (Vgl. Elias/Dunning, 2003, S. 316). Der mittelalterliche Fußball hatte aber wenig mit dem heutigen Fußball zu tun, sondern die Bezeichnung verwies, wie damals üblich, allenfalls auf die Spielutensilien und Körperteile, mit denen der Sport ausgeübt wurde (Vgl. Elias/Dunning, 2003, S. 329f.). Somit handelte es sich um ein völlig anderes Sportspiel, als es heute üblich ist. Vielmehr handelte es sich um ein gewaltsames Spiel, ohne richtiges Regelwerk (Vgl. Elias/Dunning, 2003, S. 316).

Der Fußballsport in seiner heutigen Form nahm seine Entwicklung in den Public Schools des viktorianischen Englands im Laufe des 19. Jahrhunderts. Im Jahr 1857 wurde der erste offizielle Fußballverein der Welt gegründet. Im englischen Sheffield gründete sich der Sheffield Football Club (kurz Sheffield FC), der bis heute als ältester Fußballclub der Welt gilt. Jedoch erst knapp 40 Jahre später kam der Fußball auch in Deutschland richtig an. Im Jahr 1900 gründete sich mit dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) der erste offizielle deutsche Fußballverband. Geprägt durch die Tragik des ersten Weltkrieges rückte der Fußball in Deutschland zu Anfang des 20. Jahrhunderts zeitweise in den Hintergrund. Nach dem ersten Weltkrieg verdichteten sich jedoch die ersten Anzeichen, die sich schließlich nach Ende des zweiten Weltkrieges bewahrheiteten: Der Fußball erlebte in Deutschland einen sozialen Massenboom (Sommerey, 2010, S. 12). Vorangetrieben durch den Weltmeisterschaftssieg der deutschen Nationalmannschaft 1954 in Bern, nahm das öffentliche Interesse am deutschen Fußball in der Nachkriegszeit erheblich zu und fing an, über gesellschaftliche Schichten hinweg, Menschen zu begeistern. Der Fußball entwickelte sich somit seit der Nachkriegszeit immer mehr zum beliebten Zuschauersport, der sich zum Erlebnis für alle gesellschaftlichen Kollektive manifestierte und bis heute in seiner Faszination ungebrochen ist.

Wie Gesellschaften sich wandeln

Parallel zur Entwicklung des deutschen Fußballs, stand auch bei der Entwicklung der westlichen Gesellschaft das Kollektiv zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Vordergrund. In seinem Gesellschaftskonzept beschreibt Emile Durkheim zu Beginn des 20. Jahrhunderts den evolutionären Wandel, von der kleinen segmentierten Gesellschaft in die größere arbeitsteilige Gesellschaft. Für ihn unterscheiden sich die beiden Gesellschaften durch unterschiedliche Formen der Solidarität. Laut ihm führt die steigende Bevölkerung zu einer Arbeitsteilung innerhalb der Gesellschaft. Dadurch übernimmt jeder Einzelne bestimmte Aufgaben und die Mitglieder der Gesellschaft sind nicht mehr gleich, sondern differenzieren sich durch ihren Beitrag für die Gesellschaft. Die Folge ist, dass ein Ausdruck der Individualität entsteht, der insbesondere durch die Differenzierung begünstigt wird. Der Prozess von der segmentierten in die arbeitsteilige Gesellschaft und der damit verbundene Ausbau des Individualbewusstseins bedeutet jedoch keineswegs, dass sich die Gesellschaft auflöst. Vielmehr kommt es zu einer engeren Verbundenheit innerhalb der Gesellschaft, weil jeder auf jeden angewiesen ist (Vgl. Durkheim, 1992, S. 228). Arbeitsteilung und funktionale Differenzierung sind für Durkheim somit der Antrieb des gesellschaftlichen Wandels. Die fortschreitende Differenzierung sorgt dafür, dass immer neue Formen der Integration gefordert und ermöglicht werden.

Auch Bourdieu möchte wie Durkheim die Gesellschaft durch eine reine Theorie des Sozialen erklären. Anders als sein französischer Landsmann verweist Bourdieu nicht nur auf die funktionale Differenzierung des Individuums in modernen Gesellschaften, sondern sieht darüber hinaus eine Ungleichheit zwischen diesen Akteuren zur Folge. Für ihn übernimmt jeder Einzelne mehr gesellschaftliche Funktionen und entwickelt zudem auch eine gewisse Identität bzw. entsprechende differenzierte Verhaltensweise (Vgl. Papilloud, 2003, S. 11). Somit ist für Bourdieu, zur Bildung der Identität, die Sozialisation entscheidend, wobei insbesondere die sozialen Beziehungen jedes Einzelnen eine große Rolle spielen. In diesem Rahmen beschreibt Bourdieu die Existenz verschiedener sozialer Klassen. Laut Bourdieu ist jeder direkt mit dem Beginn seiner Geburt ein Teil einer sozialen Klasse, die sich durch ökonomisches Kapital und weitere Kapitalarten, wie soziales oder kulturelles Kapital unterscheiden (Vgl. Rommerskirchen, 2017, S. 231). Für den Einzelnen sind dabei alle Kapitalformen mitentscheidend für die Einbindung in seine soziale Klasse. Dadurch kommt es im Alltag in der Regel nicht oft vor, dass sich Menschen unterschiedlicher Klassen begegnen (Vgl. Bourdieu, 1993, S. 28).

Im Bereich des Fußballs ist es jedoch anders als im realen Leben. Bei vielen Sportveranstaltungen treffen Menschen aus ganz unterschiedlichen Klassen aufeinander. Zwar kommt dies nicht an jedem Ort während einer Veranstaltung vor, da es bspw. ökonomische Bedingungen teilweise verhindern, aber im Vergleich zum normalen Leben findet hier teilweise eine Durchmischung der unterschiedlichen Klassen statt. So kommt es zu Situationen, wo der Geringverdiener oder Arbeitslose neben dem Chefarzt oder Juristen steht bzw. sitzt und während des Aufenthalts gleiche Interessen und Ansichten teilt, obwohl er im realen Leben über eine andere Kapitalausstattung verfügt. Die Mitglieder einer Klasse teilen während der Veranstaltung somit vergleichbare Handlungs- und Denkschemata, die Bourdieu als Habitus beschreibt.

Im Kontrast zu Bourdieu beschreibt der deutsche Soziologe Ulrich Beck, dass der Wandel der Gesellschaft durch einen Prozess der Individualisierung des Einzelnen vorangetrieben wird. Nach Beck haben ein Wirtschaftsaufschwung und die Bildungsexpansion ab den 1960er-Jahren dazu geführt, dass sich Klassenidentitäten, ähnlich wie Bourdieu sie beschreibt, mit der Zeit aufgelöst haben und ein Prozess der Individualisierung einsetzt. Dieser Prozess der Individualisierung setzt sich für ihn aus den drei Dimensionen der Freisetzung, des Stabilitätsverlustes und der Reintegration zusammen. Unter Freisetzung versteht er die Herauslösung aus historisch vorgegebenen Sozialformen (Vgl. Beck, 1986, S. 115). Mit der Freisetzung aus vorgegebenen Sozialformen geht auch der Stabilitätsverlust von traditionellen Sicherheiten einher, die früher der religiöse Glaube, leitende Normen und tradiertes Handlungswissen mit sich brachten. Den in der Moderne lebenden Menschen werden die Verluste folglich bewusst und lösen in ihnen das Bedürfnis nach Reintegration in die Gesellschaft aus (Vgl. Beck, 1986, S. 206). Dabei wird der Einzelne zum Gestalter seines eigenen Lebens und verfügt über keine sozialen Vorgaben mehr. In diesem Fall können die Individuen laut Beck jedoch auf eine Art Orientierungslosigkeit zusteuern. Fraglich ist dabei jedoch, ob es wirklich jemals so weit kommen kann, da der Einzelne in den meisten Fällen immer von einem gesellschaftlichen Zweig geleitet wird. Der Mensch ist zu sehr darauf bedacht, dazu gehören zu wollen. Dies gilt selbst dann, wenn er eigentlich zu keiner Gruppe dazu gehören will. In diesem Fall gehört er trotzdem zu der Gruppe von Personen, die nicht dazu gehören wollen. Einer Enttraditionalisierung der Klassen folgt somit eine Modernisierung der Klassenbildung, welche die Individualisierung aufgreift und neu sozial verankert. Der Konsument wird dadurch wieder durch den Habitus der neuen Klasse geprägt und konsumiert danach. Denn Individualisierung bedeutet nicht, dass der Einzelne vereinsamen will, sondern auch der individualisierte Mensch will sozial integriert sein. Besonders gegen Ende des 20. Jahrhunderts zeigt sich im Sportbereich eine ähnliche Tendenz auf, wie Beck sie beschreibt. Durch eine Auflösung traditioneller Fantypen, wird der Einzelne in die Lage versetzt neue Lebensstile einzugehen. Dadurch entstehen mit der Zeit neue Subkulturen. Für den Anhänger bedeutet dies ein Wachstum an Möglichkeiten der Lebensgestaltung. Das Leben in einem vorgegeben sozialen Ordnungsgefüge nimmt für ihn folglich ab und die soziale Mobilität des Einzelnen steigt. Dies bringt jedoch nicht nur Vorteile mit sich, sondern übt auch einen gewissen Druck auf das Individuum aus (Vgl. Beck/Beck-Gernsheim, 1993, S. 186). Der Druck sich zu individualisieren stammt im Bereich des Sports und Fußballs oft von außen. Formen der Kommerzialisierung, die sich gegen Ende des 20. Jahrhunderts geprägt haben, versuchen das Konstrukt des Fußballs mit seinen Anhängern zu zerspalten. Der Wunsch nach Reintegration und Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft, wird oft durch kommerzielle Gründe zerschlagen. Eine Annahme und Vorstellung, wie die heutige Gesellschaft mit dieser Thematik umgeht, greift Reckwitz knapp 30 Jahre später in seinem Buch „Die Gesellschaft der Singularitäten“ auf (Reckwitz, 2017). Er knüpft an die Idee von Beck an und beschreibt eine spätmoderne Gesellschaft, die im Unterschied zur klassischen Moderne durch die Hervorbringung von Singularitäten geprägt ist und großen Wert auf das Besondere und Einzigartige legt. Werden die Begrifflichkeiten der Individualisierung bzw. Singularisierung verglichen, so sind Singularisierungsprozesse mit der Auffassung von Individualisierung nach Beck zwar verwandt, aber der Begriff der Individualisierung ist für Reckwitz zu mehrdeutig und darüber hinaus zu eng definiert. Für ihn umfasst die soziale Fabrikation von Singularitäten nicht nur Menschen, sondern auch andere Einheiten. Darüber hinaus können laut Reckwitz lediglich Mitglieder der neuen akademischen Mittelklasse etwas als singulär betrachten. Der Status des Singulären ist für ihn somit ein Privileg der Akademikerklasse. Reckwitz betont immer wieder das Auftreten von Klassenspaltungen, die dafür sorgen, dass in einer „Drei-Drittel-Gesellschaft“ gewisse Verlierer existieren, die anderen gesellschaftlichen Klassen gegenüberstehen (Vgl. Reckwitz, 2017, S. 366). Diese „Drei-Drittel-Gesellschaft“ setzt sich aus der neuen Unterklasse, der alten Mittelklasse und der neuen akademischen Mittelklasse zusammen. Die neue akademische Mittelklasse bildet mit der winzigen Oberschicht die Spitze der Gesellschaft. Sie besteht aus Personen, die über ein hohes kulturelles Kapital verfügen und in der Regel hohe akademischen Bildungsabschlüsse besitzen sowie in der Wissens- und Kulturökonomie arbeiten (Vgl. Reckwitz, 2017, S. 281f.). Die Mitglieder der neuen Unter- und alten Mittelklasse besitzen in der Regel keine bzw. niedrige Bildungsabschlüsse und arbeiten oft in niedrigqualifizierten Berufen oder sind arbeitslos. (Vgl. Reckwitz, 2017, S. 279). Den Status des Singulären können, wie bereits angesprochen, nicht nur einzelne Menschen erhalten, sondern auch Kollektive. Für Reckwitz sind Singuläre Kollektive „nicht allgemeine Zweckverbände oder fraglose (idiosynkratische) Herkunftsmilieus, sondern solche, die für die Teilnehmer in ihrer Besonderheit einen kulturellen Eigenwert erhalten“ (Reckwitz, 2017, S. 62). Für ihn sind die Kollektive aus der Perspektive ihrer Mitglieder „(…) ihr eigenes, in sich vollständiges kulturelles Universum von höchster kommunikativer, narrativer und affektiver Komplexität und Signifikanz“ (Reckwitz, 2017, S. 62). Verglichen mit kollektiven Gemeinschaften des Allgemeinen in die der Einzelne hineingewachsen ist, werden Singuläre Kollektive ausgewählt (Vgl. Reckwitz, 2017, S. 63). Diese singulären Bedeutungen sind dabei auch im Fußball und insbesondere in der deutschen Fußball-Bundesliga wieder zu finden. Die Entwicklung von Fußballvereinen zu Fußballunternehmen beeinflusst die singuläre Bedeutung des Fußballs dabei erheblich. Mit der Zeit verlor die Fußball-Bundesliga an Werten, die sie gegen moderne Kommerzialisierungsformen austauschte. Dadurch verlor der Fußball für viele seiner Anhänger an Bedeutung.

Vom Fußballverein zum Fußballunternehmen

Die drei bekannten lateinischen Worte: „Citius, altius, fortius“ bilden die 1894 von Pierre de Coubertin aufgestellte Devise der Olympischen Spielen und bedeuten übersetzt „schneller, stärker, weiter“ (Payne, 2014, S. 532). Knapp 125 Jahre später lässt sich diese Devise jedoch nicht mehr nur noch auf die Olympischen Spiele beziehen, sondern auf diverse Sportarten. Ein Paradebeispiel ist dabei der europäische bzw. deutsche Profifußball in seiner heutigen Form. Seit dem Beginn des 21. Jahrhunderts bilden der heutige Profifußball und die Kommerzialisierung zwei untrennbare Elemente.

In der Literatur wird unter dem Terminus der Kommerzialisierung verstanden, dass etwas zu einer Ware wird (Vgl. Polanyi, 1957). Im Bereich des Sports gilt die Kommerzialisierung als verbindendes Element zwischen Sport und sozialem Wandel. Dabei ist zwar seit einigen Jahren eine steigende Kommerzialisierung in nahezu allen Arten des Sports zu erkennen, jedoch hat der Fußball in der jüngeren Vergangenheit die radikalste Entwicklung genommen.

Um der Kommerzialisierung Einhalt zu gebieten wurden in Deutschland mit der Deutschen Fußball Liga (DFL) und dem Ligaverband im Jahr 2000 zunächst Institutionen gegründet, die für die Organisation, Durchführung und Leitung des Ligaspielbetriebs zuständig sind. Die Einführung der DFL und des Ligaverbandes hatten somit zu einer sinkenden Komplexität in der Abwicklung des Spielbetriebs geführt und die Vereine entlastet (Vgl. Modder, 2014, S. 38f.). Durch die immer stärker steigende Kommerzialisierung wurden europaweite Regelungen eingeführt, um den internationalen Spielbetrieb möglichst deckungsgleich zu gestalten und eine sportliche Vergleichbarkeit herzustellen. Darüber hinaus mussten Antworten auf die Zunahme von ausländischen Investoren gefunden werden, die europäische Proficlubs in jüngerer Vergangenheit übernahmen und Millionen von Euro in die Vereine investierten, ohne dabei Rücksicht auf Verluste zu nehmen. Um Entwicklungen wie diese zu verhindern, wurde 2011 das europaweite „Financial Fair Play“ ins Leben gerufen, welches die finanzielle Sicherheit und Fairness in allen europäischen Wettbewerben sicherstellen und folglich einen sportlichen fairen Wettbewerb gewährleisten sollte (Vgl. Deutschmeyer, 2014, S. 1f.). Als Mitglied des FIFA- (Fédération Internationale de Football Association) und UEFA-Verbandes (Union of European Football Associations) waren der DFB und die DFL ab diesem Moment dazu verpflichtet, Regeln der Verbände einzuhalten, um am Spielbetrieb der UEFA- und FIFA-Wettbewerbe teilnehmen zu dürfen. In Deutschland wurde eine ähnliche Regel bereits 1998, mit der „50+1 Regel“, im Profifußball eingeführt, um zu verhindern, dass private Kapitalgeber die Mehrheit an deutschen Fußballclubs übernehmen. Damit reagierte der DFB auf den Trend vieler Clubs, die Profiabteilungen in Kapitalgesellschaften auszugliedern, um neues Fremdkapital im Austausch für Anteilsrechte am Verein zu erhalten. Doch wie lückenhaft heutzutage eine Einhaltung derartiger Regularien in der Bundesliga funktioniert, beweisen das stetige Ausschlachten von neuen Umsatzerlösen und der Aufschwung neuer „Kommerzvereine“. Ein aktuelles Beispiel für einen derartigen Aufstieg ist der Verein RasenBallsport Leipzig. Durch das Bewegen in rechtlichen Grauzonen, hinsichtlich der Eigentümer- und Kapitalgeberstruktur, schaffte es der Club von der fünften Amateur-Liga 2009 zum und dreimaligen Champions League Teilnehmer 2020. Der Verein unterstreicht dabei, wie eng eine Beziehung von großen Wirtschaftsunternehmen und Fußballvereinen in der heutigen Zeit sein kann. Mit dem Einstieg von RedBull erschlich sich Leipzig innerhalb von elf Jahren massiven sportlichen und wirtschaftlichen Erfolg. Traditionelle Werte und Historie bleiben dabei bis heute gänzlich auf der Strecke. Doch oft sind es nicht nur große Wirtschaftsunternehmen, die in die Entscheidungen der Fußballclubs eingebunden werden, sondern auch einzelne große Entscheider aus der Wirtschaft und der Politik, wie der FC Bayern München unterstreicht. Seit der Ausgliederung der Münchener Profiabteilung im Jahr 2002, in die Bayern München AG, leiten neben dem Vorstandsvorsitzenden Karl-Heinz Rummenigge neun weitere Aufsichtsratsmitglieder die Geschicke des Clubs. Von diesen neun Mitgliedern sind sechs Personen bei großen deutschen Wirtschaftsunternehmen wie bspw. Adidas, Allianz, Volkswagen oder der Deutschen Telekom in hohen Führungspositionen angestellt oder gänzlich aus der Politik bekannt (Vgl. FC Bayern München AG, 2020). Der Kommerzialisierungsgrad des heutigen deutschen Profifußballs erlaubt es somit nicht mehr die Vereine als Non-Profit-Organisationen zu bezeichnen. Die amateurhaften Fußballclubs, wie sie früher existierten, sind zu Fußballunternehmen geworden, die nun mit großen Wirtschaftsunternehmen vergleichbar sind (Vgl. Keller, 2008, S. 5).

Die größten Formen der Fußball-Kommerzialisierung spielen sich heutzutage in der Werbung und in den Medienrechten ab, mit denen mit Abstand am meisten Geld umgesetzt wird (Vgl. Hasel, 2019, S. 64). Diese führen dazu, dass die einzelnen europäischen Ligen und auch die Fußball-Bundesliga jährlich neue Umsatzrekorde in Millionen- bzw. Milliardenhöhe aufstellt. Mit einem Umsatz von 4,8 Milliarden Euro erwirtschaftete der deutsche Profifußball in der Saison 2018/19 zum 15. Mal in Folge einen Umsatzrekord (Deutsche Fußball Liga 2020, S. 2). In der Spielzeit 2004/05 lag der Jahresumsatz bei vergleichsweise noch rund 1,5 Milliarden Euro (Deutsche Fußball Liga 2006, S. 41). Das Verhältnis zwischen Sport und Wirtschaft hat sich in keiner Sportart so dynamisch, intensiv und komplex entwickelt wie im Fußball. Im Laufe der Jahre hat sich der Fußball zu einem universalen Konsumgut entwickelt, welches einen hohen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Einfluss besitzt. Seine Popularität, Einfachheit und Faszination, die er auslöst, sind Ursachen für den großen kommerziellen Erfolg des Fußballs (Vgl. Keller, 2008, S. 2). Damit einher geht jedoch die Tatsache, dass sich das Geld in den letzten Jahren immer mehr zu einem Steuerungsmedium entwickelt hat. Es ermöglicht Geldgebern mehr Einfluss auf Besonderheiten und Regeln des Sports zu nehmen. Was eine gesamtheitliche Betrachtung der Kommerzialisierung zudem erschwert, ist die Tatsache, dass nicht jede Form der Kommerzialisierung schlecht ist, da sie zum Teil auch notwendig zum Überleben vieler Sportarten ist. Sie wird in den meisten Fällen erst als schlecht angesehen, wenn ihre Übertreibung zu Problemen führt (Vgl. Horch/Schubert/Walzel, 2014, S. 137). Dabei sind es insbesondere die Fußballfans, die derartigen Übertreibungen konsequent ausgesetzt sind und im Mittelpunkt der kommerziellen Entwicklungen stehen.

Erschaffen, Erleben, Erinnern: Das Phänomen „Fan“

Den Begriff und das Phänomen des Fans in einem Satz zu beschreiben, ist aufgrund seiner Vielfältigkeit und verschiedenen Ausprägungen schier unmöglich. Etymologisch stammt der Begriff des Fans aus dem lateinischen und geht auf das Wort „fanaticus“ zurück. Mit dem Wort „fanaticus“ wurden in der damaligen Zeit Personen beschrieben, die einer Sache mit rücksichtlosem Eifer nachgingen (Vgl. Göttlich/Krischke-Ramaswamy, 2003, S. 168). Für sie sind es insbesondere das Erschaffen, das Erleben und das Erinnern von Momenten, worum es ihnen beim Fußball geht. Gerade dies scheint aus Perspektive der Fans einzigartig und steht für sie im Vordergrund. Das Phänomen einer solchen Fangemeinschaft ist im Bereich des Sports weit verbreitet. Trotz ihrer interessanten Charakteristiken sind Fans bislang alles andere als ein etabliertes Forschungsobjekt. Verglichen mit Wirtschaftsunternehmen sind es insbesondere Eigenschaften wie Emotionalität und Loyalität, die Fußballfans von klassischen Kunden unterscheiden. Die emotionale Bindung, die ein Fan besitzt, bildet für einen Verein einen enormen Wert. Der Fan bildet den Schlüssel für einen langfristigen Erfolg (Vgl. Becker/Daschmann, 2016, S. 9). Ohne Fans könnten weder Sportclubs, Künstler oder Events überleben. Die Beziehung eines Fußballfans zu seinem Verein ist dabei in der Regel nicht zeitlich begrenzt, sondern besteht für das ganze Leben.

Der Fan unterscheidet sich zu anderen Ausprägungen von Kundenbeziehungen jedoch dahingehend, dass er sich in der Regel zu jeder Zeit mit seinem Verein identifiziert (Vgl. Fritz, 2018, S. 13). Die Bedeutung eines Fans für den Verein ist somit unersetzbar. Insbesondere die stetig steigenden Vermarktungstendenzen förderten die Entwicklung des Fan-Seins mit der Zeit. Fans begannen ihr Tun selber zu organisieren und zu gestalten. Der Fan von heute, in all seinen Ausprägungen, konsumiert somit nicht nur, sondern gestaltet aktiv mit (Vgl. Göttlich/Krischke-Ramaswamy, 2003, S. 168). Der Fußballfan bildet dabei in seinem Gesamtkonstrukt ein Extrem, welches veranschaulicht, wie weit ein Fan-Sein reichen kann. Es ist heutzutage zudem schwer zu definieren, ab wann ein Fußballinteressierter als Fußballfan gilt. Ob die Person, die einmal im Jahr ins Stadion geht, genauso als Fan gilt wie derjenige, der jede Woche mehrere Hundertkilometer zu allen Heim- und Auswärtsspielen fährt, empfindet jeder anders (Vgl. Bühler, 2005, S. 221f.). Der englische Fußballforscher Stephen Morrow vergleicht die Beziehung eines Fans zu seinem Vereinen mit der Beziehung zu seinem Glauben. Für ihn bilden die Fans einen Fußballklub, genau wie auch Gläubige eine Gemeinschaft bilden (Vgl. Morrow, 1999). Eine große Rolle spielt dabei auch die Emotionalität, die der Fan gegenüber einem Verein besitzt. Die Intensität und der Grad der Emotionalität sind dabei jedoch bei jedem anders ausgeprägt und sorgen dafür, dass mehrere unterschiedliche Fußballfantypen existieren (Vgl. Bühler, 2005, S. 224). Die Entscheidung welchen Verein der Fan bedingungslos unterstützt, erfolgt nur in den wenigsten Fällen rational. In der Regel suchen sich die Anhänger ihren Verein in den meisten Fällen nicht selber aus, sondern wachsen oft in das Fan-Sein hinein (Vgl. Roose/Schäfer/Schmidt-Lux, 2010, S. 12). Es sind oft erste Erlebnisse, wie der erste Stadionbesuch mit dem Vater oder das Elternhaus, die eine Fan-Beziehung auslösen (Vgl. Mikos, 2010, S. 116).

Ausdifferenzierung der deutschen Fanlandschaft

Für den deutschen Soziologen Gunter Pilz existieren in der heutigen Zeit verschiedene Fantypen. Der „Normalo“ bildet den größten Teil der Fanlandschaft und gilt als unauffälliger Zuschauer, der seine Leidenschaft für den Fußball gerne teilt. Er gehört in der Regel keinem Fanclub oder keiner Gruppierung an und findet sich auf den Sitzplätzen wieder. Er gilt als ein rein konsumierender Fantyp, der aus allen Altersschichten stammt (Vgl. Sommerey, 2010, S. 39f.). Die „Kuttenfans“ sind für Pilz ein Fantyp der insbesondere in den 1970er Jahren weit verbreitet war, jedoch heutzutage immer mehr aus den Stadien verschwindet. Erkannt wird er insbesondere an seiner Kutte, die er jedes Spiel mit Stolz trägt und mit Wappen bzw. Vereinssymbolen versehen ist. Auch neben ihrer Kutte sind der Verein und alles was damit zu tun hat der primäre Lebensinhalt eines Kuttenfans. Er identifiziert sich zu jeder Zeit mit seinem Club und sieht in ihm mehr als einen Fußballverein. Der Verein bildet für ihn einen Lebensmittelpunkt. Laut Pilz entstammt dieser Fantyp zu einem großen Teil aus dem Proletariat der Gesellschaft. Im Vergleich zum Normalo hält der Kuttenfan sowohl in guten wie in schlechten Zeiten seinem Verein die Treue und neigt dazu bei schlechtem sportlichem Abschneiden die Konfrontation mit dem Gegner zu suchen (Vgl. Pilz, 2005, S. 3). Der erlebnisorientierte Fan findet sich in der heutigen Zeit für Pilz im Fantyp des „Hooligans“ wieder. Nach dem englischen Vorbild bildete sich in Deutschland mit dem Hooligan im Laufe der 1980er-Jahre ein neuer Fantyp. Hooligans treten in der Regel in der Gruppe auf und bringen ein immenses Gewaltpotenzial mit sich. Das Fußballspiel ist für sie nebensächlich, da sie im Stadion nur selten zu finden sind. Viel mehr suchen sie die Begegnung und den Kampf mit gegnerischen Anhängern (Vgl. Pilz, 2005a, S. 6). In der heutigen Zeit findet der Typ des Hooligans jedoch nur noch selten Platz in der deutschen Fanlandschaft. Mit dem Beginn der deutschen „Ultrabewegung“ in den 1990er-Jahren verschwand auch der gewaltbereite Hooligan vermehrt von der Bildfläche. Der „Ultra-Fan“ rückte nach und nach in den Mittelpunkt der deutschen Fanszene. In der deutschen Fanlandschaft sind es insbesondere die „Ultras“, die in der heutigen Zeit sowohl während als auch abseits des Spiels für den meisten Aufruhr und die größte Aufmerksamkeit sorgen. Seit seinen Anfängen bildet dieser neue Fantyp nicht nur den Mittelpunkt in vielen Stehkurven, sondern wird auch in der Gesellschaft kritisch betrachtet. Durch viele Vorurteile werden die deutschen „Ultras“ von anderen Fantypen oft negativ angesehen und als Auslöser für Gewalthandlungen tituliert. Der „Ultra“ selbst, sieht sich dabei jedoch als etwas Revolutionäres, was verhindern soll, dass der Fußball durch die Kommerzialisierung überrannt wird – als neuer Traditionalist. Die deutsche Ultraszene jedoch anhand einer Definition zu erklären, ist aufgrund ihrer Heterogenität nicht möglich. Die „Ultras“ sehen sich in ihrer Gesamtheit als Gegenbewegung zum modernisierten Fußball und haben somit ihrer Auffassung nach die Aufgabe, die traditionelle Fankultur zu bewahren (Vgl. Sommerey, 2009, S. 221). Gerade Aspekte wie das Ausleben des Fan-Seins, Gewalt oder Politik verdeutlichen, was den normalen Fan vom „Ultra“ unterscheidet. Das Fan-Sein bricht bei ihnen nach dem Spiel nicht ab, sondern wird auch unter der Woche fortgeführt. Somit findet eine besondere Art der Vergemeinschaftung statt, die andere Fantypen zwar während des Spiels teilweise auch ausüben, jedoch zeichnen sich die „Ultras“ dadurch aus, dass sie diese Art der Vergemeinschaftung auch außerhalb des Fußballs leben (Vgl. Gabler, 2011, S. 11). Im Kampf gegen die Kommerzialisierung bildete sich somit ein Fantyp, der zwar nicht den größten Anteil der Fanlandschaft ausmacht, dennoch tonangebend im Stadion ist und auch ansonsten den Verein mehr lebt als jeder andere Fantyp. Durch den hohen Anteil an jugendlichen Schülern und Studenten ist dadurch eine Art Jugendbewegung entstanden, die sich aus allen gesellschaftlichen Klassen zusammensetzt. (Vgl. Pilz et. al., 2006, S. 70). Die „Ultras“ besitzen zudem die Möglichkeit aktiven Einfluss auf die Entwicklungen im deutschen Profifußball zu nehmen. Dies gelingt jedoch nur, wenn die Ultragruppen als kritikgebende und lautstarke Fußballfans angesehen werden, die den Verein leben und nicht als Straftäter, die dem Verein schaden wollen. Wenn dies gelingt, besitzt die deutsche Ultraszene eine große Chance, Einfluss auf das zu nehmen, weswegen sie eigentlich entstanden ist – den Erhalt der traditionellen Fankultur in Deutschland zu sichern.

Vieles verschieden, aber dennoch gleich

Was alle Fantypen miteinander verbindet ist das Erleben von rituellen emotionalen Erlebnissen. Dabei sind es insbesondere Rituale, die im Fußball eine große Rolle spielen. Es entsteht der Eindruck, dass rituelle emotionale Erlebnisse beim Fußball einem religiösen Ritual sehr ähnlich sind. Der Fußball besitzt einige Charakteristiken, die auch religiöse Rituale vorweisen. Dazu gehören Aspekte wie der Bruch mit dem Alltag, der räumliche und zeitliche Rahmen, die Arten des Verhaltens, die Metamorphose der Kleidung und Hierarchien oder auch fixe rhythmische Muster. Was beide besonders verbindet, ist der Glaube an übernatürliche Mächte, die nicht nur das Zentrum religiöser Rituale bilden, sondern auch im Fußball auftreten. So kommt es häufig vor, dass selbst ungläubige Fußballfans vor dem Spiel beten und an eine Existenz eines „Fußballgottes“ glauben. Zwar existieren zwischen religiösen Ritualen und Fußballritualen einige gemeinsame Eigenschaften, jedoch verfügt jedes über seine eigenen Charakteristiken (Vgl. Bromberger, 1998, S. 299). Zudem sind es für Morrow zwei Eigenschaften, die traditionelle religiöse Rituale von Fußballritualen unterscheiden. Die erste Eigenschaft ist, dass Fußballrituale anders als religiöse Rituale nie in genau der gleichen Weise wiederholt werden. Es existieren immer Unterschiede, auch wenn sie nur marginal und für den Außenstehenden kaum erkennbar sind. Hinzu kommt, dass zweitens beim Fußball eine große „Unbeständigkeit“ (Bromberger, 1998, S. 300) vorliegt. Spieler, Trainer etc. die heute verehrt werden, können vom einen auf den anderen Tag vergessen werden. Für Christian Bromberger ist es die Wechselhaftigkeit des Fußballrituals, die zwei herausprägende Merkmale der heutigen Gesellschaft verkörpert: „die Unsicherheit und die Fragilität von Werten und Schicksalen“ (Bromberger, 1998, S. 300).

Der Fußball und das Stadion bilden für jeden Fantypen ein Erlebnis, an dem der Akademiker neben dem Arbeitslosen sitzen bzw. stehen kann und trotzdem beide gleiche Ansichten und Interessen teilen, obwohl sie dies im normalen Alltag niemals tun würden. Der Verein und das wöchentliche Spiel können somit für alle Klassen etwas Singuläres sein. Anders als bei Gegenständen, die sich bspw. nur die neue akademische Mittelklasse leisten kann und dadurch nur für sie als singulär gelten, bietet der Fußball die Möglichkeit, für alle gesellschaftlichen Klassen singulär zu sein.

Die Bewertung, ob etwas als singulär, außergewöhnlich oder einzigartig gilt, liegt im Auge des Betrachters. Dazu zählen auch die Mitglieder eines Kollektivs, die darüber entscheiden, ob sie einem Objekt, Kollektiv, Erlebnis etc. diesen Status verleihen. Anders als bei kollektiven Gemeinschaften des Allgemeinen, verliert bei Fußballfans weder der Verein noch das Kollektiv an singulärem Charakter, wenn ein Team nicht erfolgreich ist. Die Gründe, das Kollektiv oder den Verein als etwas Singuläres zu betrachten, liegen im Fußball in der Identifikation, Tradition, Emotionalität und Einflussnahme innerhalb des Kollektivs, des Erlebnisses und des Vereins. Das Kollektiv und der Verein verlieren somit nicht schnell an Bedeutung. Auch bei schlechtem sportlichem Abschneiden werden sie als etwas Nichtaustauschbares betrachtet, was den Einzelnen Woche für Woche erfüllt. Das Fußballerlebnis gehört für seine Fans somit zu etwas Nichtaustauschbarem, worauf sie nicht verzichten möchten. Beim Fußball bilden Kollektive somit ihre eigene Welt, die für ihre Mitglieder einen kulturellen Eigenwert besitzen.

Methodik

Für die Untersuchung der Forschungsfrage wurden im Rahmen einer qualitativen Forschung Leitfadeninterviews durchgeführt. Dabei wurden ausschließlich Fans des 1. FC Köln befragt, um eine Vergleichbarkeit der Ergebnisse herzustellen. Es wurde eine Stichprobe von insgesamt fünf Personen (n=5) ausgewählt, die zum einen Fans des 1. FC Köln sind und zum anderen weitere Kriterien erfüllen. Um die Forschungsfrage zu beantworten, mussten Personen ausgewählt werden, die in das Gesellschaftskonzept von Andreas Reckwitz passen und die Anforderungen an seine drei gesellschaftlichen Klassen erfüllen. Aus diesem Grund wurden die Personen vor der Befragung zu ihrem Konsum, ihren Interessen und weiteren Eigenschaften befragt. Fragenkriterien waren dabei ihr Markenkonsum, ihr Bildungsabschluss, ihr Reiseverhalten, ihre Essgewohnheiten, ihre Selbstdarstellung in den sozialen Medien sowie ihr kulturelles Interesse. Die Befragten der neuen akademischen Mittelklasse verfügen dementsprechend über ein hohes ausgeprägtes kulturelles Interesse, einen hohen Bildungsabschluss und eine hohe Markenorientierung. Befragte der neuen Unterklasse besitzen folglich das Gegenteil dieser Ausprägungen und somit keinen hohen Bildungsabschluss, ein geringes kulturelles Interesse etc. Darüber hinaus war es wichtig, dass sich die Befragten mit der Thematik der Kommerzialisierung im Profifußball befasst haben und sie ihnen vertraut ist.

Ergebnisse

Während der Interviews stellte sich heraus, dass sich die alte Mittelklasse, wie Reckwitz sie nennt, deutlich zur Unterklasse orientiert und ähnliche Sichtweisen bzw. Interessen vertritt. Aus diesem Grund kann im Fußball nicht von einer Dreiteilung der Gesellschaft gesprochen werden. Es existieren im Bereich des Fußballs mit der Unter- und Oberklasse lediglich zwei Klassen. Die Ergebnisse belegten, dass zum einen das große Verlangen nach Kollektiverlebnissen und zum andere die Bedeutung, die der Verein für den Einzelnen besitzt, den einzelnen Klassen am wichtigsten scheinen. Änderungen in Abläufen und Strukturen steht der Fußballfan je nach Klasse mehr oder weniger kritisch gegenüber. Beide Klassen verbindet jedoch die gemeinsame Ansicht, dass das Fußballspiel an sich weniger bedeutend ist als das ganze Drumherum, welches ein Spiel begleitet. Das Fußballspiel bzw. das Stadion bietet für viele einen Rahmen, um seine Sehnsüchte nach gemeinsamen kollektiven Erfahrungen zu befriedigen. Dabei spielen insbesondere die gemeinsame Zeit mit Freunden und die Atmosphäre eine große Rolle, die oft deutlich wichtiger empfunden werden als der sportliche Erfolg seines Lieblingsvereins. Insgesamt sind es zudem Phänomene wie die Kommerzialisierung, die gesellschaftliche Verantwortung des Vereins, das Verlangen nach Kollektiverlebnissen, die schwer zerstörbare Identifikation mit dem Verein oder das Auftreten von etwas Nichtaustauschbarem, die beide Klassen zwar oft unterschiedlich empfinden aber gleichzeitig verbinden, da sie in beiden Klassen präsent sind und thematisiert werden.

Fazit

Als Ziel dieses Artikels galt es, herauszufinden, in welcher Form Phänomene wie die Kommerzialisierung oder auch gesellschaftliche Entwicklungen wie Individualisierungs- und Singularisierungstendenzen, Auswirkungen auf den Fußball als Kollektiverlebnis haben. Die Ergebnisse belegten, dass sich ähnlich wie die Entwicklung der Gesellschaft auch der deutsche Profifußball mit seinen Fans stark wandelte. Daher kann die vorliegende Forschungsfrage folgendermaßen beantwortet werden: Im Gegensatz zu anderen europäischen Ligen beruht der deutsche Profifußball noch auf einigen traditionellen Werten, die in anderen Ligen längst verschwunden sind. Die Bundesliga und insbesondere die DFL als Organisator müssen sich daher in Zukunft mit der Frage auseinandersetzen, welche Faktoren für einen langfristigen Erfolg der Liga wichtiger sind. Auf der einen Seite stehen die heimischen Fans, die gerne in vollen und stimmungsstarken Stadien sitzen wollen und auf der anderen Seite die europäische Konkurrenz, die in Zukunft droht, sportlich und wirtschaftlich zu entschwinden, wenn die Bundesliga finanziell nicht mithalten kann. Des Weiteren lässt sich festhalten, dass im Gegensatz zu dem Konzept von Reckwitz im Rahmen des Fußballs nicht drei, sondern nur zwei verschiedene gesellschaftliche Klassen existieren: die Ober- und die Unterklasse. In den Interviews wurde dabei besonders deutlich, dass die beiden Klassen einige Aspekte verbinden, jedoch auch unterscheiden. Anders als es Reckwitz in seiner Gesellschaft der Singularitäten darstellt, sind im Fußball nicht nur Mitglieder der Oberklasse dazu in der Lage, Sachen als singulär zu betrachten, sondern auch Mitglieder der Unterklasse. Sowohl für die Unter- als auch Oberklasse ist jedoch weniger das Spiel singulär als vielmehr das Drumherum. Dazu zählt zum einen das Rahmenprogramm, welches sich an einem Spieltag abspielt und zum anderen das kollektive Erlebnis mit seinen Freunden. Das Kollektiverlebnis steht beim Ausleben des heutigen Fan-Seins bei beiden Klassen klar im Vordergrund und ist wesentlich wichtiger als der sportliche Erfolg des Vereins. Somit ist festzuhalten, dass heutzutage das Kollektiverlebnis im Fußball bei den Fans höchste Priorität besitzt. Aspekte der Individualisierung bzw. Singularisierung haben zwar, wie im Verlaufe des Artikels beschrieben, Auswirkungen auf das Kollektiverlebnis, ändern jedoch nichts an der nichtaustauschbaren Bedeutung des kollektiven Erlebens im Fußball. Die Ergebnisse der Arbeit zeigten auf, dass sich im Hinblick auf die Kommerzialisierung und die gesellschaftliche Entwicklung der Fußballfans diverse Möglichkeiten für weitere Forschungen ergeben. Neben dem 1. FC Köln, der als traditionsreicher Club in Deutschland gilt, existieren auch Profivereine wie bspw. RB Leipzig, die durch ihr kurzes Bestehen über kaum Tradition verfügen. Daher bestünde die Möglichkeit eine vergleichbare Fan-Forschung nicht nur am Beispiel eines traditionsreichen Clubs durchzuführen, sondern auch bei traditionsarmen Vereinen oder der gesamten Bundesliga. Dadurch könnten Unterschiede sowie Gemeinsamkeiten zwischen den Clubs herausgestellt und verglichen werden. Darüber hinaus könnte untersucht werden, wie die Fans der einzelnen Vereine zu gewissen Thematiken stehen bzw. wie sich die gesellschaftlichen Klassen zusammensetzen. Einen weiteren interessanten Forschungsaspekt bildet der Ultra-Fantyp. Durch die Oberklasse oft mit unzähligen Vorurteilen belegt, bilden sie ein bisher nicht weitgehend erforschtes Forschungsobjekt, welches sich ähnlich wie der Fußball und die Gesellschaft stetig weiterentwickelt.

Der Abschluss dieses Artikels soll wie der Anfang in einem Zitat des berühmten schottischen Fußballtrainers Jock Stein (1922-1985) münden: „Einige Leute halten Fussball für eine Frage von Leben und Tod. Ich bin von dieser Einstellung sehr enttäuscht. Ich versichere Ihnen, dass es viel viel wichtiger als das ist“ (FIFA Fédération Internationale de Football Association, 2010). Denn es steht fest, dass der Fußball nicht nur in der Vergangenheit, sondern auch in der Zukunft maßgeblich gesellschaftsbeeinflussend sein wird und in seiner Bedeutung für die Menschen nur durch wenige Dinge übertroffen werden kann.

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Literaturverzeichnis

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Felix Landwehr: Fußball zwischen Authentizität und Konsum

Forschungsfrage: Inwiefern verliert der Fußball durch seinen zunehmend kommerziellen Charakter an Authentizität am Beispiel der Premier League und der Bundesliga?

Ziel des vorliegenden Artikels ist es, den authentischen Fußball in seiner Gesamtheit zu definieren und diesen, unter Berücksichtigung der Kommerzialisierung, auf etwaige Einflüsse zu untersuchen. Die Definition des authentischen Fußballs fußt auf den Identitätstheorien von Mead, Goffman und Erikson, spiel- und sporttheoretischen Aspekten von Huizinga, Sutton-Smith und Elias/Dunning, sowie eventsoziologischen Grundlagen von Gebhardt und Hitzler. Letztlich soll eine Antwort auf die Forschungsfrage gefunden werden, inwiefern der Fußball durch seinen zunehmend kommerziellen Charakter an Authentizität verliert. Die Forschungsarbeit orientiert sich dabei am Beispiel der Premier League und basiert auf einer qualitativen Forschungsanalyse in Form von Gruppendiskussionen mit britischen und deutschen Fußballfans. Als Ergebnis konnte ermittelt werden, dass der authentische Fußball als ein gemeinschaftsförderndes, heterogenes, auf Loyalität beruhendes Ereignis verstanden werden kann. Der Fußball verliert durch seinen zunehmend kommerziellen Charakter die Heterogenität seiner Zuschauerstruktur, die Solidarität und der Zusammenhalt zum Verein und seiner Anhängerschaft ist durch den Kommerz nicht gefährdet.

Einleitung

„Wir treten nicht mit vollen Hosen an. Ich habe extra noch mal nachgeschaut.“ (Offermann, 2011, S. 24) Jürgen Klopp – Fußballtrainer

Against modern football – gegen den modernen Fußball! Seit Jahren protestieren, boykottieren und rebellieren Fußballfans von Liverpool bis London, von Dortmund bis Dresden, ausdauernd gegen den zunehmend kommerziellen, eventartigen Charakter ihrer Passion, dem Fußball. Denn der professionelle Fußball befindet sich seit rund zwei Jahrzehnten in einem strukturellen Wandel. Das Interesse am Profifußball steigt seit Jahren exponentiell und mit ihr explodieren die betriebswirtschaftlichen Kennzahlen. Fußballspiele werden minutiös und mit berechnender Genauigkeit durchgeplant und zu Megaevents stilisiert. Auf der Strecke bleibt dabei für viele Fans das, was den Fußball letztlich aus- und großgemacht hat: Leidenschaftliche Spiele, eine spannungsgeladene Atmosphäre und nicht zuletzt, ein authentisches Fußballerlebnis.

Denn gerade in England – dem Mutterland des Fußballs – ist der einstige Volkssport durch seine außergewöhnliche Strahl- und Wirtschaftskraft zu einem Spielball ausländischer Investoren geworden. Kam dem Fußball hier lange Zeit jene Bedeutung zu, in den 90 Minuten zwischen An- und Abpfiff, soziale Unterschiede aufheben zu können und Gemeinschaft und Gleichheit entstehen zu lassen, die es ohne den Fußball nicht gegeben hätte, droht der moderne Fußball diesen Charakterzug jetzt zu verlieren. Die englische Premier League ist zu einem Produkt geworden und für einen Teil der britischen Gesellschaft wird der Zugang zu einem unüberwindbaren, finanziellen Hindernis. Denn trotz stetiger Umsatzrekorde sind die Ticketpreise für Englands höchste Spielklasse exorbitant gestiegen. Die rasante Preissteigerung können und wollen etliche Fußballfans nicht mitgehen und wenden sich von der heimischen Premier League ab Richtung deutscher Bundesliga. Für sie ist das Gesamtpaket mit günstigeren Eintrittskarten und preiswerten Flügen häufig finanziell attraktiver, als ein Premier League-Spiel zu besuchen.

Zurück bleibt die Frage, inwieweit eine solche Entwicklung noch natürlicher Teil der Fußballevolution sein kann. Inwiefern darf der Kommerz den Fußball in seinen strukturellen Grundzügen verändern, ehe er seinen authentischen Charakter verliert. Um diese Frage zu beantworten, ist es zunächst notwendig herauszufinden, was authentischen Fußball letztlich auszeichnet. Hierzu werden dem Leser die theoretischen Grundlagen der Authentizität erläutert. Hinzu gilt es herauszustellen, welche gesellschaftliche Bedeutung dem Fußball zuteilwird. Gesellschaftliche und individuell bedeutende Berührungspunkte des Fußballs – die Bedeutung von Spiel für eine Gemeinschaft, Emotionen in der Öffentlichkeit oder die Eventisierung von Sportveranstaltungen – sollen in diesem Zusammenhang erörtert werden. Abschließend ist es möglich, den authentischen Fußball in seiner Gesamtheit zu definieren.

Letztlich entsteht durch die zunehmende Kommerzialisierung des professionellen Fußballs ein Spannungsfeld. Der einstige Volkssport – identitätsstiftend, gemeinschaftsfördernd, verbindend – wird zunehmend exklusiver und gefährdet die Werte, die den authentischen Fußball ausmachen. Der Konsum im Fußball nimmt eine derart wichtige Rolle ein, dass die Strukturen des Fußballs verändert werden. In diesem Zusammenhang sollen die wirtschaftlichen und sportlichen Unterschiede des britischen und des deutschen Fußballs aufgezeigt werden, um eine Einschätzung abgeben zu können, inwieweit die Authentizität durch den Kommerz bereits eingeschränkt wird.

Die empirische Untersuchung erfolgt aufgrund einer qualitativen Forschungsanalyse in Form dreier Gruppendiskussionen. Um ein geeignetes Sampling zur Beantwortung der Forschungsfrage zusammenzustellen, wurden diejenigen kontaktiert, für die der kommerzielle Einfluss auf den authentischen Fußball letztlich am größten ist: Die Fans. Im Rahmen der Empirie wurden demnach Gruppendiskussionen mit einem britischen Fanklub von Borussia Dortmund, einem deutschen Fanklub von West Ham United und einer Gruppe deutscher Fans durchgeführt. Die Ergebnisse der Gruppendiskussionen wurden letztlich auf die theoretische Einordnung des authentischen Fußballs samt kommerziellem Einfluss angewendet.

 Authentizität

„Mein Problem ist, dass ich immer selbstkritisch bin, auch mir selbst gegenüber.“ (Offermann, 2011, S. 17) Andreas Möller – ehemaliger Fußballspieler

In der Auseinandersetzung mit dem Begriff Authentizität wird schnell deutlich, dass sich Philosophen, Soziologen, Psychologen und Ökonomen lediglich darauf einigen können, dass es keine zufriedenstellende, übergreifende Definition dessen geben kann. Das liegt zum einen an der unterschiedlichen Herangehensweise beziehungsweise dem jeweiligen Forschungsbereich, welcher der Frage nach dem Begriff der Authentizität nachgeht.  Zum anderen ist der unstete, wandelbare Charakter der Authentizität ein Grund für die Dynamik in der Bestimmung des Begriffs. Dauerhaft allgemeingültige Aussagen darüber was es bedeutet, „einfach nur Ich selbst zu sein“, authentisches Verhalten gegenüber anderen zu entwickeln, oder Attribute glaubwürdiger Produkte und Marken festzulegen, sind veränderlich und müssen immer im jeweiligen kulturellen und historischen Kontext betrachtet werden (Vgl. Goldman/Papson, 1996, S. 143).

Es lässt sich folglich feststellen, dass Authentizität wissenschaftlich schwer zu fassen ist. Die kulturelle Rahmenbedingung und die individuelle Sozialisation haben Einfluss darauf, was letztlich in welcher Form als authentisch empfunden wird. Die Soziologin Salome, die im Rahmen ihrer Forschung die Authentizität neuerer Sportarten wie Rafting, Snowboarding oder Rock Climbing untersucht hat, stellt fest: „Definitions in terms of first-hand, original, genuine, reliable and real are inadequate“ (Salome, 2010, S. 72). Wenn es folglich darum geht, Authentizität und Fußball in einem Zusammenhang zu analysieren, muss ebenfalls die Zielvorgabe der Forschungsarbeit im Blick behalten werden. Im Rahmen dieser Forschungsarbeit wäre das der kommerzielle Einfluss auf den authentischen Fußball.

Bei aller Diversität in der Einschätzung der Authentizität ist in der heutigen Gesellschaft ein besonderer Umgang mit authentischen Produkten, Erlebnissen und Lebensformen zu erkennen. Zurückzuführen auf den technischen Fortschritt und dem damit einhergehenden Wohlstand der Bevölkerung, aber auch der Informationsüberfluss der Menschen durch den medialen Wandel, ließen den gesellschaftlichen Wunsch nach Authentizität – „quest for authenticity“ (Leigh/Peters/Shelton, 2006, S. 481) –  entstehen. Authentizität ist demnach ein Gütesiegel, welches es in der Form in der Vergangenheit nicht gegeben habe. Die Autoren Gilmore und Pine sehen die Ursache für den neuzeitlichen Drang nach Authentizität in dem ungesunden, „giftigen“ (Gilmore/Pine, 2007, S. 42f.) Umfeld, dem die Gesellschaft heute ausgesetzt sei, in dem es um die ständige Bewertung nach Echtheit oder Fälschung geht. Von der Glaubwürdigkeit der Medien – der Begriff „Lügenpresse“ wurde in Deutschland im Jahr 2014 zum Unwort des Jahres gekürt – zu geschönten, filterbearbeiteten Profilbildern in den sozialen Netzwerken, überall lauert die Gefahr dem künstlichen Schein zu erliegen. Es ist folglich das Ziel der Menschen, sich in der Flut gefälschter, unechter Impressionen gezielt authentischen Produkten zuzuwenden (Vgl. Gilmore/Pine, 2007, S. 43). Inwiefern der kommerzielle Fußball tatsächlich als weniger authentisch empfunden wird, soll im Laufe dieser Forschungsarbeit geklärt werden.

Authentizität – und in diesem Zusammenhang auch die individuelle Einschätzung nach authentischem Fußball – ist immer auch ein Konstrukt der jeweiligen Sozialisation des Individuums. In den verschiedenen Rollen die eine Person im Laufe ihrer Sozialisation einnimmt, werden unterschiedliche Erfahrungen gemacht und die Bewertung dieser Erfahrungen bildet die Grundlage für authentisches Verhalten. Goffman hat in diesem Zusammenhang den Begriff der Rollenübernahme und der Rollendistanz ausführlich erläutert (Vgl. Goffman, 1973, S. 95ff.). Während der Rollenübernahme empfindet das Individuum bestimmte Charakteristika der Rolle als angebracht oder nicht angebracht, als angenehm oder nicht angenehm. Beeinflusst wird das Individuum dabei auch von seinen individuellen Eigenschaften und Wertvorstellungen (Vgl. Goffman, 1973, S. 116). Kommt es zu einem Bruch zwischen dem Individuum und der Rollenausübung – Goffman bezeichnet dieses als „effektiv ausgedrückte, zugespitzte Trennung zwischen dem Individuum und seiner mutmaßlichen Rolle“ (Goffman, 1973, S. 121) –  kommt es zu einer Rollendistanz. Goffman erläutert, dass „die Rollendistanzierung defensive Funktionen“ (Goffman, 1973, S. 126) hat, um in der Gruppe einer Verhaltenserwartung gerecht zu werden und die Identifikation mit einer Gruppe zu manifestieren. Überträgt man diese Theorie auf Authentizität und authentisches Verhalten im Zusammenhang mit dem Verhalten eines Fußballfans ergibt sich beispielsweise folgende Attitüde: Der Familienvater, der gewöhnlich in der Fankurve Lieder singt, schreit und lautstark seinen Frust kundtut, und somit das an ihn erwartete Verhalten der anderen Fans erfüllt, wird im Beisein seiner Familie ein anderes, gemäßigteres Verhalten erkennen lassen. Sein Verhalten wäre allerding noch immer authentisch, da er sich bewusst von seiner Rolle als Fan distanziert, um dem vorbildlichen Charakter des Familienvaters gerecht zu werden.

Die Soziologen Bauman (Vgl. Bauman, 1994, S. 240) und Reichertz (Vgl. Reichertz, 2001, S. 21ff.) interpretieren den Begriff Authentizität wiederum als eine Rolle, die seinem Gegenüber möglichst glaubwürdig vorgespielt werden müsse. Lediglich die Verhaltensinterpretation des Gegenübers könne letztlich zu einer authentischen Bewertung dessen führen. Dieser ernüchternde Blick kann durchaus als Kritik an die Gesellschaft verstanden werden, nicht zu unreflektiert, authentischer Suggestion zu erliegen. Der Schriftsteller Trilling kritisiert dabei: „The whole community up and down the scale of sentience and of cultural development, make the Hell of recognized and experienced inauthenticity. They make the inhabited nothingness of the modern world“ (Trilling, 1972, S. 102). Jedoch betont Trilling, dass die tendenziell weniger gebildeten, wohlhabenden, unterdrückten und roheren Menschen eher dazu geeignet seien, Authentizität erleben zu können (Vgl. Trilling, 1972, S. 102). Inwiefern diese Aussage auf den Fußball zu übertragen ist, soll im Laufe dieser Forschungsarbeit geklärt werden.  

Die gesellschaftliche Bedeutung des Fußballs

„Fußball ist das wichtigste aller unwichtigen Dinge im Leben.“ (11FREUNDE, 2013, o.S.) Arrigo Sacchi – italienischer Fußballtrainer

Dem Fußball wird in der heutigen Gesellschaft ein enormer Stellenwert zugesprochen. Doch um zu verstehen, warum ein Spiel in dem 22 Akteure einem Ball hinterherjagen, zu einem gewichtigen, gesellschaftlichen Faktor werden kann, ist es notwendig, die Funktion des Fußballs und des Spiels in den Fokus zu nehmen.

Spiel und Sport
Die Soziologen Huizinga und Sutton-Smith haben in diesem Zusammenhang wichtige theoretische Grundlagen gesetzt. Das Spiel ist nach Huizinga etwas, „das nicht das gewöhnliche Leben ist“ (Huizinga, 1994, S. 15). Im Spiel werden demnach die alltäglichen Strukturen und Restriktionen ausgeklammert, sodass ein ebenbürtiger Zustand der Teilnehmer hergestellt wird. Für das Individuum bieten sich demnach im Spiel Möglichkeiten, die es außerhalb des Spiels so nicht umzusetzen vermag. Der ewige Kampf der Gesellschaft zwischen „Macht und Machtlosigkeit“ (Sutton-Smith, 1978, S. 61), zwischen Bedeutung und Belanglosigkeit, findet im Spiel eine neue Darstellungsmöglichkeit, in der die Positionen nicht von vornherein festgelegt sind. Der Zusammenschluss der Spieler zu einer Gruppe, in der die Spielregeln anstelle der gesellschaftlichen Normen den Rahmen bilden, fördert ein Gemeinschafts- und Zugehörigkeitsgefühl, das auch nach dem Spiel noch anhält (Vgl. Huizinga, 1994, S. 19). Für das Individuum gehöre dann der „Klub zum Spiel wie der Hut zum Kopf“ (Huizinga, 1994, S. 19). Der Übergang vom Spiel zum Sport ist ein historisch fließender Übergang. Spiele, die in der Vergangenheit vorwiegend der Gewaltausübung dienten, wie zum Beispiel Ritterspiele, sind heute sehr viel gemäßigter und geregelter als Sport definiert. Zusätzlich zum Spiel besteht der Sport nach Sutton-Smith jedoch aus zusätzlichen Komponenten. So zählt er nicht nur die Spieler und das eigentliche Spiel zum Konstrukt des Sports, sondern alle beeinflussenden Teilnehmer, die einen bestimmten Bezug und Einfluss auf das Spiel haben. Die Kommunikation zu den Zuschauern, Trainern oder Kritikern formen seiner Ansicht nach den Sport ebenso wie es die Akteure auf dem Spielfeld tun. Notwendigerweise entwickeln sich durch die Vielzahl der Teil- und Einflussnehmer des Sports auch unterschiedliche Sichtweisen auf den Sport. Aus diesem Grund befinde sich der Sport in einem stetigen Entwicklungsprozess (Vgl. Sutton-Smith 1978, S. 80). Dieser Punkt ist im Rahmen der Forschungsfrage essentiell, da der authentische Fußball sich folglich nicht nur auf die Akteure auf dem Spielfeld beschränkt, sondern auch Fans den authentischen Fußball beeinflussen können.

Identität
Der Fußball kann zudem dazu beitragen, dass der Mensch im Kontext des Fußballs seine Identität stärkt und präzisiert. Im Zentrum stehen in diesem Zusammenhang die Identitätstheorien von Mead, Goffman und Erikson. Mead bestimmt die Identität eines Menschen als etwas Veränderliches, keinesfalls Angeborenes: „Identität entwickelt sich; sie ist bei der Geburt anfänglich nicht vorhanden, entsteht aber innerhalb des gesellschaftlichen Erfahrungs- und Tätigkeitsprozesses […]“ (Mead, 1973, S .177). Goffman indes vergleicht das Verhalten der Menschen mit einem Theaterstück, in dem das Individuum seine Identität nach außen präsentiert. Beide Theorien beinhalten den Einfluss, den die Umgebung auf das Individuum bezüglich seiner Identitätsbildung hat. Der Fan im Fußballstadion würde entsprechend durch die anderen Zuschauer in seinem Verhalten beeinflusst. Goffmans Theorie zufolge wäre Fan-Identität und das damit einhergehende individuelle Fanverhalten immer Teil einer Inszenierung. Selbstbestimmtes Handeln wäre in diesem Zusammenhang jedoch nicht zu erkennen. Erikson verfolgt einen eigenständigeren Ansatz der Identitätsbildung (Vgl. Erikson, 1973, S. 123ff.). Für ihn gilt es, für eine gelungene Identitätsbildung die Erwartungen an sich selbst, mit den Erwartungen der Gemeinschaft „selbstbewusst zu verbinden“ (Abels, 2010, S. 255). In Abgrenzung zu Goffman geht es folglich nicht mehr nur darum, das Verhalten und Identität zu inszenieren, sondern vielmehr um die Entwicklung einer souveränen Persönlichkeit, die sich in jeder Situation entsprechend behaupten kann. Der Fußballfan ist nach Erikson also durchaus in der Lage, selbstbestimmt eine Fan-Identität zu entwickeln, die nicht die Prämisse der Konformität in sich trägt. Mit dieser Voraussetzung ist es dem Individuum möglich, in einem durch den Fußball entstehenden Kollektiv auch Konflikte auszutragen, und selbstsicher überzeugte Positionen zu vertreten.
Grundsätzlich gilt, dass Freundschaften und Kameradschaften, die im Rahmen des Fußballs geschlossen werden, für ein unumstößliches Gemeinschaftsgefühl sorgen. Diese Verbindung wird von Walsh und Giulianotti als „unbreakable social contract“ (Walsh/Giulianotti, 2001, S. 66) beschrieben. Sie impliziert den dauerhaften Zusammenhalt zu seinem Verein und seinen Anhängern. Dieses Phänomen der Ein- bzw. Ausgrenzung ist nach Erikson ebenfalls ein Teil der natürlichen Identitätsbildung. „In diesem Sinne verbindet Fußball [….] durch Abgrenzung von einem gemeinsamen Feind“ (Degele, 2013, S. 71).
Ein ausschlaggebender Faktor für die Bildung einer Fan-Identität ist – neben regionaler Verbundenheit und familiärem Einfluss – der Erfolg. Der Triumph bildet die Grundlage und Legitimation für die Sympathien, die das Individuum einem Verein entgegenbringt. Zwar kann der Erfolg von den unterschiedlichen Anhängern durchaus anders interpretiert werden, so kann auch der Punktgewinn eines Underdogs Auslöser einer Fanleidenschaft sein, doch ist und bleibt „der Sieg von größtem Interesse“ (Taylor, 1975, S. 251). Wenn es letztlich darum geht, authentisches Fanverhalten beurteilen zu können, ist diese Zuordnung essentiell.

Emotionen
Emotionen und authentischer Fußball, ob auf oder neben dem Platz, sind fest miteinander verbunden. Das Individuum lernt im Laufe seiner Sozialisation Emotionen in bestimmten Situationen zu kontrollieren oder auszuleben. Emotionen ermöglichen es dem Individuum zusätzlich, „Zugehörigkeit zu bestimmten sozialen Gruppen“ (Pavić Pinatrić/Sambunjak/Zelić, 2016, S. 146) darzustellen. Im Fußball ist es also möglich, seine Beziehung zu seinem Verein oder seiner Mannschaft, durch Emotionen zu demonstrieren. Doch auch die Unterdrückung von Emotionen in bestimmten Momenten eines Fußballspiels, kann das Selbstbild eines Fans wiederspiegeln. Das Phänomen der Unterdrückung von Emotionen haben Elias und Dunning unter dem Begriff der Zivilisation näher beschrieben. Dem Prozess der Zivilisation unterliegt demnach die Entwicklung, dass der Mensch immer weniger Fremdkontrolle zu erdulden hat und sein Leben selbstbestimmter und freier leben kann. Doch der schwindenden Fremdkontrolle geht die Schutzlosigkeit des Menschen einher, die nach Elias und Dunning letztlich zu Selbstzwängen führe (Vgl. Treibel, 2008, S. 59). „Der Anblick von erwachsenen Männern und Frauen, die von Tränen überwältigt werden und sich in der Öffentlichkeit ihrem bitteren Leid hingeben, […] gilt nicht mehr als normal“ (Elias/Dunning, 2003, S. 124). Doch gerade der Fußball hat in der Vergangenheit immer wieder gezeigt, dass Fans und Spieler ihren Emotionen freien Lauf lassen. Es ist durchaus außergewöhnlich, dass der auf Härte und Tapferkeit beruhende Fußball, in dieser Regelmäßigkeit Emotionen und Tränen zulässt, wofür in der restlichen Öffentlichkeit kein Platz mehr zu sein scheint.

Events
Professionelle Fußballspiele sind heute als perfekt organisierte und abgestimmte Events konzipiert. Neue technologische und kommunikative Möglichkeiten der Moderne haben den Grad der Eventisierung auf eine neue Stufe angehoben. Gebhardt benennt einige erkennbare Veränderungen, die die Eventisierung mit sich bringt und die auch den Fußball in seinen Strukturen nachhaltig verändert haben. Unter dem Begriff der „Entstrukturierung“ (Gebhardt, 2000, S. 25) versteht er eine Vermischung des Teilnehmerkreises bezüglich der sozialen Stellung und Herkunft. Veranstaltungen, die ausschließlich einer Gesellschaftsschicht vorbehalten sind, spielen nach Gebhardt so gut wie keine Rolle mehr. Als „Multiplizierung“ (Gebhardt, 2000, S. 26) der Events und Ereignisse beschreibt er eine weitere Folge der Eventisierung. Dies beinhaltet das Bestreben der Organisatoren, die Anzahl der Veranstaltungen stetig zu steigern. Wenn Anstoßzeiten der Profiligen zugunsten einer besseren Fernsehvermarktung verschoben werden, kann dies als ein Einfluss der Eventisierung betrachtet werden. Hitzler weist darauf hin, dass die Teilnehmer der heutigen Events als eine Art „Teilzeit-Gemeinschaft“ (Hitzler, 2008, S. 5937) anzusehen sind. Demnach seien die im Rahmen der Eventisierung neu entstehenden Gemeinschaften im und um den Fußball, nicht auf eine dauerhafte, auf Treue basierende Verbindung bedacht. Diese Einstellung gilt es in dieser Forschungsarbeit, empirisch zu überprüfen.

Der authentische Fußball
Zusammenfassend und auf Basis der genannten Theorien, kann der authentische Fußball als ein gemeinschaftsförderndes, heterogenes, auf Loyalität beruhendes System verstanden werden. Der traditionelle Wettbewerbscharakter ist die Konstante des authentischen Fußballs, der sich samt seinen Teilnehmern in einer stetigen Entwicklung befindet. Zudem wird Fanverhalten dann als authentisch bezeichnet, wenn die gelebten, durch den Fußball ausgelösten Emotionen nicht durch Selbst- oder Fremdkontrolle verhindert werden.

Die Entstehung eines Spannungsfelds

„Die Anspannung wächst, aber das ist gut so. Denn wenn man mit über 50 Jahren morgens aufwacht und nichts tut weh, dann ist man tot.“ (Offermann, 2011, S. 69) Erich Ribbeck – ehemaliger Fußballtrainer

Der gesellschaftliche Bedeutungszuwachs des Fußballs lässt sich letztlich auch in Zahlen belegen. Die unbändige Nachfrage nach professionellem Fußball hat aus dem Kulturgut Fußball einen enorm wichtigen Wirtschaftsfaktor werden lassen. Jahr für Jahr melden die europäischen Top-Ligen neue Umsatzrekorde. Der Gesamtumsatz der Bundesliga hat sich im Vergleich zur Saison 2001/02 laut DFL-Geschäftsführer Seifert heute um 133 Prozent auf 2,622 Milliarden Euro gesteigert (Vgl. Bundesliga, 2016, S. 2). Ein Wert, der in jedem anderen Wirtschaftszweig für Jubelstürme sorgen würde. Doch die Jagd auf wirtschaftliche Superlative findet im Fußball auch kritische Stimmen, die die einstiege Fanleidenschaft, die den Fußball in der Vergangenheit ausgemacht hat, nicht durch den Konsum ersetzt wissen wollen.

Konsum
Der Soziologe Hellmann terminiert Konsum als „die Befriedigung beliebiger Bedürfnisse, ob durch Sach- oder Dienstleistungen, ob bezahlt oder nicht, ob individuell oder kollektiv konsumiert“ (Hellmann, 2013, S. 9). Die Abgrenzung zum Kauf ist demnach, dass es nicht ausschließlich um den Erwerb einer Sach- oder Dienstleistung geht, sondern vielmehr darum, dass der Konsum die Verarbeitung des Erworbenen mit einbezieht. Die Sportrezeption kann nach der gegebenen Definition durchaus als eine Form des Konsums angesehen werden. Demzufolge ergibt sich eine zweifache Unterscheidung: Der Sportkonsum wird unterschieden zwischen „Vor-Ort Konsum“ und „Medienkonsum“ (Vgl. Beyer, 2006, S. 8ff.). Der Vor-Ort Konsum bedingt die körperliche Präsenz am Fußballort. Der Medienkonsum bedingt die Rezeption des sportlichen Ereignisses durch einen dritten Anbieter. Durch den Erwerb der Übertragungsrechte wird dem Konsumenten unabhängig von seiner physischen Anwesenheit die Möglichkeit gegeben, den Sport gegen Bezahlung durch die Medien zu konsumieren. Im Zuge der Professionalisierung des Fußballs ist die Bedeutung der Medien, nicht zuletzt aufgrund ihres finanziellen Spielraums, enorm gestiegen. Die Aussicht, durch exklusive Übertragungsrechte horrende Werbeeinnahmen zu erzielen, hat den jährlichen Wert für die Übertragung der englischen Premier League und der deutschen Fußball-Bundesliga auf 2,3 Milliarden bzw. 1,16 Milliarden Euro pro Jahr anschwellen lassen (Vgl. Huber, 2016, o.S.). Im Jahr 2010 war den deutschen Fans die Rezeption von Profifußball rund 5,5 Milliarden Euro wert (Vgl. Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, 2015, S. 4). Das entspricht bei circa 14 Millionen Fußballfans einer durchschnittlichen Investition von 387 Euro pro Jahr (Vgl. Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, 2015, S. 8).

Status Quo des Profifußballs
Nie zuvor haben sich mehr Menschen am professionellen Fußball beteiligt. Dem deutschen und dem britischen Fußball kommt diesbezüglich eine besondere Bedeutung zu. In der abgelaufenen Bundesliga-Saison 2015/2016 kamen insgesamt mehr als 13 Millionen Zuschauer in die deutschen Stadien (Vgl. DFB (2016), o.S.). Damit erreicht Deutschland weltweit den höchsten Zuschauerschnitt. In England haben im gleichen Zeitraum – auch aufgrund einer höheren Spielanzahl – knapp 14 Millionen Menschen den Weg in die britischen Stadien gefunden (Vgl. World of Football, 2016, o.S.). So wie das Interesse am professionellen Fußball einen historischen Höchstwert erreicht hat, stellen die europäischen Spitzenligen Jahr für Jahr ebenfalls wirtschaftliche Rekorde auf. Die Premier League ist mit 3,9 Milliarden Euro Umsatz dabei die wirtschaftlich stärkste Kraft im europäischen Fußball. Für die Saison 2016/2017 sind für den gesamten europäischen Fußballmarkt, Gesamteinnahmen in Höhe von circa 25 Milliarden Euro prognostiziert (Vgl. Deloitte, 2015, S. 14). Um die wirtschaftliche Vorherrschaft des englischen Fußballs zu verstehen, muss man neben dem lukrativen TV-Vertrag, den die Premier League zuletzt abgeschlossen hat, auch die Inhaberstruktur der englischen Vereine im Blick haben. Denn alle Premier League-Vereine werden durch (Privat-)Investoren unterstützt, elf der 20 Vereine werden von ausländischen Investoren geführt. Der deutsche Fußball hinkt der englischen Wirtschaftskraft relativ deutlich hinterher, gilt aber dennoch als die zweitstärkste, wirtschaftliche Kraft Europas. Ein Grund dafür ist die im deutschen Profifußball geltende 50+1 Regel, die eine mehrheitliche Vereinsübernahme durch private oder geschäftliche Investoren verbietet (Vgl. Kadritzke, 2012, o.S.). Grundsätzlich ist der britische Fußball jedoch vor allem aufgrund seiner historischen Bedeutsamkeit, dem deutschen Fußball voraus. Die internationale Vermarktung der Premier League ist deutlich weiter vorangeschritten, was sich letztlich auch in den Zahlen der Fernsehvermarktung niederschlägt.
Doch zeigt ein Blick auf die Entwicklung der Ticketpreise des englischen Fußballs, dass der kommerzielle Wandel für viele Fans dafür gesorgt hat, dass sie nicht mehr am Profifußball partizipieren können. So kostete die günstigste Dauerkarte beim Arsenal FC umgerechnet 1.430 Euro und ist damit circa zehnmal teurer als die günstigste Dauerkarte beim FC Bayern München (Vgl. Faszination Fankurve, 2015, o.S.). Ein Blick auf die Entwicklung der Ticketpreise des Arsenal FC, über einen Zeitraum von der Saison 1989/1990 bis 2010/2011, zeigt die überproportionale Steigerung. Kostete das günstigste Ticket in der damaligen Saison circa fünf Pfund, zahlte man für das günstigste Ticket rund 20 Jahre später 51 Pfund. Der englische Fußballfan zahlt heute folglich knapp 1.000 Prozent mehr, um ein Fußballspiel im Londoner Emirates Stadium verfolgen zu können. Auch in Deutschland haben sich die Ticketpreise im gleichen Zeitraum erhöht. Jedoch liegen die Preiserhöhungen hier bei 50 bis 90 Prozent (Vgl. Steding, 2014, o.S.). Mittlerweile nutzen viele britische Fußballfans die häufig günstigen Angebote der Fluggesellschaften, um Woche für Woche den Weg von England nach Deutschland auf sich zu nehmen, um die Bundesliga in den deutschen Stadien zu verfolgen, da das Gesamtpaket mit Billigflieger und Eintrittskarte für die Bundesliga in vielen Fällen günstiger ist, als eine Karte für die Premier League zu erwerben. Ryanair änderte im Jahr 2014 eigens ihre Flugzeiten für die Strecke von London nach Dortmund, damit es britische BVB-Fans am Samstag pünktlich ins Stadion schaffen (Vgl. DerWesten, 2014, o.S.).
Möglicherweise scheint der Volkssport Fußball in England an einem Punkt angelangt zu sein, an dem der kommerzielle Charakter dafür sorgt, dass Menschen ausgegrenzt werden oder sich bewusst von ihm abwenden.

Ergebnisse und Fazit

„Ja, Statistiken. Aber welche Statistik stimmt schon? Nach der Statistik ist jeder vierte Mensch ein Chinese, aber hier spielt gar kein Chinese mit.“ (Dehio, 2008, S. 111). Werner Hansch – ehemaliger Fußballkommentator

Der kommerzielle Einfluss auf die Bewertung des authentischen Fußballs wurde im Rahmen dieser Forschungsarbeit und auf Grundlage der bisher dargestellten Theorie empirisch untersucht. Eine Gruppendiskussion mit britischen Fans, die sich dem deutschen Profifußball zugewendet haben und eine Diskussion mit deutschen Fans, die sich einem britischen Verein angeschlossen haben, sollen miteinander verglichen und auf die Theorie angewendet werden. Zusätzlich wurde im Rahmen des Samplings eine weitere Gruppendiskussion geführt, die zwischen den beiden Extremen liegt und aus deutschen Fußballfans deutscher Vereine besteht. Die gewonnenen Daten wurden auf Grundlage der Grounded Theory von Strauss/Corbin ausgewertet. Dazu wurden die gewonnenen Daten systematisch kategorisiert und in Sub-Kategorien untergliedert. Die Grounded Theory baut dabei auf den Zusammenhang zwischen Ursachen, Kontext, Handlungsstrategien und daraus folgende Konsequenzen, die das wesentliche Phänomen – den authentischen Fußball – umgeben (Vgl. Strauss/Corbin, 2010, S. 75).
Nach der theoretischen Darstellung, der empirischen Untersuchung und der anschließenden Interpretation kann es letztlich nur eine differenzierte Antwort auf die Forschungsfrage geben. Grundsätzlich sind die wesentlichen Bestandteile, die den authentischen Fußball ausmachen, sowohl in der Bundesliga als auch in der Premier League noch zu finden. Die kommerzielle Beeinflussung hat den Fußball folglich noch nicht in der Ausprägung verändert, als dass der Sport als nicht mehr authentisch gelten könne. Der gemeinschaftsfördernde Faktor des authentischen Fußballs wurde in der Theorie hervorgehoben und auch die Interpretation der empirischen Daten lassen keinen anderen Schluss zu. Demzufolge hat selbst die überbordende Kommerzialisierung der Premier League nicht dazu geführt, dass das Gemeinschaftsgefühl einer Fangemeinschaft durch den Kommerz eingeschränkt worden ist.
Die Auswertung der Daten hat ergeben, dass der authentische Fußball vor allem durch seine Spontanität gekennzeichnet ist. Der Fußballfan darf nach authentischen Gesichtspunkten in der Ausübung seiner Emotionen keinerlei Selbstkontrolle unterliegen. In allen Gruppendiskussionen wurde hervorgehoben, dass die Aktivität der Zuschauer mitweilen eine ergebnisbeeinflussende Wirkung mit sich bringt. Es ist diesbezüglich aus den empirischen Untersuchungen sogar zu erkennen, dass die Spontanität in britischen Stadien gar höher ein- und wertgeschätzt wird als in deutschen Stadien. Demzufolge hätte die kommerzielle Wandlung des britischen Fußballs diesbezüglich keine einschränkende Wirkung auf die Authentizität.

Doch auch wenn der Kommerz genannte Merkmale des authentischen Fußballs wie Loyalität, Spontanität im Fanverhalten, Gemeinschafts- und Zugehörigkeitsgefühle nicht beeinflusst, werden andere, wesentliche Aspekte des authentischen Fußballs durch den kommerziellen Wandel durchaus bedroht. Authentizität im Fußball ist demnach gekennzeichnet durch eine heterogene Teilnehmerstruktur, die auch neue Fußballinteressierte miteinbezieht. Der Ausschluss von Fans durch zu hohe Eintrittspreise kann demnach kein Bestandteil des authentischen Fußballs sein. Letztlich führt die englische Preisstruktur sogar dazu, dass Fans nicht nur ausgeschlossen werden, sondern sich bewusst anderen Vereinen, nämlich denen der Bundesliga zuwenden. Zwar bleibt die Loyalität zu ihren englischen Vereinen bestehen – alle britischen Diskussionsteilnehmer haben noch ihren englischen Lieblingsverein – doch sind regelmäßige Stadionbesuche dort nicht mehr realisierbar. Der deutsche Fußball kann in diesem Zusammenhang noch als deutlich authentischer gelten. Die Eintrittskarten der Bundesliga kosteten in der vergangenen Saison durchschnittlich knapp halb so viel wie in der Premier League. Die gemäßigteren Preise haben demnach nicht dazu geführt, dass die Zuschauerstruktur gentrifiziert worden ist.

Eine finale Bewertung der Forschungsfrage ergibt daher, dass der zunehmende kommerzielle Charakter des Fußballs, die Authentizität hinsichtlich einer abnehmenden Heterogenität der Zuschauerstruktur beeinflusst. Das Gemeinschaftsgefühl und die Loyalität der Fans zu ihren Vereinen bleibt durch den kommerziellen Wandel bisher unberührt.

 

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Felix Landwehr: Fußball zwischen Authentizität und Konsum

Ziel des vorliegenden Artikels ist es, den authentischen Fußball in seiner Gesamtheit zu definieren und diesen, unter Berücksichtigung der Kommerzialisierung, hinsichtlich etwaiger Einflüsse zu untersuchen. Im Fokus steht die Frage, inwiefern der Fußball durch seinen zunehmend kommerziellen Charakter an Authentizität verliert. Um diese Frage beantworten zu können, werden neben Identitätstheorien von Mead, Goffman und Erikson auch spiel- und sporttheoretische Aspekten von Huizinga, Sutton-Smith und Elias/Dunning, sowie eventsoziologischen Grundlagen von Gebhardt und Hitzler untersucht. Zusätzlich werden im Rahmen einer qualitativen Forschungsanalyse die Ergebnisse von Gruppendiskussionen zur Beantwortung der Fragestellung herangezogen.

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